„Growth is an endlessly iterative process. When we learn something new, we don’t go from ‚wrong‘ to ‚right‘. Rather, we go from wrong to slightly less wrong. And when we learn something additional, we go from slightly less wrong to slightly less wrong to slightly less wrong than that, and then to even less wrong than that, and so on. We are always in the process pf approaching truth and perfection without ever reaching truth or perfection.“
-Mark Manson, The Subtle Art of not Giving a Fuck

 

Wie es oftmals so ist, entstand dieser Artikel aus meinem Unvermögen, eins ohne etwas anderes zu tun. Zunächst einmal war der Gedanke daran, eine Instagram-Serie für jene Referendarinnen und Referendare zu starten, die durch den Account auf Interesse an einer wie auch immer gearteten Neuausrichtung von Bildung und Lernen interessiert sind. Das aber ist schwer möglich ohne einen Rückbezug, denn Applikationen führen nicht per se zu einer Veränderung des Lernens. Eine kleine Auswahl an Artikeln hat für mich ergeben, dass die grundlegenden Gedanken der Art von Lernen, wie ich es verstehe, noch nicht existieren. Aus diesem Grund müsste man an den Artikel anfügen: …wie ich es verstehe. Oder noch weiter:… auf der Grundlage jener Literatur, die ich für maßgeblich halte. 

Was dieser Artikel nicht ist

Dieser Artikel soll kein Redebeitrag sein, der andere Auffassungen zu dem, was „Zeitgemäße Bildung“, „Zeitgemäßes Lernen“ oder „Digitale Bildung“ genannt, wird in Frage stellt. Er ist eine kurze Notiz, eine persönliche Reflexion dessen, wie Lernen heutzutage definiert werden kann. Und zwar, das betone ich nochmals, in aller Kürze. Der Begriff „Zeitgemäßes Lernen“, der nochmals kurz hergeleitet wird, ist dabei nicht als normativ zu verstehen. Er wird zwar im weiteren Verlauf kurz an seinen „Erfinder“ angelehnt, bedeutet aber noch mehr als „der Zeit entsprechend“. Inwiefern diese Zeit eine Rolle spielt, soll angedeutet werden.

Zeitgemäßes Lernen, wie ich es verstehe, überschneidet sich in einigen Aspekten mit dem Verständnis dessen, dass andere Lehrende geäußert haben. Die Überschneidungen können gegoogelt werden.

Warum noch ein Artikel?

Um die Zielsetzung nochmals ganz klar zu verdeutlichen: Ich erachte den Begriff „Zeitgemäßes Lernen“ für zielführend, weil er eben „der Zeit entsprechend“ ist. Das bedeutet aber, und das soll die Beschreibung verdeutlichen, keinen Ausschluss dessen, was nicht zeitgemäß ist. Im Gegenteil. Es mögen sich Punkte meiner Auffassung finden, die für jene, die „Zeitgemäße Bildung“ anders definieren, problematisch sind.

Für mich ist dieser Artikel ein wiederkehrender Bezugspunkt. Eine Referenz für mein Lernverständnis, in das ich beispielsweise die angesprochenen Apps integrieren kann. Der Artikel versteht sich ganz im Sinne der Kultur der Digitalität als nicht abgeschlossener Denkansatz.

Anknüpfungspunkte

Ein einigermaßen subjektives Verständnis davon, was ein Begriff bedeutet, kommt dennoch nicht ohne Bezugspunkte aus. Insofern sei auf einige Werke verwiesen werden, die der Begriff des „zeitgemäßen Lernens“ für mich einrahmen.

Zeitgemäße Bildung

Zunächst muss man auf jenes Werk verweisen, das (nach meiner kurzen Recherche) den Begriff der „zeitgemäßen Bildung“ als erstes explizit in den Diskurs bringt. In dem Sammelband „Zeitgemäße Bildung. Herausforderungen für Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“, herausgegeben von Hans-Uwe Otto und Jürgen Oelkers (2006), stellen die Herausgeber die Fragen, die sich auch in den letzten Jahren als zentral, aber schwer zu beantworten herausgestellt haben:

  • Wie kann der auf der Grundlage unseres Schulsystems selektiv interpretierte Bildungsbegriff für die neuen Herausforderungen erweitert werden?
  • Wie lässt sich schulische und nicht-schulische Bildung zusammen denken und organisieren?
  • Wie können ungleiche Bildungszugänge abgebaut werden?

Diese aus dem Vorwort zitierten Fragestellungen schließen an die zentrale These des Buches an: „Über zeitgemäße Bildung nachzudenken, ist daher Notwendigkeit und Herausforderung zugleich.“ (Zeitgemäße Bildung, S.9). Es ist klar, dass diese zentralen Fragen hier nicht beantwortet werden können. Der Sammelband gibt Antworten in einem sehr breit gefächerten, theoretischen Rahmen. Die Fragestellungen bleiben jedoch zentral.

Für das, was ich unter „Zeitgemäßem Lernen“ verstehe, soll auf drei weitere für mich zentrale Werke verwiesen werden. Felix Stalders „Kultur der Digitalität“, Charles Fadels „Die vier Dimensionen der Bildung“, Beat Döbeli Honeggers „Mehr als 0 und 1“ und eben jenes „Zeitgemäße Bildung“, das oben erwähnt wird. Es versteht sich von selbst, dass an dieser Stelle der Grund für diese Auswahl nur angedeutet werden kann. Eine komplette Ausführung zu dem Thema wäre eine Doktorarbeit (wie sie mit Sicherheit schon geschrieben wird und wurde).

Kultur der Digitalität

Felix Stalders „Kultur der Digitalität“ist dabei zentral. Warum dies so ist, macht die obige Begriffserklärung deutlich: Der Begriff „zeitgemäß“ rekurriert auf etwas, das der „Zeit entspricht“. In seinem Buch charakterisiert Felix Stalder Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität sind die charakteristischen Formen einer gesamten „Kultur der Digitalität“. In aller Kürze (genauere Ausführungen können in der Rezension von Netzpolitik.org nachgelesen werden):

Referentialität

Es geht um die Synthese von Bestehendem und Entstehendem. Konkret: Ein Schüleraufsatz bleibt nicht im Raum, sondern öffnet sich in die Welt. Wird besprochen. Bearbeitet. Weiterbearbeitet.

Gemeinschaftlichkeit

„Referentielle Verfahren haben keinen Anfang und kein Ende.“ (S.124). Wie schon als Grundlage dieses Artikel beschrieben bedeutet die „Kultur der Digitalität“ eine Öffnung des zu Besprechenden, ob es sich nun um kulturelle Praktiken oder die Bildung betreffende Überlegungen handelt. Konkret: Die Methoden-/ Inhalts-/ und Wissensebenen von Schule werden auch und vor allem mit den Schüler*innen verhandelt.

Algorithmizität

Es geht nicht nur um jene „dynamische Ordnungen“ (S.189), die auf Grundlage von Rechensystemen und Plattformen bestehen. Sondern es geht um die Fähigkeiten des Einzelnen, Sinn aus dem informativen Überfluss zu machen. Konkret: Algorithmizität erfordert Filterkompetenz. Filterkompetenz erfordert Methodenkompetenz z.B. in puncto Recherche. Methodenkompetenz erfordert Wissen über Stellen, an denen gesucht werden kann und Wissen darüber, wie die Informationen eingeordnet werden können.

Die vier Dimensionen der Bildung

Die vier Dimensionen der Bildung wie sie im gleichnamigen Buch von Charles Fadel et al. vorliegen, sind Wissen, Charakter, Skills und Metalernen. Der Aspekt, der sich für mich in Bezug darauf als extrem erwiesen hat, ist jener des Metalernens. Kurz und bündig: Ich weiß nicht nur, was ich tue, sondern auch wie und warum. Damit wird aber klar, warum dies zusammen mit Stalders „Kultur der Digitalität“ gedacht werden kann. Nur die Reflexion über Ziele und Defizite meines eigenen Lernens oder dem Grad des Falschliegens, wie er am Anfang genannt wird, kann eine Lernhaltung entstehen. Dass Charakter, Wissen und eben jene in jedem Bildungsplan benannten Kompetenzen (Skills) genannt werden, rundet ein Modell ab, bei dem es eben nicht darum geht, das eine gegen das andere auszuschließen. Es ist die Interdependenz, die das Modell so nachvollziehbar macht.

Es bezieht sich auf das schon oft besprochene 4K-Modell des Lernens. So wichtig diese 4K auch erscheinen – also Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken – so wichtig ist der Bezug auf den hier sehr kurz dargestellten größeren Rahmen, der Haltung und Charakter mit jenem Wissen verknüpft, das erst so mittels bewusstem Lernen errungen werden kann.

Konkret habe ich dafür auch für den pädagogischen Tag an meiner Schule den Begriff des „reflektierten Lernens im digitalen Wandel“ genutzt. Eben um aufzuzeigen, dass das Wie und das Warum das Was begleiten muss.

Mehr als 0 und 1

Beat Döbeli Honeggers „Mehr als 0 und 1“ ist für das Verständnis dessen, was „Zeitgemäßes Lernen“ ausmacht, zentral. Denn hier wird deutlich, dass der digitale Wandel oder die digitale Transformation, wie sie von den Kommunikationsmedien katalysiert wird, gesamtgesellschaftlich relevant wird.

 

Anhand dieses kleinen Ausschnitts ist zu erkennen, dass es nicht nur um eine Veränderung dessen geht, womit gelehrt und gelernt wird. Es geht darum, den Begriff des Lernens in einem völlig anderen Paradigma zu verorten.

Konkret bedeutet dies für „Zeitgemäßes Lernen“, dass ich digitale Medien nicht als ein Werkzeug unter vielen wahrnehme, sondern als Ausprägung eines Leitmedienwechsels innerhalb der Kultur der Digitalität. Ich frage also nicht danach, wie und warum man iPads oder Tablets in den Unterricht implementieren kann. Sondern ich frage danach, wie „Zeitgemäßes Lernen“ unter den Bedingungen der Kultur der Digitalität aussehen kann.

Kai Wörner wies zu Recht darauf hin, dass man sagen könnte, dass diese Form des Zeitgemäßen Lernens auf Werten beruht, die das Reformpädagogische mit dem Digitalen verbindet. Das ist ein wichtiger Punkt, auf den Lisa Rosa in einem Tweet hinwies:

…und die Apps?

Im folgenden werde ich die Punkte, die nun das „Zeitgemäße Lernen“ ausmachen, nochmals in einer kurzen Liste aufzählen und visualisieren. Für alle, die aufgrund der dann beginnenden App-Reihe hier landen, ist die Notiz vielleicht wichtig, was nun das eine mit dem anderen zu tun hat.

Der hier in aller Kürze verwendete Begriff des „Zeitgemäßen Lernens“ ist der Orientierungspunkt für mein eigenes konkretes schulisches Handeln. Er öffnet mir eine größere Sicht darauf, wie Lernen verstanden werden kann. In Bezug auf digitale Medien und Applikationen bedeutet das, nicht aus einer Opferpose heraus argumentieren zu müssen. Ich beantworte nicht die Frage, warum ich eine App nutze oder nicht, nicht mit dem Hinweis auf eine Funktionalität mit Mehrwert. Ich beantworte die Frage darauf mit dem Verständnis dessen, was in dem Verständnis von „Zeitgemäßem Lernen“ möglich ist.

Konkret: Ist es innerhalb des neuen Paradigmas, innerhalb der Netzkultur, möglich, einen handgeschriebenen Aufsatz tausenden Menschen so zugänglich zu machen, dass sie kommentieren, sich darüber austauschen können und den Urheber fragen stellen können? Ja, das ist es. Aber das wäre mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Ein Etherpad, ein Blogbeitrag oder eine andere digitale Anwendung erlaubt dies innerhalb viel kürzer Zeit und gleichzeitig mit ganz anderen Funktionalitäten.

Der hier nun von einigen Seiten definierte Begriff des „Zeitgemäßen Lernens“ erlaubt mir also, eine Antwort auf die Frage zu geben, was Lernen im 21. Jahrhundert leisten kann und soll und welche Rolle digitale Medien, Plattformen und Apps dabei spielen.

Zeitgemäßes Lernen

  1. Fokussiert sich auf den Prozess des Einzelnen.
  2. Denkt schulische und nicht-schulische Bildung zusammen.
  3. Denkt informelles und formelles Lernen zusammen.
  4. Findet im Rahmen dessen statt, was Kultur der Digitalität genannt werden kann.
  5. Denkt Bestehendes und Entstehendes zusammen.
  6. Öffnet die eigenen Praktiken nach außen und innen.
  7. Erfordert Filter-/ Beurteilung- und Methodenkompetenz.
  8. Erfordert das Zusammenspiel von Wissen, Charakter, Haltung und Metalernen.
  9. Ist also immer reflektiertes Lernen.
  10. Ist gesamtgesellschaftlich relevant.
  11. Nimmt den Leitmedienwechsel ernst.
  12. Integriert digitale Medien als Teil dieses Leitmedienwechsels und der Kultur der Digitalität.

Diese unvollständige Liste findet ihr zudem als Grafik am Ende des Beitrags.

„Rather, we go from wrong to slightly less wrong.“ Ich hoffe, dass dieser erste Denkprozess, der gleichsam auf den zahlreichen Diskussionen, die ich on- und offline führe als auch aus meiner täglichen praktischen Arbeit abgeleitet ist, ein wenig weniger falsch ist als meine bisherigen Versuche. Ich freue mich wie immer auf konstruktive und respektvolle Kritik und Rückmeldungen.

 

Als Ergänzung noch die komplett destillierte Version am Ende. Natürlich um ein vielfaches weiter geschrumpft, aber eben das Zusammendenken hervorhebend. Dank an Jan-Martin Klinge für den Wunsch einer noch weiteren Verdichtung.

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