Wenn man auf Lehrerkonferenzen zur Digitalisierung fragen würde, welcher Begriff bitte vermieden werden sollte oder wahlweise allen auf den Keks geht, dann wäre dieser mit Sicherheit „Mehrwert“. Das liegt weniger an den Artikeln zu diesem Thema, sondern daran, dass jeder, der digitale Medien nutzt, sich auf Grundlage dieses Begriffs rechtfertigen muss. Dabei ist das gar nicht so schwer. Ein kurzer Kommentar. 

Zunächst einmal das Wichtigste: Der Artikel von Axel Krommer sagt alles über jenen Begriff des Mehrwerts aus, mit dem wir am häufigsten konfrontiert sind. Ich möchte dies hier nicht wiederholen, sondern nutze lediglich das Bild der Kutsche: Wenn man zwei Pferde vor eine Kutsche spannt, ergibt das Sinn. Zwei weitere auch. Die zwei oder vier Pferde vor ein Auto zu spannen hingegen weniger. Der Antrieb funktioniert anders. Soweit, so gut.

Auch über die etymologische Unschärfe des Begriffs wurde alles gesagt. Ich möchte – subjektiv und aus den Erfahrungen in Workshops und auf Konferenzen – die These vertreten, dass der Begriff „Mehrwert“ sich lediglich – aus welchen Gründen auch immer – gegenüber dem Begriff „Vorteil“ durchgesetzt hat. Lehrer, die nicht mit digitalen Medien oder Methoden arbeiten möchten, wollen eigentlich wissen: Welchen Vorteil hat das digitale Arbeiten gegenüber dem, das ich schon immer (gut und professionell) mache? Und die Antwort muss dann lauten: Keinen. Weil: Kutsche und Pferd. Also müssen wir uns in (durchaus wichtigen) intellektuellen Diskursen verbiegen, die, so meine Erfahrungen, in Lehrerworkshops nur für mittelmäßige Begeisterung sorgen. Was ich mich oft frag(t)e: Gibt es einen Ausweg?

Das Wichtige ist ja: Diejenigen, die digitale Medien im Unterricht nutzen wollen und sogar gewillt sind, diese Art der Arbeit den Kollegen schmackhaft zu machen, haben den Begriff des Mehrwerts nicht erfunden. Aber sie sind mit ihm konfrontiert. Ja, auch ich habe die Antwort: „Mehrwert sagt man nicht, weil…“ probiert, aber als wirklich sinnvoll habe ich es aus verschiedenen Gründen nicht empfunden. Für mich ist der Ausweg einfach (und ich hoffe, nicht naiv).

Haben digitale Medien einen Mehrwert? Ja, aber nicht als Vorteil. Und wenn betrifft der Vorteil nicht (nur) den Lehrer.

Der wichtigste Mehrwert digitaler medien ist die tatsache, dass neben der inhaltlichen auseinandersetzung eine bewusste oder unbewusste auseinandersetzung mit den prozessen der digitalen wirklichkeit geschieht.

That’s it.

Wird mein Unterricht besser? Nein.

Wird er schneller? Nein.

Werden dieselben Ziele einfacher erreicht? Nein.

Aber die Schüler haben den „Mehrwert“, dass sie bei dem, was sie tun, über das Handeln einer Welt reflektieren, die Teil ihres Tages, aber oftmals nicht der Schule ist. 

Also: Ich lese den Text online und kommentiere. Das geht auch mit dem Stift. Aber: Wenn ich kommentiere, kann das weitergeleitet werden. Jemand kann darauf reagieren. Jemand, der kommentiert, lernt mich vielleicht als Gesprächspartner kennen. Wir vernetzen uns. Oder im Gegenteil: Wir scheitern im Gespräch. Etc. Das ist alles im Heft, das vor mir liegt nicht möglich.

Wenn also auf der Fortbildung ein Lehrer fragt: Welchen Mehrwert hat denn die digitale Arbeit für meinen Unterricht, lautet die Antwort: „Wenn es im Unterricht darum geht, Schülern die Möglichkeit zu geben zu lernen, ist der Mehrwert, dass sie ganz nebenbei lernen, wie die Welt, in der sie leben, funktioniert.“

Wenn das kein Mehrwert ist, weiß ich es auch nicht.

2 KOMMENTARE

  1. Das ist einer der Kommentare, der länger wird als der eigentliche Blogpost, aber ich finde das wichtig. 🙂

    Vorab: die Diskussion, ob als Begriff „Mehrwert“, „Vorteil“, „Zusatznutzen“ oder „mächtiger Badabumm“ verwendet wird, interessiert mich nicht. Wieso schreibe ich dann hier? Weil ich der Meinung, dass die Diskussion innerhalb der pädagogischen Gemeinde am eigentlichen Ziel vorbei geht.
    Erfreulicherweise weniger auf Seiten der tatsächlich mit jungen Menschen arbeitenden Lehrerinnen und Lehrer, die mit viel Engagement und Ideen täglich schülerorientiert arbeiten. Je weiter weit vom „operativen Tagesgeschäft“ jemand ist, umso mehr scheint sich der gesamte Diskurs um terminologisches Florettfechten und Definitionen zu drehen, bei denen ich mittlerweile nach dem ersten Halbsatz weiter klicke, weil sie nichts Wirksames beitragen.
    Und nein, einfach nur die alte Philosophenweisheit, dass es valide ist, ohne Wissen um oder Interesse an einer Lösung Probleme aufzuzeigen, als Schutzschild vor sich her zu tragen, ist nicht erwünscht. Dass das Bildungssystem in seinem aktuellen Zustand Probleme hat, steht ausser Frage und diese sind (vom Hohelied des Campanilismo „Aber Bildung ist doch Ländersache“ bis zur Tatsache, dass an manchen Schulen die Türpfosten an der Toilette verfaulen, sucht Euch eine Eben aus) auch allen Beteiligten bekannt. Aber zurück zum eigentlichen Thema „Mehrwert“.
    Ich habe bereits an anderer Stelle geschrieben, dass ich im Jahr 2018 nicht mehr darüber diskutiere, ob sich das Lehrpersonal mit dem Thema beschäftigen muss oder nicht. Und wenn Sie denken, dass ich damit zu den Verfechtern des digitalen „Toolismus“ gehöre, dann sollten Sie sich den letzten Satz noch einmal durchlesen. Ich erwarte eine Beschäftigung, also die Analyse und Reflektion der Lehrperson über
    den Einsatz digitaler Werkzeuge
    die Vermittlung digitaler Mündigkeit.
    Ich habe nicht geschrieben, wie das Ergebnis aussehen soll. Was kann denn beispielsweise das Ergebnis dieser Analyse sein? Das Spektrum reicht vom „ja, ich habe mich damit beschäftigt und bin zu dem Schluss gekommen, dass dies für meinen momentanen Unterricht nicht notwendig ist“ bis hin zu „habe ich durchgedacht, vor Jahren schon und nutze das intensiv und ebenso selbstverständlich wie Bleistift und Taschenrechner“.
    Letztendlich bestimmen LuL ihre Unterrichtsmethodik innerhalb der Vorgaben des jeweiligen Landes. Es gab seit jeher bereits qualitative Unterschiede im Kollegium, das kennt jeder aus eigener Erfahrung in der Schule. Das bedeutet nicht, dass der Unterricht ohne digitale Werkzeuge immer weniger aufwändig ist. In jedem Fach kann ich beliebigen Aufwand treiben und ich hatte das Glück, ein paar LuL zu erleben, die aus Engagement und Interesse an den Schülerinnen und Schülern enormen Aufwand trieben.
    Ich bin aber auch der Meinung, dass genau diese LuL sich intensiv mit dem Thema digitaler Werkzeuge und Vermittlung digitaler Mündigkeit beschäftigt hätten. Dabei bin ich mir auch sicher, dass nicht jede bzw. jeder sich für eine intensive Nutzung digitaler Werkzeuge entschieden hätte. Allerdings hätten sich von diesen LuL jede bzw. jeder für einen Unterricht entschieden, der den SuS digitale Mündigkeit ermöglicht. Interessanterweise sind dafür nur in den seltensten Fällen digitale Werkzeuge notwendig, zumindest für den überwiegenden Teil des Unterrichts. Und nein, bevor Sie nun auf das Display einschlagen, natürlich ist mir bewusst, dass dies mit digitalen Werkzeugen zum weitaus größten Teil einfacher ist, aber eben nicht unerlässlich.
    Genau hier läuft die Mehrwert-Diskussion ins Leere. Die Schule hat als Teil des staatlichen Bildungssystems einen Auftrag. Lassen Sie mich dazu als Bayer das „Bayerische Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen“ zitieren (ich bin sicher, alle anderen Bundesländer haben nahezu identische Sätze in ihrer Gesetzgebung). Laut Artikel 2 hat die Schule unter anderem den Auftrag „Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln und Fähigkeiten zu entwickeln“ (und diese unterliegen nicht der persönlichen Auswahl von LuL) sowie „Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt zu wecken“ und vor allem auch „auf Arbeitswelt und Beruf vorzubereiten, in der Berufswahl zu unterstützen und dabei insbesondere Mädchen und Frauen zu ermutigen, ihr Berufsspektrum zu erweitern“.
    Dies bedeutet, die Schule besitzt die Auftrag, unserer Kinder auf die Lebenswelt vorzubereiten, die sie erwartet, wenn sie die Schule verlassen. Schon allein dieser Auftrag bedingt tendenzielle eher eine zukunfts- als eine vergangenheitsgerichtete Weiterbildung des Lehrpersonals.
    Salopp formuliert: warum wird den SuS nicht mehr gezeigt, wie ein Federkiel gespitzt wird? Weil es nach der Schule niemand mehr benötigen wird! Andererseits wird den SuS nach wie vor erläutert, wie ein Dreisatz funktioniert, oft ganz analog. Warum? Weil das nahezu jede und jeder nach der Schule in Beruf und Lebenswelt brauchen wird. Essentielle Aufgabe einer Lehrperson ist es daher, sich mit der Lebenswelt ausserhalb der Schule zu beschäftigen und dies regelmäßig und immer wieder, denn die Welt entwickelt sich in einem immer schneller werdenden Tempo weiter. Sicher bleibt ein Dreisatz ein Dreisatz, aber der Kontext der Vermittlung kann nicht mehr der von 1985 sein.
    Aus Verantwortung den SuS gegenüber gibt es überhaupt keinen rationalen Grund gegen eine Beschäftigung mit digitaler Mündigkeit und auch digitalen Werkzeugen. Wie Bob in seinem Blogpost schreibt: „Wenn es im Unterricht darum geht, Schülern die Möglichkeit zu geben zu lernen, ist der Mehrwert, dass sie ganz nebenbei lernen, wie die Welt, in der sie leben, funktioniert.“ — Dies kann nur dann gelingen, wenn LuL über diese Welt Bescheid wissen und Kompetenzen für ebendiese Welt vermitteln können. Und das ist in einer Zeit, in der das Internet älter ist, als die Berliner Mauer je war, nur dann möglich, wenn ich selbst Kompetenzen in diesem Bereich besitze.
    Daher habe ich oben geschrieben, dass entsprechende Kenntnisse unabdingbar sind, wenn ich als Lehrerin oder Lehrer auf der Höhe der Zeit bleiben will. Wichtig ist mir dabei vor allem die Betonung, dass digitale Mündigkeit vor digitalen Werkzeugen kommt. Anders gesagt, es ist völlig egal, mit welchem Textverarbeitungsprogramm SuS arbeiten. Bis sie in die Berufswelt eintreten, wird diese Software veraltet sein. Digitale Mündigkeit bedeutet, dass die Konzepte hinter der operativen Tätigkeit verstanden wurden. Dazu gehört in diesem Bereich beispielsweise die Trennung von Inhalt und Präsentation, elementare typographische Kenntnisse, Textorganisation. In anderen Bereichen die Bedeutung von Metadaten, Funktionsprinzipien von Netzwerken und Kommunikation in Netzwerken, die Fähigkeit zur Informationsbeschaffung und -bewertung und so weiter.
    Nichts davon benötigt ein bestimmte digitales Werkzeug. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, es ist völlig egal, ob eine Lehrerin nun Kahoot oder Quizlet benutzen möchte oder ein Lehrer die Abstimmung lieber per Werfen verschiedenfarbiger Tischtennisbälle in Papierkörbe durchführt. Es ist auch völlig egal, ob ich die Plattentektonik anhand eines Modells im Sandkasten, per Zeichentrickfilm oder per Animation im Computer zeige. Wichtig ist es, das Verständnis des grundlegenden Konzepts zu erreichen. Natürlich eignen sich in diesem Beispiel einige Ansätze besser als anderen, ebenso wie im Unterricht zur Bestimmung giftiger Pilze jeder vernünftige Mensch einen echten Pilz in der natürlichen Umgebung einer Abbildung auf einem Smartphone vorziehen wird.
    Das bedeutet aber nicht, dass die jeweils andere Methode deshalb wertlos wäre. Es ist die Kombination, weswegen die unselige Diskussion über „analoge“ oder „digitale“ Bildung völlig sinnlos ist und komplett an der Sache vorbei geht. Daher ist auch die oftmals belehrende Haltung der Avantgarde gegenüber der skeptischen Mitte der Gauss-Kurve unangebracht. Es wird immer Bereiche des schulischen Unterrichts geben, die sehr lange ohne den Einsatz digitaler Werkzeuge auskommen. Aber was eben nicht mehr geht, ist das Ignorieren der Wichtigkeit der digitalen Mündigkeit und der für eine Teilhabe an einer digitalisierten Gesellschaft nötigen Kompetenzen.
    Diesen gesetzlichen Auftrag kann und darf kein LuL ignorieren. Wenn unsere Kinder mündige Bürger werden sollen, benötigen sie Kompetenzen, die 2020 und später wertvoll sind. An einem bekannten Beispiel: heute noch Kindern im Unterricht beizubringen, wie eine Bewerbungsmappe gestaltet wird und wie Stellenanzeigen in Zeitungen gelesen werden, ist grob fahrlässig. Doch wie will ich als Lehrperson hier meiner Rolle gerecht werden, wenn ich in diesem Bereich keine Kompetenzen habe? Und diese Kompetenzen müssen immer wieder aktualisiert werden.
    Daher ist die komplette Mehrwert-Diskussion zwar eine interessante Diskurs-Übung, aber ohne jeglichen realen Wert für die Bildung unserer Kinder. Um es drastisch zu formulieren: mir ist jede Lehrerin und jeder Lehrer lieber, der zeigen kann, wie groß der Anteil von DNS an der Privatsphäre im Internet ist als alle, die wissen, wie man mit irgendwelchen Apps im Unterricht hantiert. Es ist völlig unerheblich, ob ich den Mathematikunterricht an der Tafel, mit physikalischen Objekten oder am Tablet halte, wenn die SuS nicht danach die Kompetenz zur Beurteilung von Sätzen wie „diese Gesichtserkennung arbeitet zu 99% genau“ bewerten können.
    Letztlich sind für bestimmte Kompetenzen, die für die Lebenswelt von SuS elementar sind, auch keine analogen Werkzeuge mehr möglich. Wie Bob schrieb, ist eine Vernetzung über Kontinente hinweg und das Verstehen anderer Kulturen oder geopolitischer Zusammenhänge nur dann sinnvoll, wenn ich dies online tue. Eine alte, analoge Brieffreundschaft hat Charme, wird aber schon daran scheitern, dass in den anderen Ländern kein Kind mehr Briefe schreiben wird. Daher wünsche ich mir, dass weniger Zeit in diesen fruchtlosen Pseudo-Diskurs gesteckt wird, sich Lehrerinnen und Lehrer ohne gegenseitige Missionierungsversuche und Terminologiekämpfe gegenseitig dabei unterstützen, ihren Auftrag zu erfüllen. Damit profitieren dann alle Beteiligten des Bildungssystems.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here