Während andere Länder die literarische Erörterung schon seit einigen Jahren als Aufsatzform im Abitur haben, wird es sie in Baden-Württemberg erst ab diesem Schuljahr (wieder) geben. Grund genug, dass ich mir hier einige Gedanken dazu mache, was diese Aufsatzform ist, wie man ihr beikommen kann und was man beim Verfassen berücksichtigen sollte. 

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Allgemeine Definition

Der Brockhaus* gibt eine relativ genaue Definition der literarischen Erörterung. Diese wird allerdings in verschiedene Kategorien aufgeteilt. Wir widmen uns hier explizit nur jener, die sich auf ein literarisches Werk bezieht. Von der allgemeinen Definition ist für Schüler*innen nur wichtig, dass es eine „Bezeichnung für eine schriftliche Diskussion in Aufsatzform“ sei, „in der verschiedene Standpunkte […] diskutiert und durch Argumente erhärtet oder widerlegt werden.“ Das ist insofern erwähnenswert, als dass es das Abwägen eines These betont, die bei der literarischen Erörterung freilich auf einen Text und dessen Themen und Motive bezogen werden müssen. Zur Texterörterung heißt es dort: „Der Text ist dabei Ausgangspunkt für die eigene Urteilsfindung.“ Dies ist bei der Form der literarischen Erörterung, wie wir sie in Baden-Württemberg in der Schule bearbeiten allerdings nur die halbe Wahrheit.

Im Grunde genommen finden zwei zentrale Bezüge statt: Der erste arbeitet aus einem (möglicherweise anspruchsvollen) Außentext eine Kernthese heraus, die dann als Bezugspunkt für die kommende literarische Erörterung herangezogen wird. Der zweite Bezugspunkt ist der Text selbst, der dem Schreibenden zwar vorliegt, nicht jedoch in jener bearbeiteten Form der eigenen Lektüre.

Man kann es sich so vor Augen führen: Während eine Analyse mit anschließender Interpretation vom kleinen ins Große führt – also von den Teilanalyseschritten zu größeren Themen, Motiven und Strukturen überleitet, will eine literarische Erörterung das Gegenteil: Sie gelangt vom Großen ins Kleine. Man arbeitet also aus einem nicht bekannten Außentext eine These oder Aussage heraus, um diese dann anhand des bekannten Werkes zu belegen. In Baden-Württemberg können dies im Grunde vier Werke sein, die aber unterschiedlich besprochen werden.

Die literarische Erörterung in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg kann es zu zwei verschiedenen Konstellationen kommen. Die Aufgaben dazu werden wie folgt definiert:

Aufgabe I Erörterung literarischer Texte

  1. Erörterung eines literarischen Textes
    ab 2021: entweder zu Goethes „Faust I“ oder zu Treichels „Der Verlorene“
    oder
  2. Erörterung zweier literarischer Texte
    ab 2021: Vergleich von Hoffmanns „Der goldene Topf“ und Hesses „Steppenwolf

(Herausgeber: Landesbildungsserver Baden-Württemberg, CC BY-SA 4.0).

Die literarische Erörterung findet also entweder zu einem von zwei Werken statt. Oder vergleichend zu zwei Werken im Vergleich. In beiden Fällen gibt ein Außentext Informationen darüber, was eigentlich erörtert werden soll.

Beispiel

Nehmen wir hierzu ein (wegen des Umfangs sehr knappes) Beispiel, das sich auch in den allgemeinen Informationen zum Außentext findet.

ohann Wolfgang von Goethe

„Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“

(Quelle: Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, Verlag der Goethe-Gesellschaft, Weimar 1907. Aus Kunst und Altertum, 5. Bandes 3. Heft, 1826.)

Goethes Faust und Hesses Steppenwolf: 

  • Erörtern Sie, ausgehend von Goethes Auffassung über das Wissen, in einer vergleichenden Betrachtung, ob und inwieweit Faust und Harry Haller an ähnlichen Umständen verzweifeln.

Mit einer solchen Aufgabe ist das Vorgehen vorgegeben.

Vorgehen

  1. Verstehen des Außentextes

Dies ist bei einem einzigen Satz nicht allzu problematisch, wenngleich die hier geäußerte These dennoch verstanden werden muss. Grundsätzlich muss der Schreibende sich die Frage beantworten können, warum mit dem Wissen der Zweifel wächst  (hier lapidar formuliert: Je mehr man weiß, desto mehr wird einem bewusst, dass man nicht alles wissen kann. Das lässt einen wiederum an dem Zweifeln, was man schon weiß).

2. Verstehen der Aufgabenstellung

Die Aufgabenstellung ist deutlich formuliert. Dennoch ist sie nicht ganz einfach. Denn zum einen soll der Schreibende überlegen, ob die beiden Figuren, um die es hier gehen soll, an ähnlichen Umständen zweifeln – das ist der Vergleichsaspekt. Und zum anderen muss die zuvor herausgearbeitete These Beachtung finden. In gewisser Weise gibt es also zwei Aspekte, die berücksichtigt werden müssen und zwei Werke. Wie dabei ganz konkret vorgegangen werden kann, kann man hier nachlesen.

3. Vorbereitung und Aufbereitung des eigenen Wissens

Nun kommt der Teil, der es ersichtlich werden lässt, wie genau man die Werke verstanden haben, ihre Motive, Aspekte und Strukturen und natürlich ihren Inhalt kennen muss. Denn vorbereitend muss nun überlegt werden, inwiefern und wo der hier zentrale Aspekt überhaupt vorkommt. Denn erst dann kann in einem zweiten Schritt überhaupt erörtert werden.

4. Planung der Erörterung

Die verschiedenen Formen der Erörterung, dialektisch oder linear, als Block oder als Sanduhr, dürften die meisten kennen. Während aber in der Mittelstufe diese Schemata noch vorgegeben sind (man also zuvor weiß, welche Form man schreiben soll), muss hier die Form selbst gewählt werden.

5. Die Erörterung schreiben

Ich erörtere also, ob und inwiefern ein gegebener Aspekt für das Verständnis eines Werks, seiner Machart oder seiner Epoche, oder sogar seiner sprachlichen Ausprägung relevant ist. Anders als bei einer textgebundenen Erörterung zu einem Sachtext geht es dabei nicht darum, dass ich zustimmen muss, ob die These zutrifft. Sondern ich muss in der Lage sein, quasi mit mir selbst zu diskutieren, inwiefern und in welcher Ausprägung ein gewählter Aspekt für ein literarisches Werk relevant ist. Die Werke sind dabei bekannt, die möglichen Aspekte aber nicht, oder eben nur sofern ich die Werke sehr genau kenne.

Fachwissen und Methodenkenntnis

Was muss nun der Schreibende können und wissen, um eine solche Arbeit zu schreiben? Das, was sich nachvollziehbar anhört, ist gar nicht so einfach. Zunächst muss man inhaltlich in der Lage sein:

  1. Einen Fremdtext sehr genau zu verstehen
  2. Schlussfolgerungen zu ziehen
  3. Und allgemeine Themen und Thesen herauszuarbeiten

Dann muss man die Werke so genau kennen, dass man bei quasi jedem möglichem Thema in der Lage ist, sie nicht nur vage zu kennen, sondern womöglich Textstellen im Kopf zu haben, die man an der richten Stelle zitiert.

Das wiederum bedeutet für die Methodenkenntnis, dass man trotz der Tatsache, dass es nicht mehr um eine genaue Analyse geht, in der Lage sein muss, sich fehlerfrei und sachlich richtig auf einen Text zu beziehen. Und natürlich muss man fachspezifisch jene Aspekte, die isoliert betrachtet werden sollen, definieren und erläutern können.

Dazu kommt das Wissen über die Epochen, das Werk und die Autoren, wenngleich es unwahrscheinlich ist, dass ein biographischer Vergleich durchzuführen ist. Dazu kommt die Kenntnis über poetologische Konzepte (was bedeutet, dass eben nicht nur der zeitliche Aspekt einer Epoche eine Rolle spielt, sondern auch die Art und Weise, wie Literatur rezipiert, wahrgenommen und theoretisch fundiert worden ist).

Insgesamt ist die literarische Erörterung gleichzeitig Chance und Herausforderung. Sie ist deshalb eine Herausforderung, weil sie dem Schreibenden zumutet, sich so gut mit Werk und Autor auszukennen, dass freies Nachdenken in abwägendem Stil möglich ist. Auf der anderen Seite ist der Schreibende jedoch auch nicht so sehr an den Text gebunden, wie es bei einer Analyse der Fall ist. Die möglichen Verbindungslinien zwischen den Werken und dem Außentext sind so viel freier, wenngleich sie natürlich auf die Texte und jenes Wissen, das zuvor erarbeitet worden ist, zurückgeführt werden müssen.

*Werk: Brockhaus Enzyklopädie Online
Title: Erörterung (Literaturwissenschaft)
Versionsdatum: 2019-10-25

 

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