Im Deutschunterricht der Kursstufe sind Interpretationen von Kurzprosatexten immer wieder zentral. Nachdem mich eine Baden-Württembergische Schülerin gemeldet hatte, die diesen Blog selbst nutzt, schlug sie mir vor, eine eigene Interpretation beizusteuern, damit andere davon profitieren können. Dies nehme ich sehr gerne an. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Lea Bohmüller 

Eine Frühlingsnacht von Hermann Conradi (1911)

In der Erzählung „Eine Frühlingsnacht“ von Hermann Conradi, erschienen 1911, geht es um den inneren Widerstreit der rationalen Begegnung mit der Welt und der Emotionalität. Der Kurzprosatext lässt sich der Epoche des Naturalismus zuordnen, in der die Dichter gegen jegliche Sentimentalität und gegen die traditionelle, reine Form der Kunst protestierten und der Mensch auf wissenschaftliche Erkenntnisse reduziert wurde.

Die vorliegende Erzählung handelt von einem Mann, der seine Geliebte geküsst hat und von diesen Liebesgefühlen so bewegt ist, dass er sich frei und grenzenlos fühlt. Er träumt sich in die Mitternachtswelt hinein genießt die köstlichen Düfte des Frühlings. Doch langsam findet er wieder in die nüchterne Alltagswelt zurück und lehnt seine Liebesgefühle, die ihn zuvor noch zutiefst bewegt haben, ab und versucht sie wissenschaftlich zu erklären.

Folglich lässt sich die Hypothese aufstellen, dass der Protagonist versucht mit seiner Emotionalität und seinen Liebesgefühlen umzugehen, indem er eine rationale, wissenschaftliche Erklärung für diese findet.

Die Erzählung weist einen antithetischen Aufbau auf. Zunächst wird eine romantische Traumwelt dargestellt, bis letztlich die Auflösung in der Realität folgt und es schließlich durch die rationale und wissenschaftliche Begegnung mit der Welt am Ende der Geschichte zu einer Entzauberung der romantischen Gefühle kommt.

In der Geschichte liegt ein personaler Er-Erzähler vor. Dadurch erhält der Leser Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des Protagonisten. Die Geschichte beginnt sehr abrupt mit dem Ausruf „Er war so voll, so bewegt!“ (Z.1). Es wird die bewegte Gefühlslage des Protagonisten beschrieben, der scheinbar von seinen Gefühlen überflutet wird, zunächst kaum atmen kann und noch ergründen muss, was gerade in ihm passiert. Dies wird dadurch deutlich, dass er seine Liebesgefühle nur als ein „schwüles, rätselhaftes Etwas“ (Z.2) identifizieren kann. Sein Leben, das mit der Antiklimax „die letzten Jahre, Wochen, ja Stunden“ (Z.6) beschrieben wird, erschien ihm fremd. Dies wird zunächst sehr positiv dargestellt, da er sein früheres Leben metaphorisch mit einem tiefen Schlaf gleichsetzt, aus dem er nun aufgewacht ist und erst jetzt die Schönheit der Welt erblicken kann (vgl. Z.8-9). Er fühlt sich frei, was durch die Aussage „als gäbe es nirgends mehr Grenzen und Schranken“ (Z.8) deutlich wird. Die Metapher „Die harten, schneidenden Seiten einer trockenen Alltagswelt waren wie hinweggewischt“ (Z.9-10) zeigen, dass er sein alltägliches Leben als sehr schmerzhaft wahrnimmt. Nun ist es ihm möglich, die Stille und Düfte der Frühlingsacht zu genießen (vgl. Z.14-15). Es wird das Bild einer romantischen Traumwelt erschaffen. Alles erscheint ihm plötzlich ganz unbeschwert und klein, was man an dem Vergleich eines Fensters mit einer Nussschale sieht (vgl. Z.17). Jedoch wird dieses romantische Bild immer wieder durch vereinzelte Textstellen und sehr unromantische Ausdrücke, wie „Widerstreit“ (Z.11) und „Bezirke“ (Z.21) gebrochen, die den naturalistischen Zeitgeist durchscheinen lassen. Dann wird zum ersten Mal die Liebe als Grund für seine bewegte Gefühlslage genannt. Diese wird personifiziert, da er glaubt, „den Atem (und) die leisen, berauschenden Stimmen der Liebe zu hören“ (Z.19-20). Seine Emotionalität ist auf den Kuss des Mädchens zurückzuführen, für das er schon seit langem Gefühle entwickelt hat (vgl.21-22). Mit der Bezeichnung seiner Gefühle als „Flut von strömenden, wirbelnden Empfindungen“ (Z.23) wird jedoch deutlich, dass diese für den Protagonisten nicht kontrollierbar erscheinen und er, wie in der obigen Hypothese dargelegt wird, einen Weg sucht, mit ihnen umgehen zu können.

Da im Naturalismus der Mensch nicht als emotionales Wesen dargestellt wird, sondern der Blick auf die Welt auf eine rein rationale Sichtweise begrenzt ist, entfernt sich der Protagonist immer mehr von der romantischen Gefühlswelt, in die er sich geträumt hat. Die Geschichte nimmt eine Wendung.Das zuvor beschriebene Frühlingsidyll und die beschienene Mondnacht scheint dem Protagonisten plötzlich ganz fern (vgl. Z.33). Er kehrt wieder in die Alltagswelt zurück und der Gedanke an den Kuss mit seiner Geliebten lässt ihn nun völlig unberührt (vgl.39-40). Der Protagonist versucht eine wissenschaftliche Erklärung für seine Emotionalität zu finden und behauptet, „daß er diese mondscheinbeschienen Dächer doch eigentlich nur sähe, weil sich ein chemischer Prozeß auf seiner Netzhaut vollzogen hatte“ (Z.47-48). Die Geschichte endet mit der Aussage „Und er lachte laut in die Nacht hinein…“ (Z.49), wodurch zum Ausdruck gebracht wird, dass der Protagonist seine Liebesgefühle rückblickend lächerlich findet und diesen nun ablehnend und herablassend begegnet.

Abschließend lässt sich folglich festhalten, dass sich die zu Beginn aufgestellte Deutungshypothese bestätigt hat. Die am Schluss gelieferte wissenschaftliche Erklärung für seine Liebesgefühle ist die Art und Weise, wie der Protagonist versucht, mit seiner Emotionalität umzugehen. In der Epoche des Naturalismus findet eine Verwissenschaftlichung der Welt statt, weshalb es für den Protagonisten außer Frage steht, dass es für seine Situation eine rationale Erklärung geben muss, weshalb er am Ende sogar herablassend auf seine Gefühlslage zurückblickt und darüber lacht, dass er nicht schon früher auf diese Erklärung gekommen ist. In der Geschichte wird folglich, wie für den Naturalismus typisch, eine Abneigung gegenüber Gefühlen und Emotionalität ausgedrückt und die in dieser Epoche herrschende Reduktion auf den sachlichen Blick auf die Welt veranschaulicht.

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