Neben zahlreichen Fragen der Durchführbarkeit von Fernunterricht, Restrukturierung der schulischen Abläufe und rein technischen Fragen kommt die Frage danach, wie Schule nach Corona aussehen kann, immer wieder auf. Am häufigsten wird der Wunsch geäußert, diese Krise könnte als Chance dafür herhalten, dass die Bildung sich grundsätzlich ändert. Dazu ein paar Gedanken. 

Neue Einsichten

Zunächst einmal zum rein Positiven: Ich hatte das Vergnügen, vor allem über Instagram mit Menschen zu reden, die sehr kluge Gedanken zur jetzigen Situation geäußert haben. Das war erfrischend, da Twitter zwar das Vernetzungstool Nr.1 bleibt, aber der Echoraum oft zu einer Wiederholung des Bekannten führt.

  • Mit dem dem Leiter der Unternehmenskommunikation der Uni Dortmund, Marc Raschke, sprach ich über Leopoldina und die Schulöffnungen
  • Mit Mentalcoach und Regisseurin Chris Werk sprach ich über das Befinden von Eltern, Schüler*innen und Lehrer*innen
  • Und auch am heutigen Samstag, den 25.04.2020 steht ein Gespräch an: Mit der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Gunda Frey spreche ich darüber, was Eltern, Kinder und Lehrer*innen nun brauchen.

Warum sage ich das? Weil in allen Gesprächen und hunderten von Kommentaren in den Live-Videos und unter den Posts ersichtlich wurde, dass ausnahmslos alle eine überraschend einheitliche Sicht auf das haben, was Bildung betrifft:

  • Alle sehen Prüfungen und Noten kritisch
  • Alle wünschen sich eine Veränderung der schulischen Bildung
  • Alle erkennen, dass das Digitale und das Soziale eine deutlich größere Rolle spielen muss
  • Alle plädieren dafür, Inhalt zu überdenken

Aus all diesen Gesprächen und Kommentaren wurde mir (wieder einmal) eine Tatsache klar, die ansonsten auch von einer Portion Hybris gezeugt hätte: Die Ideen, die seit Jahren im Twitterlehrerzimmer diskutiert werden, haben auch in ganz anderen Gesprächszirkeln Konjunktur. Und noch mehr: Obwohl jeder, der sich innerhalb der Vernetzten Twitter-Community aufhält, schon nach ein paar Monaten die Argumente, Ideen und Visionen der meisten dort befindlichen Bildungsteilnehmenden kennt – es bleibt eine Echokammer.

Aber auch das ist nicht neu.

Ideen in die Welt, aber wie?

Schon seit Jahren beklagen die Initiatoren von Events rund um das, was mal „digitale Bildung“ und mal „zeitgemäßes Lernen“ heißt, dass sich auch in den rein physischen Treffen (als diese noch möglich waren) die immer gleichen Menschen tummelten. Soweit ich das übersehen kann, wurde es in der letzten Zeit mehr, was klar ist, wenn Events mehr als 1000 Leute anziehen. Dennoch: Selbst in Workshops und Talks zeigen die Fragen derjenigen, die bisher wenig mit den Ideen der „digitalen Community“ in Berührung gekommen sind, dass vieles im Tagesablauf der Lehrer*innen keine Rolle spielt. Und auch nicht spielen kann. Und dies ist der entscheidende Punkt.

Ort, Zeit, Raum, Aufgaben beim Lernen

Als es noch nicht um die Krisensituation, sondern eine auch so anstehende Veränderung der Bildung unter den Bedingungen der Digitalität (oder der Kultur der Digitalität) ging, waren die wichtigen Faktoren der Veränderung schon: Ort, Zeit, Raum und Aufgaben.

Diese Grafik von Philippe Wampfler zeigt, dass auch weitere Aspekte eine Rolle spielen, aber im Grund geht des um jene Faktoren, die von der Digitalisierung am meisten betroffen sind. Dabei ist das Interessante: Das Netz ist nicht ein Extra, ein Add-On, sondern maßgeblicher Faktor.

Doppelte Verstärker

Nun geht es an dieser Stelle explizit nicht um eine weitere, neue oder eben veränderte Vision von Bildung. Dies wurde schon an einer anderen Stelle unternommen. Vielmehr geht es darum, inwiefern Visionen überhaupt erarbeitet und umgesetzt werden können.

Um dies kurz zu skizzieren, ein Hinweis auf zwei interessante Kontexte des Begriffs Verstärker. In einem viel zitierten Artikel spricht Jörn Muuß-Merholz von der Digitalisierung bzw. digitalen Medien als Verstärker. In sehr kurz: Wer gerne in den Wald geht, kann mit dem Handy sogar besser in den Wald gehen (z.B. mit einer App Pflanzen bestimmen). Wer gerne faul ist, kann mit dem Handy sogar besser faul sein und auf dem Sofa verrotten.

Vor ein paar Tagen twitterte die Soziologin Natascha Strobl auch etwas zu diesem Begriff (falls es jemand findet, bitte kommentieren). Dieses Mal sprach sie davon, dass der Verstärker ein sozialer sei, der durch Corona transparent gemacht werde: Wer frei ist, kann nun besser frei sein (z.B. weil er eben finanziell unabhängig ist). Wer beengt ist, ist nun schlimmer beengt. Und so weiter. So wird das Virus zum Verstärker, und genau das ist für die Schule, ihre Teilnehmenden und eben die Möglichkeiten der Veränderung relevant.

Doppelte Ungleichheit

Es gibt nämlich sicherlich Schüler*innen, die von der Situation des selbstständigen Lernen profitieren. Der doppelte Verstärker ermöglicht, dass Schüler*innen mit guter technischer Ausstattung und der Fähigkeit zum selbstständigen Lernen nun geradezu durchstarten.

Und auf der anderen Seite bleiben jene auf der Strecke, die alle dies nicht haben: Betreuung durch die Eltern (die nicht können oder wollen), technische Ausstattung, Motivation und so weiter. Dass das Sitzenbleiben in Baden-Württemberg ausgesetzt worden ist, ist zu begrüßen. Die Herausforderung wird aber hoch, wenn die Gruppen der Benachteiligten und der Profiteure wieder zusammengeführt werden.

Ort, Zeit, Raum, Aufgaben bei der Veränderung

Wäre es möglich, das aufzufangen? Ja, wäre es. Kann also Corona als Katalysator für zeitgemäßes Lernen sein, wie es im Artikel heißt?

Die Antwort auf die Frage ist: Ja, aber.

Ja, aber nur dann, wenn die Aspekte für die Veränderung des Lernens auch gleichzeitig Faktoren der Veränderung selbst werden können, wenn also:

endlich zeitliche, örtliche und und räumliche Ressourcen für die Lehrkräfte bereitgestellt werden würden, um grundlegend über Veränderungsprozesse zu sprechen.

All jene, die ich persönlich oder über das Netz (oder persönlich über das Netz) kenne, engagieren sich nicht wegen der Bedingungen, sondern trotz der Bedingungen für eine Veränderung. Viele Lehrer*innen, die über Bildung sprechen, ihre Materialien teilen, mit anderen ins Gespräch kommen, tun das als Hobby. Das ist gut!

Aber es reicht nicht, weil diejenigen, die es am meisten betrifft, in einer Dauerschleife aus „Stoffvermittlung“ oder eben „Stoffaneignung“ sind. Es braucht institutionelle Ressourcen. Damit, ganz konkret, Lehrer*innen (und auch Schüler*innen und Eltern) sich treffen und über das reden können, was wichtig ist: Wie kann Bildung im 21. Jahrhundert aussehen?

Wir denken an die doppelten Verstärker: Die Schulen, die sich schon auf den Weg gemacht hatten, Infrastruktur und Ideen hatten, didaktischen Konzepte überlegt und auch schon durchgeführt hatten – diese Schulen werden massiv profitieren.

Aber jene Schulen, die seit Jahren auf eine ordentliche Netzanbindung warten, die nur ein paar Computer haben und deshalb gar keine vernünftige Grundlagenarbeit leisten konnten – die sind wohl diejenigen, die dafür büßen müssen, dass allein die Bereitstellung von Geld für die digitale Infrastruktur (das im Übrigen vor den Türen der Schulen aufhört) so lange gebraucht hat.

Gebt allen an der Schulen Beteiligten: Orte, sich zu treffen. Räume, dies zu tun. Zeit, sich auseinanderzusetzen. Und dann können am Ende auch Aufgaben und Konzepte stehen, mit denen sich eine Form der Bildung denken lässt, die auch und er Zukunft tragfähig ist. Von alleine wird das nicht gehen. Nicht in der Krise und nicht danach.

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