In vielen Artikeln, in denen es um Bildung unter den Bedingungen der digitalen Transformation geht, wird der Leitsatz „Pädagogik vor Technik“ angewendet, der zuletzt einer harschen Kritik unterzogen worden ist. Ich habe mich gefragt, warum ich trotz der rationalen und vernünftigen Auseinandersetzung, davon überzeugt bin, dass dieser Leitspruch stimmt. Eine kurze Notiz. 

Zunächst einmal zur Kritik: In seinem Artikel „Warum der Grundsatz ‚Pädagogik vor Technik‘ bestenfalls trivial ist“ kritisiert der Erlanger Mediendidaktiker Axel Krommer diese Annahme. Seine beiden Kritikpunkte lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  1. Da keiner behaupten würde, der Mensch habe sich der Technik unterzuordnen, sei auch die gegenteilige Behauptung trivial.
  2. Alles, was von einer Priorisierung ausgehe, verkenne die Tatsache, dass es Interdependenzen zwischen einzelnen Bausteinen (des Unterrichts) gebe.

Mich interessiert hier vor allem dieser wichtige zweite Punkt. Denn aus diesem wird der konstruktive Vorschlag abgeleitet, diese Interdependenzen (also die gegenseitige Abhängigkeit und Wechselwirkung der verschiedenen Faktoren) beim Denken über Unterricht und Digitales einzubeziehen.

„Anstatt weiter „Pädagogik vor Technik“ zu rufen, den Einfluss von Technik auf die Pädagogik und den Einfluss von Medien auf Kultur und Gesellschaft tendenziell auszublenden, gilt es daher, die Interdependenzen der Faktoren zu analysieren, die Lernen unter den Bedingungen der Digitalität konstituieren.“ (Krommer 2018)

Und weiter heißt es dort, dass ein erweitertes Berliner Modell die Antwort bieten kann:

„Die Rede geht – natürlich! – vom Berliner Modell (vgl. Heimann/Otto/Schulz 1965), in dem nicht zufällig die Medienwahl erstmals als eigenständiges Entscheidungsfeld, d.h. nicht als Teil der Methodik, auftaucht.“ (Ebd.)

CC BY-SA 3.0, Oeclan

 

 

 

 

 

 

 

Das klingt schlüssig. Was jedoch verwundert, ist die Auffassung des Bergriffs von Pädagogik, der hier zugrunde gelegt wird: „Pädagogisches Handeln bedeutet also beispielsweise, Lesen und Schreiben zu lehren“, heißt es in dem Artikel. In der Tat: Wenn auf der Prämisse argumentiert wird, dass pädagogisches Handeln das Erlernen von Kulturtechniken ist, dann kann die Veränderung des Leitmedienwechsels nur bedeuten, dass sich eben die Interdependenzen ändern. Diese Auffassung steht allerdings einer anderen Auffassung entgegen.

Die Frage ist nämlich, welches Grundverständnis sich aus dem Begriff „Pädagogik“ ableitet. Geht es um die Erziehungswissenschaft, den Reflexionsrahmen oder um pädagogisches Handeln?

Nach Giesecke (2007, S. 21f.) ist pädagogisches Handeln eine Form des sozialen Handelns, also ein Handeln, das sich auf Veränderung von Menschen beziehungsweise von menschlichen Verhältnissen und Bedingungen richtet und an anderen orientiert. Daher könne es auch kein „richtiges“, sondern nur „angemessenes“ pädagogisches Handeln geben. Giesecke argumentiert weiter, dass es immer mehrere Möglichkeiten vernünftigen pädagogischen Handelns gibt (Zitat Wikipedia).

Den Ausführungen ist nichts mehr hinzuzufügen. Sehr knapp könnte man also sagen: Pädagogisches Handeln ist als eine Form des sozialen Handelns davon abhängig, wie der Mensch, den dieses Handeln betrifft, sozio-kulturell aufgestellt ist (Und nicht nur das, auch weitere Faktoren spielen dabei natürlich eine Rolle: Alter, Hintergrund, soziale Intelligenz etc.)

Für das oben genannte Berliner Modell heißt es in Bezug auf die oben stehenden Ausgangsvoraussetzungen, dass zunächst die Bedingungsfaktoren einbezogen werden müssen. Um die Vielzahl dieser Faktoren deutlich zu machen, werden sie hier wiedergegeben:

Die anthropogenen Voraussetzungen der Teilnehmer

  • Welchen Lernhintergrund haben die einzelnen Schüler?
  • Welchen Entwicklungsstand haben die Einzelnen?
  • Welche Einstellung/Motivation, Aufnahmebereitschaft?
  • In welchem Lebensraum leben sie, und was ergibt sich daraus (Einstellungen, Fähigkeiten, Lernstile)?
  • Vorerfahrung aller Beteiligten?
  • Wie ist die Zusammensetzung der Gruppe, wer führt, hat Einfluss? Wie ist das Klima?
  • Wie ist das Verhalten und die Beziehung der Teilnehmer und Lehrer untereinander (d. h. die der Mitglieder und die der Lehrkraft)?
  • Welche Interessen haben sie vermutlich?

Die sozio-kulturellen Voraussetzungen aller Beteiligten

  • Wo findet das Treffen statt?
  • Welche räumlichen Bedingungen gibt es?
  • Wie viel Zeit steht zur Verfügung?
  • Was ist sonst noch unverändert vorgegeben?
  • Wer hat von außen welche Einfluss- und Kontrollrechte? (z. B. Strom wird abgestellt)
  • Wie alt sind sie, in welcher Entwicklungsstufe, Männer und/oder Frauen (Jungen/Mädchen)?
  • Was erwarten die Einrichtung/Schule, die Eltern, die Gesellschaft?
  • Welches Konzept liegt der Einrichtung/Schule zugrunde?

Betreiben wir ein wenig Sophistik: Voraussetzung ist ein alltagssprachlicher Begriff für einen Zustand, einen Vorgang oder irgendeinen anderen Sachverhalt, der gegeben sein muss, bevor ein anderer Vorgang oder Sachverhalt eintreten kann.

Das Berliner Modell geht also explizit von einem Prozess aus, der eine Grundlage hat, die sich unter anderem an eben jenen Aspekten orientiert, die bei einer als soziale Handlung verstandenen Pädagogik Gelingensbedingungen sind.

Fazit

Wenn man den Begriff Pädagogik so eng zieht, dass es sich schlicht um den Teilbereich „Medien/ Mittel“ im Berliner Modell handelt, dann trifft die Kritik an der Aussage „Pädagogik vor Technik“ durchaus zu.

Wenn man Pädagogik im Sinne einer Handlungsanweisung für die praktische Arbeit im Unterricht betrachtet, muss man sie aber als eine Ausgangsvoraussetzung sehen, die als Grundlage jeder Entscheidung dient, die man fällen muss, bevor man die Wahl der Ziele, der Inhalte, der Methoden und der Medien angeht.

Ich denke, dass dies vor dem Hintergrund meiner bisherigen Lehrtätigkeit eine (halbwegs und mit wenigen Mitteln, in kurzer Zeit verfasste) Erklärung bietet, warum für mich die Aussage „Pädagogik vor Technik“ weder trivial noch unschlüssig ist. Sie verdeutlicht, warum – um konkret zu werden – der Technikeinsatz in der Realschule oder zusammen mit Werkrealschülern anders geplant werden muss als jener mit Gymnasiasten. Wir erinnern uns an Gieseke: Nicht um „richtiges“, sondern nur „angemessenes“ pädagogisches Handeln“ einzuleiten. Dies soll, nur um dies deutlich zu machen, keine normative Aussage über Schulformen darstellen. Banal kann man sagen: Wenn die Eltern das Tablet zu Hause haben, ist es klar, dass meine Erfahrung damit größer ist. Dafür müssen sie es sich aber leisten können.

In einem dem größeren Rahmen angemessenen Rahmen ist der Grundsatz „Pädagogik vor Technik“ also in meinem Verständnis nicht nur richtig, sondern grundlegend dafür, innerhalb der Kultur der Digitalität „zeitgemäßes Lernen“ bzw. „zeitgemäße Bildung“ zu ermöglichen.

 

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