Das Projektunterricht in bestimmten Formen eine Antwort auf die Komplexität des 21. Jahrhunderts ist, ist kein Gedanke von mir. Bestimmte Formen dieser Art von Unterricht gibt es schon sehr lange. Jüngst haben vor allem Lisa Rosa mit ihrem Text “Welche digitale Revolution wollen wir?” begründet, inwiefern Projektarbeit eine Mögliche Reaktion auf den Erwerb von Haltung, Kompetenzen und kritischem Denken ist. In einer thesenartigen Zusammenstellung hat sie vor kurzem diesen Gedanken erneuert. Stellt man die verschiedenen Säulen der formellen Bildung, wie sie seit gut einem Jahrhundert an Schulen Axiom ist, einer freien Alternative gegenüber, schärft diese den Blick für eine Art der individualisierten Bildung, die auch und vor allem durch den Gebrauch digitaler Medien erweitert werden kann. 

Zunächst zu den beiden Begriffen. Zeitgemäße Bildung ist zunächst einmal nur ein Hashtag, den verschiedene „Player“ des digitalen Diskurses versucht haben mit Inhalt zu füllen. Für mich spielt das „zeitgemäße Lernen“ eine größere Rolle, weil sie auf den Vorgang, die Handlung fokussiert. Dass ein solches Lernen für mich gleichsam „reflektiertes Lernen“ ist und dass dieser Begriff für mich den Umgang mit den digitalen Medien einbezieht, habe ich an anderer Stelle ausgeführt. Holzschnittartig könnte man sagen: Im wahrsten Sinne des Wortes „der Zeit entsprechend“. Für mich bedeutet diese Form der Lernens eine Hochzeit zwischen formellem und informellem Lernren, die es in den Bildungsinstitutionen stattfindet (siehe Titelbild).

Der Bildungsbegriff ist nicht ohne weiteres neu zu besetzen. Der Brockhaus definiert 4 Bereiche, die der Begriff bezeichnet.

Systematisch gesehen bezeichnet Bildung seit dem Ursprung mehrere, nicht auf einander reduzierbare, obwohl im Zusammenhang thematisierbare Sachverhalte:

  1. Bildung steht für den Prozess der Selbstkonstruktion des Menschen im Lebenslauf, die dafür relevante kulturelle Norm, die historisch-spezifische Form und das Ergebnis der Aneignung von Welt.
  2. Bildung wird benutzt, um die Prinzipien der institutionellen Ordnung gesellschaftlich organisierter Lehr- und Lernprozesse von der Elementarbildung bis ins Erwachsenenalter vorzugeben.
  3. Bildung fungiert als Leitbegriff, in dem die deutsche Gesellschaft ihr Bild von sich selbst, ihre Tradition und ihre Zukunftsvorstellungen behandelt und über erwünschte Verhaltensweisen und Lebensformen diskutiert.
  4. Bildung ist schließlich Thema und z. T. grundbegriffliche Kategorie in unterschiedlichen human- und sozialwissenschaftlichen Theorien, nicht nur in der abendländischen Philosophie und Pädagogik, sondern auch in Psychologie, Soziologie, Rechts- und Staatswissenschaften oder Geschichte, auch hier jeweils nicht unumstritten oder zu allen Zeiten unbefragt in Geltung, schon gar nicht ohne Konkurrenzangebote.

(Brockhaus, Bildung. http://brockhaus.de/ecs/enzy/article/bildung

Für uns von besonderem Interesse ist der zweite Punkt, der die „institutionelle Ordnung“ hervorhebt. Die Genese der Definition und Kritik würde an dieser Stelle eine Doktorarbeit füllen. Es sei nur festgehalten, dass die Langsamkeit von gremienübergreifenden Planungsprozessen nicht selten dazu führt, dass gesellschaftliche Entwicklungen verpasst oder zumindest zu wenig beachtet werden. Eine zeitgemäße Bildung hätte es zum Ziel, die Diskrepanz zwischen institutionell hergestellter Kanonisierung und gesellschaftlicher Entwicklung miteinander zu verbinden. Dies kann im Kleinen durch Lehr- und Lernszenarien geschehen, die sich den den Herausforderungen des 21. Jahrhundert orientieren.

Auch wenn meine Herangehensweise ein wenig vorsichtiger – man könnte sagen evolutionärer ist als die von Lisa Rosa, habe ich an einigen Stellen darauf hingewiesen, wie eine Veränderung von Unterricht geschehen kann (zum Beispiel mittels agilem Arbeiten, das sich auch an Lisa Rosas Forschungsfragen orientiert).

Eine Gegenüberstellung, die meines Erachtens für das Weiterdenken von Unterrichtssettings fruchtbar sein kann, ist die folgende. Und zwar orientiere ich mich dabei an der Zertifikatsarbeit von Pirmin Stadler, die viel differenzierter als ich in diesem kleinen Artikel auf konkrete Weise Veränderungen des Schulsystems fordert und beschreibt. 

Stadler beschreibt dabei die Ausrichtung des schulischen Unterrichts an Mittelköpfen (hier linke Spalte). Auch diese Ausrichtung mag Vorteile haben. Was mich aber interessiert, ist, ob die Entgegensetzung, die ich hier vornehme, helfen kann, gegenüber Lehrerkollegien deutlich zu machen, wie konkrete Bildungsszenarien verändert werden können.

Fragen, die für mich bleiben, sind die folgenden: 

  1. Kann eine solche Gegenüberstellung helfen zu erläutern, inwiefern und an welchen Stellen Unterricht verändert werden kann? 
  2. Sind die gegenübergestellten Begrifflichkeiten auf der anderen Seite angemessen?
  3. Wenn nicht, wie könnte man sie präzisieren? 

Ich möchte nochmals verdeutlichen, dass die Vorarbeit jene von Rosa und Stadler ist und das mein Verdienst, wenn überhaupt, darin liegt, zu fragen, ob eine Spiegelung möglicherweise für jene, die den Diskurs nicht begleiten, eine fruchtbare Verdeutlichung der veränderten Unterrichtssituation ist. 

Zunächst einmal keine Rolle spielen die verschiedenen Gründe dafür, inwiefern die rechte Spalte problematisch, nicht umsetzbar oder utopisch ist. 

Ein Hinweis, den ich geben möchte, ist dieser: Hat man den Leitmedienwechsel und die digitale Transformation vor Augen (digitale Medien als Verstärker), dann ergeben sich meines Erachtens aus diesem einfachen Spiegel plötzlich sehr einfache und nachvollziehbare Argumente für den Einsatz von digitalen Netzen, Plattformen und Applikationen. 

Die Gegenüberstellung findet sich auf der anderen Seite. 

Anmerkung zu den einzelnen Punkten

Bei dieser Gegenüberstellung geht es nicht um absolute Werte. Es geht um Koordinaten, die es ermöglichen, eine Selbstbetrachtung zu unternehmen und möglicherweise den eigenen Standpunkt zu erweitern.

Dabei liegt der Gedanke des „zeitgemäßen Lernens“ insofern zu Grunde, als dass er überhaupt erläutert, wieso es eine Veränderung von Lernprozessen gerade in der heutigen Zeit braucht.

Das Koordinatensystem ist also keine Standardantwort darauf, wie man Unterrichtssettings „irgendwie verändern“ kann. Sondern es gibt einen Hinweis, wie man Unterricht so erweitern kann, dass er den Gegebenheiten der Zeit und damit der Kultur der Digitalität in einem größeren Maße entspricht.

Beispiel Medien-AG

Inwiefern dieses Koordinatensystem genutzt werden kann, wird an dieser Stelle damit verdeutlicht, dass ich es für meine Medien-AG nutze, die ich schon vor einiger Zeit als Form „echten“ damals noch digitalem Arbeiten beschrieben habe. Nach der Visualisierung erkläre ich ausschließlich jene Punkte, die sich nicht sowieso schon aus der Darstellung ergeben.

Zunächst einmal aber eine Erklärung, warum diese Arbeit überhaupt gewinnbringend ist: In der Medien-AG

  • spielen Noten keine Rolle
  • ist somit eine andere Kommunikation möglich
  • ist nur der Rahmen gesteckt
  • wird motiviert zusammengearbeitet
  • finden sich Schüler*innen verschiedener Klassen zusammen
  • werden zahlreiche Kompetenzen „nebenbei“ geschult

Diese Liste ließe sich um einige Punkte erweitern. Sie soll nur verdeutlichen, dass wir von einer gelingenden Lernsituation ausgehen, die eben mittels des Koordinatensystems visualisiert werden kann.

Anmerkung zu Einzelpunkten

Jene als „progressiv“ zu bezeichnende Punkte sind selbsterklärend. Gleicher Zeitraum und gleiche Zeit verweisen darauf, dass die Medien-AG sich zumindest von einer Zentrale aus trifft (das letzte Videoprojekt wurde jedoch woanders realisiert). Das bedeutet, dass die Wahl nicht zufällig ist, sondern institutionell bestimmt wird (anders ließe es sich auch im Stundenplan nicht abbilden). Man kann also sagen, dass der informelle Rahmen hier beibehalten wird – zumindest, solange die Schüler*innen nicht zusammen mit dem Lehrer (und dieser in Absprache mit der Schulleitung) einen anderen Ort bestimmt.

Ist dies nun das Ende der Suche nach der perfekten Lernsituation? Sicherlich nicht. Das ist aber auch nicht die Frage. Der Artikel und die Schilderungen versuchen damit lediglich zu zeigen, dass zeitgemäße Bildung konkret mittels der Veränderung der Lernumgebung und -situation umgesetzt werden kann. Wenn das eine Erkenntnis ist, die einige Leser daraus ziehen, dann waren diese Überlegungen schon lohnenswert.

Anmerkung am Ende

Dieser Artikel ist, wie so oft, gleichzeitig eine Selbstreflexion eines noch nicht abgeschlossenen Gedankens wie eine weitere Grundlage meiner eigenen Arbeit. Er sieht sich explizit nicht als Weiterführung und oder Ergänzung ähnlicher Artikel mit demselben Titel. Verlinkungen finden nur dort statt, wo zumindest die Möglichkeit eines konstruktiven Austausches besteht.

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