Es gibt dieses eine Bild, das anscheinend immer dann von Zeitung zu Zeitung gereicht wird, wenn es um die „Digitalisierung der Schulen“ geht. Man sieht drei nebeneinander stehende Computer, an denen jeweils ein Schüler sitzt – zu sehen von hinten. Zumeist stehen diese Bilder in starkem Kontrast zu dem, was in den Artikeln steht. Während dort die Potenziale der Digitalität für ein zeitgemäßes Lernen hervorgehoben werden, suggeriert das Bild Einsamkeit, Stagnation und Kälte. Damit passt es ein wenig zu jenem falschen Fortschritt, der gerade im Zeichen der Krise vorangetrieben und abgelehnt wird. Ein Kommentar. 

Beat Döbeli Honegger hat das Problem frühzeitig erkannt. In seinem Positionspapier vom 19. Juni 2020 mit dem sprechenden Titel „Warum sich der Notfallunterricht nicht als Diskussionsgrundlage für zeitgemäße Bildung in einer Kultur der Digitalität eignet“ erläutert er eben jene titelgebende These. Dabei arbeitet er 4 Punkte heraus, die im Krisenmodus anders sind als in einer Situation der freiwilligen Weiterentwicklung von Unterricht: Fehlende Präsenz, fehlende Planung, Ausrichtung auf kurzfristige Tauglichkeit und Stress. Verkürzt lautet die treffende These: Wer das Digitale unter diesen Bedingungen kennenlernt, verfehlt es, die Potenziale kennenzulernen, die sich in einer „Normalsituation“ ergeben. Dem stimme ich grundsätzlich zu.

Unterschiedliche Voraussetzungen

Es kommt jedoch noch ein weiterer, und wie ich finde, ein entscheidender Punkt hinzu. Die Situation von vielen Schulen war vor der Krise, was die Digitalisierung betrifft, nicht gerade rosig. Es gibt immer noch Schulen, die kein W-Lan haben (und die Aussicht darauf erst in einigen Jahren gegeben ist). Jene Schulen konnten also nur im Krisenmodus operieren.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Hoffnungen auf jenen Schulen lasten, die schon entscheidende Schritte gegangen sind. Klammert man jene Schulen aus, in denen digitale Pioniere sich seit Jahren um Konzepte, Fortbildungen und Schulentwicklung kümmern, geht es aber bei vielen Schulen nun vor allem um eines: Um Technik. Nun, könnte man denken, um was soll es denn sonst gehen, wenn wir über Digitalisierung sprechen?

Ein falscher Fokus

Das Problem ist, dass ohne didaktische Vorüberlegungen Technik zum neutralen Transporteur eines Status Quo wird. Mit anderen Worten: Da, wo Technik und entsprechende Plattformen als bloße Möglichkeit gesehen werden, eine Effizienzsteigerung bei der Verteilung von Arbeitsblättern vorzunehmen, geschehen zwei Dinge:

  1. Dadurch, dass sich eine solche Techniknutzung für einige sehr schön in eine vorgefertigte Verwaltungsstruktur einfügt, ergibt sich für die Unterstützer kein Zwang, über eine Veränderung der Lernsituation nachzudenken.
  2. Dadurch, dass jene, die sich mit digitalen (und gesellschaftlichen) Prozessen noch wenig auseinandergesetzt haben, diese Verkürzung erkennen, ist eine (nachvollziehbar) ablehnende Haltung die Konsequenz.

Mit anderen Worten: Dort, wo Bestehendes digitalisiert wird, wird zum einen eine starre Struktur zementiert und zum anderen wächst eine ablehnende Haltung, die in dem vielfachen Schrei resultiert, man möge doch zur „Normalität“ zurückkehren – als sei diese Normalität eine Welt ohne digitale Potenziale, Räume, Vernetzung oder Herausforderungen.

Fazit und Ausblick

Alles in allem ergibt sich vor diesem Hintergrund ein eher düsteres, aber bekanntes Bild. All jene, die schon vor der Covid-Krise den digitalen Wandel ernstgenommen haben, kennen das Problem, gegen eine Argumentation anzusprechen, die auf einer falschen Grundannahme basiert. Das kennt man von der Handynutzung: Für diejenigen, die den Smartphone-Gebrauch auf „Daddelspiele“ verkürzen, ergibt sich eine (innerhalb dieser Verkürzung plausible) ablehnende Haltung gegenüber dem Smartphone-Gebrauch in Schulen.

Die Konsequenz, die sich in den letzten Jahren daraus ergab, war jedes Mal: Lauter schreien, mehr erklären, mehr Reichweite, mehr Überzeugung. Das bleibt sicherlich so. Dennoch erscheint die momentane Lage schwieriger. Denn die hier besprochene Verkürzung führt schon jetzt zu noch mehr Mehrwert-Diskussionen und noch mehr Situationen, in denen jene, die einen grundsätzlichen Wandel wollen, mit einer neuartigen Form von Argument konfrontiert sind: „Digitalisierung ist Quatsch, haben wir schon probiert.“ Es gibt keine richtige Digitalisierung in der falschen. Es wird eine Mammutaufgabe, den momentanen falschen Fortschritt aus den Fesseln der Krise zu befreien.

 

2 KOMMENTARE

  1. Ich verfolge die digitale Lehrergemeinschaft nur ein wenig am Rande. Ich kann viele passionierte Beiträge über didaktische Konzepte im digitalen Bereich gut nachvollziehen, gleichzeitig halte ich mir immer wieder die konkrete Realität in meinem Kollegium vor Augen. Es gibt nun mal viele KollegInnen, die sich schon freuen, wenn sie ihre erste Videokonferenz zum Laufen gebracht haben. Oder merken, dass sich die SuS so sehr über ein Kahoot-Quiz freuen und dann selbst ganz begeistert sind. Vielleicht sind sie schon zufrieden, wenn die SuS ihre Beiträge auf der Lernplattform hochladen und man sie zu Hause lesen und korrigieren kann.

    Ich verstehe den Einwand bei der „Mehrwert“-Diskussion, dass der Begriff irreleitet und man digitalen Unterricht viel fundamentaler denken muss. Ebenso verstehe ich den Einwand in diesem Artikel, dass „Digitalisierung“ unter Corona eine andere war (und zum Teilen noch ist) als ausgereifte und ganzheitliche Konzepte zur Digitalisierung.

    Aber wenn für technophobe (im engeren Sinne des Wortes) ein Kahoot-Quiz oder Vokabellernen der Klasse bei Quizlet einen „Mehrwert“ bietet und sie darin einen Sinn, dann will ich nicht augenrunzelnd daneben stehen und sagen, sie sind im „Gutenberg“-Zeitalter hängen geblieben.

    Ich glaube der Unterschied zwischen dem Twitterlehrerzimmer und der Alltagsrealität liegt häufig eine Stufe tiefer. Konzeptarbeit – egal in welcher Form – ist kognitiv anstrengend. Ich erlebe das immer wieder bei SuS und auch bei KollegInnen in Fachkonferenzen – je länger man sich über komplexe, langfristig-angelegte und vielschichtige Dinge Gedanken machen muss, desto nervöser werden viele. Ich höre regelmäßig den „Deep Questions“-Podcast von Cal Newport und habe auch sein „Deep Work“ gelesen und ich glaube die Unterscheidung von deep und shallow work hat mir wirklich geholfen, bestimmte Phänomene klarer zu sehen.

    Es gibt einen gewissen Anteil in jeder Bevölkerung, der in anstrengender kognitiver Arbeit aufgeht und daraus einen Gewinn für sich und andere zieht. Es gibt aber einen mind. so großen Anteil von Menschen, die sich vor dieser Art des Denkens und Arbeitens scheuen und froh sind, mit der täglichen Masse an Routine-Arbeit zurechtzukommen. Einige gut befreundete Kollegen haben mir das auch schon offen gesagt, dass sie komplizierte Curriculumsplanungen am Nachmittag einfach anstrengen und sie sich gerade nicht mehr konzentrieren können. Vielleicht kommen auch noch geringe Aufmerksamkeitsspannen (befeuert durch clevere Plattformen) dazu (die neue Netflix-Doku von Tristan Harris (The Social Dilemma) ist da sehr aufschlussreich), sodass tieferes Denken oder „knowledge work“ in der heutigen Kultur nicht unbedingt durch die Umwelt gefördert wird.

    Ich möchte zwar meinen Teil dazu beitragen, andere mitzuziehen und zu inspirieren, aber ich möchte mir auch eine gewisse Gelassenheit und ein hohes Maß an Verständnis bewahren, wenn das nicht immer gelingt.

  2. […] Was meine ich damit? Ich will es an einem Beispiel deutlich machen. Ich bin ein passiver Mitleser am Randes des Twitterlehrerzimmers, eines losen Verbunds von Lehrkräften, die sich eher auf der modernen, reformorientierten Seite sehen und vor allem über Digitialisierung des Unterrichts sprechen. Ich verstehe, dass diese Leute zutiefst frustriert sind, wenn man ihre jahrelang entwickelten Gedanken einer digitalen Didaktik ignoriert und stattdessen nun unter dem Druck von Corona den Präsenzunterricht einfach nur auf Microsoft Teams verlegt (siehe etwa Bob Blume: „Der falsche Fortschritt„). […]

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