UNTERRICHT: Musterlösung zur Texterörterung

Bob Blume
I
15. April 2023
0 Kommentare

Bis kurz vor dem Abitur im Fach Deutsch habe ich mit meinem Leistungskurs zu unterschiedlichen Schwerpunkten gearbeitet. Einige Schülerinnen und Schüler arbeiteten auch an der Textanalyse, die im Abitur in Baden-Württemberg Teil einer zweigeteilten Aufgabenstellung ist, in der der Schwerpunkt entweder auf der Textanalyse oder auf der Texterörterung liegen kann (Diese Zweiteilung endet übrigens im Abitur ab 2023, dann wird die Analyse eine Option sein. Die andere ist dann die separate Texterörterung). Der folgende Text entstand im Zuge einer Aufgabenstellung, deren Ziel es war, "Musterlösungen" zu erstellen. Mehr dazu im Hintergrund. 

Hinweis für Lehrkräfte

Aufbauend auf diesem Artikel gibt es nun ein Materialpaket zur Textanalyse auf Eduki. Hier werden Texte nach dem hier dargestellten Muster analysiert, didaktisch aufbereitet und im Sinne eines zeitgemäßen Unterrichts aufbereitet.

Zum Materialpaket

Zum Hintergrund

Wenn ich zusammen mit meinem Kurs alle Themen besprochen habe, die potenziell im Abitur drankommen könnten, haben wir meistens ein paar Wochen Zeit, dass sich die Schülerinnen und Schüler in offener Arbeit auf ihre Themen vorbereiten können. In dieser Zeit können sie an verschiedenen Schwerpunkten arbeiten.

Dieses Jahr habe ich die Aufgabe integriert, dass sie eine Musterlösung verfassen. Beim Verfassen dieser Musterlösung handelte es sich um eine Art des Formative Assesment. Kurz gesagt konnten die Schülerinnen und Schüler so oft Feedback einholen, wie sie wollten, bis eine Musterlösung am Ende ihrer Arbeit stand. Für diese bekamen sie die volle Punktzahl - sofern sie sie abgegeben haben. Sie nicht abzugeben, hat keine Konsequenz gehabt (da es vor allem darum ging, das eigene Lernen zu strukturieren und durchs Tun die tatsächliche Aufgabenstellung zu üben).

Zur Textanalyse und Erörterung

Die Schwierigkeit an einer Textanalyse ist es, “hinter” den Text zu schauen und nicht nachzuerzählen. Auch geht es nicht darum, möglichst viele sprachliche Besonderheiten zu sammeln und aufzuzählen, sondern die Grundstruktur des Textes zu erfassen, die inhaltlichen Schwerpunkte herauszuarbeiten und zu prüfen, inwiefern die sprachlichen Besonderheiten eben jene herausgearbeitete Argumentationsstruktur betonen, verdeutlichen und/ oder diese verstärken. Mehr dazu gibt es im folgenden Video:

Material: Das perfekte Argument

All das macht die Schülerin in ihrem nachvollziehbaren, stringenten und strukturierten Aufsatz. Natürlich sind Kommentare willkommen. Ich bedanke mich an dieser Stelle herzlich dafür, dass Nelly mir die Arbeit zur Verfügung gestellt hat.

Die Analyse bezieht sich auf den Text "Immer her mit der Nazikeule", der als Kolumne von Sascha Lobo auf SPIEGEL-Online veröffentlicht worden ist.

Analyse und Erörterung

"Immer her mit der Nazikeule"

Von Eleni Fotiadis

Das NS- Regime ist seit fast 80 Jahren gestürzt. Das heißt aber keineswegs, dass es keine Nazis mehr gibt. Die Entnazifizierung in den 50er und 60er Jahren war unvollständig. Es ist also nicht verwunderlich, dass rassistisches und antisemitisches Gedankenmaterial in der Gesellschaft kursiert und Anklang findet. Und das alles, obwohl heute eigentlich niemand mehr Nazi sein möchte. Denn Nazi sein ist etwas Schlechtes, das lehrt uns der Geschichtsunterricht. Sascha Lobo beschäftigt sich in seinem Kommentar “Immer her mit der Nazikeule” mit genau dieser Art von Menschen. Mit Menschen, die eigentlich keine Nazis sein möchten, aber sich wie solche verhalten und äußern.

Lobos Text beschäftigt sich also mit der gesellschaftlichen Einordnung von Personen aufgrund ihrer Sprache, im weiteren Sinne also des Zusammenhangs von Sprache und Identität.

Er kommt dabei zu folgender These: Solange die Menschen mit dem Begriff “Nazikeule” argumentieren, wollen sie sich von dem Nazimilieu distanzieren und nicht als Teil der Nazis angesehen werden. Man solle deshalb an diesem Punkt der Selbstdistanzierung angreifen, um sie aus dem Nazikreis herauszuholen.

Zunächst stellt Lobo die Problematik dar, die bei dem Diskurs mit Menschen auftritt, die rechte, menschenverachtende Kommentare im Netz tätigen. Anschließend erklärt er die Begriffe Nazikeule und Nazi. Der Begriff Nazikeule stehe in der Tradition der Täter-Opfer-Umkehr, während der Begriff Nazi heute ein Sammelbegriff für all diejenigen sei, die zu rechtsorientierter Menschenfeindlichkeit neigen. Im Übrigen werde Nazikeule von den Betroffenen selbst verwendet, um sich eigenständig von der Zuordnung zum Nazimilieu zu distanzieren. Der Hintergrund dieser Selbstdistanzierung sei, dass man zwar rechtsradikale Äußerungen machen wolle, gleichzeitig aber nicht dem Nazi-Spektrum zugeordnet werden wolle. Abschließend plädiert Lobo dafür, die Dinge beim Namen zu nennen, das heißt beispielsweise rechte Aussagen als solche zu bezeichnen, um so die Nutzung dieser Sprache zu verhindern.

Lobos Kommentar ist linear aufgebaut und wirkt dadurch, für diesen Autor überraschend, fast schon konventionell. Es erfolgt ein Einstieg, eine Begriffserklärung, eine Erklärung der Problematik und ihrer Hintergründe und schließlich ein Schluss mit Appell. Besonders auffallend sind die Zwischenfazite, die in allen Teilen auftreten und die Position des Autors untermauern.

Der Kommentar beginnt mit einer häufig gehörten Aussage (“Man muss mit diesen Leuten reden”, Z. 1). Diese Aussage problematisiert er aber kurz darauf schon wieder und stellt sich kritisch gegenüber derer, die diese tätigen. Er unterstellt ihnen vor allem eine Praxisferne gepaart mit einer gewissen Überheblichkeit. Die Überheblichkeit zeigt sich vor allem in ihrer Bezeichnung als “Besonnene” (Z.1 und Z.4), genauer als “Besonnene, die wahrscheinlich, wie so oft Recht haben” (vgl. Z.4f.). Sie seien aber nur aufgrund ihrer Praxisferne so überheblich, denn “sie haben noch nie versucht, was sie predigen” (Z.7f.). “Tatsächlich” (Z.9) komme es nämlich in der Diskussion zu “drei häufig wiederkehrenden Phänomenen” (Z.10f.). Die Darstellung der Problematik erfolgt also in der Erklärung dieser drei Phänomene in Form einer Auflistung dieser.

Die Nutzer solcher Äußerungen nutzen diese vor allem, um Zusammengehörigkeit zu einer gewissen Gruppe zu zeigen. Es gehe nicht darum, mit dem Gegenüber wirklich zu diskutieren, sondern von der Gegenseite “Recht zu bekommen” (Z.15). Die Position der Nutzer bezeichnet er als “die eigene absurde Definition”, womit er klar eine Wertung vornimmt und so die Position als nicht ernst zu nehmen und wahnsinnig charakterisiert.

Das zweite Phänomen sei die starke Abwehrhaltung, die die Nutzer gegenüber jeglicher Kritik an ihrer Position einnehmen, um sich “ selbst vor der Gruppe zu vergewissern” (vgl. Z.18). Es findet eine starke Kontrastierung zwischen der “sanften” Konfrontation der “Besonnen”, möchte man in Lobos wortlaut bleiben, und der “brachialen” Gegenreaktion der Nutzer statt. Durch diese indirekte Charakterisierung der Nutzer wird deutlich, wie sehr die Nutzer in ihrer Filterblase gefangen sind und wie sehr sie von der absoluten Richtigkeit ihrer Position überzeugt sind.  Gerade die Selbstvergewisserung schafft eine Verbindung zu Phänomen eins, das ja auch die Zugehörigkeit zur Gruppe thematisiert.

Er schließt mit dem Phänomen des ständigen Auftretens des Begriffs “Nazikeule”, dass er als gar “verlässliches” (Z.19) Auftreten bezeichnet. Es wird also deutlich, dass der Begriff etabliert ist.

Besonders hervorzuheben ist die Darstellungsweise der Nutzer. So charakterisiert Lobo sie zu keiner Zeit als Nazis, Rassisten oder Antisemiten. Ihre Kommentare beschreibt er beispielsweise als “rechtsradikal gefärbte Kommentare” (Z.2f.). Durch diese Relativierung findet also keine direkte Einstufung als rechtsradikal oder Nazi statt, was als Vorschau auf das später genannte Argument, dass sie noch gerettet werden können, angesehen werden kann. Später bei der Erläuterung der Problematik im Diskurs stellt er die Bezeichnung “diese Leute” in Anführungszeichen. Er stellt hier also heraus, dass es sich keineswegs um eine homogene Masse handelt und dass man sie auch nicht als solche ansehen darf.

Erst jetzt erfolgt eine Erklärung des Begriffs Nazikeule, der sich als Leitmotiv durch seinen Text zieht. Er erklärt im gleichen Zug, warum gerade dieser Begriff so wahnsinnig betrachtenswert ist. Nazikeule sei der “derzeit spannendste, weil bezeichnendste Begriff im deutschsprachigen Internet” (Z.20f.). Die Ellipse in diesem Satz zeigt eine verkürzte Darstellung der Kausalität und zeigt so die Einfachheit des Zusammenhangs, was seine These stark unterstützt. Im Anschluss schafft der Autor einen Bezug zur Geschichte. So stammt der Begriff Nazikeule von dem Begriff Moralkeule. Er vergleicht den Begriff mit dem Begriff “Auschwitz-Keule”. Er zeigt Parallelen auf, nämlich, dass stets eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet. Er verweist ebenfalls darauf, dass es eine lange Tradition solcher Täter-Opfer-Umkehr gibt, wobei er verdeutlicht, dass es sich um eine lang anhaltende Problematik handelt, die nicht erst im Zuge der “Nazikeule” aufgetreten ist.

Im gleichen Zug erklärt Lobo die Transformation des Begriffs “Nazi”. So sei der Begriff früher in einfacher, unwissenschaftlicher oder wie Lobo sagt “wikipediahafter” (Z.33) Weise lediglich ein Kurzwort für Nationalsozialist gewesen. Er habe sich nun aber in einem Prozess “zum Sammelbegriff entwickelt” (Z.34f.), der die einschließt, die zu “rechtsorientierter Menschenfeindlichkeit” (Z.36) neigen. Der Begriff sei heute viel weiter gefasst, was im Kontrast zur “rechten Nachkriegstradition” (Z.37) stehe. Diese “rechte Nachkriegstradition” lässt sich als Anspielung auf die unvollständige Entnazifizierung verstehen, die in der BRD nach dem Untergang des Dritten Reiches stattfand. Eine unvollständige Entnazifizierung, die ein Grund dafür sein könnte, dass noch heute solches Gedankenmaterial existiert und verbreitet wird.

Im nächsten Abschnitt stellt Lobo dar, aus welchen Reaktionen der Nutzer der Begriff Nazikeule resultiert. Er stellt dafür die von ihm zu Beginn des Kommentars angesprochene Selbsterkenntnis oder Selbstoffenbarung dar, die in der Verwendung des Begriffs stecken. So stecken zwei zentrale Aussagen in der Nutzung.

Erstens, man möchte nicht als Nazi erkannt werden, weil Nazi ja offensichtlich etwas Schlechtes sei. Zweitens, wenn man den Begriff schon präventiv nutzt, ist man sich dessen bewusst, dass die eigenen Aussagen rechtsradikale Tendenzen beinhalten und als solche verstanden werden können. Diese beiden Aussagen, die eigentlich komplexe soziolinguistische Phänomene verdeutlichen, bricht er für den Leser extrem herunter. Man beachte die Darstellung der Phänomene in nur jeweils einem Satz. Vereinfacht wird dies außerdem noch dadurch, dass die Sätze nach gleichem Muster, also parallel aufgebaut sind. Zunächst wird der Sachverhalt dargestellt, dann die direkte Erkenntnis, die sich daraus ergibt. Die Intention des Autors ist es, dem Leser komplexe Sachverhalte einfach zu vermitteln. Gleichzeitig schafft der Autor zu Beginn des Abschnittes einen direkten Bezug zum Ende des vorherigen, also zu dem Aspekt der rechten Nachkriegstradition. “Der Begriff Nazikeule sei das Arschgeweih der Rechtspopulisten” (Z.40). Diese Metapher, die zunächst sehr verwirrend ist, da sie nicht wirklich in den Kontext zu gehören scheint, ist wie folgt zu lösen: Zunächst muss sich klar gemacht werden, was ein Arschgeweih ist. Auch wenn es oft als Jugendsünde angesehen wird, zeigt es trotzdem die Zugehörigkeit zu einer vergangenen Zeit. Der Begriff kann so als eine Art Zugehörigkeit zur vergangenen Nazizeit angesehen werden, weil er ja versucht, rechtsradikale Aussagen zu legitimieren.

Er versucht den Gedanken der Selbstoffenbarung in der Nutzung noch klarer zu machen, indem er auf die Wendung “in die rechte Ecke stellen” (Z.51f.) eingeht. Man halte sich zwar nicht für rechts, möge aber dieses Vokabular benutzen. Am Ende dieses Abschnittes folgt ein, wie Lobo selbst sagt, "interessanter" (vgl. Z.56) Einschub, der aber nicht weiter ausgeführt wird. So würden Rechte “rechts” als Synonym für “rechtsradikal” nutzen.  Diese Anmerkung Lobos impliziert, dass er eine Verharmlosung der eigenen Position bei den Rechten zu erkennen glaubt.

Nachdem Lobo nun Begriff und Selbstoffenbarung in seiner Nutzung erklärt hat, stellt er den Hintergrund der Nutzung dar. Der Hintergrund ist eine Erkenntnis, die Lobo eigentlich im Verlauf des gesamten Kommentar immer wieder  angedeutet hat. Man möchte rechte/rechtsradikale Position vertreten ohne als rechts/rechtsradikal angesehen werden. In Lobos metaphorischen Worten: "Man möchte sich waschen, ohne nass zu werden" (Z. 62). Es steht außer Frage, dass ein solcher Vergleich der Anschaulichkeit dient, gerade wenn das Motiv des “nass Werdens” im gleich nächsten Satz noch einmal aufgegriffen wird. So diene das Wort “Nazikeule als “Imprägnierung” (vgl. Z.63), also als Maßnahme gegen das “Nass werden”, also als Maßnahme, um nicht als Nazi eingestuft zu werden. Unterstrichen wird dies durch die leicht modifizierte, häufig gehörte Aussage von den Nazis: “Man wird doch wohl noch Etwas sagen dürfen, ohne gleich rechtsradikal genannt zu werden”. Die modifizierte Variante von Lobo lautet wie folgt: “Man wird doch wohl noch etwas Rechtsradikales sagen  dürfen, ohne gleich rechtsradikal genannt zu werden!” (Z.63ff.). Der Unterschied ist, dass Lobo die Dinge beim Wort nennt. Er stellt heraus, dass es sich bei dem Gesagten um Rechtsradikales handelt. Eine Klarheit, deren Fehlen er bei den Nazis im Laufe des Kommentars noch weiter kritisieren wird, um genau zu sein, unter anderem schon im direkten Anschluss. Er verweist auf eine Weisheit von Forrest Gumps Mutter “Dumm ist, wer Dummes tut” (Z.66). Auf diesem Filmzitat baut er anschließend sein klares Statement auf. Es folgt die Aussage, die parallel zum Filmzitat ist und so als direkter Schluss angesehen werden kann, der aus einer Art Vergleich resultiert: “Rechtsradikal ist, wer Rechtsradikales sagt.” (Z.67). Wer man ist, resultiere also aus dem, was man sagt und meint, nicht aus dem, was man sein möchte. Der Sprache wird hier also ein immenser Wert und Anteil an der Identität zugeschrieben.

Von diesem Statement ausgehend schließt er im nächsten Satz auf seinen Appell an den Leser, bzw. gar an die Gesellschaft. Dass der Appell eine Folge des Statements ist, wird durch die konsekutive Satzeinleitung “deshalb” (Z. 71) deutlich. Lobo plädiert für eine Instrumentalisierung (vgl. “gezielte Verwendung”; Z. 71) des Begriffs. Wann er einzusetzen ist, erklärt er anhand eines einfachen Parallelismus, der Umstand und daraus folgende Konsequenz umfasst. “Wann immer rechtsradikale Thesen geäußert werden, sollen sie rechtsradikal genannt werden. “Wann immer rechte Menschenfeindlichkeit augenzwinkernd angedeutet wird, soll sie rechte Menschenfeindlichkeit genannt werden.”(Z.72-75). Der Parallelismus impliziert gleichzeitig, dass die Aussagen immer nach gleichem Muster verlaufen und deshalb auch die Reaktion immer dieselbe sein sollte. Die Begründung, warum dies so sein sollte, also, dass die Nazis selbst ja nicht als solche bezeichnet werden wollen, ist nachgestellt. Es folgt die Erkenntnis Lobos, die er mit einem elliptischen Satz, der nur aus dem Wort “immerhin” (Z.78) besteht, einleitet und verdeutlicht. Der Aha-Effekt scheint hier fast wörtlich stattzufinden. Weil Nazis nicht als solche bezeichnet werden wollen und eine Schutzpose einnehmen, müsse man an diesem Punkt ansetzen. “Diese Leute” (Z.82), die, wie schon zuvor angemerkt, für Lobo keine homogene Masse bilden, werden nun von ihm in zwei Gruppen unterteilt. Einerseits gebe es sogenannte “Vollnazis” (Z.83), mit denen kein Dialog möglich sei. Es gebe aber auch die einfachen Mitläufer. Die, die eigentlich keine Nazis sein wollen. Mit ihnen sei die Diskussion möglich und ihnen sollte man dabei helfen, aus dem Milieu zu gelangen. Er zählt dabei eine Vielzahl von Motiven auf, die diese Menschen bewegen (vgl. "Aufgehetzte" (Z.86), etc.). Diese Akkumulation der Motive verdeutlicht die Heterogenität der Gruppe. Die Nazis als solche zu bezeichnen sieht er als Möglichkeit, sie vom Hetzen abzuhalten. Die Betonung liegt dabei durch den Konjunktiv “könnte” (Z.91) auf der Möglichkeit. Lobo präsentiert seinen Ansatz also viel mehr als Idee, von der er sich positive Auswirkungen erhofft, als als bewiesenes Erfolgskonzept. Dies wird auch noch mal im letzten Satz klar ausgesprochen (vgl. “Die Nazikeule kann ein geeignetes Instrument sein” (Z.102).

Lobo legt seine These offen und die damit verbundenen Möglichkeiten, die der Begriff der “Nazikeule” innehalte. So gesteht er zwar ein, dass es zu einer schnellen Abnutzung des Begriffs oder einer vorschnellen Verwendung kommen könnte (vgl. Z. 93ff.). Für ihn überwiegen aber die Vorteile. So könne mit dem Begriff aufgezeigt werden, wo die Grenze zwischen “legitimer Meinung und Nazi” (Z.98) sei, was äußerst förderlich ist, wenn Menschen nicht als Nazis bezeichnet werden wollen. Der Appell folgt also nochmal in einem kurzen präzisen Statement: “Preist die Schönheit der Nazikeule” (Z.100f.). Übersetzt heißt das, seht die Chancen des Begriffs der Nazikeule.

Die schon erläuterten Möglichkeiten der Nazikeule werden in einem kurzen Fazit noch einmal zusammengefasst (Z.102ff.) Der Text endet mit diesem Fazit und der Neokomposition des “noch rettbaren Rechten” (Z.102f.), der in Lobos Text eine zentrale Rolle eingenommen hat. Er sowie der Begriff der Nazikeule sind die Leitmotive des Textes und werden in seinem Verlauf immer wieder in Bezug zueinander gesetzt.

Die These Lobos “Wer den Begriff “Nazikeule” verwendet, will nicht als solcher bezeichnet und angesehen werden” ist vollkommen richtig, schließlich sind Sprache und Identität eng miteinander verwurzelt.

Die Beweise dafür sind vielfältig und zeigen sich beispielsweise schon beim Spracherwerb. Schon im frühkindlichen Alter wird der von einem Kind erworbene Wortschatz durch sein Umfeld bestimmt. Das naheliegendste Beispiele dafür sind Sprachen. Jene Sprache, die das Umfeld mit den Kindern spricht, wird erworben. Wie ein Kind spricht, ist aber nicht nur von der Muttersprache der Eltern abhängig, sondern auch von ihrem sozialen Umfeld. In welchem Milieu halten sich die Eltern bzw. auch das Kind auf? Gibt es in dem Umfeld bestimmte Soziolekte oder Dialekte? Der aktive Wortschatz einer Person ist also determiniert durch sein soziales und regionales Umfeld.

Hinzu kommt, dass Sprache Gemeinschaft schaffen kann, also genau die Zusammengehörigkeit von der Lobo spricht. Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Türkenslang oder auch Straßendeutsch genannt. Ein Slang, der zwar heutzutage gesellschaftlich weit verbreitet ist (z.B. in der Jugendsprache oder in Rap-Songs), aber einst eigentlich die Sprache einer recht exklusiven Gruppe war, der Gruppe der vor allem türkischen Migranten beziehungsweise derer Kinder. Wörter aus der eigenen Muttersprache wurden in die deutsche Sprache inkludiert. Die Sprache wurde so in Teilen unverständlich für die restliche Bevölkerung und grenzte sie so von dieser ab. Bei den Verwendern des Begriffs der “Nazikeule” geht es gar nicht so sehr um eine Zusammengehörigkeit als "ethnische” Einheit, glaubt man zumindest der These Lobos, dass sie die noch zu rettenden Nazis sind, die keine Vollblutnazis sind. Ihnen geht es vielmehr darum, sich als Opfer des Systems (der Politik) darzustellen. Als Opfer eines Systems, das ihnen den Mund zu verbieten scheint und sie an ihrer freien Meinungsäußerung hindere. Die Verwendung desselben Vokabulars macht sie zu einer Gemeinschaft.

Was diese Gemeinschaft innehält, ist die Abwehrhaltung gegenüber der Einordnung als Nazis und damit der Konnotation als etwas Schlechtes. Es geht aber nicht nur darum, dass sie etwas Schlechtes sind. Die Einstufung als Nazi geht mit sehr viel mehr einher. Wer etwas Schlechtes ist, ist eine Störfaktor für die Gesellschaft und wird deshalb an den Rand der Gesellschaft gedrängt. “Nazikeulenverwender” werden also auch an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder gar aus ihr exkludiert. Die Nazis werden nicht mehr als vollwertiger Teil der Gesellschaft angesehen. Man kann daraus schließen, dass sie das von Lobo erklärte Zusammengehörigkeitsgefühl verlieren. Sie gehören zwar noch einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe an, werden aber von der großen Mehrheit kritisch beäugt. Um das zu verhindern, wird der Begriff “Nazikeule” als eine Art präventiver Schutz genommen.

Lobo geht davon aus, dass dieser präventive Schutz mit einem Bewusstsein für die kritischen Aussagen einhergeht. Das ist aber nur bedingt der Fall. Es herrscht zwar ein Bewusstsein, aber eher dafür, dass ihre Aussagen als kritisch angesehen werden. Sie erkennen und reflektieren nicht, warum sie kritisch sind. Genau deshalb ist Lobos “Konfrontationstherapie” mit dem Aufzeigen der Grenzen so wichtig. Es darf aber nicht nur aufgezeigt werden, wo die Grenzen verlaufen, also dass das Nazi sein genau dort anfängt. Vielmehr sollte die Frage sein, warum es genau dort anfängt und was die Aussage oder Handlung so kritisch macht. Konfrontation ist nur dann erfolgreich, wenn auf sie eine Erklärung folgt.

Was ist nun also für uns als Individuum zu tun? Wir müssen Grenzen aufweisen! “Die Freiheit des Einzelnen endet, dort wo die Freiheit eines Anderen beginnt.” Menschen dürfen nicht einfach nach Lust und Laune Nazilexik verwenden. Sie diskriminieren damit andere und schränken sie so in ihrer Freiheit ein. Grenzen aufzuweisen, heißt, aktiv Leute auf ihr Verhalten ansprechen. Das ist die Pflicht eines jeden Bürgers einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft.

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