Seitdem ich den Grundlagenartikel zu Unterricht und Unterrichtsplanung geschrieben habe, sind immer wieder Artikel erschienen, die sich den einzelnen Phasen annehmen: Zunächst ging es um den Einstieg und dessen Stellenwert bei der Planung, dann um die Sicherungsphase, die auch vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Unterrichts problematisiert wurde. An dieser Stelle soll die Erarbeitungsphase in den Fokus rücken, auch und gerade mit Bezug auf das Referendariat.

Wenn du besser lernst, indem du Videos schaust, kann ich dir den Online-Kurs „Das Einmaleins des Referendariats“ empfehlen, der so aufgebaut ist, dass nach und nach Verständnis für die wichtigsten Aspekte und Felder des Referendariats aufgebaut werden.

Anders als in dem Artikel zu den Sicherungsphasen möchte ich den neuen Ansatz des „zeitgemäßen Lernens“, der oftmals mit neuen Unterrichtssettings begründet wird, die auch digital erweitert werden (können) an den Beginn stellen, um dann im weiteren Verlauf die Erarbeitungsphase innerhalb eines dramaturgisch gestalteten und im Verlauf durch den Lehrer orchestrierten Unterrichts vorzustellen.

Lerntätigkeit

Zunächst einmal aber ein für die Erarbeitungsphase wichtiges Zitat aus dem Grundlagenband „Lernen und Lerntätigkeit“ von Bernd Fichtner. Dort heißt es zur Lerntätigkeit (die per se schon ein wichtiger Begriff ist):

Lerntätigkeit meint eine historische Form [der] Aneignung, nämlich ein Lernen, das durch eine Reflexivität gegenüber dem Prozess selbst, gegenüber sich als Subjekt und gegenüber dem Resultat gekennzeichnet ist. (Fichtner 2008, S.11). 

Ich möchte an dieser Stelle drei Aspekte herausgreifen: Zunächst den Begriff der Tätigkeit selbst: Obwohl den meisten klar sein sollte, dass nur das eigene Tun zu einem wirklichen Lernprozess führt, an dessen Ende eine Fähigkeit steht, scheint das beim Unterricht nicht (immer) anzukommen. Vor allem Referendarinnen und Referendare neigen (verständlicher Weise) dazu, das, was sie als Schüler*in als Unterricht wahrgenommen haben, zu reproduzieren. Und das war nicht selten ein langes Lehrergespräch, an dessen Ende die wohlgeformten und feststehenden Erkenntnisse des Lehrers an die Tafel geschrieben worden sind. Lerntätigkeit bedeutet selbstständige Arbeit, einzeln, in Gruppen oder kooperativ.

Diese Tätigkeit ist aber nicht orientiert am Output. Es geht also nicht (nur) darum, dass etwas „erarbeitet“ wird, sondern auch, wie dies geschieht. Das mag sich zunächst sehr theoretisch anhören, ist aber zentral. Im weiteren Verlauf wird es konkrete Beispiele dazu geben. Die doppelte Reflexivität, die hier angedeutet wird, weist auf eine Meta-Erkenntnis hin. Jemand erarbeitet sich nicht nur etwas, sondern reflektiert währenddessen, inwiefern diese Arbeit für ihn oder sie effektiv, erkenntnisreich und gewinnbringend ist und was diese Arbeit mit ihm oder ihr macht. Dies soll als kurze Skizze genügen.

Zeitgemäße Lerntätigkeit

Sehr kurz gefasst gehen die Unterstützer eines zeitgemäßen Lernens davon aus, dass Lernen keine Phasierung im konventionellen Sinne braucht. Das heißt: Die Phasen, die zu einer Erarbeitungsphase führen, fallen aus. Oder besser: Sie fallen alle in eine Phase zusammen.

Philippe Wampfler CC BY-SA 4.0

Während man im konventionellen Unterricht also einen Einstiegsimpuls wählt, der zu einer Problemstellung führt, die dann wiederum nur auf der Basis von Grundlagen beantwortet werden kann, tun dies die Schüler*innen alles selbst. Innerhalb dieses Rahmens gibt es keine Erarbeitungsphase, alles ist Erarbeitungsphase. Die Lehrperson ist im besten Fall nicht mehr vonnöten. Dass dies keine Traumvorstellung ist, sondern unter bestimmten Bedingungen funktioniert, kann ich selbst in AGs wie der Medien-AG feststellen, in der die Zusammenarbeit der Schülerinnen aller Klassenstufen orientiert am eigenen Interesse sehr gut funktioniert. Dennoch bleibe ich bei einigen neuralgischen Punkten kritisch, die hier nicht weiter ausgeführt werden sollen. Nur als Andeutung: Ich halte Basiswissen in der Tat für zentral, da ich meine, dass nur ein Kontext, ein allgemeiner Referenzrahmen von Fähigkeiten, Wissen und Haltung (und nach und nach auch Meta-Wissen) dazu führen kann, dass man als Kind, Jugendlicher oder Mensch in der Lage ist, die Schwierigkeiten eines voll selbstständigen Zugangs zu meistern. Unter den Verfechtern des zeitgemäßen Unterrichts macht mich das aber zu einem systemkonformen Unterstützer eines überkommenen Systems.

Konventionelle Erarbeitungsphasen

Dennoch sind auch konventionelle Erarbeitungsphasen geprägt von selbstständiger Arbeit. Die Sozialform kann zwar variieren, aber ein einzelner Blick auf den Stundenverlaufsplan kann einem Fachleiter schon sagen, ob der Unterricht gut wird oder nicht. Denn wenn das Lehrer-Schüler-Gespräch (LSG) oder Unterrichtsgespräch (UG) zu oft notiert ist, d.h. zu viel Zeit einnimmt, ist es unwahrscheinlich, dass die Schüler*innen genug Zeit für die eigene Erarbeitung, das heißt, für die eigene Lerntätigkeit haben.

Mit anderen Worten: Die Erarbeitungsphase sollte in jedem Unterricht den Großteil der Zeit einnehmen. Nun gibt es natürlich Seminare, die zwischen verschiedenen Erarbeitungsphasen unterteilen. Ob und inwiefern so eine Unterteilung sinnvoll ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Der Punkt ist ein anderer: Sowohl in Erarbeitungsphasen, die eine Basis legen sollen (indem beispielsweise eine sprachliche Vorentlastung geschieht oder das fachspezifische „Werkzeug“ kennengelernt wird) als auch in den Erarbeitungsphasen, in denen die Fähigkeiten erprobt, geschult und angewendet werden, ist die Schülerin bzw. der Schüler im Mittelpunkt.

Ziel eines jeden Unterrichts sollte also sein, die Lerntätigkeit der Schüler*innen zu unterstützen. Oder anders ausgedrückt und vor dem Hintergrund dieses Artikels hoffentlich nicht allzu banal: Im Unterricht steht das Lernen im Vordergrund (und nicht der Monolog des Lehrers).

Dass die Feinziele variieren, die Methoden wechseln und die Sozialformen unterschiedlich sein können, ist dabei unbenommen. Es geht schlicht darum, dass der Kern der Stunde aus der eigenen Arbeit der Schüler*innen besteht.

Und dies ist auch der Grund, warum ich der Meinung bin, dass der Unterricht (soweit die äußeren Faktoren eingeplant sind) von der Mitte aus geplant werden sollte. Denn nur wenn das Lernen im Mittelpunkt steht und klar ist, wie und an welchem Gegenstand die Schüler*innen arbeiten, kann im nächsten Schritt darüber nachgedacht werden was sie dafür brauchen (Vorentlastung), wie sie hingeführt werden (Einstieg und Gelenkstellen) und mit welcher Arbeit und welchen Gegenständen sie dann in der Lage sein werden, das Gelernte auf andere Bereiche anzuwenden (Transfer).

Fazit

Das alles mag künstlich wirken, und in der Tat: Ein komplett durchgetakteter Unterricht, wie er im Referendariat (oft noch) gefordert wird, lässt kaum Raum für eben jene persönliche und kommunikative Entfaltung, die für Beziehungsarbeit und pädagogisches Wirken zentral ist.

Dennoch ist selbst in einem so bestehenden Korsett die Erkenntnis wichtig, dass die Erarbeitungsphase der zentrale Kern des Unterrichtsgeschehens sein sollte. Eben weil hier der Lernprozess der Schüler*innen im Vordergrund steht.

Über Anmerkungen, Rückmeldungen und Impulse freue ich mich wie immer sehr.

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