Eine Rezension über das Buch „Routenplaner #digitalebildung“ in diesem Blog zu schreiben, ist in gewisser Weise merkwürdig. Denn während die fünf Autoren des Sammelbandes – Axel Krommer, Martin Lindner, Dejan MihailovićJöran Muuß-Merholz und Philippe Wampfler – selbstironisch davon sprechen, dass sie das „Internet ausgedruckt“ haben, um auch außerhalb der Blase Wirkung zu erzielen, sind die meisten Leser*innen dieses Blogs schon im Netz unterwegs. Sei es drum: Eine kurze Rezension dieses Sammelbands. 

Zunächst einmal eine kurze Notiz dazu, was diese Rezension nicht erreichen kann: Jeder der insgesamt 29 Artikel würde eine eigene Besprechung verdienen (Axel Krommer steuerte 6, Martin Lindner 3, Dejan Mihailović 4, Jöran Muuß-Merholz 7 und Philippe Wampfler 6 Artikel bei; Lisa Rosa und Kathrin Passig sind mit Gastbeiträgen vertreten). Mehr noch: Die meisten der Artikel haben nicht nur Wiederhall, Zuspruch und Ablehnung gefunden, sondern sind durch und in dem Netz-Diskurs entstanden. Sie wurden, so kann man wohl behaupten, durch die zahlreichen Diskussionen im Netz erst möglich – und dies ist im Sinne der von den Autoren beschworenen „digitalen Transformation“ als Kompliment zu sehen.

Man kann sogar sagen, dass viele der Artikel und die oftmals in ihnen beschriebenen Konzepte und Buzzwords der gesamten Community bekannt sind. Für jemanden, der sich ein halbes Jahr auf Twitter – und vor allem im #twitterlehrerzimmer aufhält – ist es schlicht nicht mehr möglich, den Begriff „Mehrwert“ ohne die Ausführungen von Axel Krommer zu denken (Der Artikel dazu findet sich auch in dem Buch, hier auf Seite 131: „Wider den Mehrwert! Argumente gegen einen überflüssigen Begriff“). Insofern ist es kein Wunder, dass dieses Buch im #twitterlehrerzimmer (neben einer Diskussion über die Geschlechtergerechtigkeit, die ich hier nicht ausführen möchte) so großen Widerhall findet: Man (und damit schließe ich mich ein) hat das Gefühl, man war bei der Entstehung der Gedanken quasi live dabei. Man diskutierte mit, man kennt die Argumente. Insofern hat man als Teilnehmer*in diese (sehr losen) Community das Gefühl, das dieses Buch das Ende von etwas markiert, was schon stattgefunden hat. Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit.

Denn in Wirklichkeit, und so konstatieren es auch die Autoren in ihrer Einleitung, sind die transparenten und kontroversen Diskussionen rund um die „zeitgemäße Bildung“ (ein Begriff der hier, wie es heißt, aus „strategischen Gründen“ wieder zu „digitale Bildung“ wird, um den Kulturpessimisten, die unter dessen Dach ausschließlich vor negativen Entwicklungen warnen, nicht das Feld zu überlassen) noch nicht überall angekommen. In der Einleitung heißt es:

Aber die meisten Lehrerinnen, dozenten und schulleitungen lesen im netz nicht mit. gleichwohl führen sie ähnliche diskussionen. für sie überführen wir unsere arbeiten in ein buchformat. (S.1)

Das ist schlüssig und damit ist auch schon die Zielgruppe genannt. Und der Ansatz: „Wir möchten unsere Netz-Texte auch für Offline-Debatten verfügbar machen.“ (S.2). Zudem, und das sollte man betonen, sehen sich die Autoren explizit als „Gegengewicht eines einseitigen und vereinfachten Diskurs[es]“. Ganz im Sinne eines Buches, das von der Crème de la Crème der deutschen Twitter-Community entstanden ist (und über die verschiedenen Funktionen der Autoren in Universitäten, das Kultusministerium und diverse Gremien, Foren und Agenturen weiterwirkt), ist das Buch nicht „ausschließlich“ auf Papier erhältlich, sondern bietet Gelegenheiten, online weiterzulesen. 

Ausschnitt aus dem Online-Angebot zum Buch

Aus der Perspektive der Autoren ist es spannend zu sehen, inwiefern sich die Intention erfüllen lässt, dass das Buch in die Welt der Wissenschaften transferiert werden kann (vgl.S.2). Denn obwohl Axel Krommer zu digitalen Medien, Medienbegriff und Funktion zusammen mit Volker Frederking ein grundlegendes Werk zu de Themengebieten hinsichtlich des Deutschunterrichts veröffentlicht hat, das mit Sicherheit in zahlreichen wissenschaftlichen Werken Beachtung findet, sind die teilweise aus dem Erfahrungsschatz der Autoren stammenden Artikel zumindest doch in einer anderen Art und Weise entstanden, wie es im „üblichen“ universitären Diskurs üblich ist.

Zu wünschen wäre es, denn es ist keine Überraschung, dass die Sammlung Hand und Fuß hat. Es geht um „Grundsätze und Plädoyers“, „Neue und falsche Begriffe“, „Debatten und Debakel“ und „Konzepte und Korrekturen“ – wie die Kapitelüberschriften heißen. Dabei lassen sich die Autoren über die Schulter schauen, indem sie in einem im Anhang befindlichen Artikel über die Entstehung des Buches schreiben und dazu auffordern, das Buch im Sinne einer Open Educational Ressource zu remixen.

Man kann also sagen: Jeder der Texte ist lesenswert, fast jeder streitbar (denken wir an das Plädoyer für einen „entspannten Umgang mit Daten“ von Philippe Wampfler, S.185) und jeder hat einen Platz in einem Buch verdient, das auch wie ein rückwirkendes Lob an die Autoren erscheint, die sich seit Jahren mit diesen Themen befassen. Es ist geradezu unmöglich, besondere Artikel herauszuheben, aber Passigs „Neue Technologien, alte Reflexe“ (S.9; dieser Text sollte im Übrigen mit jeder Oberstufe gelesen werden), Meerholz „Das blaue und das grüne Medium“ (S.49), Krommers „Warum der Grundsatz „Pädagogik vor Technik bestenfalls trivial ist“ (S.67), Rosas „Lernen im digitalen Zeitalter“ (S.103), Lindners „Erklärung der digitalen Lernerrechte“ (S.267) und Mihajlovićs „Neue Lernräume“ (S.251) eröffnen für jene, die nicht direkt an der Textgenese teilgenommen haben, völlig neue Ansätze und Perspektiven. Sie sind streitbar und werden im besten Fall nicht einfach hingenommen werden. Im besten Fall deshalb, weil sie mehr machen, als etwas zu verrücken. Ein Großteil der Texte nimmt für jene, die sich nicht im Umfeld des Twitterlehrerzimmers bewegen, völlig neue Perspektiven ein.

Für die anderen sind die Texte zwar bekannt, aber natürlich ein einer aufbereiteten Form (ein für mein Bücherregal ärgerlich quadratisches, ärgerlich rosanes, ärgerlich unförmiges Buch) dennoch wert, erworben zu werden.

Dass das Marketing dieses Buches mitsamt des in die Kamera lächelnden Models und einer geballten Veränderung fast aller Accounts der Autoren in die rosa Buchfarbe etwas befremdlich anmutete, ist verschmerzbar (und nachvollziehbar). Die Texte sind gut und das wissen sie. Insofern ist es konsequent, dass auf dem Einband mit Lobhuldigungen geklotzt und nicht geklettert wird: Mit Marina Weisband, Judith Gerlach Rainer Kahl, Uta Hauck-Thum, PD Dr. Markus Deimann und Prof. Dr. Beat Döbeli Honegger bezeugt eine ganze Riege prominenter Fürsprecher aus Bildung, Politik und Journalismus den – entschuldigen Sie – Mehrwert dieses Buches.

Am Ende ist dieser Sammelband ein Werk, mit dem man wohl ohne Probleme ein ganzes Semester an der Universität füllen könnte. Füllen kann. Ein Fragezeichen mache ich (vor dem Hintergrund der Kenntnis der meisten Texte) hinter die Frage danach, ob es sich nun wirklich um ein Routenplaner handelt. Im Sinne eines (zweifellos wichtigen und brauchbaren) Frameworks mit Sicherheit. Das eigene Kollegium würde ich wohl zunächst nicht damit überfallen, oder zumindest nur in kleinen Häppchen.

Und zuletzt sei mir gestattet zu sagen: Dass das Buch nach all den Diskussionen um den Begriff #digitalebildung, der sowohl in Artikeln von Dejan Mihajlović (S.75) und Philippe Wampfler (S.213) Eingang in das Buch gefunden hat, nicht eben jenen Titel hat, der all das, was die Autoren für richtig halten, finde ich nicht ganz konsequent – wenngleich ich den Anspruch verstehe, an bestehende Diskurse anzuknüpfen. Einer Empfehlung des Buches vor dem Hintergrund der Ausführungen steht das natürlich nicht im Wege.

Abschließen möchte ich mit einem, wie ich finde, wichtigen Statement von Axel Krommer über das „Lob der negativen Kritik“. Denn gerade hier zeigt sich der wichtige Anspruch des Unvollendeten, der Aushandlung und nicht zuletzt der Akzeptanz von Menschen mit komplett unterschiedlicher Meinung, wie sie gerade im #twitterlehrerzimmer immer wieder aufeinandertreffen:

Wie Bildung unter den bedingungen der digitalität in einem positiven sinn konkret und unterrichtspraktisch aussehen sollte, steht nicht fest, sondern wird ausgehandelt. schon aus diesem grund sind formen negativer kritik (…) wertvolle beiträge zur aktuellen debatte. 

Meine Prognose ist, dass dieses Buch aus den hier dargelegten Gründen vor allem mit positiver Kritik zu rechnen hat.

*Transparenz: Für diese Rezension habe ich ein Exemplar dieses Buches umsonst bekommen. Ich bedanke mich an dieser Stelle herzlich bei den Autoren und hoffe auf einen weiteren kontroversen und gewinnbringenden Austausch.

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