Ab dem übernächsten Jahr gehört der Faust nicht mehr zur Pflichtlektüre in Nordrhein-Westfalen. Anders als andere Entscheidungen der Länder, das Curriculum zu ändern, löst dieser Umstand aber kein Achselzucken aus. Während die einen ein längst überkommenes Drama endlich losgeworden zu sein scheinen, sehen die anderen einen herben Verlust. Dabei sind die Argumente oftmals wenig überzeugend. Ein Kommentar. 

Fragen nach dem Kanon sind immer heikel, dem schulischen sowieso. Und doppelt, könnte man anfügen, in einer Zeit, in der der Lehrplan immer voller zu werden scheint und die Zeit, in der der „Stoff“ gelernt werden soll, immer kürzer. Aus diesem Grund plädieren progressive Kräfte und Experten schon lange für eine fundamentale Entschlackung und Neuausrichtung des Lehrplans: Mehr Kompetenzen, weniger Inhalte, so die Formel. Das ist auch der Grundtenor der Argumente, die gegen den Faust im Lehrplan vorgebracht werden. Paraphrasiert lauten diese: So lange Kompetenzen am Faust gelernt werden könnten, möge man ihn nehmen. Aber das geht eben auch mit anderen Werken.

Andere Argumente übernehmen die satirische Pointierung Jan Böhmermanns, indem sie fragen, was denn der Faust uns heute noch sagen solle: Dass man keine jungen Mädchen schwängern solle? Und über was man denn danach Bescheid wisse, Teufelspakte?

Diese Art der Argumentation ist nicht nur unterkomplex, sondern zunächst einmal auch gefährlich einseitig. Man scheint aus einigen der Kommentare den Ruf nach Egalität zu erkennen, die in Goethe den ersten „alten weißen Mann“ erblicken, dessen Deutungshoheit nun gebrochen werden müsse. Dann aber wäre zu fragen: Ist eine solche Gegenüberstellung angebracht? Geht nicht auch Goethe und Passmann? Wenn wir in diesem Deutungsrahmen bleiben und alle bisher kanonischen Texte von Männern als patriarchal und deshalb nicht mehr lesenswert brandmarken, dann wird es dünn, je weiter wir in die Geschichte blicken. Natürlich verdeutlicht das gleichsam die Problematik von fehlender Teilhabe, die keinesfalls in den Lehrplan übernommen werden sollte, aber ist das nicht ein wenig zu dünn, um gegen eines der einflussreichsten Werke der deutschen Literaturgeschichte zu Gericht zu ziehen?

Auf der anderen Seite erscheinen die Argumente für Goethe nicht überzeugender. Dass etwas „halt zur Allgemeinbildung“ gehöre ist ein Argument, das für alles oder nichts angewendet werden kann. Oder, und das ist hier noch wahrscheinlicher, restrospekt die eigene Bildungssozialisation rechtfertigt: Ich kenne es und musste es mir erarbeiten, also sollten es die anderen auch kennen. Eine solche Argumentation ist häufig und problematisch, weil sie in der Tat wenig Platz für Neues, für echte Entrümpelung lässt. Dass Goethes Faust also „irgendwie wichtig“ ist, ist kein wirkliches Argument dafür, Schülerinnen und Schüler damit zu belästigen.

Gibt es also keine Argumente, die für Faust im Lehrplan sprechen? Mitnichten. Zunächst einmal lohnt es sich, der Frage über die tendenziell gleichgültige Formel anzunähern, dass man ihn thematisieren könnte, solange eben Kompetenzen daran geübt werden könnten. Diese Auffassung wird immer weiter verbreitet. Sie geht davon aus, dass das Erlernen der Fähigkeit wichtiger sei als der Inhalt. Bei einer Konferenz, auf der ich teilnehmen durfte, erklärte ein Unternehmer den versammelten Lehrerinnen und Lehrern dies in Bezug auf das Fach Geschichte: Nicht welche Quellen er – sein Sohn – interpretieren könne, sei wichtig. Sondern dass er es könnte. Denn, so die Übertragung, die Fähigkeit könne dann mühelos auf spätere Arbeiten, auf den Job, übertragen werden. So macht man die Kultur zur Geisel der Industrie. Da dieses Beispiel so extrem ist, können wir es zu einem extremen Beispiel machen.

Ist das Erlernen einer Kompetenz auch dann noch völlig unabhängig vom Thema, wenn wir den Holocaust weglassen? Oder die Schrecken des zweiten Weltkriegs? Die Präzision der Massenvernichtung in einer industrialisierten Moderne, die im Zeichen eines präzedenzlosen Rassismus instrumentalisiert wurde? Man kann Kompetenzen an unterschiedlichen Inhalten lernen. Aber man kann nur an bestimmten Inhalten unterschiedliche Kompetenzen erlernen.

Der weitergeführte Kompetenzbegriff, wie er auch in den meisten Bildungsplänen der Länder definiert wird, zählt die Erlangung von Wissen zur Kompetenz, quasi als eine Art von Erkenntniskompetenz. Ob nun stockkonservativ oder steinprogressiv, die meisten würden wohl zustimmen, dass die Erkenntnis über Komplexität eine wichtige Voraussetzung ist. Die Frage, an der sich die Geister scheiden, ist jene nach dem Standpunkt.

Auf diesem Blog führte ich schon eine Diskussion, in der mich meine Meinung „reaktionär“, ja „Identitär“ machte. Was war geschehen? Ich argumentierte, dass ich zwar der Meinung sei, dass wir das Zusammensein in einer Weltgemeinschaft, als eine Weltgemeinschaft als Ziel der Bildung haben sollten; dass ich aber der Meinung bin, dass der Blick dahin durchaus lokal situiert sein könnte. Damals schwang der Begriff „kulturell“ mit, was natürlich immer ein Pulverfass ist, da es sehr einfach ist, kulturelle Eigenheiten als von vornherein divers zu definieren. Es gibt keine homogene Kultur, und wenn in der Tat nur als Phantasie rechter und rechtsoffener Gruppen.

Das ist aber kein Grund, sich einer Perspektive gewahr werden zu können, von der ausgehend man die Welt sieht. Und es schließt nicht aus, sowohl Goethe als auch Harari wertzuschätzen. Und damit sind wir beim Faust.

Bei einem Werk geschrieben von einem Mann, der Epochen prägte. Der die französische Revolution (kritisch) beobachtete – was man übrigens in Auerbachs Keller herausarbeiten kann. Der die Dynamiken eines entstehenden Kulturbetriebs aus den verschiedensten Perspektiven beleuchten konnte (Vorspiel auf dem Theater). Der das Selbstverständnis des Dichters als genialischer Schöpfer anderer Welten beschrieb (Zueignung). Der den psychischen Zwiespalt des Menschens, der hin- und hergerissen zwischen Lust und gedankenvoller Erkenntnis, zwischen Tun und Denken skizzierte. Der die manisch-depressiven Wirkungen einer neuen Zeit in Zeilen fasste. Das Streben nach Wissen. Die destruktive Kraft egozentrischer Leidenschaft. Und später, im zweiten Faust, sogar die dramatischen Umwälzungen einer neuen Marktwirtschaft. Und so weiter. Das ist bekannt. Oder eben (bald) nicht mehr.

Nicht zuletzt arbeitet Goethe nicht, wie viele verkürzend sagen, die Dominanz des Mannes über die naive Frau heraus. Im Gegenteil. Der gesellschaftliche Druck, der auf die Frau ausgeübt wird, wenn sie als nicht Verheiratete ein Kind bekommt, wird hier ins Zentrum gestellt. Und sie wird gerettet. Von eben jenem Gott, dem Faust nach der Gretchenfrage geschickt entgeht. Ja, die Gretchentragödie selbst nimmt eine zentrale Stellung ein in einer Reihe von Dramen über Kindsmorde und -mörderinnen von Hebbel bis Hauptmann.

Ein im wahrsten Sinne des Wortes verdichtetes Epochenpanorama. Und damit ein Werk, das man nicht verkürzen kann (was hier im übrigen auch geschieht), indem man es irgendwie zum Allgemeinwissen zählt oder meint festzuhalten, dass Teufelspakte nicht mehr so en vogue seien (was sie im Übrigen sind, aber lassen wir die allegorisch-symbolischen Dimensionen lieber ruhen). Die Historizität des Fausts spielt eine genauso große Rolle wie die über Epochen gehende Wirkkraft, die Rezensionsgeschichte, die Instrumentalisierungen, die Diskussionen um Stoff, Autor und Wirkung.

An dieser Stelle lohnen sich einige Zeilen meines Kollegen Dr. Mario Seiler, der hier auf dem Blog zur Frage „Was ist Geschichtsbewusstsein?“ geschrieben hat.

„Indem die Schülerinnen und Schüler als Rezipienten (Besucher, Leser, Zuhörer, Spieler oder Betrachter) vorgefertigter ‚Geschichten’ diese analysieren bzw. dekonstruieren, wenden sie ihre ‚narrative Kompetenz’ an und schulen sie zugleich. Die kritische Dekonstruktion von ‚Geschichte’ in Form historischer Erzählungen muss mithin mit all ihren narrativen Eigenschaften ebenso zum Thema des Geschichtsunterrichts gemacht werden wie die Grundprinzipien des Erzählens mit den „Momenten der Sequenz, der selektiven Verknüpfung (Synthesis) und der Bedeutung, die grundsätzlich durch die strukturellen Eigenschaften der Retrospektivität, Partikularität (Nicht-Totalität) und Konstruktivität bestimmt ist […].“

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Und wer ein Werk findet, das die hier nur im Ansatz und viel zu oberflächlich besprochenen Aspekte mit derselben sprachlichen Diversität, Tiefe und Rhythmik und einem nur annähernd ähnlichem Radius innehat, der kann sich in der Tat und mit leichter Hand gegen den Faust entscheiden und sagen, dass ja auch an anderen Werken bestimmte Kompetenzen geübt werden können. Bis dahin bin ich, das wird wohl wenig erstaunen, durchaus denjenigen zuzurechnen, die den Faust auch heute noch für ein auf unterschiedlichste Weise gewinnbringendes Werk halten.

„Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!
Solch ein Ragout, es muß Euch glücken;“

Der Direktor, Vorspiel auf dem Theater, Faust, der Tragödie erster Teil

3 KOMMENTARE

  1. Stimme vollkommen zu. Es gibt vielfältige Formen von Literatur, viel Lohnendes – aber etwas so Universelles wie der „Faust“ ist deutschsprachige Weltliteratur und sollte Platz im Unterricht haben. Wir lesen ja auch Shakespeare in Englisch (und der ist sprachlich viel schwieriger zu rezipieren).
    Beckmesserische Kleinigkeiten: „Von eben jenem Gott, dem Gott nach der Gretchenfrage geschickt entgeht.“ Wohl eher Faust.
    „Und wer ein Werk findet, dass die hier nur im Ansatz….“ – S zu verschenken.

  2. Natürlich muss „Faust“ weiterhin unterrichtet werden. Allein schon aus dem Grund, dass er solch aktuellen Fragen wie die Grenzen bzw. Verantwortung der Wissenschaft thematisiert. Auch andere Themen wie das Wesen Gottes, der Liebe und des Bösen waren und sind noch immer von großer Bedeutung. Ein Kultusminister, der „Faust“ aus der Schule verbannt, begreift nicht, was Kultur ist.

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