Hermann Hesses wirkungsvoller und viel beachteter Roman Der Steppenwolf ist eines der drei Werke, die ab dem Abitur 2019 in dem neu konzipierten Werkvergleich analysiert werden. An dieser Stelle wird sowohl über diesen Roman als auch über die beiden anderen Werke, Der goldne Topf (1814) von E.T.A Hoffmann und Faust, der Tragödie erster Teil (1808) von Johann Wolfgang von Goethe, geschrieben. Dabei wachsen die Artikel nach und nach; für jene, die die hier veröffentlichen Artikel hilfreich finden, lohnt es sich also, immer mal wieder vorbei zu schauen. Zur Verbindlichkeit dieser und anderer Interpretationen sollte man diesen Artikel nachlesen.

UPDATE: Dezember 2019. Der Artikel wurde überarbeitet und mit Interpretationsansätzen ergänzt.

An dieser Stelle sei die tiefe Überzeugung des Autors zum Ausdruck gebracht, dass es bei den nachzulesenden Veränderungen beim Werkvergleich als auch beim Essay und auch in Anbetracht der Schwierigkeiten der neuen Lektüren sehr darauf ankommen wird, dass man das methodische Vorgehen, das Fachvokabular und den Inhalt beherrscht. Wer sich dahingehend informieren möchte, findet am Ende des Artikels weiterführend Links.

Update: Ganz neu gibt es nun eine Schülerhilfe für Lyrik, mit vielen Deutungsansätzen, Interpretationshilfen, vollständigen Interpretationen und einem großem Methoden- und Fachglossar.

Steppenwolf in der (Pop-)Kultur

Gerade wenn man im Deutschunterricht dazu angehalten – um nicht zu sagen: genötigt – wird, einen Text zu lesen, sich mit ihm zu befassen und schreibend auszulegen, scheint der Gedanke, dass es Menschen gibt, die dies freiwillig getan haben, manchen eher abwegig. Gerade Hesses Steppenwolf ist aber ein solcher Roman, der mehr als dreißig Jahre nach seinem Erscheinen nicht nur viel gelesen wurde, sondern einer ganze Generation als Spiegel diente.

Dies war und ist nicht nur über die Grenzen Deutschlands hinaus der Fall gewesen; der Steppelwolf entfaltete gerade in Amerika eine starke Wirkung. Die Band, die das auch noch heute bekannte Lied „Born to be Wild“ sang, das wiederum dem bekannten Film „Easy Rider“ (1969) als Titellied diente, hieß mit Referenz zu Hesses Werk Steppenwolf.

Peter Maffay, der deutsche Sänger und Liedermacher, nannte ein Album nach eben jenem Steppenwolf, der den Protagonisten Hesses Romans Harry Haller bezeichnet. Der Hype um Hesses Werk, das sich vor allem in der US-amerikanischen Germanistik immer noch großer Popularität erfreuen kann, ging so weit, dass sich sogar Theater oder Clubs nach Hesses Roman benannten.

Das ist insofern kein Wunder, als dass bis zur Jahrtausendwende mehr als 100 Millionen Bücher von Hesse verkauft wurden. Man kann sagen, dass Hesse international einer der bekanntestes Autoren ist.

Wie aber kann es sein, dass ein so schwieriger Roman wie der Steppenwolf, der zudem von jemandem geschrieben wurde, der einem religiös-pietistischen Familie entstammte, in eine Klosterschule ging und während des Schreibens an Depressionen und seinem Leben als Außenseiter litt, einen solchen Anklang fand?

Halb Mensch, halb Tier

Die Antwort darauf findet sich zum Teil schon in der Frage selbst. Hesse, der sich nicht nur innerhalb der Literaten als Außenseiter fühlte, sondern als Pazifist (gegenüber dem 1. Weltkrieg) gebrandmarkt auch gesellschaftlich ausgeschlossen war oder zumindest fühlte, hat mit seinem vielschichtigen Roman die Verzweiflung eines Menschen verbalisiert, der zwischen physischem und geistigen Verlangen zerrissen wird. Man wird sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn man in Hesses Roman wirklich jene Art von Buch erblickt, das, wenn der Zugang gefunden ist, einen (jungen) Menschen in seinen Bann ziehen kann.

Hier spricht, hier schreibt jemand, der seinen Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden hat. Der das Leben liebt und hasst, der sich im Genialen verliert und trauert, der mitgerissen wird und resigniert, jemand, der rebellieren und doch dazu gehören will.

Den andern war er viel zu anders
Und einfach zu kompliziert
Er blieb mittendrin immer draußen
Und fühlte sich nicht akzeptiert
Er baute sich Mauern aus Schweigen
Und trug eine Kapsel aus Glas
Er wollte es niemandem zeigen
Was er in der Stille besaß

(Peter Maffay, Steppenwolf, 1979)

Gerade in der Vielschichtigkeit und seiner innovativen Form findet sich jedoch auch die Schwierigkeit. Es gibt einen Erzähler, der wie ein Berichterstatter fungiert und das Leben des Protagonisten Harry Haller, der zwischen Bürger- und Künstlertum changiert und versucht, seinen Platz im Leben (und Sterben) zu finden, deutet.

Es gibt jenen Traktat, das Harry Haller findet und das nicht nur zu ihm spricht und ihn als eben jenen Steppenwolf definiert, der dem Roman seinen Namen gegeben hat, sondern eben auch den Leser anspricht, in eine Geschichte in der Geschichte zieht. Ein Traktat, das die Möglichkeiten anbietet, aus seiner Depression und aus seinem Weltschmerz zu entfliehen – durch Humor oder durch die Ewigkeit des eigenen Geistes. Dass der Traktat noch die Funktion hat, aus einer scheinbar objektiven, auktorialen Perspektive Harry Hallers leiden absolut zu setzen, so dass dieser zum Repräsentanten einer leidenden Generation wird, sei hier nur am Rande erwähnt.

Es gibt Gedichte aus anderen Gedichtstzyklen, die in den Roman eingearbeitet sind.

Und nicht zuletzt ist es die Geschichte des Protagonisten selbst, der sein Leben als Flucht in die Metaphysik, in die Musik und in neue mediale Formen beschreibt. Die Zwiegespaltenheit, die dabei zum Ausdruck kommt, zeigt eine psychoanalytische Tiefendimension, die zusätzlich viel vom Leser abverlangt.

Annäherungen

Die große Frage ist, wie man sich einem solchen Roman annähert, zumal als Schüler, dem es eben nicht frei steht, selbst auszuwählen, wann und wie er diesen Roman liest. Der wichtigste Tipp, den man geben kann, ist eine Vorablektüre des Romans, ohne weitere Bearbeitungen. Nochmals lesen muss man ihn sowieso, also wieso nicht zunächst völlig frei, offen und ohne den Anspruch, jeden einzelnen Satz zu interpretieren?

Auf diese Weise kann man sich der Art von Wirkung nähern, die so viele Menschen zu seinem Erscheinen in den späten 20ern, aber eben vor allem in den späten 60ern dazu geführt haben, berührt von diesem Text gewesen zu sein.

Auf diese Weise nähert man sich vielleicht jenen Menschen an, die so fasziniert vom Steppenwolf waren, dass sie es nicht fassen konnten, das jemand wie Hesse ihr eigenes Leben so beschreiben konnte. Lindenberg selbst sagt zum Steppenwolf:

Viele Leute finden sich erst mal wieder in dem Suchen nach bürgerlicher Sicherheit, wenn man sich einrichtet in der vermeintlichen Sicherheit, Gewohnheit, und dann aber doch das Wölfische, das ihn hinaustreibt auf der Suche nach neuen Erlebnisdimensionen, geile Abenteuer, süße Geheimnis in diesem Theater für Verrückte. Trau dich mal, mach mal verrückt, zieh einfach los, Scheiße bauen, Streiche spielen, all so was: Das Kind in dir, der Weise in dir, der Indianer in dir, auch die Frau in dir. Hermine – Hermann Hesse – Hermine taucht dann da auf, auch der Name meiner Mutter. Hat mich umgehauen, das Buch.

Selbst wenn man diese Begeisterung nicht teilt: Mit dem Gedanken daran, wie viele Menschen der Steppenwolf tief berührte, kann man vielleicht einen ersten Zugang finden.

Interpretationsansätze

Ein oftmals (und auch von der zeitgenössischen Literaturkritik) geäußerter Gedanke von Lesern ist die Frage, warum sich der Steppenwolf so in die Länge zieht. Der bekannte Kritiker und Schriftsteller Kurt Tucholsky merkte 1927 in einem geradezu vernichtenden Urteil an: Der Steppenwolf sei ein „Roman, der nicht recht in Schwung kommt und dann im Sande verläuft.“ Zwar erläutert Tucholsky im weiteren Verlauf, dass dies eine typisch deutsche Eigenheit sei – „Innenrummel Selbstzweck“ – wie es heißt, aber eine richtige Antwort bleibt dennoch aus. Sie wird hier auch nicht gefunden.

Jedoch ist der Hinweis wichtig, dass neben der Tatsache, dass Hesse zur Zeit des Schreibens selbst von Suizidgedanken geplagt war, die Tiefe der Beschreibung der verschiedenen Welten mehr erfordert als eine kurze Skizze.

Während Vorwort und Traktat eine Objektivierung des Leidens suggerieren, das damit mehr wird als eine individuelle Zustandsbeschreibung, sind die erste und zweite Innenansicht geprägt von den Kämpfen und Konflikten Harry Hallers. Die erste Episode kann dabei gesehen werden als eine Abkehr von den bürgerlichen Beschränkungen, wie sie in der Episode mit dem Literaturprofessor und seiner Frau deutlich gemacht werden. Eine Beschränkung, die schon in der profan-naiven Überhöhung der Goethe-Büste deutlich wird. Wer sich beim Lesen gefragt hat, was einen Intellektuellen, einen Pazifisten wie Hallers veranlasst, durch eine Goethe-Büste so die Contenance zu verlieren, sollte sich daran erinnern, was für ihn selbst ein musikalisches oder künstlerisches Ideal ist.

Quelle der Darstellung: Priv.-Doz. Dr. Oliver Bernhardt. Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasien), Heidelberg. Germanistisches Seminar der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Regionale Fortbildungsveranstaltung des Regierungspräsidiums Karlsruhe. Deutsch – Neue Pflichtlektüre im Abitur 2019. Hermann Hesse. Der Steppenwolf. Materialien zur analytischen Umsetzung im Unterricht. März 2017.

Sehr lapidar könnte man sagen: Wer mit Nirvana aufgewachsen ist, für wen diese Band mehr bedeutet als Musik, sondern gleichsam einen Teil einer Identität, für den ist es schwer zu ertragen, wenn sie mit Hanson oder einer anderen (aus dieser Perspektive nichtigen) Pop-Band verwechselt wird.

Goethe und Mozart sind nicht nur Unsterbliche. Sie fügen eine Zieldimension an, die für Haller die Flucht aus seiner dichotomen Charakterstruktur ermöglichen würde: Durch Humor.

Diese Zieldimension ist dabei aber mehr als eine banale Erkenntnis, dass man doch mehr über sich lachen solle. Das magische Theater verdeutlicht, dass es Haller paradoxerweise nicht um die Findung einer Identität geht, wie sie auch heutzutage als Ziel einer konsequenten Menschwerdung gesehen wird. Im Gegenteil: Es geht um Dissoziation, Entfremdung, geradezu Entwerdung. Denn durch diese Form des Auseinandernehmens der eigenen Persönlichkeit erscheint erst jene Freiheit möglich, die dann dazu führen kann, dem engen Korsett der zuvor bestehenden charakterlichen Beschränkung zu entfliehen.

Ebd.

 

Wenn wir an diese Beschränkungen denken, dann sind diese unterschiedlicher Natur. Zunächst gibt es eine externe Beschränkung, die darin begründet ist, dass die bürgerliche, nationale Sichtweise auf die Welt den kritisch-intellektuellen Charakter Haller in die Schranken weist. Sie bleibt für ihn dennoch attraktiv, weil in dieser herausgeputzten Bürgerwelt, zumindest scheinbar, innerer Frieden liegt, den Haller nicht finden kann.

Die interne Beschränkung liegt in einem Selbstbildnis, das sich im Spannungsfeld zwischen Wolf und Mensch sieht. Frei nach Freud, der Haller bekannt war, könnte man hier sagen, dass es um das Ich geht, das zwischen Es und Über-Ich gefangen ist. Im magischen Theater zeigt sich, dass diese Aufteilung aber gar zu wenig ist. Sie ist ein Konstrukt, dass in seiner Beschränkung jenen beherrscht, der nicht ausbrechen kann. Damit ist die Selbstreflexion Hallers ein erkenntnistheoretisches Problem. Wie soll man sich selbst als mehr sehen, als man ist, wenn die Sicht durch die Beschränkung begrenzt ist?

Hier kommen die weiteren Charaktere hinzu, wie sie in der Figurenkonstellation erläutert werden. Es ist nicht zufällig, dass Haller die hermaphrodite Hermine zu dem Zeitpunkt trifft, an dem er sich fürchtet, nach Hause zu gehen, weil er sich umzubringen gedenkt. Es scheint das Motiv durch, dass schon bei Goethes Faust angelegt ist: Am tiefsten Punkt der eigenen Selbstverleugnung erscheint wie von Gottes Hand eine Hilfestellung. Während bei Faust die Engel vom Osterfest singen und ihn so davon abhalten, zu der todbringenden Phiole zu greifen, ist es bei Harry Haller Hermine, die ihm jene Leerstelle offenbart, die er in seinem Dualismus bisher nicht zu sehen vermocht hatte: Zwar hatte sich angedeutet, dass es um eine Art unsterbliche Objektivierung gehen könnte, dich Haller nur mit dem Selbstmord erreichen zu meint.

Dass aber auch im wahren Leben, und zwar durch die einfache triebhafte Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Schlüssel zu einem neuen Selbstverständnis liegt, wird ihm erst bewusst, als Hermine es ihm offenbart. Sie artikuliert dabei zwar, dass sie ein Spiegel für Haller ist, ist aber mehr als eine gegenübergestellte Folie. Hermine ist, wie später auch Pablo, eine Erweiterung von Hallers eigenem Selbst. Man könnte von einer fleischlichen Bewusstseinserweiterung sprechen, die sich in der tatsächlich „begangenen“ Musik (im Gegensatz zur theoretisch erfassten), in der sexuellen Erfüllung und in Drogenträumen offenbart. Damit führen die beiden Figuren Haller zu einem Punkt, an dem es ihm überhaupt möglich ist, in das magische Theater einzutreten.

Es ist eben jener Punkt, an dem er für sich das „Verrücktsein“ als Alleinstellungsmerkmal für sich akzeptiert und es eben nicht versucht, intellektuell zu erfassen (und damit vielleicht zu untergraben). Es ist der Moment des triebhaften Tuns, das in dem Roman dann in aller Ausführlichkeit beschrieben wird. Kein Wunder: Denn hier zeigt sich der Unterschied zu dem vorherigen schleppenden Durchdenken des eigenen Seins. Im eigenen triebhaften Tun ergibt sich die Möglichkeit einer neuen Perspektive. Eben durch Humor, aber auch durch neuentdeckte Stränge eines Charakters, der nun nicht mehr durch die konstruierte Vorstellung des eigenen Dualismus geprägt und beschränkt ist.

Ebd.

 

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