Der sogenannte Werkvergleich, bei dem im Abitur drei „Werke“ bzw. Ganzschriften von verschiedenen Autoren hinsichtlich eines Aspekts miteinander verglichen werden, ist bei Schülerinnen und Schülern oftmals das beliebteste Thema. Die Anforderungen an diesen Vergleich ändern sich ab dem Abitur 2019. In diesem Artikel werden diese Änderungen kurz vorgestellt und für Interessierte – sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrer – kommentiert. Es sei schon an dieser Stelle angemerkt, dass die Beispiele vom Autor kommen und keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben und ohne Gewähr sind. 

Warum den Werkvergleich nehmen?

Der Grund, warum Schülerinnen und Schüler sich für den Werkvergleich entscheiden, ist oftmals einfach: Es erscheint, als könne man sich im Gegensatz zu den anderen Abiturthemen besser auf das Thema vorbereiten. Die Themen (die, sofern sie in diesem Blog besprochen werden, auf die relevante Seite verlinkt sind) sind:

1. Interpretationsaufsatz mit übergreifender Teilaufgabe zu anderen Pflichtlektüren (Werke im Kontext; der sogenannte Werkvergleich)

2. Interpretationsaufsatz zu einem Gedicht oder Gedichtvergleich (Beispiele für Interpretationen) Anmerkung: Die Anforderungen an den Gedichtvergleich bleiben dieselben, aber ab dem Abitur 2020 wird das Thema Naturlyrik durch das Thema Reiselyrik ersetzt. 

3. Interpretation eines Kurzprosatextes (Beispiel einer Interpretation einer Kurzgeschichte/ einer Parabel)

4.Verfassen eines Essays (Auch die Aufgabe zum Essay wird verändert. Die Veränderungen sind in den verlinkten Artikel eingearbeitet)

5. Analyse und Erörterung nichtfiktionaler Texte

Oberflächlich betrachtet ist der Gedankengang für jene, die beim Werkvergleich landen, der folgende: Gedichte sind aufgrund ihrer Komplexheit zu anspruchsvoll (dies kann mithilfe eines relativ einfachen Gedanken und stetigem Arbeiten allerdings geändert werden). Die Textanalyse ist vor allem für jene, die nicht oft lesen, zu schwierig – was für diejenigen, die nicht viel schreiben, auch auf den Essay zutrifft. Kurzprosa ist für viele eine Option. Allerdings ist auch dort oft die Angst groß, dass im Abitur eine Kurzgeschichte oder Parabel ausgewählt wird, die dann nicht entschlüsselt werden kann.

Es bleibt der Werkvergleich als Alternative. Genau dieser verändert sich auf eine Weise, die man grundlegend nennen kann.

Veränderungen beim Werkvergleich

Zunächst einmal ist es nicht übertrieben zu sagen, dass die neuen Werke für den Vergleich so anspruchsvoll sind, dass die Tatsache, dass im Abitur (und in den vorbereitenden Klausuren) nicht mehr alle drei, sondern nur zwei Werke verglichen werden zunächst als eine Art Erleichterung erscheint. Dies ist aber nur auf den ersten Blick so.

Was für das Abitur ab 2019 das erste Mal dazukommt, ist der sogenannte Außentext. Einfach gesagt, ist dies ein kurzer (in der offiziellen Bekanntmachung heißt es 15-125 Wörter) kurzer Text – z.B. eine Rezension, ein Sekundärtext, ein Kommentar, ein Aphorismus oder ähnliches – der den Aufgabenschwerpunkt für den Vergleich der zwei ausgewählten Werke bildet.

Diese Texte können vom selben Autor sein, wie die Lektüren und sollen literaturwissenschaftlicher oder philosophischer Provenienz (Herkunft) sein, was so viel bedeutet, dass sie aus diesem Bereich entstammen müssen. Der Außentext soll nun eine zentrale These beinhalten, die ohne großen Aufwand zu erschließen ist und die gleichzeitig einen Impuls für den Vergleich bereithält.

Mit anderen Worten: Statt einer „einfachen“ Aufgabenstellung wird zukünftig ein kurzer Text eine These beinhalten, die als Grundlage für den Vergleich dient. Dies macht die gesamte Aufgabenstellung schwieriger. Es soll für folgendes sorgen:

gewährleistet wird dadurch nicht zuletzt eine erheblich geringere erwartbarkeit des verlangten mit der folge, dass die reproduktion von (…) angeeigneten ‚lösungen‘ zumindest stark eingeschränkt (…) wird.

(Hans-Dieter Bunger, Die neue Aufgabe I. Werkvergleich mit aussentext)

Was bedeutet das? Es bedeutet in erster Linie, dass das Wie gegenüber dem Was Vorrang erhält. Dass es also wichtiger ist, stetig im Unterricht das Analysieren von Texten zu erlernen und weniger wichtig, auf den letzten Metern Lektürehilfen auswendig zu lernen. Im Prinzip ist die Aufgabenstellung also ein Impuls für konstanteres Lernen.

Einbindungen des Außentextes

Der Außentext kann prinzipiell auf zwei verschiedene Arten in die Aufgabenstellung eingebunden werden. Zum einen kann er im Zentrum der Aufgabenstellung stehen. Das könnte bedeuten, dass der Text als stetiger Bezugspunkt herangezogen wird, um die beiden Werke zu vergleichen.

Zum anderen kann er auch als bloßer Impuls dienen, also beispielsweise als Aspekt, der für beide Werke wichtig ist, aber nicht ausschließlich betrachtet wird, sondern zu anderen Vergleichsaspekten überleitet.

Die Operatoren ‚untersuchen‘ und ‚erörtern‘ bleiben gleich. ‚Überprüfen‘ kann dazukommen, beispielsweise, wenn der Außentext eine bestimmte Behauptung beinhaltet, die mithilfe der Gegenüberstellung der Werke überprüft werden muss.

Der Außentext selbst soll, wie gesagt, nicht analysiert werden müssen. Allerdings setzt der Vergleich der beiden Werke, die herangezogen werden, natürlich ein Verständnis des Außentextes voraus, da ansonsten ein völlig falscher Bezug genommen wird.

Kontinuität

Was auch ab dem Abitur 2019 gleich bleibt, ist, dass in der ersten Teilaufgabe ein Textauszug analysiert und interpretiert werden soll.

Die Veränderungen beziehen sich also auf die zweite Teilaufgabe, in der nun gilt.

  1. Es werden nur zwei Werke verglichen
  2. Die Perspektive auf den Vergleich erfolgt durch das vorgegebene Vergleichsthema und durch den Außentext

Der Schwerpunkt liegt auch weiterhin auf der zweiten Teilaufgabe (Schreiben des Ministerium für Kultus, Jugend und Sport an die Schulleitungen vom 31.8.2016)

Beispiel

Das nun folgende Beispiel (ohne eine Lösung oder Erwartungshorizont) dient vornehmlich einer Verbalisierung bzw. Visualisierung der neuen Aufgabe. Auch der Text wird, anders als im Abitur, hier nicht vollständig eingefügt.

Gehen wir von dem Anfangsmonolog des Gelehrten Faust, in der Szene NACHT aus (V.354-381, zitiert nach Johann Wolfgang von Goethe, Faust, herausgegeben von Albrecht Schöne, Frankfurt am Main, 2003).

Die Aufgabe könnte folgendermaßen aussehen.

Aufgabenstellung:

  • Interpretieren Sie den Textauszug; beziehen Sie dabei das für das Verständnis Wesentliche aus der vorangegangenen Handlung ein.

Johann Wolfgang von Goethe

„Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“

(Quelle: Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, Verlag der Goethe-Gesellschaft, Weimar 1907. Aus Kunst und Altertum, 5. Bandes 3. Heft, 1826.)

Goethes Faust und Hesses Steppenwolf: 

  • Erörtern Sie, ausgehend von Goethes Auffassung über das Wissen, in einer vergleichenden Betrachtung, ob und inwieweit Faust und Harry Haller an ähnlichen Umständen verzweifeln.

Vorgehen und Bewertung

Wie vielleicht schon angeklungen ist, ist die neue Aufgabenstellung alles andere als einfach. Die Voraussetzungen bleiben dieselben, aber die Kompetenz wird deutlich mehr auf das methodisch-analytische Vorgehen verschoben.

Um eine solche Aufgabe zu bewältigen, müssen Schülerinnen und Schüler zahlreiche Fähigkeiten beherrschen:

  1. Die Werke müssen in besonderem Maße gekannt werden, was eine Close-reading-Lektüre voraussetzt, die auch außerhalb des Unterrichts stattfinden muss.
  2. Der Schritt vom bloßen Verständnis eines Außentextes zur Anwendbarkeit dieses Textes als Grundlage für ein Vergleich muss geübt werden, da sich hier Fallstricke verstecken.
  3. Gerade der Rückbezug zu dem Außentext ist hier zu nennen.
  4. Insgesamt fordert dir neue Aufgabenstellung ein hohes Maß an Abstraktionsfähigkeit, da sowohl der Außentext als auch die Analyse in Erkenntnissen münden müssen, die als Vergleichsaspekt(e) fruchtbar gemacht werden können.

Insgesamt scheint die gesamte Aufgabenstellung so defizil, dass man behaupten kann, der Werkvergleich gleiche sich den beiden anderen vier Aufgabentypen an. Ein bloßen Auswendiglernen (wie es jetzt schon nicht zu einer sehr guten Note reicht) wird nicht mehr reichen, um den Ansprüchen gerecht zu werden.

Gibt es weitere Fragen zu den neuen Aufgabentypen? Oder interessante Anmerkungen und Impulse? Wie immer freue ich mich über Feedback.

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