Das Thema der Lyrik ab dem Abitur 2020 heißt „Reiselyrik vom Sturm und Drang bis zur Gegenwart“. Damit sind jene Epochen klar definiert, die beim Gedichtvergleich sowohl in den Vorklausuren als auch im Abitur von Bedeutung sind. Neben den Motiven und den Merkmalen (bzw. Koordinaten) spielen die Epochen in den Interpretationen der Reiselyrik eine entscheidende Rolle.

An dieser Stelle folgt ein kurzer Überblick, inwiefern das Reisen innerhalb der Epochen bedeutend ist.

Epochen beim Gedichtvergleich

Zunächst einmal zur Frage, an welcher Stelle Epochen beim Gedichtvergleich stehen und was eine gute Einordnung ist. Oftmals ist die Einordnung in die Epoche ein einzelner Satz. Ein solcher bietet so gut wie nie eine Erkenntnis. Auf der anderen Seite ist es schwierig, rein aus einem Text eines unbekannten Autors die Epoche zu ermitteln.

Fundamental wichtig sind damit zwei verschiedene Aspekte: Zum einen die ungefähre Zeitspanne der Epoche. Zwar gibt es Zeiten, in denen drei Epochen gleichzeitig zutreffen könnten, aber selbst eine problematische Einordnung bietet eine Diskussionsgrundlage – meist am Ende der Interpretation. Hier kann die Analyse des Gedichtes auf die Epoche bezogen werden, hier kann diskutiert werden, inwiefern das Gedicht typisch für die Epoche ist oder sogar, inwiefern die unterschiedlichen Zeiten der Veröffentlichung unterschiedliche Perspektiven auf das Thema Reisen werfen. Daraus ergibt sich der zweite Aspekt: Die Merkmale der Epoche, die – unbedingt in Bezug auf konkrete Texte – gelernt werden sollten. Dafür bietet dieser Text einen Impuls, wenngleich er eine weitere Beschäftigung nicht ersetzen kann und soll.

Epochen und Reisen

Menschen Reisen aus unterschiedlichen Gründen. Aus diesem Grund haben Gedichte über das Reisen nicht nur unterschiedliche Motive, sondern sind geprägt von der Motivation, der Art und dem Grund der Reise. Dies ist freilich nicht für jede Epoche gleich, jedoch lassen sich grundlegende Aspekte festhalten: Während wir beispielsweise im Sturm und Drang die Reise oftmals als Weg der Reflexion des Autors über sich selbst erfahren, der seinen Genius durch die formsprengende Kraft des eigenen Geistes unter Beweis stellt, kann die Reise im Vormärz unter politischen Zwängen stehen – und eben ein extern herbeigeführtes Ereignis sein.

Das bedeutet nicht, dass jedes Gedicht die Reise hinsichtlich eines epochalen Fluchtpunkts beschreibt. Andrerseits ist jedoch Mittel und Zweck zu bestimmten Zeiten gerade für das Reisen von Bedeutung, denn ein für die Gedankenlyrik zentrales Motiv wie die Natur kann gehend schlicht anders wahrgenommen werden als in der Kutsche oder gar mit der Eisenbahn.

Insofern ist die epochale Einordnung und das Wissen über den geschichtlichen Hintergrund einer Epoche auch immer eine Bedeutungsdimension, die sich auf das Reisen beziehen lässt.

Das Reisen in den verschiedenen Literaturepochen

Anmerkung: Wie immer sind Schaubilder dieser Art vor allem dann für das eigene Lernen geeignet, wenn man schon selbst über die jeweiligen Themen gelesen hat. Wenn die Übersichten das Einzige sind, was man zu dem Thema lies, bleibt es Stückwert. Außerdem sind die Angaben ohne Gewähr.

Inhaltsverzeichnis

Aufklärung

Sturm und Drang

Weimarer Klassik

Frührealismus

Bürgerlicher Realismus

Naturalismus

Expressionismus

Neue Sachlichkeit

Aufklärung 1720-1800

Eigentlich ist es unzulässig, die Aufklärung als eine Gesamtepoche zu betrachten: Zu viele Ereignisse, Strömungen und literarische Formen finden sich hier. Umso schwieriger ist es, das Reisen in der Lyrik innerhalb eines so großen Raumes zu lokalisieren.

Was jedoch festzuhalten ist: Dadurch, dass Menschen versuchten, zu vernunftbegabten  Wesen zu werden, bekamen sie durch die Reise in andere Länder (vor allem die französische Revolution, die als zunächst unfassbares Ereignis ganz Europa erschütterte) eine andere Sicht auf das Eigene – gerade in Deutschland den bestehenden Flickenteppich, der erst hundert Jahre später zur Nation werden sollte.

In einer weiteren Strömung – der Empfindsamkeit – wurde der Fokus auf das Gefühl gelegt, freilich noch gedämpft und im Hinblick auf die freundschaftliche Zuneigung und noch nicht so brachial wie im Sturm und Drang. Aber gerade der gefühlsbetonte Blick zeigt sich auch in den Gedichten, die freilich noch von wenigen rezipiert worden sind (ein Bruchteil der Menschen konnte überhaupt lesen, und jene, die es konnten, konsumierten nicht unbedingt das, was man heute Höhenkammliteratur nennt). Dies ändert sich erst ab dem 19. Jahrhundert, als die Verlage Gewinne witterten, die Menschen politische und literarische Zirkel bildeten und immer mehr Verlangen nach Unterhaltung und Information aufkam.

Sturm und Drang 1765-1785

Wenn man so will ist der Sturm und Drang jene Epoche, in der das Reisen explizit thematisiert wird. Sowohl der Adel reist in einer Weise, die man heutzutage als Beginn des Tourismus sehen könnte. Freilich noch nicht mit dem Präfix „Massen-“ davor.

Wenn man davon ausgeht, dass die Aufklärung eine Bewegung gegen die Exklusivität der Liebe zu Gott ist und ihr das rationale Abwägen entgegensetzt, dann sprengt der Sturm und Drang die Fesseln der behutsamen Empfindsamkeit mit Zorn und rohem Gefühl. Der religiöse Pantheismus, dem auch Goethe anhing, vereinigt den Glauben an einen Gott mit den Erscheinungen der Natur, deren Ganzheit die Göttlichkeit offenbart.

Gerade diese Verbindung zwischen dem (genialen und schöpfenden) Ich und der Natur, die sich in der genauen Betrachtung, im Gefühl und in der Wahrnehmung offenbart, kann durch das Reisen in den Fokus gelangen. Hier – auf dem Feld, auf dem See, bei der Wanderung – schöpft der Autor, der sich in dieser Zeit anders als sonst sehr nah am lyrischen Ich bewegt, die Kraft für seine Lyrik.

Gedichte

Maifest, Goethe: 1771
Geniegedanke: Natur als Projektionsfläche der subjektiven Gefühl ( V. 13-16)
Geniegedanke/ Patriotismus: Abneigung der Normen, indem man sich der Liebe hingibt (Strophe 8)
Naturenthusiasmus: Pantheismus (V. 17f)
Euphorische Stimmung in Form von Ausrufen (Strophe 1 und 3) und positiven, bzw. ausschmückenden Adjektiven und Verben (Strophe 1)
Natur als ursprüngliche Kraft des Lebens (Strophe 5)
Liebes- und Freundschaftskult: Ausrufe als Ausdruck der überschwänglichen Liebe (V. 21f)
Enjambements und Inversionen drücken Verliebtheit des Lyrischen-Ichs aus (V. 5, 6)
Vorwärtsdrängender zweihebiger Jambus (Strophe 1)

Auf dem See, Goethe: 1789

Geniegedanke/Naturenthusiasmus: Mensch als Kind der Natur (V.1 bis 4)
Natur als lebensgebende Kraft (Strophe 1)
Natur als Projektionsfläche der offen dargelegten Gefühle (V.13 bis 16)
Freiheitspathos: Motiv des Segelns lässt auf Freiheitsdrang schließen (V. 6 und 13ff)

Weimarer Klassik 1786-1805

Zwei der bedeutendsten deutschen Künstler, nämlich Goethe und Schiller, haben zur Zeit der Weimarer Klassik gewirkt. Auch hier merkt man, inwiefern die Epochenzuordnungen schwierig sind. Jene aufgeklärte Dichter, die zuvor noch dem Sturm und Drang zugehörig waren – besonders Goethe und Schiller – entwickeln sich weiter, werden älter und hinterfragen die (kunstvolle und bisweilen künstliche) Spontanität.

Anstelle einer Sprengung der Form folgt ein genaues Folgen dieser. Dies schlägt sich auch in den Gedichten nieder. Allerdings ist die Klassik nicht gerade als Epoche der Lyrik bekannt, da vor allem die Anlehnung an die Antike, die hier stattfindet, in höchst kunstvoll strukturierten Dramen beschrieben werden kann.

Romantik 1795-1848

Die Romantik ist eine für jene, die die Reiselyrik für das Abitur lesen, wichtige Epoche, da hier auch jener Autor zu verorten ist, der die Novelle Der goldne Topf geschrieben hat. Aus diesem Grund muss eine Besprechung der Besonderheit dieser Epoche – gerade in Bezug auf die Reise – deutlich länger ausfallen.

An dieser Stelle nur ein skizzenhafter Impuls: Die Romantik arbeitet nicht nur zahlreiche Ideen von exotischen Orten in ihre Literatur hinein, sondern ist besonders stark geprägt von der Sehnsucht und dem Wunsch nach Erkundung der Schönheit.

Aber auch in die eigene Vorstellungskraft „reisen“ die Autoren und mit ihnen die lyrischen Ich. Romantik selbst meint ja das Romanhafte, das Magische und Exotische und damit die Ergründung alles dessen, was, aus Sicht der Romantiker in der Epoche der Aufklärung zu kurz gekommen ist.

Insofern ist die Romantik jene Epoche, die sich sehr anbietet, wenn man über das Reisen in der Lyrik sprechen oder schreiben möchte. Aus diesem Grund wird auf diesem Blog zu geeigneter Zeit noch eine genauere Besprechung der Epoche folgen.

Hier kann man auf dem Laufenden bleiben.

Frührealismus 1815-1848

Wenn man vom Frührealismus spricht, darf man nicht den Fehler machen, das Adjektiv „realistisch“, wie es heute gebraucht wird, im Kopfe zu haben. Realismus bezieht sich zwar auf Wirklichkeiten, aber es geht um die Betrachtung jener politischen Wirklichkeiten, die nach dem Wiener Kongress 1815 konkrete Auswirkungen auf die Menschen hatten – gerade auf jene, die schreiben, lesen und diskutieren wollten.

Grob könnte man sagen: Die Kunst und die Literatur werden politisch. Der Staat versucht dem, mit Zensur beizukommen. So entsteht ein Spannungsfeld, vor dessen Hintergrund Literatur entsteht, der es nun nicht mehr um das ideale Schöne geht, sondern um das Festhalten dessen, was ist.

Reisen sind in diesem Zusammenhang auch als Flucht zu sehen – vor politischer Verfolgung, vor der Armut der Autoren oder vor der Zensur. Dies spiegelt sich auch in der Lyrik dieser Zeit wieder.

Bürgerlicher Realismus 1850-1890

Der Bürgerliche Realismus hingegen legt sein Augenmerk mehr auf das private Leben der bürgerlichen Schichten. Zwar haben wir es mit einem Deutschland zu tun, in dem (nach und nach und lange nach England) die Industrialisierung Fuß fasst, aber diese Entwicklungen erhalten noch keinen Einzug in die Literatur.

Der Realismus grenzt sich klar von z.B. der Romantik oder der Klassik ab, da diese idealisierend sind, was bedeutet, dass sie Situationen bzw. Gegebenheiten beschönigen und sie nicht so darstellen, wie sie in der Wirklichkeit sind. Der bürgerliche oder poetische Realismus, der vor allem in Deutschland vorherrschend war, versucht ein Bild der Wirklichkeit zu vermitteln, welches höchstens leicht beschönigt. Erst beim Naturalismus wird völlig darauf verzichtet. Oft findet sich beim Realismus Regionalismus (Bezug auf die Region) oder Historismus (Bezug auf die Geschichte), allerdings setzt sich der Autor immer mit dem Leben bzw. dem Alltag einer oder mehreren Personen auseinander, die aus dem Bürgertum stammen.

Gerade die im Bürgerlichen Realismus entstandenen Balladen haben oftmals Reisen zum Thema. Das interessante an dieser Form ist denn auch, dass ganze Geschichten erzählt und epische, lyrische und dramatische Elemente miteinander kombiniert werden.

Beispiele für Autoren und Werke

– Theodor Storm: „Der Schimmelreiter“
– Theodor Fontane: „Schach von Wuthenow“
– Wilhelm Busch: „Max und Moritz“

Beispiel

Theodor Storm: Die Stadt (als Gedichtinterpretation auf diesem Blog)

Naturalismus 1880-1900

Der Naturalimus kommt dem Nahe, was wir heutzutage tatsächlich realistisch nennen, indem er das Ungeschönte, zuweilen Hässliche oder die Not und das Elend darstellt.

Naturalismus allgemein bezeichnet eine Stilrichtung, bei der die Wirklichkeit ohne jegliche Ausschmückung oder subjektive Ansichten exakt abgebildet wird. Der Naturalismus gilt auch als Radikalisierung des Realismus.

Wir befinden und plötzlich nicht mehr auf dem Land. Die Natur wird durch die Beschreibung der Städte ersetzt, es geht darum, möglichst Tief in die Realitäten der Menschen zu blicken, deren Leben gezeichnet ist von den Umbrüchen der neuen Zeit.

Der Naturalismus ist wiederum eine Epoche des Dramas und des Romans (und deren Weiterentwicklung). Gedichte des Naturalismus, die die Reise als Fokus haben, gibt es wenige. Wenn der Leser auf solche stoßen, die dann auch noch exemplarisch genutzt werden können, freut sich der Autor über Vorschläge.

Expressionismus 1910-1925

Wenn der Sturm und Drang das Drama aus der Form befreit hat, befreit der Expressionismus das Bild aus dem Rahmen. Das, was zuvor noch möglichst realistisch wiedergegeben werden sollte, wird nun grauenhaft, monströs und teilweise in seiner Symbolhaftigkeit unfassbar.

Der Expressionismus (lat. „expressio“ Ausdruck) versucht durch ausdrucksstarke Aspekte innerliche Erlebnisse darzustellen. Der Krieg und das schwierige Leben in der Stadt finden Eingang in die Lyrik, die sie emotional bis hinein in den Wahnsinn betrachtet.

Die Reise ist zwar Thema, oftmals aber in einem weniger großen Rahmen als im Sturm und Drang. Es geht nicht um die Flucht, sondern um die genaue Konfrontation. Diese wird drastisch und überzeichnet wiedergegeben.

Beispiel

Das Gedicht „Die Stadt“(1911) von Georg Heym

• Gedicht greift das Motiv der Naturkatastrophe und des Weltuntergangs im biblischen Stil auf
• sehr metaphorisch (Bsp.: V. 3ff und V. 14) und gefühlsbetont
• Typische Farben: schwarz ( V.1 „Nacht) ;rot (V. 4: „blinzeln mit den Lidern rot und klein“)
• Gedichtform: Sonett ( häufig im Expressionismus)
Fazit
• handelt über die Problematik der Gleichförmigkeit und des reizlosen Alltags, zu der Zeit des Expressionismus.
• kritisiert die negative Seite der Stadt
• findet sich nicht mit der Bedeutungslosigkeit des Individuums ab.
• will mit seinem Gedicht ausdrücken, dass Menschen sich nicht in das Gesamtbild einer Großstadt einfügen sollen

Neue Sachlichkeit 1919-1932

Der italienische Futurismus und der Dadaismus spielen zwar unter Intellektuellen eine Rolle, werden aber in der Schule eher nicht behandelt. Das liegt daran, dass die Sprache nun in einer Weise aufgespalten wird, dass sie nicht mehr sinnvoll gelesen werden kann.

Gegen seine solche Sprengung geht die Neue Sachlichkeit vor. Sie hat eine Tendenz zu illusionslos-nüchterner Darstellung von Gesellschaft, Erotik. Technik und Weltwirtschaftskrise.

Wie im Naturalismus zuvor, sollen die Missstände beschrieben werden. Auch die Politik wird nicht außen vorgelassen. Vielmehr erscheint der Versuch, die Menschen für die Demokratie der Weimarer Republik zu begeistern (was freilich nur in einem kurzen Zeitraum gelang und nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung zutraf).

Die Lyrik wird (für unsere heutige Sicht) teilweise seltsam nüchtern und bildet so einen Kontrastpunkt zu dem, was wir unter Lyrik verstehen.

Beispiel

Brecht „Radwechsel“

Fortsetzung folgt

Weitere Ausführungen zum Thema Reiselyrik gibt es in dem Band „Reiselyrik verstehen“. Dabei handelt es sich um eine Schülerhilfe, mit vielen Deutungsansätzen, Interpretationshilfen, vollständigen Interpretationen und einem großem Methoden- und Fachglossar.

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