Das Schreiben von ganzen Interpretationen verlangt einem viel ab. Der Interpret muss die Grundlagen der Analyse beherrschen, in der Lage sein, eigene Schwerpunkte zu setzen und nicht zuletzt auch die Gedanken zu dem Werk so formulieren, dass eine kohärente, zusammenhängende Interpretation entsteht. An dieser Stelle kann man nachlesen, wie eine solche aussehen kann. Wie immer ist diese Interpretation lediglich ein (verkürzter) Vorschlag, der einer gewissenhaften Überprüfung bedarf. Sie ist entstanden durch die Zusammenarbeit des Autors dieses Blogs und Christoph Motsch. 

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Eine Linksammlung zu abiturrelevanten Themen von Gedichtinterpretation bis Szenenanalyse findet ihr über den Link.

Anmerkung zur Aufgabenstellung

Anmerkung zur Aufgabenstellung: Im Abitur in Baden-Württemberg wird ein Werkvergleich gefordert. Das bedeutet, dass sich sowohl die Aufgabenstellung als auch die Struktur der Interpretation verändert, sobald ein weiteres Werk hinzukommt. Die vorliegende Aufgabenstellung und die dazugehörige Interpretation beziehen also noch nicht alle Teile einer kompletten Abiturklausur ein.

Anmerkung zu Zwischenüberschriften

In dieser Interpretation finden sich Zwischenüberschriften oder Anmerkungen zu Teilen in Klammern. Diese sind in einer Klausur nicht nur nicht gefordert, sondern sollten nicht genutzt werden. Sie werden an dieser Stelle eingefügt, damit die Leser eine Orientierung haben.

Achten sollte jeder Interpret darauf, Absätze zu machen. Die helfen nicht nur beim Lesen, sondern auch dabei, die eigenen Gedanken zu strukturieren.

Aufgabenstellung

  1. Ordnen Sie den Textauszug (Bootsfahrt auf der Elbe, Reclam S. 12, Z. 34 bis S. 15, Z. 31) in den bisherigen Handlungszusammenhang ein.
  2. Interpretieren Sie den Textauszug und analysieren Sie, inwiefern E.T.A. Hoffmann eine „Romantisierung der Welt“ vornimmt.

„Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung*. Das niedere Selbst wird mit einem besseren Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzen-Reihe sind. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man andere nie wahrhaft verstehen lernen.“

Friedrich Freiherr von Hardenberg, ganannt Novalis (1772-1801)

Worterklärung: Vervielfältigung

Interpretation

Einleitung

E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf“  wurde erstmals 1814 veröffentlicht und wird im Untertitel „Ein Märchen aus der neuen Zeit“ genannt (Basissatz). Im Mittelpunkt der Erzählung (auch Novelle) steht der Student Anselmus, der im Konflikt zwischen der realen Welt und dem Reich der Phantasie lebt (Thema des Werkes).

Im vorliegenden Textauszug aus der zweiten Vigilie sucht Anselmus nach seinem Erlebnis unter dem Holunderbusch am Nachmittag des Himmelfahrtstages nach Orientierung. Da er die intensiven Wahrnehmungen, die er unter dem Holunderbusch erlebte, auch im Nachhinein irritieren, fällt ihm diese Orientierung zunehmend schwer. Er unternimmt eine Bootsfahrt auf der Elbe(Bezug zur Textstelle). Diese Textstelle wird im Folgenden unter der Fragestellung untersucht, ob in ihr eine „Romantisierung der Welt“ im Verständnis von Novalis stattfindet (Aufgabenstellung und Außentext). Die Textstelle gibt Einblick in eben jene Potenzierung, die Novalis beschreibt, wenn er die Romantisierung definiert: Im Bekannten findet sich das Unbekannte wieder.

In dieser Textstelle nimmt Anselmus im Gegensatz zu seiner Umwelt Alltägliches als fantastische Erscheinung  wahr und erlebt somit eine Romantisierung im Sinne von Novalis (Deutungshypothese). Bevor Anselmus mit seinen Freunden auf der Elbe fährt und die wunderbaren Erscheinungen zu sehen glaubt, ist ihm schon einmal etwas „geheimnisvolles“ widerfahren (Überleitung zum Hauptteil).

(Hauptteil)
Der Theologiestudent Anselmus stößt in Dresden am Himmelfahrtstag auf der Straße aus Unvorsicht mit einer Obstverkäuferin, einem „Äpfelweib“, zusammen. Diese reagiert empört und stößt mehrere Verwünschungen aus. Anselmus ist durch diesen Vorfall verunsichert, denn er „fühlt sich von eienm Grausen ergriffen“ (S. 4, Z. 23f.) Er will zu einem Gartenlokal namens Linkesches Paradies, doch es fehlt ihm an Geld, mit dem er die Marktfrau entschädigen musste. Hierauf lässt er sich an eienm Holunderbusch nieder, wo er in trauriger Stimmung und Enttäuschung sein Leben als eine Reihe von Missgeschicken betrachtet (S. 8, Z. 15). In diesem Zustand nimmt er eine Reihe von Lauten, Bewegungen und optischen Eindrücken unter dem Busch wahr: Zunächst hört er Töne, dann sprechen Blätter. Der Student kann sich nicht erklären, was er wahrnimmt. Doch dann sieht er drei Schlangen, deren Augen glänzen, was in ihm ein „nie gekanntes Gefühl der Seligkeit auslöst (S. 10, Z. 28-29). Der Holunderbusch spricht sogar Anselmus direkt an, dass er die Sprache des Busches nicht verstehe. Mit dem letzten Sonnenstarhl befiehlt eine „rauhe, tiefe Stimme“ (S. 11, Z.16) das Verschwinden der Erscheinungen, worauf die Schlangen und die Stimmen verschwinden.

Im vorliegenden Textabschnitt aus der zweiten der zweiten Vigilie (S. 12, Z. 1- S. 13, Z. 12 und S- 13, Z. 28-14, Z. 24) wird nun zu untersuchen sein, inwiefern E.T.A. Hoffmann eine „Romantisierung der Welt“ vornimmt, wie sie Novalis versteht. Er spricht von Romantisierung als einer „qualitativen(n) Potenzierung“ und meint damit eine „Operation“, in der das „niedere Selbst“ mit einem „besseren Selbst … identifiziert“ wird. Romantisieren geschehe, wenn man „dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen den unendlichen Schein gebe“. Eine Romantisierung ist hier also eine Veränderung in eine andere Sphäre, eine Erweiterung des Ichs in einen Zustand, der über das Normale hinweggeht.

Man kann die Erlebnisse und Erfahrungen von Anselmus im Textausschnitt auf das Verständnis einer Romantisierung der Welt übertragen. In der zweiten Vigilie wird Anselmus mehrfach hin- und hergerissen zwischen seinem Leben in der Wirklichkeit und seinen Phantasieerlebnissen. Diese beiden Erfahrungen könnte man ganz im Sinne von Novalis als „niederes Selbst“ und „besserem Selbst“ verstehen. Denn im Kreis von Bürgern wird sein sonderbares Verhalten mit Verwunderung und Ablehnung wahrgenommen: „Der Herr ist nicht ganz bei Troste!“ lautet zum Beispiel zweimal der Kommentar von Umstehenden, als sie Anselmus beobachten, der den Holunderbusch umarmt. Hingegen fühlt sich Anselmus nach der Traumwelt („besseres Selbst“) hingezogen : „Oh nur noch einmal blinket und leuchtet…“ (S.12, Z. 6). Sein Erwachen als „niederes Selbst“ empfindet er entsprechend negativ, denn er fühlt sich „aus einem tiefen Traum gerüttelt oder gar mit eiskaltem Wasser begossen“ (S. 12, Z. 16f). Dieser Vergleich verdeutlicht, wie Anselmus die Rückkehr in das Profane beurteilt: Es ist ihm wie ein Erwachen in eine andere, ganz und gar nüchterne Welt.

Noch deutlicher entspricht das Hin- und Herwandeln von Anselmus zwischen Wirklichkeit und Traum in der zweiten Vigilie während der Kahnfahrt auf der Elbe. Denn hier sind es die Lichter des Feuerwerks, die eine „Operation“ auslösen, wie sie Novalis versteht: „dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhlichen ein geheimnisvolles Ansehen…“ zu geben: „Alles, was er unter dem Holunderbusch geschaut, trat wieder in lebendig in Sinn und Gedanken“ und er wird wie unter dem Busch erneut von einer „unaussprechlichen Sehnsucht“ und „glühenden Verlangen“ (S. 14, Z. 16) heimgesucht. Dieses Verlange spiegelt jenes Verlangen wieder, das Anselmus verspürt, als er die Schlange erblickt, die sich im weiteren Verlaufs der Novelle als Serpentina zu erkennen gibt. Die Besonderheit von Anselmus als dem Wunderbaren gegenüber sensible Person wird deutlich. Er, und zwar nur er, ist in der Lage, in der Banalität das Wunderbare zu erblicken. Dieses „Talent“ erst ermöglicht es ihm später, die anspruchsvolle Aufgabe beim Archivarius Lindhorst durchzuführen. Nun aber ist es noch nicht aufgegangen in der magisch-mythischen Welt, die sich später als Poesie herausstellt.

In Anselmus‘ „Innern erhob sich ein toller Zwiespalt“ (S. 15, Z. 1). Was in Wirklichkeit nur „der Widerschein des Feuerwerks bei Antons Garten war“, empfindet Anselmus als „nie gekanntes Gefühl“, das „seine Brust zusammen(zog).“ Das Gewöhnliche, zum Beispiel „wenn der Schiffer mit dem Ruder so ins Wasser hineinschlug“, das alles vernimmt Anselmus „in dem Getöse [des Wassers] ein heimliches Lispeln und Flüstern: Anselmus! Anselmus!….“ In besonderem Maße zeigt sich hier die Wirkung des personalen Erzählers, der in erlebter Rede die Gefühle Anselmus‘ unmittelbar präsentiert. Der Leser wird in die Wahrnehmung von Anselmus gezogen und erlebt das Wunderbare gerade so, als sei es real. Das es durchaus andere Perspektiven auf das dargebotene Schauspiel gibt, wird den den Reaktionen der Philister klar, die nicht verstehen können, was Anselmus erlebt.

(Deutungsergebnis) Die Untersuchung des Textabschnitts zeigt anhand mehrerer Textstellen im Verhalten und der Wahrnehmung von Anselmus eine „Romantisierung der Welt“ im Sinne von Novalis. Anselmus ist hin- und  hergerissen zwischen seiner  trost- und erfolglosen Wirklichkeit als Student und seiner Phantasiewahrnehmung, die in ihm höchste Glücksgefühle („besseres Selbst“, Novalis) empfinden lässt. Er nimmt bei der Bootsfahrt Normales (Lichtschein auf dem Wasser) als Wunderbares (sprechende Schlangen, Lichteraugen) wahr. Anselmus nimmt die Welt normaler Erscheinungen als „qualitative Potenzierung“ (Novalis) wahr, indem Natur und Gegenstände ihn verzaubern. Die Textstelle funktioniert also schon als Grundlage für die weitere Erzählung, in der Anselmus die Wahrnehmung in ein aktives Potenzial ummünzt, das ihn später nach Atlantis oder respektive in das Reich der Poesie führt.

Schluss

Die Untersuchung des vorliegenden Textabschnitts galt der Frage, ob bei Hoffmann eine „Romantisierung der Welt“ stattfindet, wie sie Novalis versteht. Die Erlebnisse und Wahrnehmungen von Anselmus zeigen, dass er selbst zwischen zwei Daseinsformen, der der Wirklichkeit und der der Phantasie, hin- und hergerissen ist. Er nimmt Alltägliches als Phantastisches wahr und erlebt als Mensch eine Vervielfältigung von sich selbst und wird so zum Wanderer zwischen Realität und  Traum. (Ausblick möglich)Im weiteren Handlungsverlauf wird sich dieser Gegensatz zu einem dramatischen Konflikt entwickeln, an deren Ende sich Anselmus bewusst für eine Zukunft/ für ein Leben im Phantastischen entscheidet.

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