Ab dem Abitur 2021 gibt es im Abitur in Baden-Württemberg zwei Arten von literarischer Erörterung, die eines gemein haben: Es gibt keinen Primärtext mehr, sondern es geht „nur“ noch darum, einen Außentext im Hinblick auf entweder ein Werk oder vergleichend auf zwei Werke zu erörtern. Dass dies gar nicht so einfach ist (sogar was das Verständnis der gesamten Schreibform angeht), zeigte sich in einem Gespräch mit meinem Leistungskurs, für den ich versuche, die wichtigsten Punkte nochmals nachvollziehbar aufzubereiten.

Es sei schon an dieser Stelle angemerkt, dass die Beispiele vom Autor kommen und keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben und ohne Gewähr sind. 

Werkvergleich als Thema im Abitur

An anderer Stelle habe ich darüber geschrieben, inwiefern sich der Werkvergleich ab diesem Abitur ändert. Insgesamt haben sich die Aufgabenstellungen im Abitur in Baden-Württemberg verändert. Die Aufgabenart, die den Werkvergleich betrifft, lautet wie folgt:

Aufgabe I Erörterung literarischer Texte

  1. Erörterung eines literarischen Textes
    ab 2021: entweder zu Goethes „Faust I“ oder zu Treichels „Der Verlorene“
    oder
  2. Erörterung zweier literarischer Texte
    ab 2021: Vergleich von Hoffmanns „Der goldene Topf“ und Hesses „Steppenwolf“

Mit anderen Worten: Wenn man sich im Abitur mit den Werken befasst, kann man nicht mehr „nur“ auf einen Vergleich lernen, sondern muss auch damit rechnen, dass zwei Werke vergleichen werden, die aber bekannt sind. Eine literarische Erörterung zu einem Werk ist schon auf dem Blog zu finden. Aber was bedeutet das für den Werkvergleich als literarische Erörterung?

In den Ausführungen zur literarischen Erörterung beschreibe ich, worauf bei der literarischen Erörterung insgesamt zu achten ist.

Vorgehen bei einer Erörterung zum Werkvergleich

Das Vorgehen einer literarischen Erörterung zum Werkvergleich ist insofern eine besondere Art der Erörterung, als dass es sich bei den Bezügen, die man innerhalb der Erörterung setzen muss, quasi um ein Dreieck handelt: Der Außentext ist der Bezugspunkt und die beiden Werke sind jeweils die Ausgangspunkte. Wie das zu lösen ist, wird im weiteren Verlauf noch konkret gemacht. Zunächst aber zum Vorgehen, das auch schon im zuvor verlinkten Artikel zur literarischen Erörterung zu finden ist – dieses Mal aber mit explizitem Hinweis, was bei einem Werkvergleich anders zu machen ist.

Vorgehen

1. Verstehen des Außentextes

Was im Abitur 2020 noch relativ eingängig war, ist es nun nicht mehr. Das liegt daran, dass es sich bei dem Außentext nicht mehr „nur“ noch um ein Zitat handelt, sondern tatsächlich um einen Text. Dieser kann zwar in der Länge variieren und es ist nicht davon auszugehen, dass man quasi eine Textanalyse vorschalten muss, aber in der Tat bedeutet das, dass ich sehr genau herausarbeiten muss, was die These(n) des Textes ist/ sind. Singular und Plural deuten hier schon an, was die Schwierigkeit ist. Es kann sein, dass der Text also nicht nur eine, sondern mehrere, miteinander zusammenhängende Thesen beinhaltet. Diese müssen dann aber dennoch vergleichend betrachtet werden, was also bedeutet, dass es in der Erörterung eben nicht nur darum geht, eine These zu bestätigen, zu widerlegen oder dies eben teilweise zu tun, sondern darum, auch deren Bestandteile oder weitere Thesen einzubeziehen. Dazu später im Beispiel mehr. Da der Außentext Bezugspunkt der gesamten Erörterung ist, darf dieser nicht einfach als Schlagwort vorgeschaltet werden, sondern muss als Fixpunkt bestehen bleiben, auf den man sich konkret zurück besinnt.

2. Verstehen der Aufgabenstellung

Insofern ist die Aufgabenstellung auch so wichtig. Denn wenn hier zu lesen ist, dass in einer vergleichenden Weise (oder ähnlichem) überprüft werden soll, inwiefern das, was in dem Außentext formuliert wird, auf beide Werke zutrifft, dann bedeutet dass eben eine Verdopplung der Bezugspunkte, oder ganz konkret als Beispiel:

  1. Erörterung ob These A und B auf das eine Werk zutrifft
  2. Erörterung, ob das sowohl für A als auch für B bei dem zweiten Werk anders ist

Es ist klar, dass auch das nicht schematisch zu verstehen ist. Auch hier gibt es Möglichkeiten zu variieren, allerdings ist dies schwierig, ohne die Übersicht zu verlieren. Deshalb ist ein genauer Schreibplan sehr empfehlenswert.

3. Vorbereitung und Aufbereitung des eigenen Wissens

Nun kommt der Teil, der es ersichtlich werden lässt, wie genau man die Werke verstanden haben, ihre Motive, Aspekte und Strukturen und natürlich ihren Inhalt kennen muss. Denn vorbereitend muss nun überlegt werden, inwiefern und wo der hier zentrale Aspekt überhaupt vorkommt. Denn erst dann kann in einem zweiten Schritt überhaupt erörtert werden.

Das bedeutet also für meine konkrete Planung: Nachdem ich den Außentext „zerlegt“ habe, schaue ich, welche Aspekte beider Werke für oder gegen die These(n) des Außentexts sprechen. Möglich wäre eine Art Gabelung, wie man sie von Satzbaumodellen kennt (eine Grafik folgt noch).

4. Planung der Erörterung

Die verschiedenen Formen der Erörterung, dialektisch oder linear, als Block oder als Sanduhr, dürften die meisten kennen. Während aber in der Mittelstufe diese Schemata noch vorgegeben sind (man also zuvor weiß, welche Form man schreiben soll), muss hier die Form selbst gewählt werden.

Das bedeutet also, dass man selbst überlegen muss, mit welchem Werk und welchen Bezügen man beginnt oder weitermacht. Und natürlich auch, inwiefern man mit den Werken wechselt.

5. Die Erörterung schreiben

Ich erörtere also, ob und inwiefern ein gegebener Aspekt für das Verständnis eines Werks, seiner Machart oder seiner Epoche, oder sogar seiner sprachlichen Ausprägung relevant ist. Anders als bei einer textgebundenen Erörterung zu einem Sachtext geht es dabei nicht darum, dass ich zustimmen muss, ob die These zutrifft. Sondern ich muss in der Lage sein, quasi mit mir selbst zu diskutieren, inwiefern und in welcher Ausprägung ein gewählter Aspekt für ein literarisches Werk relevant ist. Die Werke sind dabei bekannt, die möglichen Aspekte aber nicht, oder eben nur sofern ich die Werke sehr genau kenne.

Achtung:

Auch wenn der Werkvergleich nicht mehr von einer Textstelle ausgeht, bleibt der Vergleichsaspekt zentral. Das bedeutet, dass man aufpassen muss, wenn man blockweise vorgeht. Konkret: Wenn ich mich entscheide, zunächst zwei Thesen auf den „Steppenwolf“ zu beziehen, um dann in einem zweiten Schritt alles im Hinblick auf den „Goldnen Topf“ zu erörtern und erst als dritter Schritt zu vergleichen, dann habe ich ein dickes Problem, wenn mir die Zeit ausgeht, bevor ich zum Vergleich komme.

Es bietet sich also wie beim Gedichtvergleich an, bei dem zweiten Werk schon immer Bezüge zu den wichtigsten Schlussfolgerungen des ersten Werks herzustellen (wenn es geht, nur was die abstrakten Ergebnisse angeht, denn es soll sich selbstverständlich nicht alles wiederholen).

Struktur der literarischen Erörterung

An dieser Stelle also sehr kurz und knapp eine mögliche Struktur einer literarischen Erörterung.

Hinleitung

Einleitung und Basissatz

Erläuterung zum Außentext (Zitate wichtiger Passagen, Erklärung wichtiger Begriffe)

Erörterung der These in Bezug zu Werk I

Erörterung der These in Bezug zu Werk II, unter Rückgriff der Ergebnisse der Erörterung des Werks I

Zusammenfassendes Fazit

Variationsmöglichkeiten

Wie schon angedeutet, kann das Ganze variiert werden. Beispielsweise, indem man die Erörterung von Werk I und II abwechselt, also gar nicht erst einen ganzen Block vornimmt. Oder eben, indem man zwei autarke Blöcke schreibt, die erst am Ende miteinander verbunden werden (mit der Gefahr, die schon erläutert wurde).

An dieser Stelle nochmals die grafische Darstellung der verschiedenen Verfahren:

2. Blockweise (II), indem man beide Werke (also den vorliegenden Text des erstes Werks und das zweite Werk) zunächst in Beziehung zu dem Vergleichsaspekt setzt und direkt mit dem Außentext in Beziehung setzt, bevor dann der Gesamtvergleich als dritter Schritt folgt.

3. Aspektorientiert, indem sowohl die Analyse des ersten und zweiten Werks als auch der Vergleichsaspekt und der Außentext in einer Gesamtinterpretation aufgeschrieben werden (dies ist anspruchsvoll und muss besonders geübt werden).

Einbindung des Außentexts

Auch in den beiden grafischen Darstellungen ist die Einbindung des Außentexts eher schematisch. Natürlich kann und sollte man dort auf den Außentext eingehen, wo es sich anbietet. Dafür kann kein Schema geschaffen werden.

Achtung

Worauf man jedoch auf jeden Fall achten sollte, ist, dass der Außentext bloßes isoliertes Anhängsel ist, dass sich also nichts darauf fokussiert, nach dem Motto: „Jetzt wo ich den Außentext erwähnt habe, erwähne ich einfach mal alles, was ich im Unterricht aufgeschrieben und mir gemerkt habe.“

Der Außentext soll stetiger Fixpunkt für die Erörterung bleiben, die ja nichts anderes ist als eine Expertenmeinung der Schüler*innen darüber, ob ein anderer Experte etwas geliefert hat, mit dem man für die beiden Werke arbeiten kann.

Beispiel

(Weitere Beispiele finden ich in diesem Artikel)

„So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, dass die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können; und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig. Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven; Kindern, die diesen Hang haben, treibt man ihn nachdrücklich aus und nennt solche Menschen vor ihnen Fantasten, Träumer, Schwächlinge und Besserwisser oder Krittler.“

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Hamburg 1987, S.16f

Erörtern Sie in einer vergleichenden Analyse, inwieweit Musils Ausführungen zum „Möglichkeitssinn“ auf Anselmus und Harry Haller zutreffen.

Was also wird nun erwartet? Anstelle sich a) auf ein Wort zu stürzen (den Möglichkeitssinn) oder b) dieses frei von der Leber weg zu definieren, muss man hier schon genau hinschauen. Was ist die These?

Es gibt Menschen, die eine spezielle Fähigkeit besitzen, nämlich die, die das denken können, was sein könnte. Dies ist, so sehen wir, eine „schöpferische Anlage“. Dies führe dazu, dass diese Menschen richtig und falsch umkehren. Diese Menschen seien „Möglichkeitsmenschen“.

Und zuletzt: Wenn es mir als Interpret passt, kann ich die Außenzuschreibung, die in dem Außentext anklingt (also das, was andere über diese Möglichkeitsmenschen denken) noch mit in meine Erörterung aufnehmen.

Mit anderen Worten:

Es geht also in erster Linie darum, zu überprüfen, ob Haller und Anselmus „Möglichkeitsmenschen“ in dem von Musil definierten Sinne sind. 

Eine solche Erörterung muss also den Außentext sehr genau erläutern, um dann festzustellen, inwiefern die beiden Protagonisten als das gelten können, was hier als besondere Art von Mensch definiert wird.

Eine sehr gute Aufgabe als Klausurvorbereitung könnte es nun sein, die Stichpunkte, die ich hier zum Außentext gemacht habe (auch wenn sie als Fließtext erscheinen) zusammenhängend so aufzuschreiben, dass man mit ihnen arbeiten könnte. Nicht zuletzt bietet sich natürlich eine entsprechende literarische Erörterung an.

Bewertung

Wie vielleicht schon angeklungen ist, ist die neue Aufgabenstellung alles andere als einfach. Die Voraussetzungen bleiben dieselben, aber die Kompetenz wird deutlich mehr auf das methodisch-analytische Vorgehen verschoben.

Um eine solche Aufgabe zu bewältigen, müssen Schülerinnen und Schüler zahlreiche Fähigkeiten beherrschen:

  1. Die Werke müssen in besonderem Maße gekannt werden, was eine Close-reading-Lektüre voraussetzt, die auch außerhalb des Unterrichts stattfinden muss.
  2. Der Schritt vom bloßen Verständnis eines Außentextes zur Anwendbarkeit dieses Textes als Grundlage für ein Vergleich muss geübt werden, da sich hier Fallstricke verstecken.
  3. Gerade der Rückbezug zu dem Außentext ist hier zu nennen.
  4. Insgesamt fordert dir neue Aufgabenstellung ein hohes Maß an Abstraktionsfähigkeit, da sowohl der Außentext als auch die Analyse in Erkenntnissen münden müssen, die als Vergleichsaspekt(e) fruchtbar gemacht werden können.

Insgesamt scheint die gesamte Aufgabenstellung so defizil, dass man behaupten kann, der Werkvergleich gleiche sich den beiden anderen vier Aufgabentypen an. Ein bloßen Auswendiglernen (wie es jetzt schon nicht zu einer sehr guten Note reicht) wird nicht mehr reichen, um den Ansprüchen gerecht zu werden.

Fazit

Es ist kein Wunder, dass diese Art der Aufgabe für einen Leistungskurs ausgewählt wurde, da es hier um mehr geht als um den Umgang mit einem Text. Sehr gute Leistungen entstehen vor allem, wenn größere Zusammenhänge aus Details herausgearbeitet und abstrahiert werden können.

Gibt es weitere Fragen zu den neuen Aufgabentypen? Oder interessante Anmerkungen und Impulse? Wie immer freue ich mich über Feedback.

 

Dieser Beitrag erschien das erste Mal auf dem Blog https://bobblume.de

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here