In der Gruppe für Referendare kam vor einiger Zeit eine Frage zu ADHS, ADS und Mutismus. Da ich zu keinem dieser Themen professionell etwas sagen kann, fragte ich in meinem Netzwerk nach. Über Twitter meldete sich @freehippiegirl, die Erfahrungen mit Mutismus hat, die man hier nachlesen kann. Ich bedanke mich sehr für das Teilen. Am Ende des Artikels findet ihr eine PDF-Datei, die Lehrerinnen und Lehrern weitere Tipps an die Hand gibt. 

Ich bin keine Psychologin. Ich bin keine Therapeutin. Ich bin Mutter. Mutter eines mutistischen Kindes. Seit ein paar Jahren leben wir, mein Sohn (11) und ich, mit der Diagnose: selektiver Mutismus. Selektiver Mutismus bedeutet, mein Kind kann nur mit bestimmten Leuten, die zur seinem sicheren Bereich gehören, reden. Mit den meisten Menschen kann er das jedoch nicht.

Für mich als Mutter war das schnell ok. Ich kenne ja auch die andere Seite des selektiven Mutismus. Das ständige Singen und erzählen, minutenlang, ohne Punkt und Komma.

Für unser Umfeld war es, ist es, immer ein Thema. Auch nach Jahren.

Warum redet er nicht?

Warum redet er nicht mit mir?

Warum will er nicht?

Was haben wir ihm getan?

Nichts. Nichts hat irgendwer getan. Weder die Anderen, mit denen er nicht redet, noch mein Kind selbst. Und das ist der Knackpunkt, das ist es was am meisten belastet: selektiver Mutismus oder Mutismus wird nicht geplant oder getan. Es ist nichts, was ein Kind absichtlich tut. Das Schweigen ist ein emotionaler Ausweg. Der einzige Ausweg, den ein mutistisches Kind in seinen Ängsten sieht. Und diese Ängste scheinen unüberwindbar.

Das Universum mutistischer Kinder ist nicht besonders groß. Als Alleinerziehende waren mein Sohn und ich lange ein ziemlich eng zusammengeschweißtes Zweier-Team. Erst als der Umzug von Marburg (Hessen) nach Berlin, ein fast Vollzeitjob, mit diesem unsere Babysitterin und eine neue Beziehung dazukamen, brach es ein wenig auf. Der Sicherheitskreis meines Sohnes wurde etwas größer und mit ihm die Anzahl der Menschen mit denen er redete. Die Kommunikation zu anderen Menschen als mir fehlte ihm und man merkt heute noch die Defizite.

Dementsprechend wichtig ist die Wahl der Schule. Meistens hat man aber als Elternteil eines Kindes mit Behinderung keine wirkliche Wahl. Besonders im Ländlichen gibt es kaum eine Auswahl an Schulen, die auf psychische und physische Behinderungen spezialisiert sind. Man kann nur hoffen, dass man an tolle Lehrkräfte und Erzieher gerät.

Lehrer habe ich oft als sehr motiviert wahrgenommen, Lösungen in Bezug auf den selektiven Mutismus zu finden. Wichtig ist, glaube ich,  im Gespräch mit den Eltern zu bleiben, schließlich sind wir irgendwie das Sprachrohr unserer Kinder, und dass man (selektiven) Mutismus nicht versucht zu heilen, sondern als das annimmt, was es ist und neue Wege der Kommunikation sucht.

Leider ist die Kehrseite auch, dass den betroffenen Kindern zuviel geholfen wird, zu schnell Nein oder Ja – Fragen gestellt werden, sie kaum noch ein wenig aus ihrer Angst abgeholt und gefordert werden. Mutistische Kinder haben eine niedrigere Angstschwelle, und deswegen brauchen sie Lehrer und Erzieher, die an sie glauben, ihnen Mut machen.

Lehrer-Flyer

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