Auf diesem Blog werden immer wieder Textanalysen und Deutungsansätze gesammelt und veröffentlicht, die im Unterricht der verschiedenen Schularten eine gewichtige Rolle spielen. Darunter waren die  Interpretation einer Kurzgeschichte, Möglichkeiten der Interpretation von Gedichteneiner Parabel und einer gesamten Deutung von Peter Stamms Roman Agnes und von Peter Stamms Homo Faber.

Gleichsam als prozessorientiertes Protokoll der Kursarbeit werden hier einige Anmerkungen zu E.T.A. Hoffmanns Novelle „Der goldne Topf“ veröffentlicht. Es handelt sich also um Gedächtnisprotokolle der Arbeit, die ich zusammen mit dem Kurs durchführe. Die Erkenntnisse entstehen also immer in gemeinsamer Arbeit – weshalb ich mich bei meinem Kurs bedanke und hoffe, dass diese Artikel eine Erinnerungsstütze sind, wenn es zum Abitur geht. Für alle anderen kann dieser Artikel Anregungen und Impulse bieten.

Ab dem Abitur 2019 sind die Themen der Ganzschriften andere. Auch eine Textsorte wie der Essay wird im Abitur unter anderen Bedingungen geschrieben. Erste Deutungsansätze kann man in den Erläuterungen zu einem germanistischen Aufsatz über Hoffmanns Novelle nachlesen.

Übersicht

Arbeitsgrundlagen
Erste Überlegungen
Inhaltsangaben
Die 1. Vigilie
Philister und Träumer

Arbeitsgrundlagen

Bevor man sich daran macht, die Inhalte der Werke zu erarbeiten, sollte man mit den Grundlagen, der Methodik des Arbeitens und fachsprachlichem Handwerkzeug vertraut sein. Aus diesem Grund geht es hier nochmals zu den wichtigsten Artikeln (eine Gesamtliste aller abiturrelevanten Themen ist hier abrufbar).

Hier geht es zu den wichtigen Grundlagen der Epik, die für einen Umgang mit erzählender Literatur gebraucht werden.

Eine weitere allgemeine Merkhilfe, auf die ich mich beziehe, sind:

Aufbau eines Interpretationsaufsatzes (zu Prosatexten. Die Aspekte der Szenenanalyse sind zu berücksichtigen)

Ein Hinweis für Lehrerinnen und Lehrer: Ich orientiere mich bei der Erarbeitung vor allem an dem für mich exzellenten Unterrichtsmodell der Reihe „Einfach Deutsch“.

Erste Überlegungen

Zunächst wurden die Ersteindrücke zu der Novelle „Der goldne Topf“ gesammelt. Es wurde schnell klar, dass ein zentrales Element der Novelle darin besteht, dass sich zwei Welten miteinander verbinden: Die fantastische, märchenhafte, irreale und das, was zunächst „real“ genannt wurde. Der Text wurde als teilweise kompliziert beschrieben. 
Auch die Magie wurde direkt als wichtiges Element beschrieben. Schon zu Beginn spielt diese eine Rolle, nämlich als das Apfelweib Anselmus in der 1. Vigilie hinterherruft, was in Zukunft geschehen wird („ins Kristall bald dein Fall“, zitiert nach Wirthwein, Heike (Hrsg.): E.T.A. Hoffmann. Der goldne Tof. Reclam XL. Text und Kontext. Stuttgart 2018., S.5, Z.20) Insofern kommt hier die Wahrsagerei bzw. Zauberei ins Spiel. 

An einigen Stellen bieten sich Vergleiche zu zeitgenössischen Filmen an. Eine Lesart ist, dass „Der goldne Topf“ ein Vorreiter für diese Filme war, zumindest aber dieselbe Idee schon im Jahre 1814 geboten hat. Konkret geht es dabei nicht nur um die Gegenüberstellung zweier Welten, sondern auch um die Besonderheit desjenigen, der Übernatürliches erkennt – oder glaubt zu erkennen. Denn durch das gesamte Märchen bleibt es unklar, ob Anselmus tatsächlich einen Zugang zu einer anderen Welt erhält oder ob es sich um eine psychisch-träumerische Einbildung handelt. In einer Abhandlung mit dem treffenden Namen „E.T.A. Hoffmann als Dichter des Unterbewussten schreibt Karl Ochsner dementsprechend:

Die Märchenwunder sind (…) Halluzinationen, Anselmus, mit dem augen des bürgers und psychologen gesehen, ist – nüchtern gesagt – wahnsinnig.

Karl Ochsner: E.T.A. Hoffmann als dichter des unterbewussten. ein beitrag zur geistesgeschichte der romantik. frauenfeld, leipzig 1936.

Diese Auslegung führt in eine Sackgasse, da sie die märchenhaft-mythologische Welt, die die Geschichte des Archivarius Lindhorst einrahmt, als ein bloßes Hirngespinnst des Anselmus präsentiert. Die Visionen als „Inhalte schizophrener Psychosen“ darzustellen verdeutlicht mehr den Willen des Germanisten, neuere Erkenntnisse der Psychologie für die Literatur fruchtbar zu machen.

Vieles spricht dafür, dass die erste Auslegungsart überzeugender ist. Jene also, in der Anselmus durch eine gesteigerte Sensibilität der Wahrnehmung tatsächlich eine andere Welt wahrnimmt. Dahingehend haben sich auch die meisten Interpreten orientiert. 

Dahingehend wurde angesprochen, dass man in Hoffmanns Erzählung eine Adolszensgeschichte sehen kann, in der die Entwicklung eines jungen, tollpatischigen und träumerischen Studenten hin zu einem Poeten beschrieben wird – freilich mit den Mitteln und Strukturen des Märchens. 

Inhaltsangaben

Der Inhalt aller Vigilien wurde von Schülerinnen und Schülern der Kursstufe zusammengefasst und findet sich in einem Padlet. Dieses kann hier angeschaut oder aber über den Link direkt aufgerufen werden.

Made with Padlet

 

Die 1. Vigilie

An dieser Stelle können die gesamten Erkenntnisse, die zur ersten Vigilie gesammelt wurden, nur angedeutet werden. Als sehr gewinnbringend zeigte sich, dass diese auf die gesamte Novelle übertragen werden kann – zumindest dann, wenn man sie als Bewusstwerdungsprozess eines jungen Menschen deutet, der sich über seine gesteigerte Sensibilität gegenüber der Magie – bzw. der Literatur gewahr wird.

Unter dem Holunderbaum wird dieser Prozess als Intensitätssteigerung der Wahrnehmung sichtbar. Was zunächst als seltsames Geräusch erscheint, steigert sich zu einer fantastischen Wahrnehmung, die sogar in dem höchsten körperlichen Gefühl mündet. Es sei dahingestellt, ob es sich um einen fantastischen Traum oder eine Erscheinung handelt. Anselmus erlebt eine Bewusstseinssteigerung, die er so noch nie erlebt hat.

Genau auf dieser Grundlage versteht man die zahlreichen rhetorischen und sprachlichen Besonderheiten. Denn diese spiegeln das Abdriften ins Wunderbare auf sprachlicher Ebene. So wird Anselmus‘ wunderbare Erfahrung gleichsam für den Lesenden erfahrbar. In der Intensität der Wahrnehmung, die sprachlich gesteigert für den zugeneigten Leser erfahrbar wird, zeigt sich die kunstvolle Machart der märchenhaften Novelle schon zu Beginn.

Philister und Träumer

Nach der Erkenntnis, dass Anselmus zu Beginn zwar tollpatschig, aber eben auch sensibel für das Übernatürliche, Träumerische ist, kann auf die Figuren geschaut werden, die als eine Art Folie fungieren: Konrektor Paulmann und Heerbrand. Sie sind, nach der Definition von Rüdiger Safranski, genau das, was man sich unter einem „Philister“ vorstellt: Unfähig, die Träumereien als höhere Wahrnehmung zu sehen, interessiert an ihrer eigenen Stellung, phantasielos. Insofern sind sie das Gegenbild dessen, was in der Romantik angestrebt wird. Sie sind eben nicht in der Lage, sich für die Natur, die Liebe und die Kunst in einer Weise zu öffnen, die eine „romantisierte Welt“ erfordern würde.

Wenngleich nicht alle Punkte, die nach Safranski den Philister ausmachen, bei beiden Charakteren vorkommen, zeigt sich doch, dass Paulmann und Heerbrand eher nüchterne Charaktere sind. Der Unterschied ist nur, dass Heerbrand den Anselmus verteidigt und ihm zugesteht zu träumen, während Paulmann jedwede Träumerei ablehnt.
Weitere, im Buch auffindbare Kategorien des Philisters sind: 
Will in seinen Gewohnheiten bleiben | S. 16, Z.27f. …
Neid und Hass | S. 36 Paulmann über Anselmus
S. 26, Z. 28-30
Außergewöhnliches ist Gewöhnlich | S. 17, Z. 19f. 
Fehlt an Fantasie | S. 16 Z. 5-9 Anselmus „Narre“ 
Poesie und Fantasie nur als Mittel zum Zweck | S. 16, Z. 21-27 
Ganz im Gegensatz dazu ist die Figur des Archivarius Lindhorst angelehnt. Er ist in zwei Welten zuhause – auf der einen Seite in der bürgerlichen und dann in der märchenhaften. In beiden Welten wird er für den Leser durch Beschreibungen des Erzählers oder der anderen Charaktere vorstellbar. 
Einige Notizen über Archivarius LIndhorsts Erscheinung, Leben und Handlungen finden sich in Folgendem in Stichpunkten:

Bürgerliche Existenz: 

Lebt alleine in einem einsamen Haus
Lässt niemanden hinein
wird von den Menschen nicht durchschaut
„zornig“ 
Haus; dunkel, vollgestellt
alter, wunderliche Mann
forschender Antiqua-irgendwas
forschender Chemiker
viele seltene Bücher
langer, haagerer Mann
Große, feurige Augen 
Gewaltige Stimme 
Lichtgrauer Überrock
höhnisches Lächeln, Sarkasmus

Märchenhafte Existenz:

Raum voller Bücher
Lässt Manuskripte kopieren
magisches Gewächsshaus
Schlangen seien seine Töchter
Es zeigt sich also, dass neben Anselmus Figuren existieren, die zwei Welten repräsentieren. Während eine Figur wie Paulmann jedoch lediglich in der Lage ist, in der einen zu leben, finden sich Anselmus und der Archivarius in beiden Welten. Mehr noch: Der goldne Topf verdeutlicht zunächst das Hin und Her des Studenten Anselmus, der es Schließlich durch sein poetisches Potenzial schafft, in die andere Welt überzuwechseln. Figuren wie Veronika oder Heerbrand schaffen dies zwar nicht, sind aber nicht vollends abgeneigt und gestehen dem Anselmus wenigstens die Träumereien zu, die sie in seinem Verhalten zu entdecken meinen.

Die Relevanz des triadischen Geschichtsmodells

Die beiden Welten, die sich in der Novelle gegenüberstehen, spiegeln weit mehr da als eine bloße Gegenüberstellung zweier Lebensarten. Hoffmann konzipiert den „Goldnen Topf“ auf der Grundlage eines Verständnisses des triadischen Geschichtsmodells.

Dieses beschreibt, sehr kurz gefasst, die Geschichte als eine Chronologie von drei Zeitaltern. Das erste ist das goldene Zeitalter, eine paradiesische Umgebung, in der alles wundervoll und im Gleichgewicht ist. Das zweite ist das Zeitalter der Gegenwart, in dem vieles verlorengegangene ist. In Bezug zum letzten Kapitel dieses Kapitels kann man dies mit den Philistern assoziieren. Traum, Natur und Liebe sind bloß unter monetären Erwägungen oder hinsichtlich des Ansehens von Bedeutung.

Das dritte Zeitalter ist eine Wiederkehr zum goldenen Zeitalter, oftmals in gesteigerter Form.

Der goldne Topf baut auf dieser Vorstellung auf – zumindest inhaltlich. Denn Atlantis, aus dem der Archivarius als Salamander rausgeschmissen wird, hat genau die Charakteristika wie eine solch paradiesische Utopie. Die Gegenwart der Stadt Dresden hingegen ist jene, in der sich jeder, der träumt, liebt oder die Allnatur genießt, dafür rechtfertigen muss. Den Menschen, die von Höherem sprechen, wird nicht geglaubt.

Nun ist es jedoch so, dass der Text strukturell nicht an das Modell angeglichen ist. Im Gegenteil erfahren wir erst relativ spät, in der 8. Vigilie (S.78) von dem „Davor“, am Ende der Novelle dann vom Danach.

Die Erzählstruktur korrespondiert also nicht mit der Chronologie des triadischen Geschichtsmodells.

Fortsetzungen folgen

Schlussbemerkungen

Dieser Artikel kann kein Ersatz für eine Doktorarbeit über „Der goldne Topf“ sein und versteht sich als bloßer Impulsgeber für eine weitere Beschäftigung. Er soll aber auch zeigen, dass es nichts nützt, wenn man Lektürehilfen auswendig lernt. Gerade, wenn es um das Abitur geht, muss immer erkenntlich sein, dass das, was man analysiert aus der genauen Textarbeit erwächst. Diese ist immer die Grundlage. Erst dann können größere Stränge aufgebaut werden, erst dann kann der Werkvergleich stattfinden. Alles andere wäre bloßes „Herunterspulen“ von Wissen.

Es sollte auch klar geworden sein, dass dieser Artikel aus den genannten Gründen nicht jeden einzelnen Aspekt der Novelle zu beleuchten im Stande ist.

Anmerkungen

Anmerkung I: Diese Interpretation ist, wie Interpretationen im Allgemeinen, eine besondere Sicht auf den Stoff. Der Autor ist zwar Gymnasiallehrer für das Fach Deutsch, hat also ein Germanistikstudium hinter sich, das mit Staatsexamen beendet wurde, ist aber weder promovierter Doktor noch Professor der Literaturwissenschaft. Das, was hier geschrieben steht, ist also ohne Gewähr und sollte mit Vorsicht genossen werden. Der Vorteil mag sein, dass bei Schwierigkeiten in den Kommentaren nachgefragt werden kann. Das ist bei Lektürehilfen weniger der Fall. Trotzdem ist der hier gewählte Fokus auf den Text immer nachzuprüfen. Bei offenen Fragen sollte vor einer so wichtigen Prüfung wie dem Abitur immer der jeweilige Lehrer hinzugezogen werden.

Anmerkung II: Was dieser Artikel und Lektürehilfen gemein haben, ist, dass sie die eigenständige Arbeit am Drama nicht ersetzen. Was offensichtlich erscheint, ist es ganz und gar nicht. Denn für eine hohe Punktzahl im Abitur, reicht es eben nicht, dass man Interpretationsansätze herunterbeten kann, ganz im Gegenteil: Als Erst- und Zweikorrektor ist es ein Leichtes zu sehen, an welchen Stellen stupide auswendig gelernte Passagen aneinandergereiht werden, anstatt die Interpretation aus dem vorliegenden Textmaterial zu kreieren. Das bedeutet, dass sowohl Lektürehilfen als auch diese vorliegende Interpretation nur Impulse sein können, die letztlich am Text überprüft werden müssen.

Wie man ein Textstück sinnvoll einbettet, kann man am Beispiel von drei Zitaten aus Agnes hier sehen:

Anmerkung III: Um diesen Artikel nicht allzu lang werden zu lassen, wird nur an einigen Stellen auf direkte Seitenzahlen hingewiesen. Des Weiteren kann nicht jeder einzelne Aspekt gedeutet werden, da die Novelle gerade durch ein sehr dichtes intertextuelles, metaphorisches und inhaltlich vielschichtiges Geflecht besticht.

Das bedeutet, dass jeder, der mit dieser Interpretation etwas anzufangen gedenkt, die Novelle gelesen haben sollte. Außerdem sollte man bei einer Interpretation im Abitur (oder auch innerhalb eines anderen Prüfungsrahmens) darauf achten, dass man nahe am Text bleibt und nicht bloße Behauptungen aneinanderreiht. Eine gute Interpretation geht immer zunächst vom vorliegenden Text aus, deutet ihn, stellt Verbindungen her und geht erst dann zu abstrakten Themen über.

Was man bei einer Interpretation auf jeden Fall beachten muss, steht hier.

2 KOMMENTARE

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