Die Reiselyrik ersetzt ab dem Abitur 2020 die Naturlyrik. Obwohl man davon ausgehen kann, dass die Natur auch weiterhin eine Rolle spielen wird (man denke nur an die Wahrnehmung des lyrischen Ich bei einer Reise zu Fuß oder mit langsamen Fortbewegungsmitteln), unterscheiden sich die Themen, Motive, Merkmale und ganz allgemein die lyrische Auseinandersetzung logischer Weise von jenen des vorherigen Sternchenthemas. Für individuelles Arbeiten gibt es hier Arbeitsblätter für Schüler*innen.

UPDATE: Eine weitere Interpretation befindet sich nun auf dem Blog. Des Weiteren findet man am Ende dieses Artikels ein Youtube-Video zum Vergleich von zwei Reisegedichten, das auch direkt hier über den Link aufgerufen werden kann.

UPDATE: Ganz neu gibt es nun eine Schülerhilfe, mit vielen Deutungsansätzen, Interpretationshilfen, vollständigen Interpretationen und einem großem Methoden- und Fachglossar.

Allgemeine Anmerkung

Nachdem an dieser Stelle einige wenige Einführungsworte geschrieben werden, kann im Folgenden eine Beispielinterpretation gelesen werden. Diese mag dem einen oder anderen bekannt vorkommen. Das liegt daran, dass der Ausgangspunkt die Interpretation von Theodor Storms „Die Stadt“ ist, die auf diesem Blog nachgelesen werden kann. Im Unterschied zur ersten Interpretation, wird an dieser Stelle nicht nur versucht, den Fokus auf das Thema „Reisen“ zu richten und so zu erklären, wie ein solcher Fokus funktionieren kann, sondern die Analyse und die sprachliche Formulierung wird auch einem gymnasialen Oberstufenniveau angepasst. Dies ist immer nur über den Daumen gepeilt möglich, da der Autor sich natürlich nicht in jede Person zu versetzen vermag. Der Unterschied zur anderen Interpretation sollte jedoch klar werden. Mehr noch: Die beiden Interpretationen miteinander zu vergleichen kann für einen Oberstufenschüler ein wichtiger Lernschritt sein.

Anmerkungen zur Reiselyrik

An dieser Stelle kann keine Abhandlung über das Reisen oder die Reiselyrik geschrieben werden (Um Epochen geht es an anderer Stelle). Aber es lohnt sich dennoch, sich über das Reisen einige grundlegende Gedanken zu machen. Wenn wir heute von Reisen sprechen, meinen wir oftmals ein Reisen, das mit Freizeit in Verbindung gebracht wird. Es wird durchgeführt, um so schnell es geht von einem Ort zum anderen zu kommen. Der Weg spielt oftmals keine Rolle mehr. Auch verändert sich der Reisende nicht, er bleibt derselbe.

Es gibt aber ganz andere Formen der Reise. Der Grund kann ein externer sein: Jemand wird zur Reise gezwungen, weil er mit dem Tode bedroht ist. Das Reisen kann ein beschwerlicher Weg in die Fremde sein. Und die Fremde kann dazu führen, dass sich der Reisende selbst kennenlernt. In der Fremde lernt der Reisende so seine Heimat kennen. Und sich selbst.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass das Reisen auch geschichtlich verortet werden kann. Ob es nun die Abenteuerreisen vor der Entdeckung Amerikas waren oder die Selbstfindungsreisen in der Aufklärung – von denen Goethes Italienreise wohl die bekannteste ist.

Das Reisen selbst kann reflektiert werden. Der Reisende nimmt die Reise wahr, das, was ihm oder ihr begegnet und setzt es in Beziehung zu sich selbst, den Erfahrungen und bisherigen Eindrücken. So wird die Reise auch zum Reifeprozess. Das Reisen ist ein Schritt in der Veränderung eines Menschen in ein anderes Stadium. Dies kann auch dann gelten, wenn die Reise keine reale ist, sondern eine im Traum, in dem eine neue Bewusstseinsdimension erreicht wird.

All dies, was hier sehr kurz angemerkt wird, kann in der Lyrik eine Rolle spielen: Die Wahrnehmung, der Weg, die Veränderung das Gleichbleiben, die Angst, die Sehnsucht und die unterschiedlichen Gründe für den Aufbruch. Schauen wir nun, wie sich Storms „Die Stadt“ in diesen Hintergrund fügen lässt.

Anmerkungen zur Interpretation in der Oberstufe

Interpretationen auf Abiturniveau zu schreiben, erfordert neben einer sicheren Rechtschreibung auch ein hohes Abstraktionsvermögen. Es reicht nicht zu beschreiben, sondern der Interpret ist aufgefordert, tief in die Struktur eines Textes zu blicken.

Beispielhaft lässt sich dies an der Deutungshypothese erläutern. Es wäre nicht nur zu wenig, sondern schlicht falsch (weil unterkomplex) davon zu schreiben, dass Storms Gedicht von einer Stadt handeln würde. Natürlich ist eine Stadt im Zentrum einer Betrachtung, jedoch ist dabei der Betrachter und die Art und Weise der Betrachtung maßgeblich.

Bevor der Einleitungssatz der Interpretation geschrieben wird, kann eine Hinführung den Leser auf das Kommende einstimmen. Dies wird auch hier versucht. Das Wichtige ist, dass dies weder in „Gelaber“ ausartet, noch zu wenig mit der eigentliche Analyse zu tun hat. Beispielhaft kann dies in der nach dem Gedicht folgenden Interpretation nachgelesen werden.

Es sei angemerkt, dass auch in einer Interpretation, in der versucht wird, alle möglichen Aspekte zu beinhalten, nicht alles berücksichtig werden kann. Dementsprechend Vollständigkeit nicht gewährleistet werden.

Anmerkungen zur Interpretation „Ich saug an meiner Nabelschnur“ (1775)

Die nun folgende Interpretation ist eigentlich mit dem Begriff „Deutungsansatz“ besser beschrieben. Das liegt daran, dass sie ein Ergebnisprotokoll eben jener Deutung ist, die ich zusammen mit meinem Leistungskurs Deutsch erstellt habe. Dies tat ich unter der strengen Voraussetzung, dass die Schüler*innen mit voller Absicht ausschließlich inhaltliche Erwägungen zu Rate ziehen sollten, keine formale. Das wird an einigen Stellen deutlich, in denen ich angebe, welche Passagen einer Gedichtinterpretation fehlen.

Es lohnt sich kurz anzumerken, warum das so ist. Immer wieder fällt gerade bei der Gedichtinterpretation auf, dass diese, wenn sie nicht gelingt, eine Ansammlung von nicht miteinander verbundenen Beobachtungen zur Form sind. Die Form ist in der Tat wichtig, aber eben nur, wenn sie funktional mit dem Inhalt in Beziehung gesetzt werden kann. Der Inhalt kommt vor der Form. Denn erst wenn man diesen überhaupt verstanden hat, kann man die Form als Unterstützung, oder in einem weiteren Schritt Form und Inhalt als sich bedingende Elemente erkennen.

Insofern arbeiten wir zunächst am genauen inhaltlichen Verständnis, um dann nach und nach die Form – weil es so schön passt – mit ins Boot zu holen.

Die Interpretation bezieht sich auf die erste Version des Gedichts, das nun als „Auf dem See“ bekannt geworden ist. Die späte Fassung dieses Gedichts ist von Goethe verändert worden. Es sei angemerkt, dass auch die bekannten biographischen Bezüge außenvorgelassen worden sind. Nicht etwa, weil diese nicht interessant sind. Sondern weil in den späteren Klausuren auch nur eine ausschließliche Interpretation aus dem vorliegenden Material möglich ist.

„Ich saug an meiner Nabelschnur“/ „Auf dem See“

Ich saug an meiner Nabelschnur

Nun Nahrung aus der Welt.

Und herrlich rings ist die Natur,

Die mich am Busen hält!

Die Welle wieget unsern Kahn

Im Rudertakt hinauf,

Und Berge, wolkenangetan,

Entgegnen unserm Lauf.

Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?

Goldne Träume, kommt ihr wieder?

Weg, du Traum! so gold du bist;

Hier auch Lieb und Leben ist.

Auf der Welle blinken

Tausend schwebende Sterne,

Liebe Nebel trinken

Rings die türmende Ferne,

Morgenwind umflügelt,

Die beschattete Bucht,

Und im See bespiegelt

Sich die reifende Frucht.

Interpretationsansatz zu „Ich saug an meiner Nabelschnur“ (1775)

[Mögliche Hinleitung]

In dem 1775 von Johann Wolfgang von Goethe verfassten Gedicht „Ich saug an meiner Nabelschnur“ (1775) geht es um den poetischen Entwicklungsprozess eines lyrischen Ich, der in der Naturwahrnehmung widergespiegelt wird.

[Erste Angabe formaler Elemente: Strophen, Vers, Metrum, Kadenzen] 

Das Gedicht mutet zunächst befremdlich an. Wie, so mag sich der Leser denken, kann jemand an der eigenen Nabelschnur „saugen“ (V.1). Ist dies nicht vielmehr ein passiver Prozess, in dem das Embryo die lebenserhaltenden Säfte von der Mutter zugeführt bekommt? Diese reine assoziative Zugangsweise bietet einen ersten Eindruck, der sich fortführen lässt.

Hier spricht ein lyrisches Ich, dass „Nahrung aus der Welt“ (V.2) erhält, eben durch jene titelgebende Nabelschnur. Die Verbindung, die hier so intensiv beschrieben wird, ist also eine zwischen einem Menschen oder der Natur. Das lyrische Ich ist „rings“ (V.3) von dieser Natur umgeben, ganz so, als sei es im Körper der Mutter.

Schon in dem darauffolgenden Vers wird eine weitere Metapher von mütterlicher Körperlichkeit angeführt: Die Natur hält das lyrische Ich am „Busen“(V.4). Nicht nur ist sie es, die Natur, die in aktiver Handlung das lyrische Ich „hält“ (Ebd.), sondern der Busen kann hier als durchaus weiblicher Körperteil gesehen werden. Von einem zunächst metaphorisch angedeuteten embryonalen Stadium gelangt das lyrische Ich also in jenen Entwicklungsstand eines Babys.

Genau jene beiden Stationen lassen die These zu, dass es sich um jene in der Deutungshypothese angegebenen Entwicklung handelt, die dann in der Tat mit dem Wiegen (Vgl.5) der Wellen fortgeführt wird. Selbst wenn das Possessivpronomen im Plural verdeutlicht, dass das lyrische Ich nicht allein ist (Vgl. Ebd.), zeigt sich hier doch eine Entwicklung, in der sich das lyrische Ich zuerst betrachtet. Und in der Tat: Das Personalpronomen „Ich“ ist nicht nur im Titel, sondern auch im ersten Vers des Gedichts das erste Wort.

„Die Welle“ (V.5), die das Boot der Mannschaft wiegt, ist auch gleichsam die lokale Angabe. Die Personen sind auf einem See und sehen „rings“ (s.o.) herum die Natur, und zwar oben und unten im Wasser. Der „Rudertakt“ suggeriert eine Harmonie, die im ersten Teil des Gedichts durch den zwischen vier und drei Hebungen alternierenden Jambus zusätzlich unterstützt. Hier findet ein Einklang zwischen Ich und Natur statt, der nur durch eine intensive Erfahrung erklärbar ist. Gleichzeitig ist dies auch jene Erfahrung einer langsamen und dadurch erst in der Intensität fassbaren Reise, die das lyrische Ich über die später verbalisierten vergangenen Erfahrungen hinweg kommen lässt.

Denn die sich schließenden Augen und der aufkommende Tagtraum (Vgl.V10f.) werden rigide vom lyrischen Ich vertrieben: Weg, du Traum! so gold du bist;/ Hier auch Lieb und Leben ist (V.11-12). Erst durch das Adverb „auch“ und die deiktische Angabe „hier“ wird klar, dass sich die „Goldne Träume“ (V.10) um eine Liebe gehandelt haben müssen, die nun vergangen ist. Damit wird die Naturbetrachtung zu mehr als einer bloß zufälligen Erlebniswelt. Die Natur substituiert hier jenes Gefühl intensiver körperlicher Zuneigung, die eigentlich nicht ersetzt werden kann. Dass dies jedoch gelingt, ist nur vor dem Hintergrund einer so intensiven Verbindung möglich, wie sie schon im Titel durch die „Nabelschnur“ suggeriert wird.

Auf dieser Grundlage ist auch klar, warum das Metrum so abrupt wechselt. War die äußere und innere Harmonie zunächst durch den Jambus deutlich gemacht worden, ist der dynamischere Trochäus der zweiten Strophe nun Tonangebend. Er korrespondiert mit dem Wechsel hinein in die Nacht. Diese selbst geht jedoch wieder in eine andere Form über: disharmonische Wechsel zum Daktylus markieren eine neue Zeit. Und in der Tat: Nachdem die Nebel die Ferne unsichtbar gemacht haben (und das lyrische Ich für diesen Moment ganz bei sich ist), erlangt es neuen Mut: Der „Morgenwind“ (V.17) verscheucht die Schatten jener Bucht, von der man ausgehen kann, dass sie der Beginn der Reise gewesen ist.

Die Sonne geht auf: Und im See bespiegelt/ Sich die reifende Frucht (V.19/20). Dieser Abschluss ist mehr als eine einfache Metapher. Zwar ist die „reifende Frucht“ in der Tat auf die aufgehende Sonne zu beziehen, aber gleichzeitig wird der fast allegorische Zyklus vom Embryo zum Baby und schließlich zum sehenden Wesen hier angedeutet. Somit ist der letzte Vers symbolisch, ja, er erhöht das lyrische Ich sogar zu einem übermenschlichen Wesen, das nicht nur die Natur erkennt, sondern sich in ihr widerspiegelt. Und genau hier liegt die Möglichkeit, die in der Deutungshypothese angedeutet ist. Zwar kann der Mensch selbst sich einem Entwicklungsprozess unterziehen, wie er hier angedeutet ist, zumal er oder sie über eine verlorene Liebschaft hinwegkommen und durch die Reise, wie es heißt, „zu neuen Ufern“ kommen kann.

Aber zieht man in Betracht, dass das Gedicht eben zu jenem Zeitpunkt entstanden ist – im Sturm und Drang – in dem die Autoren sich als Genies stilisierten und diesen Kult an einem gottgegebenem Naturbild exemplifizierten, kann sogar von einer poetologischen Entwicklung gesprochen werden.

[Mögliche weitere rhetorische Angaben]

[Mögliches Fazit mit Ausblick und weiterem Epochenbezug]

Abschlussbemerkung

Es ist festzuhalten: All diese Dinge wurden im Unterricht erarbeitet und sind noch nicht mit professionellen Interpretationen von Professoren der Germanistik abgeglichen worden. Das ist aber auch nicht zwangsläufig nötig, noch unbedingt erstrebenswert. Denn die Erkenntnis, vor allem im Kurs, lag genau dort: Zu sehen, inwiefern man durch Nachdenken, durch den intensiven Austausch (und finde er nur mit sich selbst statt) zu zunächst assoziativen, dann mehr und mehr durch den Test gestürzten Interpretationen kommen kann, die sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

Ich hoffe, dass auch jene, die diesen Artikel „nur“ lesen davon profitieren. Wie immer: Den größten Nutzen erlangt man, wenn man dem ganzen kritisch, aber konstruktiv begegnet und versucht, die hier beschriebenen Deutungen nachzuvollziehen oder sogar zu kritisieren.

 

 

7 KOMMENTARE

  1. Sehr geehrter Herr Blume,
    Ich heiße Christopher Logue und ich bin Lehrer auf einem high school in Kalifornien–in Fairfield, nicht weit von San Francisco. Ich unterrichte täglich Spanisch vor allem und eine Stunde Deutsch. Ich kann Spanisch weil ich in Mexiko aufgewachsen bin und Deutsch weil ich ein Jahr an der Universität Wien verbracht habe.

    Ich wollte Ihnen sagen daß ich Ihren Blog sehr geniesse. Als Lehrer ich kann Ihnen ehrlich sagen daß Sie wirklich wirklich ein sehr begabter Mensch sind. Das was Sie tun ist wahnsinnig Toll. Ich gratuliere.

    Ich habe eine Frage für Sie und ich hoffe Sie können mir dabei helfen. Ich habe eine Studentin aus Deutschland–aus Hamburg. Sie ist eine Austauschstudentin: Sie soll theoretisch Englisch hier bei uns lernen. In der Tat spricht sie besseres Englisch als unsere Studenten hier auf unserem high school. Das ist kein Wunder: die Deutschen sprechen besseres Englisch als die Amerikaner! Nun Fräulein Jocelyn wurde vom Berater (counselor) in meinem Deutsch II Kurs inskribiert. Warum weiss ich überhaupt nicht. Sie sagt es sei sehr angenehm in meiner Klasse und sie will bei uns bleiben. Am Anfang habe ich gedacht sie könte mir helfen mit den Studenten: Sie könte in Diskussionen teil nehmen usw. Insgesamt aber nichts ist passiert. Sie hat keine Interesse uns zu helfen. Sie bleibt in der Ecke und liest Harry Potter–wenigstens auf Englisch!

    Sie ist in der zehnten Klasse und ich habe mich entschieden daß sie Germanistik lernen soll weil sie uns nicht helfen will. Und darum habe ich an Sie gedacht. Glauben Sie Sie könnten mir beraten? In den wenigen letzten Monaten dieses Jahrgangs denke ich sie soll echte deutsche Literatur studieren. Nein… Kein Goethe für sie: <> hat sie eines Tages gesagt. Jedenfalls man studiert den Faust erst in der elften Klasse bei Ihnen oder?

    Was ich brauche ist einen echten Studienplan für den zehnten Klasse mit Lesungen und fragen für Interpretation und auch danach Prüfungen. Die Lesungen müssen alle online sein, weil meine Sammlung deutscher Literatur ist ziemlich gering ist. Natürlichich werde ihre Arbeit kontrollieren und korregieren.

    Also dann Herr Blume, was denken Sie. Käme Sie daran mir zu helfen? ich Freue mich auf Ihrer Antwort. Danke!

    Herr Christopher Logue
    Fairfield California

  2. Entschuldigen Sie die viele Fehler die ich beim Schreibens gemacht habe. Leider ist mein Deutsch nicht so gut als Ihr Englisch!

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