Gedichtinterpretationen sind schwierig, da sich Gedichte aufgrund ihrer Kürze und ihrer strikten, kunstvoll erdachten Form einem schnellen und oberflächlichen Verständnis verweigern. Aus diesem Grund ist es für manche wichtig, zunächst nach einer nach und nach aufgebauten Struktur vorzugehen. Das gilt umso mehr bei einer Gedichtvergleich, bei dem der Vergleichsaspekt zusätzlich dazu kommt. 

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Allgemeine Anmerkung

Das Wichtigste dabei ist es: Bevor man sich an Teilbereiche des Gedichts macht, muss das gesamte Gedicht inhaltlich verstanden worden sein. Anders formuliert: Vor dem Wie? steht das Was? Erst wenn man weiß, wer wo zu wem warum worüber spricht, kann man die Feinheiten betrachten, über diese nachdenken und zu einer gesamtheitlichen Deutung gelangen, die sowohl Sprache als auch Form des Gedichts zusammenhängend deutet.

Besonderheiten beim Gedichtvergleich

Ziel eines Gedichtvergleiches ist, einen oder mehrere Vergleichsaspekte herauszuarbeiten und beide Gedichte hinsichtlich dieser beiden Aspekte zu vergleichen. Das bedeutet, dass die Interpretation beider Gedichte vor dem eigentlichen Vergleich stehen muss. 

Es lässt sich schwer sagen, welche Aspekte genau verglichen werden sollten, denn Gedichte unterscheiden sich ja nicht nur hinsichtlich Form und Inhalt, sondern eben auch in dem Zusammenwirken der beiden Aspekte. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass es zu wenig ist, die Form zu vergleichen. Es geht darum, einen inhaltlichen Aspekt zu isolieren und diesen dann auf beide Gedichte anzuwenden.

Nehmen wir den theoretischen Begriff „Sehnsucht“ als Beispiel – auch für den weiteren Aufbau des Gedichtvergleichs, der an dieser Stelle erklärt wird.

Arten des Gedichtvergleichs

Ein Gedichtvergleich kann auf unterschiedliche Art und Weise aufgebaut werden. Vorteile und Nachteile werden an dieser Stelle (aus meiner persönlichen Sicht) erläutert.

Wenn ich hier von dem ersten und dem zweiten Gedicht spreche, dann bedeutet das immer, dass es um jenes geht, dass der Interpret nimmt. Es ist also nicht vorgegeben. Viele Interpreten entscheiden sich dafür, chronologisch vorzugehen, also das ältere Gedicht zuerst zu interpretieren, aber das ist nicht obligatorisch.

Wie genau die Teile aussehen, folgt nach der Beschreibung der drei unterschiedlichen Formen des Gedichtvergleichs.

1. Blockweise Interpretation

Bei der blockweisen Interpretation schreibe ich quasi zwei isolierte Interpretationen und in einem dritten Teil einen Vergleich.

Vorteil

Der Vorteil dieser Art des Gedichtvergleichs ist, dass man sich sehr klar auf beide Gedichte konzentrieren kann. Man arbeitet zunächst an dem einen, dann an dem anderen Gedicht. Der Vergleich ist quasi ein isolierter Teil.

Nachteil 

Dass der Vergleich ein isolierte Teil ist, ist auch gleichsam ein Nachteil, weil das a) dazu führen kann, dass man zu wenig Zeit hat und b) zu Wiederholungen führen kann.

2. Interpretation mit anschließendem Bezug

Bei der Interpretation mit anschließendem Bezug, schreibt man die Interpretation des 2. Gedichts nicht mehr allein, sondern schließt diese, wie im Titel angedeutet, an das erste Gedicht an.

Vorteil

Der ganz klare Vorteil ist, dass schon der Bezug das ist, was man „Vergleich“ nennen kann. Man vergleicht also schon in einem zweiten Schritt verschiedene Aspekte miteinander. Im Schluss kann man diese dann nochmals zusammenfassend verdichten.

Nachteil 

Dadurch, dass man das zweite Gedicht an das erste anschließt, kann das zur Verwirrung führen. Man muss sehr darauf achten, dass der Leser die wichtigsten inhaltlichen Punkte des zweiten Gedichts überhaupt noch versteht und dieses nicht nur in seinem Bezug zum ersten aufgelöst wird.

3. Interpretation mit direktem Bezug

Bei der Interpretation mit direktem Bezug schließt man die Interpretation des zweiten Gedichts direkt an das erste Gedicht an. 

Vorteil

Auch bei diesem Vorgehen ist der Vorteil, dass man direkt im Vergleich ist. Dadurch, dass man das zweite Gedicht direkt anschließt, ist der gesamte Text quasi eine Gegenüberstellung.

Nachteil

Bei dem direkten Bezug ist es noch schwieriger, den Überblick zu behalten und beide Gedichte so zu beschreiben, präsentieren und zu erläutern, dass der Leser sie versteht. Der direkte Bezug bietet sich daher nur für Experten an.

Aufbau des Gedichtvergleichs

Der Gedichtvergleich kann auf unterschiedliche Weise aufgebaut werden. Oben stehend ging es zunächst um die Hauptteile. Nun zu dem Gesamtaufbau. Mit Buchstaben notiert sind jeweils die Alternativen.

1. Aufbau bei der blockweisen Interpretation

(Hinleitung)

Einleitung mit Basissatz Gedicht 1

Form Gedicht 1

Hauptteil: Interpretation Gedicht 1

Einleitung mit Basissatz Gedicht 2

Form Gedicht 2

Hauptteil: Interpretation Gedicht 2

Vergleich und Gesamtfazit

2. Aufbau bei der Interpretation mit anschließendem Bezug

(Hinleitung)

Einleitung mit Basissatz Gedicht 1

Form Gedicht 1

Form Gedicht 2

Hauptteil: Interpretation Gedicht 1

Einleitung mit Basissatz Gedicht 2

Hauptteil: Vergleichende Interpretation mit Gedicht 1

Gesamtfazit

3. Aufbau bei der Interpretation mit direktem Bezug

(Hinleitung)

Einleitung mit Basissatz Gedicht 1

Einleitung mit Basissatz Gedicht 2

Form Gedicht 1

Form Gedicht 2

Hauptteil: Interpretation Gedicht mit Vergleich Gedicht 2

Gesamtfazit

Einige dieser Punkte lassen sich theoretisch frei variieren. Nehmen wir die Form beider Gedichte (also Strophen, Verse, Metrum, Kadenzen). Diese werden meist zunächst einfach nur genannt, um sie dann im Hauptteil nochmals genauer in ihrer Funktion für das Gedicht zu erfassen (also nicht nur: Welches Metrum? Sondern: Warum bei diesem Inhalt dieses Metrum?)

Man könnte also theoretisch auch bei der blockweisen Interpretation zunächst zu beiden Gedichten einen Basissatz schreiben und für beide Gedichte die Form beschreiben und dann in einem weiteren Schritt die beiden Blöcke schreiben.

Vorgehen: Vorbereitung bis Formulierung

Wie genau man vorgeht, bleibt natürlich jedem selbst überlassen, solange am Ende etwas herauskommt, das nachvollziehbar ist. Dennoch bietet sich ein bestimmtes Vorgehen an.

Ein sehr allgemeiner Tipp ist es, beide Gedichte zunächst zu analysieren, damit man, wenn man mit dem Schreiben beginnt, auch die Bezüge herstellen kann.

  1. Schritt: Lesen und erstes Verstehen
  • Gedichte mehrfach lesen
  • Alles, was auffällt, markieren; Randnotizen machen
  • In eigene Sprache übersetzen
  • Thema erkennen (Konflikt? Erfahrung?)
  1. Schritt: Situation – Bilder – Schlüsselbegriffe
  • Welche Situation ist dargestellt?
  • Was kennzeichnet diese Situation?
  • Welche Bilder werden verwendet?
  • Welche Schlüsselbegriffe gibt es?
  1. Schritt: Personen – Handlungen
  • Welche Personen und Handlungen tauchen auf? (Lyrisches Ich, Lyrisches Du, Personifizierungen)
  • Wie handeln die Personen? Wie sind sie gekennzeichnet?
  • In welcher Beziehung stehen sie zueinander?
  1. Schritt: Inhaltlicher Aufbau
  • Wie ist das Gedicht inhaltlich aufgebaut?
  1. Schritt: Formale Aspekte – Bezug zum Inhalt
  • Äußere Form (Gedicht-, Strophen-, Versform; Reim, Metrum, Rhythmus)
  • Was wird durch die Form inhaltlich unterstützt? (Pathos, Ruhe, Dynamik …)
  • Passen Form und Inhalt zusammen oder widersprechen sie sich? Gibt es Irregularitäten, Abweichungen vom Schema und worauf weisen sie hin?
  1. Schritt: Semantische Analyse
  • Welche Wörter werden verwendet? (Substantive, Adjektive …)
  • Gibt es Wiederholungen, Ähnlichkeiten oder Wortfelder?
  • Welche Verben werden verwendet? (Zustandsverben, Bewegungsverben …)
  1. Schritt: Syntaktische Analyse
  • Satzformen und ihr Verhältnis zu Vers und Strophe (Enjambement, Zeilenstil u.a.)
  • Tempusverwendung und Zeitverhältnisse
  • Satzbau: Parataxe, Hypotaxe
  1. Schritt: Das lyrische Ich
  • Grammatische Erscheinungsformen des lyrischen Ich
  • Sprachliche Charakterisierung des lyrischen Ich (erlebend, kommentierend, distanziert …)
  • Verhältnis des lyrischen Ich zur Situation
  • Redeweise des lyrischen Ich (rhetorische Figuren)
  • Aussparung des lyrischen Ich
  1. Schritt: evtl. historische oder biografische Bezüge (soweit bekannt)
  1. Schritt: Erstellung einer Gliederung des Vergleichs 

Bei Formanalyse immer Inhaltsbeziehung herstellen!)

  1. Schritt: Ausführung

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