Meine Leistungskursschüler*innen hatten die Aufgabe, einen ersten Gedichtvergleich zur Reiselyrik vorzunehmen. Einige dieser Interpretationen sind aus meiner Perspektive exzellent gelungen und verdeutlichen neben methodisch sauberen Vorgehen, wie sich schreibend ein roter Faden durch die Interpretation ziehen lässt. Herzlichen Dank an Sophia Rapp für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Der Erwartungshorizont für die beiden Gedichte „Abschied“ von Joseph von Eichendorff und „gegen abend gerieten wir“ von Frank Schmitters findet sich hier. 

Gedichtvergleich

Das Gedicht „Abschied“ von Joseph von Eichendorff aus dem Jahr 1810 thematisiert die Reise als eine Flucht aus dem alltäglichen, hektischen Leben in die Natur, welche mit einer neuen Denkweise und einer veränderten Lebenseinstellung in Verbindung steht.

Das Gedicht weist eine für seine Epoche, der Romantik, typische, einheitliche Form auf: Vier Strophen mit je acht Versen, ein durchgängiges Metrum, sowie einen ununterbrochenen Kreuzreim. Die Kadenzen sind überwiegend weiblich, was für ein nicht monotones und geschmeidiges Lesen sorgt. Der Jambus und die Reimform unterstreichen eine Harmonie, die sich auch im Inhalt des Gedichts wiederspiegelt.

Die dreifach wiederholte Interjektion „O“ (V. 1 und 2) gepaart mit den drei Ausrufezeichen (V. 4, 8 und 16) verdeutlichen die Gefühle, die Leidenschaft und die Entschlossenheit in Bezug auf die Natur, die sich auch auf die Romantik übertragen lassen. Die „weiten Täler“ (vgl. V. 1) , die das lyrische Ich anspricht, deuten auf die Unendlichkeit der Natur hin. Der „grüne Wald“ (vgl. V. 2) erinnert an den Frühling, welcher sinnbildlich für einen Neubeginn, etwas  Neues  steht. Das lyrische Ich selbst befindet sich also gerade in einer Phase des Neuanfangs, an einem neuen Abschnitt des Lebens. Das Enjambement in Vers 3 und 4 verstärkt dies, da durch den Zeilenbruch der „Sprung“ vom Alltag in die Natur oder des Alten in etwas Neues verdeutlicht wird. Durch die Beschreibung des „Aufenthalts“ als „andächtig“ (vgl. V. 4) wird der Natur Religiösität, also etwas Himmlisches zugeschrieben. Dies läuft auch auf Pantheismus hinaus, da das lyrische Ich die Natur anbetet und Gott in seiner Schöpfung wahrnimmt (vgl. V. 4). Die Schnelllebigkeit und Hast im Alltag wird durch die Verben „saust“ (V. 6) und „schlag“ (V.7) deutlich, die das lyrische Ich als „geschäftige Welt“ (V. 6) wahrnimmt. Es möchte aus dieser Welt entfliehen und in dem „grüne(n) Zelt“ (V. 8), der Natur, Zuflucht finden. Ein Zelt erscheint wohl nicht als Dauerlösung oder als Luxushotel, doch für einen kurzen Aufenthalt und echte Naturverbundenheit ist es perfekt. Das lyrische Ich verabschiedet sich also nicht nur vom Alltag und dem alten Leben, sondern hat nicht vor, für immer in diesem Zustand der Neuerfindung zu bleiben, sondern die Natur als Helfer zu nutzen, zu sich selbst zu finden, sich aber letztlich auch von ihr zu verabschieden und in eine neues Leben zu treten.

In der zweiten Strophe wird es Tag (vgl. V. 9), auch hier wird die Idee des Neubeginns und einer neuen Lebenseinstellung durch die Natur verdeutlicht. Das lyrische Ich trennt die Erde von der Natur, die etwas Himmlisches ist. Auf der Erde herrscht Leid (vgl. V. 14), während in der Natur dieses Leid vergeht (vgl. V. 13-14). die Natur wirkt also erneut als Helfer des lyrischen Ich zu sich selbst und seiner neuen Einstellung zu finden.

Dass der Mensch von der Natur lernt ist gewiss, doch sie lehrt den Menschen auch „rechtes Tun und Lieben“ (vgl. V. 19). Das lyrische Ich sieht ein Leben ohne die Natur als unmöglich und unmenschlich, da diese Moral und Toleranz lehrt, das was richtig ist.

Das lyrische Ich hört auf die Natur und nimmt die Worte „treu“ (vgl. V. 21) auf, es vertraut und gehorcht der Natur, sowie seinem eigenen menschlichen Instinkt, da es durch sein „ganzes Wesen“ (V. 23) die Lehren und Wahrheiten der Natur verkörpert. Durch Humanität und Menschlichkeit zeigt sich also das, was wahr ist, was die Natur vorgibt.

In der letzten Strophe geht es um die Zukunft und ganz konkret um den, im Titel angekündigten „Abschied“, der für das lyrische Ich bald ansteht. Es hat also zunächst sein altes Leben verlassen, um in die Phase der Umstellung zu gelangen, die Natur. Diese wird es nun auch verlassen müssen, um seine neue Einstellung gegenüber dem Leben ausführen zu können (vgl. V. 25). Das lyrische Ich spricht dabei bewusst die Natur, sowie seine alte Lebensweise mit „dich“ (V. 25) an.

Als „Fremder“ in die „Fremde“ gehen (vgl. V. 26) ist hier für das lyrische Ich zwar ungewiss aber keineswegs beängstigend, da es durch die Natur gelernt hat, was richtig ist und nun seinem neuen Leben mit Neugier und Freude gegenübertreten kann. Es läuft auf „buntbewegten Gassen“ (V. 27) was zeigt, dass man Neuem furchtlos gegenübertreten soll und das ein Abschied nicht immer schlecht ist. Das „Schauspiel des Lebens“ (vgl. V. 28) ist durchaus etwas Schönes und Belebendes, neue Eindrücke und ein verbessertes Leben. Zwar ist das Leben ernst und oft hart (vgl. V. 30) , doch mit der richtigen Einstellung  nicht stumpf, einsam oder langweilig. Hat man diese Denkweise und Einstellung erreicht, indem man auf die Natur und seine Instinkte hört, so wird man glücklich und das „Herz nicht alt“ ( V. 32) Das lyrische Ich hat also durch die Natur zu einer neuen Einstellung gefunden, die sein Leben grundlegend verbessert und unendlich macht.

Im Gedicht „gegen abend gerieten wir“ von Frank Schmitter aus dem Jahr 2013 wird die Reise mit dem Gefühl der Verlorenheit verbunden und da man immer unterwegs ist, geht auch das Zugehörigkeitsgefühl verloren.

Das Gedicht ist ein modernes Gedicht, welches nur aus einer Strophe mit 14 Versen besteht und weder Reim noch Metrum aufweist. Auffällig ist außerdem, dass es im gesamten Gedicht kein einziges Satzzeichen gibt, was das ständige Unterwegssein ohne Halt und Ankommen unterstützt. Es gibt keinen Schlusspunkt, man fühlt sich beim Lesen verloren, ohne Satzzeichen, die zeigen, wo der Text endet und wo er neu beginnt.

Der Titel des Gedichts ist zugleich der erste Vers, wobei deutlich wird dass der „abend“ (V. 1) prägnant für das Gedicht ist, er deutet auf das Ende eines Tages, eines Lebensabschnitts oder gar des Lebens selbst hin. Das lyrische Ich redet von einem „wir“ (V. 1) es ist also nicht alleine, sondern, wie später deutlich wird in einer Gruppe von passiven Mitreisenden. Sie geraten in einen „stau“ (V. 2) , welcher die Reise vorerst beendet, da es nicht weiter geht, ein Grund für diesen Stau wird nicht genannt, es könnte ein Unfall oder nur eine Baustelle sein. Heutzutage ist ein Stau jedoch sehr gut vorhersehbar, das lyrische Ich wusste also ziemlich sicher, dass seine Reise unterbrochen werden würde. Die „kreidezeichnung“ der „alpen“ (vgl. V. 2) verdeutlicht die Ungewissheit über die Länge der Unterbrechung, da sie nur verschwommen erkennbar sind. Das passive Mitreisen der anderen wird nun deutlich, da das lyrische Ich sie nur von außen beobachtet und „das leben der anderen“ (V. 6) als wichtiger als das eigene erkennt. Der „proviant“ (V. 8), der „von hand zu hand“ (V. 8) wandert, verdeutlicht die Verbundenheit dieser passiven Mitglieder, die sich doch nicht erreichen können, da sie nur durch diese kurze Unterbrechung verbunden werden. Sie sind einsam und haben keinen Platz in der Welt. Doch sie werden zu „siedlern“ (V. 9), sie haben also vorerst einen Platz gefunden, an dem sie allerdings das verlieren, was ihnen noch übrig geblieben ist: Ihre Identität (vgl. V. 10). Während dieser Reise verlieren sie also das Einzige was sie noch annähernd zu irgendetwas zugehörig macht: ihren „namen und (ihre) herkunft“ (V. 10). Hier agiert das lyrische Ich erneut nur als Beobachter und schaut den Menschen zu, es selbst spielt dabei keine bedeutende Rolle. Der plötzliche Aufbruch „ohne sichtbaren Grund“ (V. 11) scheint die Rettung zu sein, durch die Lautmalerei in Vers 11 und 12 kann man diese Aufbruchsstimmung, die keineswegs erfreulich ist, fast schon hören und spüren. Dass diese „wieder einsetzt(e)“ (V. 12) macht deutlich, dass es nichts Neues für das lyrische Ich ist, aus einer Pause, urplötzlich und hastig weiterzufahren. Es wirkt fast wie eine öde Gewohnheit. Doch diese Gewohnheit entsteht nicht aus aktivem Handeln, sondern durch passives, uneigenständiges Folgen (vgl. V. 13). Hier zeigt sich also erneut die Verlorenheit und Unbestimmtheit des eigenen Tuns, der Aufbruch ist so hastig, dass man gar nicht anders kann, als mitzuziehen, auch wenn man das vielleicht gar nicht will. Doch der letzte Vers verdeutlicht, dass es den Menschen, sowie dem lyrischen Ich egal ist, die Resignation hat sie längst überschwemmt. Sie wissen nicht mehr wohin und warum sie überhaupt gehen, doch es kümmert sie nicht. Das Gefühl der Verlorenheit hat sie längst ergriffen und auch wenn sie sich hätten wehren wollen, sie würden es nicht schaffen. Das Leben zieht so schnell vorbei, mit nur kurzen Unterbrechungen zum Aufatmen, dass man gar keine Zeit hat, darüber nachzudenken und seine Orientierung und Zugehörigkeit verliert.

Der zentrale Unterschied der beiden Gedichte besteht natürlich in ihrer Entstehungszeit und ihrer für die Zeit typische Form. Gedicht 1, „Abschied“ von Joseph von Eichendorff, entstammt der Romantik, wo Leidenschaft, Natur und Reisen eng in Verbindung standen. Gedicht 2 hingegen stammt aus der heutigen Zeit, mehr als 200 Jahre später, wo Form und Reim kaum eine Rolle mehr spielen. Doch auch inhaltlich unterscheiden sich beide Gedichte, abgesehen von ihrem zentralen Thema der Reiselyrik.

Gedicht 2 weist nicht die gleiche Leidenschaft und Begeisterung für die Natur auf, wie Gedicht 1, sondern versucht die Umwelt generell und weniger umschwänglich darzustellen. Der Natur wird hier eine weitaus bedeutungslosere Rolle zuteil als in Gedicht 1. Außerdem wird in Gedicht 1 die Natur als unendlich beschrieben, in Gedicht 2 hingegen ist das Reisen selbst das, was nie endet. In Gedicht 1 ist die Reise freiwillig und führt zu etwas hin: einem besseren, erfüllteren Leben. In Gedicht 2 aber wirkt die Reise gezwungen, fast wie eine Qual, die zu nichts führt außer zu mehr Orientierungslosigkeit und Verzweiflung. In Gedicht 1 findet der Mensch durch die Natur wieder zu sich selbst, ändert seine Einstellung und erfindet sich neu, während er sich in Gedicht 2 immer fremder wird, den eigenen Willen und seine Individualität verliert.

Gedicht 1 ist auf die Gegenwart und die Zukunft fokussiert, während Gedicht 2 eher ein Rückblick auf die Vergangenheit ist. Auch fällt auf, dass in Gedicht 1 eher wertende Adjektive wie „geschäftge“ (G1 V. 6) oder „trüb“ (G1 V. 14), in Gedicht 2 aber sachliche Adjektive wie „kleine weiße (…)“ (G2 V. 4) verwendet werden.

Der Vergleich beider Gedichte miteinander zeigt, wie unterschiedlich der Blick auf das Reisen sein kann. Gedicht 1 wirft einen hoffnungsvollen, wiederbelebenden und optimistischen Blick auf das Reisen, wohingegen Gedicht 2 dem Reisen pessimistisch und resigniert gegenübertritt. Dies hat natürlich auch mit den weit auseinanderliegenden Entstehungszeiten der beiden Gedichte zu tun, da durch die Modernisierung das Leben weitaus schnelllebiger und hektischer geworden ist.

Jedoch wird in beiden Gedichten klar, dass der Mensch als Individuum, sei es die Natur oder sich selbst, etwas braucht, an dem er sich orientieren kann um zu sich selbst zu finden und die Orientierung im oft verzwickten Leben wiederzufinden.

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