ANALYSE: Fitnessstudio oder das Recht des Stärkeren

Ja, ich gebe es zu. Ich bin einer von denen, die das Geld, das sie verdienen, dafür ausgeben, auf der Stelle zu laufen. Also ganz im Sinne des Wortes. Ich bin einer von denen, die „ihrem Körper was Gutes“ tun wollen. Ob der das auch will, weiß ich nicht. Da Fitnessstudios, egal in welcher Stadt und Preisklasse, immer ein sehr anderer Raum zwischenmenschlichen Beisammenseins sind, lohnt sich ein Blick hinter die Muskeln.

Das Wichtigste mal zuerst. Auch wenn alle so tun, als würden sie auf den Fernseher starren – die Augen verrenken sich doch zum Nebenläufer. Sehen und gesehen werden hat hier höchste Priorität – aber natürlich nur, wenn man schon einen bestimmten Status erreicht hat.

Diesen Status erreicht man, indem man sein Leben in das Studio verlagert. Im alten Fitnessstudio in Freiburg waren Menschen zu beobachten, die beobachteten, ob jemand da ist, der sie beobachtete. Wenn nicht, gingen sie einfach wieder. Sie merken schon, einfach ist es nicht.

Im kleinen Freudenstadt ist das nicht anders. Die aufgepumpten Alphatierchen marschieren durch die Reihen, tätscheln die Weibchen auf die Schulter und lächeln dabei so unangestrengt, wie es eben möglich ist, nachdem man sich jeden Tag das Vielfache seines Körpergewichts aufgeladen hat, um sicherzustellen, dass dies alle gesehen haben. Der Körper schreit, der Arm tätschelt.

Das Zunicken und die haptische Form subtilen Sexismus muss man sich allerdings verdienen. Erst wenn das Alphamännchen einem mindestens einmal erklärt hat, was man alles falsch macht, gehört man dazu – natürlich an das untere Ende der Protein-Nahrungskette.

Unser Alphamännchen ähnelt dem bekannten Glöckner, da er wohl schon so lange so falsch trainiert hat, dass sein Körper in einer Haltung verharrt, die an plötzliches Ducken erinnert, wenn man Angst hat, dass sich einem eine Taube in den Kopf bohrt. Obwohl, wenn ich es so überlege könnte das auch der Grund sein.

Falls eines der spärlich gesäten blonden Weibchen das Gelände betreten, hat das Alphatier einen ganz ausgeklügelten Plan, den es jedes Mal anwendet. Er duckt sich – gut, kann ja auch nicht anders – und tut so, als müsse er sich genau an der Stelle strecken, wo besagtes Weibchen ihre sekundären Geschlechtsmerkmale gen Himmel streckt. Dann gibt unser Glöckner alles und schaufelt meist Luft mit seinen Armen durch die Gegend, plustert sich auf und starrt. Bis heute habe ich noch kein lautes Grunzen wahrnehmen können, obwohl ich glaube, dass dies zumindest kognitiv passiert. Falls keine Taube in der Nähe war.

Die primäre Aufgabe ist für mich natürlich erst einmal am Ende der Nahrungskette anzukommen, weil ich irgendwann auch einen so schön krummen Rücken haben will. Hier oben im Schwarzwald ist das ein Zeichen dafür, dass man sich an die geographischen Besonderheiten auch rein körperlich angepasst hat.

Der Rest ist schnell erzählt: böse Blicke der Mitt-Achtziger im Schlappi-Zirkel, in den auch meine Frau und ich gehen; zwanghaftes Ignorieren des einzig anerkannten psychisch Zurückgebliebenen; Lästern über Leute die lästern, weil man selber ja nicht lästern würde, wie die, die eine da, die immer lästert.

Und am Ende gönnt man sich noch einen Shake. Für 3 Euro. Wird auch wärmstens empfohlen.

Ich will ja schließlich auch meinem Körper was Gutes tun.

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