Das Video „Die Zerstörung der Presse“ und die Reaktionen darauf eignen sich für einen multimodalen Deutschunterricht, der Schüler*innen eine aktuelle Debatte vor Augen führt und sie an ihr teilhaben lässt. Eine Skizze eines zeitgemäßes Ansatzes. 

Zum Inhalt

An dieser Stelle wird es nicht um vorgefertigte Arbeitsblätter oder das punktgenaue Vorgehen im Unterricht, sondern um den Rahmen und die Schritte der Einbindung gehen, die im besten Fall eine Anregung oder Inspiration für die Lesenden sein können.

Vorüberlegungen

Zunächst zum didaktischen Rahmen: Wenngleich jedem Pädagogen Hilbert Meyers „10 Thesen zu gutem Unterricht“ bekannt sein dürften, reicht es natürlich nichts, diese einfach abzuhaken. Auch die Aktualität des Themas darf nicht als monokausale Erklärung für die Einbindung in den Unterricht gelten. Es gilt gleichsam, ein „Paket der Möglichkeiten“ zu schnüren – eben wenn es möglich ist. Die Perspektive, die mich auf die Einbindung des Videos als Ursprung und Initiation für eine Beschäftigung im Deutschunterricht brachte, war eine eher systemimmanente. So sprach ich mit einer geschätzten Kollegin darüber, wie man in der 9. (und auch der 10.Klasse) das materialgestützte Schreiben anbahnen könnte. Es gibt verschiedene Arten, diesen Prozess auch digital zu begleiten, aber der springende Punkt war für mich die Definition dessen, was die Schüler*innen später schreiben können müssen: Einen Kommentar. Da heißt es unter anderem: 

„Der Kommentar ist eine meinungsbetonte Darstellungsform. In einem Kommentar wird eine subjektive, aber argumentativ begründete und sachlich wertende Stellungnahme zu einem aktuellen domänenspezifischen Ereignis oder Thema formuliert. Die Textsorte erfordert Sachkenntnis, rationale Argumentation und sprachliche Prägnanz, die durch einen gezielten Einsatz sprachlicher Gestaltungsmittelunterstützt wird.  Grundlegende Elemente des Kommentars sind eine inhaltlich korrekte und konzise Darstellung des zu kommentierenden Sachverhalts, eine argumentative Auseinandersetzung damit und eine Positionierung des Verfassers. Ein Kommentar soll zur differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema anregen, von der Position des Autors überzeugen und somit zur Meinungsbildung beitragen.  Im Unterschied zum eher kürzer gehaltenen journalistischen Kommentar erfordert die Textsorte ‚Kommentar‘ als Aufsatzform im Deutschabitur eine ausführlichere Auseinandersetzung mit einem komplexen Thema.“

Es braucht nicht allzu viel Phantasie um zu bemerken, dass Rezo im Grunde genommen genau das leistet. Was Rezos fundierten Kommentar von jenen, die Schüler*innen schreiben, unterscheidet, ist seine „multimodale“ Form, also das Zusammenspiel von Bild-, Ton-, und Schriftelementen. Gegenüber eines eher künstlichen Zugangs, den die Schule (leider) noch damit legt, dass das Material zur Argumentation vorgegeben ist, war aber Rezos Ansatz auf einem persönlichen Anliegen gegründet. Und dennoch löste er (wieder) eine gesellschaftliche Debatte aus, die die verschiedensten Reaktionen herausforderte. Stark verkürzt könnte man sagen: Hier zeigt jemand, dass die Fähigkeiten, die (unter anderem) in der Schule eingeübt werden (können), eine gesellschaftliche Relevanz haben. Diese grundlegende Erkenntnis sollte auch im Unterricht zugänglich gemacht werden.

Grobstruktur

Die Grobstruktur vor der konkreten Planung bestand darin zu überlegen, wie in diese Debatte eingestiegen werden kann, wie sie vor- und aufbereitet wird und wie das ganze strukturiert wird (zumal unter den Bedingungen des Hybridunterrichts mit A- und B-Woche). Die Makrostruktur kann man folgendermaßen festhalten:

  • Vorbereitung des Videos mit anschließender Diskussion und Einordnung
  • Zusammenfassung des Videos für eine jüngere Zielgruppe
  • Lesen von Texten, die die Argumentation bestärken und ablehnen
  • Vorbereitung des Antwortvideos/ Recherche zu verschiedenen Positionen
  • Aufbereitung eines Kompendiums zu dem Thema
  • Ansätze von materialgestützem Schreiben
  • Öffnung: Aufbereitung von einem neuen Thema nach Wahl
  • erneute Aufbereitung des Materials, aber zu einem individuellen Thema
  • Produktion eines eigenen Kommentar-Videos

Feinplanung

Auch wenn der Begriff „Feinplanung“ so scheint, als würde es hier um eine in jedem Schritt aufbereitete Planung im Sinne eines dramaturgisch aufbereiteten Unterrichts gehen, bleiben Teile der Durchführung agil (was aber auch an dem Problem fehlender Sozialformen liegt). An dieser Stelle, wie oben angedeutet, nicht die Gesamtplanung, sondern nur einzelne Anregungen und didaktische Anmerkungen zu einzelnen Schritten, wie sie in der Grobplanung auch schon angedeutet worden sind.

  • Vorbereitung des Videos mit anschließender Diskussion und Einordnung

Die Schüler*innen sind angehalten, das Video zu schauen und auf einem Timeline-Padlet zu kommentieren oder Fragen zu stellen und die Zeitangaben zu notieren. Sie beantworten zusätzlich holistische Fragen, die das Thema Belege und Quellen aufnehmen. Hier kann man sich die komplette Frageliste anschauen. 

Didaktischer Kommentar: Das Video ist gleichsam Beginn und Gegenstand der Beschäftigung, da es durch die zeitgemäße Form einen sehr guten Einstieg ins Thema selbst bietet. Kurz: Es motiviert und ist zielgruppenorientiert. Die Vorbereitung wurde hier in der Woche des digitalen Fernunterricht vorgenommen. Eine Beschäftigung innerhalb des Unterrichts wäre sicherlich auch nur dann sinnvoll, wenn jeder in seiner eigenen Geschwindigkeit und mit eigenen Kommentaren und Fragestellungen arbeiten könnte.

  • Auswertung des Videos

Die Schüler*innen diskutieren über die im digitalen Fernunterricht erarbeiteten Ergebnisse (also Fragen und Kommentare), nachdem jene holistische Fragen, die zu dem Gesamtvideo gestellt worden sind, an den Anfang gestellt wurden. Darunter:

Vorstellung von verschiedenen Gesamteindrücken

  • Besprechung und Diskussion
  • Weiterführende Fragen:
    • Warum macht Rezo so ein Video?
    • Welche Wirkung hat es möglicherweise?
    • Inwiefern zeigt es eine veränderte mediale Kultur?
  • Wie nutzt Rezo Quellen?
    • Warum nutzt er Quellen wie er sie nutzt?
    • Was wäre, wenn er keine Quellen nutzen würde?
  • Abschluss des Unterrichtsteils:Inwiefern kann der Deutschunterricht in der Schule einen Beitrag zu den bisher genannten Aspekten leisten?
  • Danach: Auswertung des digitalen Fernunterrichts

Als Hausaufgabe wird das Video Gegenstand eines Berichts. Hausaufgabe: Lesen der Information auf S. 16 „In informativen Texten beschreiben und erklären“ und S.22 „Einen Informationstext schreiben“

Die Redaktion eines großen Medienhauses sucht Schüler*innen der Mittelstufe, die für Schüler*innen der Unterstufe einen Informationstext über das Rezo-Video schreiben. Verfasst diesen Text.

Didaktischer Kommentar: Die Auswertung ergibt sich von selbst, wobei nochmals betont werden soll, dass gerade die Verbindung zwischen Video und Potenzialen den Deutschunterrichts wichtig für den transparenten Nachvollzug ist. Die in einen weitestgehend authentischen Rahmen eingebettete Hausaufgabe ist als eine Art Ergebnissicherung zu verstehen, mit der die Zielgruppenorientierung zum ersten Mal eingeübt wird. Es ist vielleicht erwähnenswert, dass die Perspektive darauf, wie eine Debatte überhaupt angestoßen wird, vergleichend erarbeitet wurde. Diese Erarbeitung war zunächst nicht geplant, sollte aber zeigen, inwiefern Autorität auch durch einen Gang durch die Institutionen entsteht.

Eine gesellschaftliche Debatte anstoßen, 1995/ heute

Dies geschah zugegebener Maßen etwas holzschnittartig, indem die etwas willkürliche Jahreszahl 1995 den heutigen Möglichkeiten gegenübergestellt wurde. Deutlich werden sollte: Reichweite allein reicht nicht für eine Verifizierung einer Meinung und somit auch nicht dafür, als Autorität wahrgenommen zu werden.

  • Schriftliche Reaktionen als Vorbereitung auf die Antwort

In der nächsten Stunde wurden die Texte des Spiegels („Was Rezo sagt“) und der FAZ (Die Verhöhnung der Presse“) gelesen und auf ihre Positionen überprüft. Der wohlwollende Spiegel-Artikel wurde zunächst vorgezogen, um die Schüler*innen in ihrer Grundannahme zu bestärken. Die dem FAZ-Artikel wurde dann auf die Gegenposition eingeleitet. Die Hausaufgabe war die erneute Vorbereitung eines Videos – dieses Mal der Antwort der FAZ.

Didaktischer Kommentar: Obwohl es mir wichtig ist, größtmögliche Offenheit für die Bewertung und Auslegung der verschiedenen Seiten zu bieten, habe ich sehr darauf hingewirkt, dass die Schüler*innen dem FAZ-Redakteur eine argumentative Chance geben, da dieser einfach nicht so cool und sympathisch ist, was natürlich einen Einfluss auf die Bewegung von Gegenargumenten haben kann.

Die „Hausaufgabe“ (deshalb in Anführungsstrichen, weil nun wieder der digitale Fernunterricht losgeht, besteht aus zwei Teilen: Der erneuten Vorbereitung eines Videos und einer Recherche. Die Struktur sah folgendermaßen aus:

II. Recherche

Recherchiert zu der Diskussion 5 Quellen und schreibt daraus für euch wichtige Aussagen heraus. Geht so vor wie auf dem Dokumentationsbogen. Ihr könnt diesen entweder übernehmen oder seine Bestandteile in ein anderes Dokument übertragen.

Postet eure Rechercheergebnisse in das Recherchepadlet.

Didaktischer Kommentar: Obwohl das Antwortvideo der FAZ nicht so „cool“ ist, spekuliere ich darauf, dass die momentan sehr feste Überzeugung in der Klasse, dass ALLES, was Rezo sagt, unabweisbar richtig ist, in Frage gestellt wird. Die Recherche zu 5 weiteren Quellen, die mittels eines Dokumentationsbogens aufbereitet werden sollen, soll dazu dienen, diese Offenheit zusätzlich zu vertiefen und die eigene Meinung zu bilden. Es wurde aber darauf verzichtet, anzugeben, um welche Positionen es sich handeln muss, da hier die Freiheit gegeben werden soll, mittels einer Recherche selbst Material aufzubereiten.

Die dann in einem Padlet gesammelten Quellen und ihre Auswertungen werden dazu dienen, ein großes Materialkompendium zu haben, mit dessen Hilfe in den kommenden Stunden die eigene Meinung belegt und begründet verfasst werden kann.

Inwiefern das gelingt, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden, da wir uns noch mitten im Prozess befinden. Mit der Aussicht auf die schon oben benannten kommenden Stunden heißt es hier also: Fortsetzung folgt!

  • Ansätze von materialgestützem Schreiben 

Der Fluchtpunkt für die gesamte Einheit ist das materialgestützte Schreiben (argumentierender Texte), das später im Abitur eine Rolle spielt. Aus diesem Grund war die Aufgabe für die Schüler*innen (im Präsenzunterricht), die gefundenen Rechercheergebnisse einzuordnen (sind sie pro Rezo, contra oder eher neutral) und für eine eigene Meinungsbekundung aufzubereiten.

Didaktischer Kommentar: Wenngleich einige gute Texte gefunden worden sind, zeigte sich die Problematik zunächst darin, diese so aufzubereiten, dass sie auch zur eigenen Meinung passen. Oder besser: Es zeigte sich, wie wichtig es ist, VOR der Recherche darauf zu achten, was man eigentlich erreichen möchte. Dass dies gerade für die Mittelstufe wichtig ist, zeigte sich hier nochmals insbesondere. Dennoch gab es einige sehr gute Ergebnisse, die auch in einem schriftlichen Kommentar festgehalten worden sind.

  • Produktion eines eigenen Kommentar-Videos

Die Produktion eigener Videos bildete den Abschluss der Einheit. Neben dem motivatonalen Faktor einer Produktion sollten hier die Fäden zusammengezogen werden, so dass am Ende ein eigenes Produkt entstanden sein sollte.

Didaktischer Kommentar: Nebenbei konnte man feststellen, dass die nicht eingeplante Erkenntnis, wie schwierig es ist, einen Kommentar sehr präzise zu fassen, gerade deshalb bei vielen Schüler*innen kam, weil sie es eben selbst probiert hatten. Die Ergebnisse waren teilweise herausragend und werden, falls die Schüler*innen es erlauben, an dieser Stelle nachgereicht.

Insgesamt sollte aber auch die Erkenntnis forciert werden, dass man durch eine inhaltliche Durchdringung eines Themas besser in der Lage ist, etwas darüber zu sagen. Es geht also nicht „nur“ um eine willkürliche Kompetenz, sondern die Relevanz des Themas konnte zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung führen, die als Ausgangspunkt für eine Erarbeitung so grundlegend ist.

Fazit

Aus meiner Sicht war diese Einheit sehr ergiebig. So ist es so, dass die Schüler*innen berichteten, dass die Stunde, in der sie das Video geschaut haben, sehr schnell umgegangen ist. Und auch die Texte, die die Schüler*innen produziert haben, zeugen von einem hohen Engagement. Sehr spannend wird die Frage danach, inwiefern die sachlichen Argumente oder das, was ich etwas unterkomplex „Coolnessfaktor“ den Ausschlag über die weitere Perspektive bieten.

Obwohl die Klasse sowieso eine ist, die mit Interesse und Begeisterung dabei ist, war ich erstaunt und stolz ob der Diskussionen und Ergebnisse. Harte Fakten und Fachwissen (Strohmann-Argument, Autoritätsargument etc./ Journalistische Qualitätsstandards) wurden erarbeitet, weil sie interessant waren, nicht weil sie abgehandelt werden mussten. Insgesamt eine für mich sehr interessante und, insofern ich das beurteilen kann, für die Schüler*innen relevante, bedeutsame, und gerade deshalb gewinnbringende Unterrichtseinheit.

Nachtrag: Dass das Projekt mit einem solchen Highlight enden würde, hätte ich nicht gedacht. Aber nachdem Rezo mich angeschrieben hatte, konnte die Klasse ihn höchstpersönlich im Unterricht befragen! Ein unvergessliches Erlebnis!

3 KOMMENTARE

  1. Danke für den Impuls! Wäre ich Deutsch- oder Politiklehrer, würde ich das auch sehr gerne machen 🙂
    Gut finde ich, dass du die erwartbare Haltung der SuS antizipierst und versuchst, der FAZ-Replik eine Chance zu geben. Diese finde ich nämlich – verglichen mit vielen anderen Repliken von bewährten Parteien und Medien – durchaus gut gelungen. Der Redakteur antwortet nicht nur kleinschrittig auf jeden kleinen Vorwurf, sondern macht auch grundsätzliche Unterscheidungen (Bericht vs. Kommentar).
    Ähnlich wie bei vielen anderen Themen kann man dieses Thema bis ins kleinste differenzieren und Fragen auf der 3. oder 4. Ebene stellen, obwohl einige junge Leute in ihrer Entwicklung erst noch für Fragen auf 1. Ebene motiviert werden müssen. Mit Ebenen meine ich hier sowas wie die Schalen einer Zwiebel, den Grad des Tiefgangs. Jemand, der sich kaum für Presse interessiert, muss erstmal grundsätzlich für die Arbeitsweise und die Funktion der Presse sensibilisiert werden, bevor man irgendwann die Methodik und die Stichprobe bei der Analyse vom „Wahrheitsgehalt“ einer Zeitung hinterfragen kann. Ich denke aber dass das Rezo-Video ein exzellenter Aufhänger für derlei Fragen ist!
    Ich könnte mir hier auch eine arbeitsteilige Analyse vorstellen, um Zeit zu sparen und den Fokus zu wahren. Beispielsweise können sich bestimmte Gruppen mit nur einem Themenblock (z.B. Klatschpresse, Zitation von Bild-Artikeln, seine Presseanalyse, Framing etc.) beschäftigen und dann auch möglicherweise den einzelnen Quellen nachgehen und etwaige Antworten dazu zu lesen und anhand des Problems Grundsatzfragen aufzuwerfen (z.B. Umgang mit Berühmtheiten).

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