Die Szene „Nacht“ ist in vielerlei Hinsicht wichtig für das gesamte Drama: Sie hat expositorische Funktion, verweist auf das Leiden des Protagonisten und eröffnete die Möglichkeit für den späteren Teufelspakt und die Wette.

Anmerkungen zu dem Artikel

Es sei angemerkt, dass viele der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Werk des Germanisten Jochen Schmidt und dem Faust-Kommentar Albrecht Schönes stammen, die mit ihren Werken Goethes Klassiker in vielerlei Hinsicht beleuchten. Sie sind an dieser Stelle nicht an jeder Stelle als einzelne Zitate ausgewiesen.

Insofern versucht dieser Artikel auch ein Spagat: Zum einen werden einzelne Inhalte so nachvollziehbar geschrieben, dass Sie für den einzelnen Lerner zu verstehen sind; auf der anderen Seite soll ein niveauvoller, anspruchsvoller Zugang beibehalten werden. Bei Rückfragen bitte ich um Kommentare oder Nachfragen per Mail.

Weitere Artikel zum Faust

Auf diesem Blog gibt es weitere Artikel zum Faust, die hier aufgerufen werden können:

Zusammenfassung des gesamten Dramas „Faust. Der Tragödie erster Teil“.
Faust I: Zueignung (V.1-32)
Faust I: Vorspiel auf dem Theater (V.33-242)
Faust I: Prolog im Himmel (V.243-353)
Beispiel einer Interpretation zum Faust
Anmerkungen zu Goethes Faust 
Fragen und Antworten zum Faust

Die Szene „Nacht“ (V. 354-417)

Anmerkung: Eine Zusammenfassung der Szene „Nacht“ kann in der Zusammenfassung des gesamten Dramas nachgelesen werden.

Mit der Szene “Nacht” beginnt das “eigentliche” Drama. Dennoch sollte man die vorherigen Prologe nicht ausklammern. Sie sorgen erst dafür, dass das Folgende eingebettet ist in einen größeren, ja den größten denkbaren Zusammenhang. Sie verdeutlichen, dass Faust Probleme Probleme eben jener Menschen sind, die mit ihren Mitteln versuchen, ihre Ziele zu verfolgen. Fausts fundamentales Ziel, sein „Streben“ wird hier deutlich artikuliert: Daß ich erkenne, was die Welt/ Im Innersten zusammenhält (V.382/83).

Es geht also um mehr als darum zu verstehen, warum man selbst auf der Welt ist. Faust will die Ganzheit der Welt, des Universums verstehen. Wenn wir dies wissen, dann wird auch klar, warum er schon mit den ersten Versen, die er in unregelmäßigem, also hochemotionalen Rhythmus spricht, so niedergeschlagen ist:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor; (V.354f.)

Es spricht also ein höchst gelehrter Mann, dem es trotz seines Studiums (er hat „durchaus“ also vollständig studiert) nicht gelungen ist, zu wichtigen Erkenntnissen über die Welt (und damit auch sich selbst) vorzudringen.

Schon die Regieanweisung zu Beginn verdeutlicht, welches Problem dieser Doktor Faust hat. Er ist in einem engen Raum, der seine intellektuelle Situation widerspiegelt (In einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer Faust, unruhig auf seinem Sessel am Pulte.)- Er will heraustreten aus der Welt des Gelehrten, die es ihm bisher nicht ermöglicht hat, die wichtigen Fragen des Lebens zu ergründen. Er hat keine Hoffnung in Einsichten, die sich aus dem Gelehrtendasein ergeben, obwohl er alle Hauptfakultäten der Renaissance-Zeit in ihrer Tiefe gelernt hat und ein anerkannter Hochschullehrer ist.

In seinem Monolog verdeutlicht er also, dass es ihm um das Verständnis des Ganzen geht. All das, was er bisher geleistet und studiert hat, hat ihm dabei aber nicht geholfen. Deshalb ist er in einer Krise, die so existeinziell ist, dass er alles anzweifelt, das sein bisheriges Leben ausgemacht hat.

Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel –
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren. (V.364-373)

Sein gesamtes Studium hat ihn nicht weitergebracht, im Gegenteil: Er ist unsicher, nichts anderes heißt es, wenn er darüber spricht, dass er sich nicht einbilde, etwas lehren zu können, und das, obwohl er weiß, dass er eigentlich intelligenter ist als alle anderen. Seine Verzweiflung ist so fundamental, dass er alles anzweifelt, was ihn ausmacht: Seine Gelehrsamkeit, sein Ansehen, seine Bezahlung.

In seiner Suche nach den tieferen, allumfassenden Zusammenhängen der Welt entscheidet er sich für die Magie. Sie ist für ihn ein weiteres Mittel, um zu einer Art Erleuchtung über den Sinn des Lebens und die Zusammenhänge des Alls uns der Welt zu gelangen.

Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund; (V.377f.)

Die Magie ist für ein also einer von mehreren Auswegen aus seiner Aussichtslosigkeit. In der Szene werden wir jedoch erkennen, dass auch jene Versuche scheitern. Sie scheitern so fundamental, dass Faust in einen Strudel aus Verzweiflung gerät, in dem er sich sogar umbringen würde.

Dies lässt einen kleinen Exkurs zu: Man könnte sich bei dem Drama spätestens nach der Wette und dem Teufelspakt fragen, warum ein so intelligenter, intellektueller Gelehrter sich von einem Teufel überreden lässt, um seine Seele zu wetten (dies wird so deutlich nicht ausgesprochen, aber darum geht es). Die Antwort liegt schon in dieser Szene, die eben deswegen expositorisch ist: Wir lernen Faust nicht nur als Gelehrten kennen, sondern als Menschen, der an seinem Tiefpunkt ist. Zwar kommt er aus diesem noch einmal heraus, wenn er „Vor dem Tor“ einen Osterspaziergang macht; aber im Grunde genommen ist er so existentiell verzweifelt, dass eben jene Verzweiflung, eben jene Melancholie, den Pakt mit dem Teufel überhaupt erst möglich macht. 

Damit wird gleichsam die Funktion der Szene für das gesamte Drama – oder zumindest für seinen ersten Teil – deutlich. Wir schauen Faust beim Scheitern zu, mehrere Male; damit verstehen wir die spätere Entscheidung dafür, dem Teufel das Leben in die Hände zu legen.

Für diese Unternehmung nutzt Faust zunächst das Buch des Nostradamus und ruft den Erdgeist an. Er blickt auf das sogenannte Makrokosmos-Zeichen, in der das Weltall und seine Ordnung dargestellt ist und hofft dadurch zu einer Erkenntnis darüber zu gelangen. Insofern Magie und Geister Teil der Natur sind, die wiederum von Gott erschaffen worden sind, erhofft er sich dadurch die Erkenntnis über das große Ganze. Er spürt denn auch das harmonische Ganze, ist aber nicht in der Lage, es zu begreifen.

Da dieser weitere Versuch des Verstehens misslingt, beschwört er den Erdgeist. Dieser ist der Geist der Natur, des irdischen Lebens. Er ist die Personifizierung der Erscheinungswelt des Lebens selbst. Dadurch, dass Faust versucht, dem Geist auf Augenhöhe zu begegnen, stellt er sich ihm gleich und wird vom Geist zurückgewiesen.

Faust scheitert also ein drittes Mal – zunächst als Wissenschaftler, dann als Beobachter und zuletzt als Geistesbeschwörer. Dieses Scheitern, die Erkenntnis, dass er überall auf Grenzen stößt, sorgen bei ihm für einen tiefgreifenden Lebensekel, der in so einer heftigen Verzweiflung mündet, dass er sich entschließt, sich umzubringen.

Faust zeigt sich hier als typischer Sturm und Drang Charakter: Er trachtet nach einem vollumfassenden Naturerlebnis, nach einem Erleben, das die ganze Natur umfasst. Da er in diesen Versuchen scheitert, greift er zur Giftflasche. Er will sich selbst behaupten, indem er sein eigenes Leben im letzten Atemzug in die eigene Hand nimmt. Die Osterglocken, die er kurz vor dem möglichen Suizid hört, halten ihn vom Selbstmord ab.

Das treffen mit Wagner, seinem Studenten, schärft Faust Profil noch einmal. Wagner trachtet nach Wissen, nicht mehr. Er beruft sich auf die Bücher und die Autoritäten. Faust hingegen will diese starre Form des Wissens durchbrechen.

Fazit

Die Szene „Nacht“ ist in dreifacher Hinsicht relevant: Sie charakterisiert Faust als jenen fundamental verzweifelten Gelehrten, der er sein muss, um überhaupt mit dem Teufel einen Pakt zu schließen; sie verdeutlicht, dass die verschiedenen Wege, seinen Erkenntnisdrang zu befriedigen, scheitern und er also nach einem weiteren Weg suchen muss; und nicht zuletzt zeigt sich in ihm ein zutiefst menschlicher Charakter, der versucht, einen Lebenssinn zu suchen. Dieses Suchen nach dem Lebenssinn wird in zahlreichen Wiederholungen des Wortes „Strebens“ deutlich: Das Streben nach neuer Erkenntnis wird damit zur Triebfeder des Protagonisten. Gleichzeitig macht eben das den Menschen aus. Im Gegensatz zu Mephisto, der den Mensch als triebgesteuert und falsch ansieht, sagt der Herr:

„Es irrt der Mensch, solang er strebt“.

Man könnte anfügen: und genau dieses Streben macht Faust zum Menschen.

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