Schon in meinen Anmerkungen zu Faust habe ich erklärt, dass es schwierig ist, über dieses Werk überhaupt noch etwas zu sagen, dass nicht schon gesagt worden ist. Aus diesem Grund werden die Anmerkungen wenn überhaupt nach und nach und sehr allgemein weitergeführt. An dieser Stelle soll ein Kontrapunkt stehen: Nämlich Fragen, die sich den Lesenden stellen. In einem YouTube-Video stelle ich die Frage, welche Fragen für die Lesenden wichtig sind. Einige sind schon geschrieben worden. An dieser Stelle werde ich versuchen, auch neu dazugekommene Fragen nach und nach zu beantworten. 

Die bisherigen Fragen

Zunächst einmal zu dieser eher persönlichen Frage: In meinem Deutschstudium habe ich ein Seminar zu Faust II besucht – bei einem renommierten Freiburger Germanisten. Es wart anspruchsvoll – sehr anspruchsvoll. Aber mir wurde einmal mehr deutlich, wie das „Schälen der Zwiebel“, wie Grass sagen würde, zu Erkenntnissen führt, die eine Vielschichtigkeit und Besonderheit offenbaren, die sich einem erst nach einiger Zeit erschließt. Die gesamte Faustdichtung ist ein Jahrhundertwerk, es umfasst eine ganze Epoche und steht gleichsam für das Menschsein selbst, scheinbar zeitlos. All das: Das Ergründen, das wortwörtliche Hineinarbeiten und dann: das doch wieder neue Entdecken macht das Werk für mich aus.
Siehe die obere Antwort. Der Faust wurde schon oftmals als „typisch“ deutsches Drama gesehen, der Faust sogar als deutscher Typus. Das ist gefährlich und nicht zutreffend, da wir wissen, inwiefern Goethe auch in diesem Werk von anderen Schriftstellern – vor allem Shakespeare, aber auch zahlreichen anderen Autoren des Sturm und Drang, der Aufklärung und der Weimarer Klassik beeinflusst worden ist. Dennoch: Das Werk versucht das Unmögliche: Die Einbindung des Menschen als Menschen in ein universelles Spiel, in ein Treiben, das die Welt verlässt und wieder zu ihr zurückfindet. Es ist, als wolle Goethe ausprobieren darüber zu schreiben, was es heißt Mensch zu sein. Und da wir das alle irgendwie wissen wollen, bleibt das Werk so spannend für all jene, die sich für Literatur interessieren.
Weil sich in ihr die Merkmale ausprägen, die ein Bürgerliches Tauerspiel ausmachen: Nicht mehr der Held fällt und muss betrauert werden, sondern die sozialen Umstände lassen die Menschen – hier: die Frau leiden. Gerade weil sie als Kindsmörderin von allen verachtet wird, weil ihr eigener Bruder seine (nicht ihre) Ehre verletzt sieht, weil die Kirche keinen Halt, sondern nur Repression bietet und gerade weil so die Gesellschaft (und nicht nur Faust) teilhaben an der Tragödie, kommt es zu einer Katastrophe, die von den sozialen Umständen der Zeit und ihren verschuldet wird.
Sehr gute Frage. Goethe war gläubig, aber nicht im religiös-institutionellen Sinne, sondern im so genannten pantheistischen. Der Pantheismus sieht die Natur als Ausdruck allen Seins und damit auch als Gott. Alles spielt zusammen. Das All, die Welt, die Sterne – alle tönen „in Bruders Wettgesang“. Alles „webt“ sich also in eines. Alles ist miteinander verbunden. Das drückt sich hier insbesondere und immer wieder aus.

Welche Rolle nimmt der Erdgeist in dem Drama ein?

Der Erdgeist steht eben für die Allnatur, die sich nicht begreifen lässt. Er steht für das Unfassbare, nicht zu verstehende Innerste Fausts. Dieser hat ja immer wieder Momente totaler Klarheit, ist aber im ständigen Widerstreit mit seiner radikalen Natur (Mephisto). Insofern ist der Erdgeist der Gegenpart des himmlisch Unfassbaren. Er verdeutlicht die tiefste Schau in das, was die Natur für den Menschen ist. Aber weil er ein Geist ist (oder eine so tiefe Seelenschicht) ist es für den normalen Menschen nicht möglich, ihn zu verstehen (die Natur, alles, was lebt). Deshalb bezeichnet er den Faust auch ironisch als „Übermensch“. Für den Geist ist er es nicht.
Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass Faust am Ende gerettet ist. Genau wissen wir noch nicht einmal, warum. Aber der Herr gibt ein Indiz: „Wer immer strebend sich bemüht…“ heißt es da. Es ist also nicht zwangsläufig wichtig, was die Welt im Innersten zusammenhält – zumindest ist es nicht all das, was Faust in Betracht zieht: Wissenschaft, Soziales, Sexualität, Liebe, Glaube. Sondern es ist die Art und Weise, wir der Mensch nach dem Verständnis trachtet. Insofern kann man vielleicht sagen (und dies ist weit aus dem Fenster gelehnt und steht in keiner mir bekannten Interpretation), dass das strebende Bemühen, das ewige Scheitern, das Menschsein selbst das ist, was die Welt zusammenhält.
Schwierig und einfach. Einfach: Keine. Goethe hat für beide Faustteile mehr als 50 Jahre gebraucht. Der Urfaust entsteht im Sturm und Drang, das sogenannte Fragment kurz nach der französischen Revolution. Beendet ist der erste Teil erst drei Jahre nach Schillers Tod, 1808 – lange nach dem Sturm und Drang. Der Faust ist also epochenübergreifend, hat klassische Passagen, aber auch stürmerische und drängerische (vor allem die letzten drei Szenen). Vieles, was im Sturm und Drang geschrieben worden ist, wurde aber auch nachträglich vom klassischen Goethe geglättet. Keine wirklich befriedigende Antwort, ich weiß. Nähern kann man sich dem Ganzen, indem man für die einzelnen Teile Epochenzugehörigkeiten nachweist. Festnageln wird sich der Faust aber nicht lassen.

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