Der letzte Monat vor den Ferien ist oftmals eine Herausforderung für alle Beteiligten. Die Klausuren sind rum, es ist schon sehr warm und die Luft oftmals raus. Aus diesem Grund habe ich schon früh mit einer 10. Klasse besprochen, was wir in dieser Zeit tun könnten. Filmanalyse war die erste Wahl. Um den Schüler*innen auch gleichsam neue Methoden nahebringen zu können und das selbstständige Arbeiten zu fördern, entschied ich mich für einen Zugang über das sogenannte SCRUM. Die Ergebnisse der Analyse waren, nach meinem Dafürhalten, exzellent. 

Idee und Beschreibung

Die Idee, agil zu arbeiten, hatte nicht ich. Neben Philippe Wampfler, der die „agile Didaktik“ als besonderen Maßstab einer zeitgemäßen Bildung schon seit längerem stark macht, war es vor allem Thorsten Puderbach, der mich bei einer Konferenz in Karlsruhe davon überzeugte, agil zu arbeiten. Ich gebe offen zu, dass ich skeptisch war, da ich den Unterschied zwischen agil und willkürlich nicht erkannte. Denn agiler Unterricht soll eben nicht in seiner kleinsten Struktur vorgegeben sein, sondern sich an den Lerninteressen der Schüler*innen ausrichten.

Vollends überzeugt hat mich ein langes Gespräch mit einem Freund, der als Software-Entwickler arbeitet und aktiv nach dem Konzept handelt. Hier zeigten sich Schwachstellen der Übertragung von EDUScrum, die ich versuchte durch eine Verkürzung der Vorgaben zu eliminieren.

Bei meiner Vorgehensweise orientierte ich mich – lose! – an dem sogenannten EDUScrum. Bei diesem geht es darum, die SCRUM-Methode auf das Lernen zu übertragen. SCRUM selbst wurde für Teamarbeit bei der Softwareentwicklung entwickelt. Da es sehr viele Bücher, Videos und Abhandlungen dazu gibt, hier nur die wichtigsten Bausteine: SCRUM ist der englische Begriff für „Gedränge“, wie man es auch beim Rugby sieht. Und genau das beschreibt es auch ganz gut. Der Trainer mag eine Strategie vorgeben, wie diese dann aber gelöst wird, ist Sache des Teams auf dem Platz. Jeder hilft, es gibt keine starren Strukturen.

Den Schüler*innen wurde ein Blatt ausgeteilt, auf dem die wichtigsten Begriffe nochmals erklärt wurden. Dieses kann hier als PDF angeschaut oder heruntergeladen werden. Ich nenne das Ganze Bildungs-SCRUM, weil man es nur dann EDUScrum nennen darf, wenn jeder einzelne Schritt auch tatsächlich den Maßgaben entspricht, der durch die Ideengeber vorgegeben wurde.

Bildungs-Scrum

SCRUM übertragen auf das Lernen bedeutet in erster Linie, dass die Ideenfindung auf der Grundlage der Interesse der Schüler*innen geschieht, diese ihre Methoden, Werkzeuge und Handlungsweisen selbst bestimmen und das Produkt auf ihre Weise vorstellen.

Material

Zunächst ein Aber. Die Unterrichtseinheit war insofern nicht komplett agil, als dass der Rahmen feststand: Die Filmanalyse. Und bevor es losging, haben alle Schüler*innen mit Computern nochmals die wichtigsten Grundbegriffe der Filmanalyse besprochen. Dies ist insofern wichtig, als dass auch beim regulären agilen Arbeiten die Teams aus unterschiedlichen Experten bestehen. Jeder kann also durch sein Wissen und seine Fähigkeiten zum Gelingen des Projekts beitragen.

Neben der sogenannten KANBAN-Methode, die visualisiert, welcher Schritt gerade gemacht wird (auch diesen Schritt hatte ich bei Thorsten Puderbach gesehen) nutzte ich die sogenannten Forschungsfragen von Lisa Rosa. Diese definieren ein Thema, das sich auf der Grundlage des Interesses und des Materials innerhalb einer angemessenen Zeit bearbeiten lässt.

Die Projektbeschreibung, die Forschungsfragen und das daraufhin selbst zusammengetragene Material (Filme, Prezi, Blätter für das KANBAN) waren die Grundlage für das weitere Arbeiten.

Produktives Scheitern

Die Schüler*innen arbeiteten an sehr unterschiedlichen Fragestellungen, die im folgenden erwähnt werden. Zunächst aber ist eine positive Erfahrung der Arbeit, die gar nicht genug betont werden kann, das produktive Scheitern. Mehr als einmal wechselten die Schüler*innen die Forschungsfragen, weil sie sahen, dass bestimmte Voraussetzungen nicht gegeben waren. So konnte beispielsweise die Wirkung von bestimmten Filmen nicht nachgewiesen werden oder die Frage nach der „Bedeutung“ von Helden in Filmen stellte sich als zu groß heraus. Gerade aber dieses „Scheitern“ sorgte für Erkenntnisse bei den Schülern – vor allem in Bezug darauf, inwiefern Gegenstand und Erkenntnis zusammenhängen. Konkret: Die Frage und der Gegenstand muss miteinander in Beziehung gebracht werden können. Wenn dem nicht so ist, wird es vage oder schlimmstenfalls hohl (was man bei GFS oder Referaten sehen kann, die eine Fragestellung beinhalten, die dann gar nicht beachtet wird oder einen Gegenstand, der im Vortrag keine Rolle spielt.

Themen und Ergebnisse

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich nach dem Monat Arbeit sehr stolz auf die Ergebnisse war, die drei Tage vor Schuljahresende durchgeführt wurden, also ohne eine Möglichkeit, dass das Ganze in die Note eingehen könnte. Jedes Thema und jedes Ergebnis könnte hier präsentiert werden. Leider – wie das bei Schülern mal so ist – habe ich nur von einer Gruppe die entsprechende Mail bekommen. Deshalb hier zunächst die Themen und die Ergebnisse.

Expositionen in Barbiefilmen

Die Gruppe befasste sich mit den Expositionen in Barbiefilmen Anfang der 2000er Jahre. Sie versuchte zu vergleichen, inwiefern sich diese ähneln und welche Informationen dort für den Rest der Zeichentrickfilme vorgegeben wurden. Die Darstellungen von Barbie und ihren Freunden gerade in Bezug auf Stigmatisierungen wurde hier nur am Rande erwähnt. Die Ergebnisse zeigten, dass gerade in Bezug auf „Kameraführung“ und Darstellung die Expositionen nach einem gleichbleibenden Muster vollzogen wurden. Was sich änderte war die Länge der Exposition, die mit den Jahren immer kürzer wurden.

Round und Flat Characters

Eine weitere Gruppe interessierte sich für die Entwicklung von runden Charakteren in Bezug auf die unterschiedlichen Filmgenres. Sie verdeutlichte am Beispiel von Filmausschnitten, die jeweils in die Präsentation eingebettet waren, wie und vor allem zu welchen Zeitpunkt Filmfiguren sich verändern. Sehr interessant war dabei der Genreaspekt. Hier konnten die Schüler aufgrund ihrer Auswahl zeigen, inwiefern bestimmte Genres wie Action oder Komödie einen bestimmten Entwicklungsverlauf präsentieren. Ich hoffe noch auf die Präsentation.

Filmanfänge vs Filmenden

Auch in dieser Gruppe war die Frage über die Genregrenzen hinweg. Es ging darum, inwiefern das Ende und der Anfang in bestimmten Filmen innerhalb des Genres Gleichbleiben und welchen Bezug der Anfang zum Ende hat. Die Erkenntnisse waren vielfältig und boten den Stoff für eine Doktorarbeit. Letztlich konnten die Schülerinnen schon anhand weniger Beispiele Prinzipien für den Bau von bestimmten Filmen darstellen. Sie kontrastierten diese dann mit Filmen, die diese Erwartungshaltung bewusst zerstören.

Leitmotive im Film Inception

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die letzte Gruppe beschäftigte sich mit Leitmotiven im Film Inception. Die Prezi der Gruppe kann hier angeschaut werden. Neben den hier dargestellten Erkenntnissen lohnt sich auch, die Präsentation hinsichtlich von Form und Inhalt zu betrachten. Insgesamt zeigt die Analyse, warum das Medium Film auch im Deutschunterricht seine Berechtigung hat.

Abschlussbetrachtung

Insgesamt hat die Arbeit in dem letzten Monat nicht nur sehr viel Spaß gemacht, sondern auch gezeigt, dass und wie Schüler selbstständig arbeiten können. Als Lehrer bedeutet diese Form der agilen Arbeit eine Veränderung. Die Vorbereitung zu Hause wird weniger, die Präsenz im Unterricht deutlich mehr (dies zeigte sich auch schon bei der Arbeit mit den Kursschülern).

Das agile Arbeiten fordert und fördert zudem die Arbeit mit digitalen Mitteln, ohne dass dies vorgegeben oder gar angemahnt werden müsste. Die Wahl der Tools oder Apps, die die Schüler verwenden, ist dabei völlig ihnen überlassen (obwohl ich zugebe, dass ich Prezi als Präsentationstool vorschlug, um den Schülern, die dies nicht kannten, eine Alternative zu dem Bekannten zu bieten).

Insgesamt werde ich die agile Arbeit weiter in den Unterricht einbauen. Gerade in Arbeitsgruppen, in denen die Inhalte nicht so stark vorgeben sind (zum Beispiel in AGs) bietet dieses Konzept eine sehr wirkungsvolle und überzeugende Alternative zu den starren Strukturen, die man ansonsten aus dem Unterricht kennt.

5 KOMMENTARE

  1. Die Anregungen, die ich über deine Podcasts, Postings oder Homepage bekomme, ersetzen für mich Fortbildungen. Sie sind stets kompakt, die Sprache ist klar und die Links sind Leiter zu Lernoasen. Immer wieder fündig geworden. Jetzt dank dir auf agiles Arbeiten aufmerksam geworden. Ich denke, ich werde diese Arbeitsweie in einer Projektwoche ausprobieren. Vielleicht sogar am Beispiel von Videocoaching und Bewerbungstraining, was zum bayr. LP der 8. Jgst. passt.

    Danke für das fortwährende Füttern von guten, pädogisch wertvollen Gedanken und medialen Settings.

    • Das ist eine sehr aufbauender und motivierender Kommentar. Danke dafür! Ich werde auch weiterhin versuchen, den einen oder anderen Inhalt zu gestalten, um zu helfen oder zu inspirieren.

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