Nachdem die GEW einen Artikel zum Einfluss von Tech-Unternehmen in Schulen veröffentlicht hatte, in dem ein Disziplinarverfahren gegenüber einem Kollegen erwähnt wurde, der auch auf Twitter sehr aktiv ist, schäumten die Emotionen hoch. Es ging und geht um die Frage, inwiefern Lehrerinnen und Lehrer sich von großen Technologieunternehmen beeinflussen oder vereinnahmen lassen können. Ich selbst nahm an der Diskussion nur insofern teil, als dass ich in einem etwas unbedachten, humoristischen Tweet andeutete, dass auch die Entscheidung für einen Verlag nicht gleich Lobbyarbeit sei. Da Twitter kochte, ich die Frage nach Einfluss von Technologiekonzernen in der Schule aber spannend fand, stelle ich meinen Blog zur Verfügung, so dass Freiwillige hier ihren Standpunkt präsentieren können. Es meldeten sich Tobias R. Ortelt, Forscher für die digitale Lehre im Maschinenbau, und Christian Füller, Journalist und Buchautor. Dazu kommt ein weiteres Stück von Seminarleiter Jan Marenbach, der seinen Artikel etwas später beisteuerte. Diese Zeilen schreibe ich, ohne zuvor Einblick gehabt zu haben. Ich werde die Texte selbstverständlich lesen, die Meinungen sind aber unabhängig von meiner eigenen.

Welche Alternativen gibt es denn für die Digitalisierung in Schulen?

Von Tobias R. Ortelt, @T_Ortelt

Ok, dann schreibe ich nun mal einen Text zu Einflussnahme von Tech-Giganten an Schulen.

Ich bin durch den folgen Tweet in die ganze Sache als Nicht-Lehrer reingeschlittert.

Natürlich wurde mir sofort „Whataboutism“ vorgeworfen, da ich die Aufmerksamkeit von den Tech-Unternehmen auf die deutschen Schulbuchverlage lenkte.

Wenig später wurde ich dann von Christian Füller (meinem Mitautor dieses Beitrags) darauf hingewiesen, dass ich doch nicht die deutschen Schulbuchverlage mit den Tech-Konzernen aus den USA vergleichen darf, da doch die Umsätze in völlig anderen Dimensionen liegen.

Natürlich kann man die Umsätze bzw. die Werte der Unternehmen nicht vergleichen. Spannend wird es allerdings, wenn man sich die Bedeutung der drei großen deutschen Schulbuchverlage ansieht:

Die drei Schulbuchverlage, Cornelsen Verlag, Ernst Klett Verlag und der Westermann Verlag, teilen 90 % des gesamten Marktes für Schulbücher unter sich auf.
(Quelle: https://www.lehrcare.de/blog/schulbuchverlage-in-deutschland/ – Stand 2011).

Ich denke, dass man hier klar von einem Oligopol sprechen muss, welches man den Tech-Unternehmen auf der anderen Seite vorwirft.

Nun aber zum Dossier „Aktivitäten der Digitalindustrie im Bildungsbereich“ der GEW, die den (in Ihren Augen vorliegenden) Lobbyismus der Tech-Unternehmen kritisiert – Dazu die folgenden Gedanken:

  • Die jeweiligen Einleitungen für die Aktivitäten von Apple, Microsoft und Google enden jeweils mit einem Verweis, dass diese Unternehmen in Deutschland (bzw. Europa) nur geringe Steuern zahlen. Bei Samsung wird durch die GEW kritisieret, dass der Konzern Samsung politischen Einfluss in Südkorea hat. Mir ist überhaupt nicht klar, warum diese Kriterien herangezogen werden, wenn es doch um die Aktivitäten zu Lobbyismus gehen soll. Hier werden die Konzerne direkt als Steuerbetrüger gebrandmarkt – Wie soll so eine neutrale bzw. faire Auseinandersetzung erfolgen?
  • Die Aufzählungen der einzelnen Aktivitäten der Konzerne ist sehr ausführlich – Allerdings auch sehr stark durch die Sichtweise der GEW geprägt. So werden viele Aktivitäten sofort abwertend oder kritisch eingeordnet. Insgesamt muss festgehalten werden, dass dieses Dossier voll ist von Framing (Schönes Video für die Erklärung von Framing – https://www.youtube.com/watch?v=VNsL30-AMmE). Als Beispiel wird in der Einleitung „die Digitalisierung schulischer Bildung“ als „ein weiteres Einfallstor“ beschrieben. Somit wird die Digitalisierung sehr negativ dargestellt und ein militärischer Kontext wird hergestellt.

In einer Zusammenfassung ordnet die GEW die Aktivitäten der Tech-Konzerne ein – Dazu möchte ich folgende Aspekte kurz hinterfragen:

  • „Das Primat der Pädagogik muss gewahrt bleiben und darf nicht durch Computerprogramme (Lernmanagementsoftware, Learning Analytics, u. a.) eingeschränkt oder ausgehebelt werden.“Was ist daran verwerflich, wenn Lehrer*innen Lernmanagmentsoftware (LMS) einsetzen um Inhalte mit Ihren Schüler*innen zu teilen? Wäre es nicht für Lehrende eine Entlastung, wenn durch eine Künstliche Intelligenz, im Sinne von Learning-Analytics, überprüft wird, ob der Schüler A die Rechenaufgaben richtig gelöst hat oder eine intensivere Betreuung durch die/den Lehrer*in benötigt? Natürlich MÜSSEN alle wichtigen Entscheidung in der Hand der Lehrer*innen bleiben, aber die Digitalisierung kann genutzt werden, damit einfach Aufgaben (Überprüfung der Hausaufgaben) keine Zeit kosten.
  • „Für zahlreiche Anwendungen steht kostenlose Open-Source-Software zur Verfügung.“Nein, Nein und nochmals Nein – Natürlich gibt es für viele Anwendungen Open-Source-Lösungen, aber es gibt auch gewissen Standards. Diese Standard-Tools funktionieren einfach und sind daher so stark verbreitet. Zu diesen Standards zählt eben auch Microsoft Office bzw. Office365. Gefühlt setzen 99% alle Unternehmen diese Tools für die tägliche Büroarbeit ein, weil es eben keine wirklichen alternativen gibt. Warum also nicht Schüler*innen die Tools nutzen lassen, die sie mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit auch im späteren Alltag einsetzen werden. Und viele Eltern können sicherlich ihren Kindern eher bei Office365 als Open-Office etc. helfen, da sie Office selber berufliche einsetzen. Und ja, die Hürde des Datenschutzes muss bei Office365 genommen werden.
  • „Datenschutz“Ja, für die Nutzung von Cloud-Diensten muss Datenschutz betrachtet werden. Aber es kann doch nicht sein, dass wir in Deutschland kategorisch Tools bzw. Anbieter ausschließen, weil der Datenschutz-Anspruch der Tech-Konzerne nicht mit deutschen bzw. europäischen Gesetzen übereinstimmt. Und dann immer diese Skandalisierung „Datenschützer XY sagt, dass Konzern Z ja so einen schlechten Datenschutz hat“. Zielführender wäre der politische Austausch mit den Tech-Konzernen zum Thema Datenschutz, damit zufriedenstellende Lösungen für alle Beteiligten (User, Konzerne, Politik) gefunden werden. Und das Thema Datenschutz betrifft ja nicht nur den Bildungssektor.
  • „Fortbildung“Einer der wenigen Punkte bei der ich der GEW zustimme. Die Fortbildung von Lehrenden sollte nicht nur durch die Tech-Unternehmen erfolgen, damit der Blick über den Tellerrand weiterhin möglich bleibt. Trotzdem sollte es Lehrer*innen möglich sein, Badges wie „Apple Distinguished Educator (ADE)” oder „Certified Microsoft Innovative Educator (MIE)“ zu tragen. Dieses Personal-Branding gehört in Zeiten von Social-Media dazu. Ein solches Personal-Branding wird in vielen anderen Bereichen als etwas sehr positives angesehen, vor allem wenn sich die Personen dann auch noch neben ihrer beruflichen Tätigkeit weiterbilden.
  • „Unterrichtsinhalte“Dieser Aussage bzw. Unterstellung, dass Apple Einfluss auf die digitalen Materialien nimmt widerspreche ich sehr stark. Es wird als Beispiel iBooks als Autorentool genannt. Natürlich überprüft Apple Inhalte, bevor diese für die breite Masse verfügbar werden. Apple hier in einem gewissen Maße Zensur zu Unterstellung zeigt, dass die Grundposition der GEW. Im Sinne von „Whataboutism“sollte auch kritisch hinterfragt werden, in wieweit aktuell auch die drei großen Schulbuchverlage bereits die Unterrichtsinhalte mitbestimmen.

Abschließend und ergänzend zum Beitrag „Keine Dienstpflichtverletzungen

erkennbar“ in der Erziehung & Wissenschaft 12/2019 in der konkret Lehrende an den Pranger gestellt werden (auch ich benutze gerne Framing), weil sie selber bzw. die jeweilige Schule mit den Tech-Unternehmen kooperieren, möchte ich festhalten:

Selbstverständlich dürfen Konzerne den geschützten Raum Schule nicht für Werbeaufnahmen nutzen; natürlich sind Lehrende zur Neutralität verpflichtet und sicherlich sollte der Lobbyismus der Konzerne nicht überhand nehmen, aber welche Alternativen haben wir denn, wenn wir die entscheidenden Tools der Tech-Unternehmen ablehnen?

Es gibt keine wirklichen Alternativen zu den Big-Playern (Apple, Microsoft, Google) für die Digitalisierung der Schulen in Deutschland. Wir können diesen Zustand jetzt weiterhin kritisieren und die Unternehmen verteufeln, aber dann wird Deutschland im Thema Digitalisierung (nicht nur im Sektor Schule) weiter an Boden verlieren, denn die Schüler*innen von heute sollen ja die Programierer*innen und Entwickler*innen von morgen sein.

Und ja, die Tech-Unternehmen betreiben sicherlich in einem gewissen Maße Lobbyismus, aber dort Treten sie in die Fußstapfen der Schulbuchverlage. Abschließend eine ganz subjektive Erfahrung:

Meine Tochter besucht nun die erste Klasse und die Lehrerin setzt zum ersten Mal ein neues Deutschbuch ein. Meine Anmerkung, warum denn genau dieses Deutsch-Buch jetzt eingesetzt wird wurde wie folgt beantwortet: „Der Verlag hat das so schön präsentiert.“ – Noch Fragen zum Thema Lobbyismus in Schulen?

PS: Das Deutschbuch ist wirklich gut und kann per App sehr gut ergänzt werden 🙂

Die Stampede

Teile des Twitterlehrerzimmers fallen über kritische Lehrer her, stellen die vierte Gewalt infrage und verscherbeln die Grundrechte von Schülern. Was ist da los?

Von Christian Füller, @ciffi

Es war eine Stampede. Eine Rudelbildung auf Twitter gegen öffentliche Kritik, wie sie der Journalismus äußern muss. Sonst ist er tot – und kurz danach wohl auch die Demokratie. Von daher weiss ich gar nicht, was mich mehr erschreckte, als gegen einen Text in der „Erziehung & Wissenschaft“ der GEW polemisiert wurde: das Unwissen bei Lehrern und Netzaffinen darüber, was die Aufgabe der Presse ist? Oder die unterlassene Hilfeleistung für den attackierten Journalisten-Kollegen und jenen Lehrer, der als Zeuge der Anklage in dem Text vorkam? 

Der E&W-Text [Hier S. 32ff] hatte die Hintergründe von zwei Kooperationen zwischen Schulen und den Konzernen Google und Microsoft aufgedeckt. Die Machart dieser Zusammenarbeit kann man problematisieren, nein man muss es sogar tun. Auf Twitter aber wurde aus vollen Rohren gegen das E&W-Stück geschossen. Das Twitterlehrerzimmer nannte das Stück einseitig, reißerisch und respektlos. Der Autor und/oder der Lehrer (das war in dem Furor nicht mehr klar) wurden als Kameradenschweine beschimpft. Mein Sparringspartner hier, Tobias R. Ortelt, äußerte sich erfreulicherweise sachlich. Er verglich die Tech-Giganten – die die mächtigsten Konzerne der Weltgeschichte sind – aber allen Ernstes mit der geradezu winzigen deutschen Schulbuchbranche. 

Ein Vergleich, der blind ist für die wahren Größenverhältnisse: die drei größten deutschen Schulbuchverlage haben einen Umsatz von 900 Millionen Euro. Allein die drei für Schule relevanten Konzerne Google, Microsoft und Apple haben aber einen Jahresumsatz von 600 Milliarden Dollar. Wir sprechen also von einer rein pekuniären Marktpower im Verhältnis von etwa 1:600. Und selbst wenn die Verlage derzeit noch eine marktbeherrschende Position bei den Schulbüchern besitzen: was hilft es Hänschen Däumeling, wenn Goliath hoch 100  den Bildungsmarkt disruptiert und die Bedeutung des Schulbuchs im Minutentakt schwindet? Oder erinnert sich etwa noch jemand an den Handy-Weltmarktführer Nokia, den Apples iPhone von der Platte putzte? 

Während der E&W-Autor und der kritische Lehrer sich tapfer Super-Goliath in den Weg stellten, tat die Lehrertwitteria was? Sie schmiegte sich treuherzig an die Seite der Tech-Riesen. Und biss wütend nach den Aufklärern. Zeitweilig nahm die Kampagne in meinen Augen Züge von etwas an, das man sonst nur aus sehr einseitigen Echokammern gewohnt ist: das generelle Herabwürdigen der Presse. Journalisten berichteten falsch, schrieben unsäglich, seien persönlich charakterlos – und dürfen daher offenbar wahllos geschmäht werden: sogar die Worte „Kreaturen“ und „Denunzianten“ fielen. Unfassbar. Die Lehrer der Nation, die demokratische Staatsbürger heranziehen sollen, dürfen sich auf einen solchen Sprachgebrauch nicht einlassen. Es ist bezeichnend, dass sich die vermeintlich progressivsten aus dem Twitterlehrerzimmer an diesem Pro&Contra nicht beteiligten, um die Frage einmal sachlich zu erörtern. Leute wie @dejanfreiburg, die die Lawine mit auslösten, weigerten sich zu erläutern, was an dem Text in der E&W nun eigentlich so problematisch sein sollte. 

Juristisch kann man den Text in der GEW-Zeitschrift meines Erachtens nämlich nicht infrage stellen. Die erfolgte Meldung des Stücks beim Presserat halte ich für aussichtslos. Es gibt einen Aspekt, der in meinen Augen problematisch ist. Hatten die beiden Lehrer, die namentlich genannt werden, Gelegenheit, sich zu den Vorwürfen zu äußern? Wenn das nicht der Fall ist, dann ist das ein Recherchefehler, den man monieren muss. Die angegriffene Seite muss Gelegenheit haben, Stellung zu nehmen. Zur Kritik, der Text sei einseitig: er hat ein Thema, die illegitime, ja gesetzlich verbotene Art des Einflusses auf Schulen. Das ist okay und das ist auch gut so.

Die Digitalisierung der Schulen lässt sich nicht aufhalten, wer das denkt, ist ein Naivling. Und ein Idiot obendrein. Denn digitale Hilfsmittel geben Schülern eine Vielzahl kreativer Möglichkeiten an die Hand. Diese Tools werden Gewicht und Einfluss der Schüler beim Lernen vergrößern. Das wird über kurz oder lang dazu führen, dass das alte Konzept des Unterrichts am Ende ist: Ich meine damit, Schülern in einem Top-Down-Verfahren immer fest auf den Gleisen des Lehrplans und in den meist 45-minütigen Etappen des Stundenplans Wissen zu vermitteln.

Die (nahe) Zukunft wird die Schüler in den Mittelpunkt des Lernens stellen, ja sie zu Produzenten des Wissens machen. Die Digitalisierung stellt dafür großartige Produktionsmittel zur Verfügung: Endgeräte, Screens, Tools, Wolken, Apps usw. Dabei wird man ziemlich sicher an einer Reihe von Produkten der großen Konzerne nicht vorbei kommen. Das heißt aber nicht, dass man sie einfach so in die Schulen hinein lassen darf. Lehrer, Rektoren und Schulträger sollten, unterstützt von Medienberatern, gut überlegen, welche Tools sie für ihre Art des Unterrichtens brauchen – um es dann schrittweise in Neues Lernen zu transformieren. 

Aber es gibt rote Linien. Das Werbeverbot in Schulen muss gerade bei so mächtigen Konzernen eingehalten werden. Was überhaupt nicht geht ist, dass die Lehrer selbst zu Werbefiguren und Vertriebsleuten von Konzernen werden, obwohl sie Landesbedienstete sind. Es gibt keine doppelte Loyalität. Beamte sind gut abgesichert, es kann nicht sein, dass sie durch Auszeichnungen wie Certified Teacher oder ähnliches in quasi vertragliche Beziehungen zu Konzernen treten. Also: natürlich dürfen sie die glitzernden Produkte der Big5 bejubeln und vertreiben – aber dann gerne nicht als Staatsdiener. Kündigen, bitte! Oder sich freistellen lassen. 

Es gibt ein besonders großes Risiko, das von einer Gruppe von Lehrern geradezu fahrlässig missachtet wird: Datenschutz ist keine lästige Auflage von greisen Herrn, es ist ein Grundrecht. Das Grundrecht der Schüler auf informationelle Selbstbestimmung. Es ist derzeit quasi unmöglich, dieses hohe Gut mit den Clouds der US-Konzerne einzuhalten. Die Konferenz der Datenschutzbeauftragten ist dieser Meinung – nur noch nicht mehrheitlich. US-Clouds haben die Verpflichtung alle Daten auf Anfrage an die US-Regierung auszuhändigen – auch wenn sie in Deutschland gesammelt wurden. Auf dem Markt finden sich übrigens massenhaft Tools und auch Schulclouds, die jenseits von HPI Schulcloud, google classroom oder O 365 bereits auf ihre datenschutzrechtliche Unbedenklichkeit zuende geprüft sind. Es ist also Kokolores zu behaupten, dass man nur mit Apple&Co weiter kommt. Das bedeutet, Lehrer sollten sich endlich darüber klar werden, wessen Interessen sie vertreten: die der Schüler? Oder die von 800-Milliarden-Dollar-Konzernen? Beides zusammen geht nicht.[1]

[1] In den USA werden regelmäßig Suchanfragen von Schülern auf Google kombiniert mit Lern- und Profildaten aus Schulclouds und dann absichtlich oder zufällig mit außerschulisch gewonnenen Daten zusammengeführt. Protest dagegen erhoben Eltern, die selbst beim Geheimdienst arbeiten – und wissen, welche Konsequenzen diese Sammelwut haben kann. Guardian, 5.12.2019

Twitterstreitereien

Text von Jan Marenbach, @jjjmare

Menschen finden einen Zeitungsartikel doof und schreiben das. Dies wiederum finden andere Menschen doof. Die inhaltliche Debatte dahinter ist trotzdem wichtig.

Die GEW hat in ihrer Mitglieder-Zeitschrift „Erziehung & Wissenschaft“ einen Text (S.32) veröffentlicht, der sich gegen die Zusammenarbeit von Schulen mit Konzernen wie Google oder Microsoft wendet. Der zentrale Vorwurf lautet, Schulen würden sich in rechtswidriger Weise als billige Werbeträger missbrauchen lassen. In dem Artikel wird unter anderem das Videoprojekt eines Kollegen als Beispiel für Lobbyismus an Schulen angeprangert.

Dieser Artikel hat im Twitterlehrerzimmer für so viel Unmut gesorgt, dass sich nun professionelle Journalisten nicht nur um den verantwortlichen Kollegen und dessen Zuarbeiter sorgen, sondern gleich komplett um das Ansehen der vierten Gewalt im Twitterlehrerzimmer. Darunter geht es offenbar nicht, aber so ein journalistisches Spezialthema wie „Bildung und Digitalität“ will ja auch gehegt und gepflegt werden. Da zu jenem rhetorischen Schutzraum auch die Zitation einzelner Kritiker (mich inklusive) gehört, verbrenne ich mir an diesem 2. Advent statt am Glühweinbecher die Finger mit dem Schreiben meiner ersten „Veröffentlichung“.

Den Artikel habe ich auf Twitter bezeichnet als:

  • „einseitig“, weil der Text z.B. das Video ausschließlich als reine Werbemaßnahme von Google versteht;
  • „reißerisch“, weil er unterstellt, in ihrer angeblichen Rechtswidrigkeit sei z.B. das Video Ergebnis von Mutlosigkeit seitens der verantwortlichen Schulbehörden;
  • „respektlos“, weil er indirekt auf das Disziplinarverfahren als Lösung für den Umgang mit den namentlich genannten Kollegen verweist.

Ich bin der Ansicht, dass journalistische Texte all dies sein dürfen. Aber dann kann es eben auch sein, dass ich sie nicht gut finde. Und wenn sie ihren Content auf Kosten von Menschen aufhübschen, die ich besonders respektiere und mag, sind sie für mich zudem überaus ärgerlich – die vierte Gewalt möge mir verzeihen.

Die Erörterung der Frage, wieviel Einfluss an Schulen den großen Konzernen zugestanden werden darf, hat nichts mit meinem Ärger über den Artikel zu tun. Das angesprochene Video sehe ich differenziert und habe dies auch ausführlich mit dem Kollegen diskutiert. Mir missfällt der Werbe-Mehrwert, der für Google abfallen könnte, und die damit einhergehende Ästhetik des Clips. Mir gefällt die Professionalität, mit der hier in erster Linie Schüler*innen ein Video erarbeitet haben, das ihnen als Lernprodukt ihrer Schullaufbahn ein echtes Highlight sein dürfte. Überzeugt hat mich der Entstehungsprozess als Möglichkeit von Medienbildung, da mit den Schüler*innen die Rolle von Google durchgehend hinterfragt wurde.

Sehr schnell komme ich in diesen Gesprächen an einen Punkt, an dem mir klar wird, dass der Ausgangspunkt für meine Haltung in den Grauzonen im Umgang mit IT-Produkten in der Bildung ein sehr persönlicher ist (und ja – es sind Grauzonen!):

Ich habe kein WhatsApp. Das erspart mir den Sozialstress, schließt mich gelegentlich aber aus. Und so dachte ich neulich EGAL und installierte WhatsApp. Als jene Facebook-eigene App Zugang zu all meinen Kontakten forderte, verzichtete ich. Ich habe ja auch noch Wire, Signal und Telegram – notfalls SMS und Mail. Die wollen alle nicht zwingend Zugriff auf meine Kontakte, um zu funktionieren.

Um mich in dieser konsequenten Verweigerung prima zu finden, muss ich diverse andere EGAL-Entscheidungen ignorieren. Dass ich mich irgendwann bei Facebook und Instagram angemeldet habe, rede ich mir schön (minimaler Einsatz persönlicher Daten, keine Fotos von Personen). Bei der Nutzung meines chinesischen Androiden aber habe ich – abgesehen von ein paar Alibi-Nutzereinstellungen – aufgegeben: Ich sende zwar keine freiwilligen Berichte für Optimierungszwecke, Google weiß aber sonst alles von mir. Und den Rest weiß Microsoft, da das Ubuntu auf meinem PC auch nur ein Feigenblatt für meine Windows-Abhängigkeit ist. Erwähnte ich, dass sich auf meinem Surface MS und Google prima ergänzen?

Ich frage mich übrigens, ob die Apple-User mit diesen Ausführungen überhaupt etwas anfangen können. Innerhalb ihrer Apple-Welt quält die wahrscheinlich niemals jenes Ideal, das ich schon lange und immer wieder über Bord werfe: informationelle Selbstbestimmung. Kann man als halbwegs medienaffiner Mensch aktuell überhaupt noch einigermaßen Überblick haben über Preisgabe und Verwendung eigener personenbezogener Daten?

EGAL – ich habe mich an dieses ganze Zeug gewöhnt: Android und Google Maps und Drive, Windows 10 und Office 365, Youtube und Spotify, Amazon, PayPal, ParkNow, whatever. Und die codenden Nerds unter meinen Freunden, die keinen CCC-Kongress auslassen und mir Sinn und Notwendigkeit von Open Source so oft plausibel gemacht haben, zocken schließlich auch auf Windows und haben ihr neuestes Smartphone dann doch nicht mehr gerootet. Sicher muss man das alles ohnehin differenzierter betrachten: Mit etwas Aufwand kann man überall doch ganz gut entscheiden und einstellen, was man über sich preisgeben möchte. Und mit zu viel moralischem Rigorismus bleibt eh nur der Weg zurück auf die Bäume. Oder?

Echte Relevanz erhalten solche inneren Widersprüche im Kontext meiner Arbeit als Seminarleiter in der Lehrerbildung: Was ist hier geboten, was verboten? Bin ich unter dem Strich nun Gegner oder Unterstützer jenes Videos? Wie weit reicht meine Begeisterung für die Google Education Suite tatsächlich? Wo sind die „sauberen“ und(!) tauglichen LMS? Sollte ich in meiner Arbeit konsequenter die Verwendung von Open Source Software vorleben und propagieren? Wie gehe ich mit den Begrenzungen um, die mein Arbeitsumfeld prägen, und was wünsche ich mir konkret? Welche Rolle spielt in meinem beruflichen Handeln die Tatsache, dass die Big Five das freie Internet beim User möglichst weitgehend durch ihre eigenen Ökosysteme ersetzen wollen und damit die Versprechen weltweiter Vernetzung zur Dystopie geraten? Wie kann ich im beruflichen Alltag digitale Möglichkeiten zeitgemäßer Bildung erkunden und nutzen, ohne dass da am Ende jemand mit Reichweite gleich den Scoop eines Dienstrechtsvergehens wittert?

Natürlich habe ich im Seminar Lösungen und Strategien gefunden, die nicht auf „EGAL“ basieren. Aber ich sehe die Widersprüche und mir sind die Grauzonen bewusst, in denen ich mich immer wieder bewege. Meine Hoffnung ist, dass sich die Möglichkeiten weiter verbessern, SuS im „blauen Medium“ mehr Verantwortung für ihre Lernprozesse zu übertragen; dass wir über die Verbesserungen durch „Tools“ zu einer echten Transformation unseres Bildungssystems kommen, ohne es dabei gleich an US-amerikanische Konzerne verkaufen zu müssen.

Und ich hoffe, dass mögliche Irrwege in den Grauzonen der zeitgemäßen Bildung zu konstruktiven Debatten anstatt zu Disziplinarverfahren führen.

In diesem Sinne: Peace. Außerdem ist der Glühwein fertig und K2 möchte mir jetzt die Fotos von einem Schulausflug zeigen, die offenbar gerade über WhatsApp reingekommen sind…

 

13 KOMMENTARE

  1. Vielen Dank für den Austausch an dieser Stelle – ausführlicher als auf Twitter möglich.

    Zur Aussage, dass LehrerInnen Titel von Konzernen tragen sollten, möchte ich exemplarisch aus dem „Apple Distinguished Educator Vertrag“ aus 2018 zitieren – und rhetorisch fragen, ob das tatsächlich vereinbar ist mit der Unabhängigkeit von LehrerInnen (Beamten) und im Sinne der Unabhängigkeit des Schulsystems:
    – „Als Apple Distinguished Educator („ADE“) sind Sie Teil einer weltweiten Gruppe ausgewählter Lehrkräfte“ (von Apple ausgewählt!)
    – „ADEs sind (…) leidenschaftliche Fürsprecher für das Potenzial der Apple-Technologien“
    – „Die Mitgliedschaft im ADE-Programm soll dem anhaltenden Austausch und der Zusammenarbeit mit Apple (…) dienen“ (Wir sprechen über Staatsbedienstete!)
    – „Wir erwarten, dass Sie Apple über Ihre praktischen Erfahrungen bei der Einbindung von didaktischer Technologie in moderne Lernumgebungen informieren.“ )Eine solche Informationspflicht besteht vielleicht gegenüber dem Dienstherrn – aber doch nicht gegenüber einem Konzern!)
    _ „Apple kann bei Bedarf die Erstellung von Inhalten oder die Beteiligung von ADEs an bestimmten Themen, zu bestimmten Zwecken oder für bestimmte Konzepte in Auftrag geben.“ (LehrerInnen als Zuarbeiter für Konzernmarketing?)
    – „Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung von Apple weder Pressemitteilungen über das ADE-Programm herausgeben, noch dürfen Sie sich öffentlich über das ADE-Programm äußern“ (noch einmal: Wir sprechen über Staatsbedienstete)

    Und dergleichen fragwürdige Formulierungen, die aus meiner Sicht zugleich das Verhältnis des Konzerns zu den LehrerInnen deutlich machen, ließe sich noch so einige zitieren. Da stimme ich Christian Füller zu, wenn er schreibt: „Lehrer sollten sich endlich darüber klar werden, wessen Interessen sie vertreten“.
    Und hier aus Hessen kann ich nur dem hessischen Kultusministerium zustimmen, dass auf Anfrage zu solchen Konzern-LehrerInnen-Titeln antwortet: „Die Regelungen finden sich in § 58 Abs. 2 HBG sowie in § 3 Abs. 15 HSchG, wonach das Führen eines solchen Titels nicht gestattet ist.“ Wenn nachgeordnete Stellen (z.B. Schulämter oder Schulleitungen) so etwas dennoch genehmigen, sehe ich dies sehr problematisch. Die Rückmeldung von Schulämtern/Ministerien, bei denen es zu solchen Fällen gekommen ist, ist dann auch diejenige, dass man nach genauerer Betrachtung davon offenbar Abstand nehmen wird bzw. sich nicht erklären könne, auf welcher Grundlage dies denn genehmigungsfähig sei.

    Zum zunehmenden Einsatz von Learning Analytics, die hier als Entlastung der Lehrkräfte angepriesen wird, sehe ich einerseits die Tendenz der mittelfristigen Deprofessionalisierung. Das deutet sich in – offenbar in afrikanischen Ländern eingesetzten – zentralen, über Tablet-Apps gesteuerte Curricula an, bei denen die Lehrkräfte den Vorgaben der Programme nur noch Folge leisten (müssen/sollen).
    Der andere Aspekt ist allerdings derjenige auf Seiten der SchülerInnen. Wir laufen Gefahr, dass bei zunehmenden – womöglich standardisiertem – Einsatz von Learning Analytics eine Generation heranwächst, die wir an die permanente Überwachung ihres (Lern-)Verhaltens gewöhnt haben. Wenn diese Gewöhnung an ein Bewusstsein einhergeht mit der Normalisierung direkter Konsequenzen und/oder gar als Sanktionierung empfundener Reaktionen eines Systems, mache ich mir schon Gedanken, ob dies Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Miteinander haben wird. Der Spruch „Ich habe doch nichts zu verbergen“, sollte nicht schon auf SchülerInnen in Schulen angewendet werden, die sich zudem in einer der prägensten Phasen ihrer Entwicklung zur Menschwerdung befinden. Überwacht zu werden – egal mit welchen Auswirkungen – macht etwas mit Menschen. Wenn das dann auch noch gekoppelt wird mit einem enormen Schwenk unserer Pädagogik/Didaktik hin zur Ouputorientierung (nach PISA und im Zuge der Kompetenzorientierung), setzt eine Vermessung der Bildung ein, die mit einem Fuß (Learning Analytics) dann auch noch in der Überwachung des Lernens steht. Eine für mich beunruhigende Melanche. Insbesondere, wenn es sich um die kleinen, alltäglichen Kontrollen (wie beschwichtigend bei Hausaufgaben angeführt) handelt, sehe ich diesen Einfluss auf die Mentalität besonders gegeben.
    Wenn dann diese Systeme auch noch von kommerziellen Konzernen kontrolliert werden, die womöglich noch Geschäftsinteressen/-geheimnisse an deren Funktionsweise und Algorithmen erheben, ist für mich endgültig die rote Linie überschritten. Oder legen – und hier bin ich dann auch durchaus bei der Kritik an Verlagen dabei – diese den Quellcode ihrer („Lern“)Software offen?

    Und wieso soll es nicht möglich sein, Konzernsoftware zu verbieten, wenn sie sich respektlos gegenüber dem Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung zeigen? Hier geht es aus meiner Sicht nicht darum, dass der Staat den Konzernen den Weg zu ebnen – dafür haben die ihre eigenen Entwickler.
    Dass bestimmte Software in betrieben zum Standard gehört und daher in der Schule zum Einsatz kommen sollte, ist evtl. der Sichtweise von Tobias aus der eher beruflichen Bildung geschultet. hier ist dieses Argument in Ansätzen nachvollziehbar, wenn BerufsschülerInnen zugleich auch an die betrieblichen Realitäten herangeführt werden. eine Sensibilisierung der SchülerInnen für die Problematik solcher gefühlten oder realen Monopolstellungen (im Sinne von Alleinstellungen) sollte aber auch hier nicht ausbleiben. Wenn es aber um die allgemein-bildenden Schulen bis Klasse 10 und ihren medienpädagogischen Auftrag geht, sehe ich keine Problematik beim Einsatz diverser OpenSouce-Lösungen, um eine staatlich geförderte Frühprägung und Gewöhnung an kommerzielle Produkte zu vermeiden.

    Ich würde mich über einen weiteren Austausch hier freuen. Besten Dank an Bob für den Aufschlag zu dieser Kontroverse.

  2. Ich habe die Diskussion über den Artikel nicht so wahrgenommen wie Herr Füller…die Hauptkritik lag meines Erachtens darin, dass der Artikel beispielhaft zwei Kollegen namentlich erwähnt, einen gar in Verbindung mit einem Disziplinarverfahren.
    Deswegen stelle ich diese Frage nochmal an die Journalisten da draußen: Wäre der Artikel weniger aussagekräftig, wenn lediglich die Tatbestände „Werbevideo“ und „Office365“ kritisiert worden wären? Das wurde in Herr Füllers Beitrag mit keinem Wort erwähnt…

  3. Es ist bemerkenswert, dass Christian Füller hier mit so viel Verve gegen Google & Co. auftritt. Noch im Mai erschien ein Artikel im Spiegel, in dem er die Voltaire-Schule als ein Positiv-Beispiel aufführte und Google Classroom „ein handelsübliches Cloudsystem“ nannte. Zum diesem Zeitpunkt war das Werbevideo längst online (https://iserv.eu/about/press/2019-05.sp )
    Entweder hat Füller einen großen Sinneswandel vollzogen. Dann ist es zumindest irritierend, mit welcher Innbrunst er nun Menschen kritisiert, die den Kollegen und die Nutzung der Konzern-Software verteidigen. Womöglich hatte er aber damals auch einfach nicht richtig recherchiert. Das ist gut möglich, denn mit den Fakten nahm er es in dem Artikel nicht so genau. Der Text enthielt nämlich mehrere Fehler, sodass der Spiegel gleich mehrer Aspekte in einer der folgenden Ausgaben korrigieren musste (https://blog.schul-cloud.org/faktenfehler-im-spiegel-artikel/)

    • Google Classroom ist eine handelsübliche Cloud, klar. Whats your point? Björn Nölte ist ein herausragender Lehrer, daran besteht kein Zweifel, aber darum ging es hier ja auch nicht. @hpi: die Botschaft meines Textes ist vollkommen korrekt, und sie wird übrigens mit jedem Programmiertag relevanter. Wird die Schulcloud jemals fertig? Ella und Logineo winken…
      Sie können sich übrigens gerne das aufgezeichnete Statement von Jan Renz beim HPI-Forum anhören – es gibt, auf vielen vielen Zeilen, wieder, was im Spiegel-Text steht. Dass die Vergabe eines Zuschusses nicht das selbe ist wie, „den Auftrag vergeben“, nun ja, es ändert nichts an der Sachlage: die HPI-Cloud bekommt rund acht Millionen Euro vom Steuerzahler – und steht dafür unter massiver Kritik. Spoiler: da kömmt noch was, ich verzichte mal die Berichtigungen auf der HPI-Page zu listen; sie finden das bestimmt. Wo ich Ihnen Recht gebe: ich habe den Abstand von HPI zu Voltaire-Schule unterschätzt. Ein Fehler, der mir wirklich leid tut. Nur: was tut die physische Distanz bei einer Cloud zur Sache?!? Es sagt viel über das HPI, dass es dafür eine Korrektur schickt, es verrät uns, wie dort gedacht wird.

  4. Das Bild das hier versucht wird über die großen Player vs Schulbuchverlagen zu zeichnen hinkt. Firmenwerte am weltweiten Aktienmarkt kann man nicht mit deutschen Umsätzen vergleichen und die Firmen investieren schon auch nach Marktgegebenheiten. So ganz blöd sind die auch nicht.

    Ich hab mir das aber mal spaßeshalber grob ausgerechnet. Microsoft könnte – wenn alle 800.000 Lehrer das teuerste Office 365 Paket bekommen, dazu ein Betriebssystem (auf 5 Jahre Nutzung gerechnet) und dann nochmal 5 Millionen Schüler Office und Windows kriegen, etwa €75 Millionen Umsatz machen pro Jahr. Die Lizenzpreise sind relativ leicht online zu finden.

    Wenn ich alle Personen rechne die sich bei Apple, Google und Microsoft dediziert um den Bildungsmarkt kümmern, dann kommen aktuell nicht mal 50 Mitarbeiter zusammen.

    Klar es gibt noch die Hardware, aber die Umsätze daraus teilen sich außer bei Apple ja auch auf diverse Hersteller auf. Taugt also auch nicht so richtig zum draufkloppen auf die drei genannten Player.

    Aber die können auch machen was sie wollen, es wird immer jemanden geben der das kritisiert. Bestes Beispiel: Verlangen sie viel Geld für Ihre Produkte, kreidet man es ihnen an, dass sie für Bildung zuviel verlangen. Rabattieren sie aber stark ihre Preise für den Bildungsmarkt, kreidet man es ihnen an sie wollen ja nur den Markt kaufen und auf Daten oder frühe Kundenbindung aus sein. Äh ja, was nun?! Ach ja, wenn alles nix mehr hilft: Open Source auf selbst gebastelten Computern aus Fair Trade Produktion. Yo, macht voll Sinn. So leben die Schüler auch in ihrer echten Welt und später im Berufsleben.

    Oder siehe Google: Entwicklen GSuite und Chrome OS in der Cloud und machen dadurch alles wesentlich einfacher und die Hardware noch günstiger (weil faktisch nur noch ein Browser benötigt wird) – aber was kommt: Die bösen von Google wollen ja nur an die Daten.

    Vollkommen egal was es ist: Sobald eine amerikanische Firma groß wird, sind die „böse“ aber trotzdem nutzt sie jeder und ballert private Daten in der Clouds, dass es nicht mehr feierlich ist und für diese Firmen ein leichtes ist Profile zu erstellen mit öffentlich zugänglichen Daten. Aber klar: Die US Regierung will an den Deutsch Aufsatz von Hänschen Klein, weil sie – äh da fällt mir nun kein richtiger Grund ein, warum…

    Die ganze Diskussion zu den Großkonzernen finde ich teils sehr populistisch. Ich behaupte mal ohne Google, Microsoft und Apple wären wir insgesamt in der Digitalisierung (weltweit) noch lange nicht soweit, dass wir überhaupt über „digitale Bildung“ reden müssten.

    Ich persönlich glaube dass auch in Zukunft der größte Umsatz von den Schulbuchverlagen gemacht werden wird. Die Lizenzen für digitale Schulbücher sind auch nicht wesentlich günstiger als die gedruckten Versionen. Zumindest liest man das ab und zu mal. Und dass OER die vielen Schulbüchern ersetzen wird, hab ich bisher auch noch nicht so richtig wahrgenommen. Gibt es diese Diskussion denn? Würde ja auf einen Schlag ein Oligopol zerschlagen und €900 Mio pro Jahr sparen?

    Zum Artikel selbst noch einen Kommentar: Ja, ich finde das Video war grenzwertig, aber die Reaktionen darauf (z.B. die namentliche Erwähnung) fand ich absolut unverhältnismäßig übertrieben. Dann sollen solche Videos nach Aufforderung und Androhung von Bußgeldern einfach gelöscht werden und fertig. Oder den Firmen wird angedroht dass sie mal ein paar Jahre von Teilnahme an Ausschreibungen ausgeschlossen werden. Wenn das ein paar Mal passiert, vergeht den Firmen ganz schnell die Lust solche Videos zu drehen. Sobald es potentiellen Umsatzverlust geht, spuren die! Konsequenzen für die Firmen hatte es ja bisher kaum. Es gibt ja schon wieder neue Werbevideos aus öffentlichen Schulen. (Nein, ich werde garantiert nicht den Link dazu posten!) Nun wird der Lehrer angegangen und er muss die größten Konsequenzen befürchten.

    Irgendwas läuft da schon verkehrt oder?

    • Liebe „Britta“, vielen Dank für den Kommentar. Ich setze mich mit diesem aus meiner Perspektive nun nicht inhaltlich auseinander. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es mir als „Ausrichter“ der Kontroverse nicht darum ging, tendenziös ein Bild zu zeichnen, sondern sehr unterschiedlichen Sichtweisen zu einer differenzierten Schilderung ihrer Sicht zu verhelfen.

    • Ich sehe weiterhin einen quantitativen – aber vor allem auch qualitativen – Unterschied zwischen dem Agieren der IT-Konzerne und der Schulbuchverlage.
      Wieso zieht man LehrerInnen derart eng an sich, dass man ihnen sogar konzernexklusive Titel verleiht?
      Wieso schreibt man Formulierungen wie die von mir im ersten Kommentar oben zitierten in ein Programm für deutsche Staatsbedienstete?
      Wieso will man ganze Schulen mit konzernexklusiven Titeln benennen?
      Wieso verweigert man jede Transparenz zu den Dokumenten (Kooperationsvereinbarung, Sponsoringvertrag usw.) wenn nach Informationsfreiheitsrecht angefragt wird?
      Wieso bindet man Staatsbedienstete in Marketing-/Messeveranstaltungen ein – auf eine Art und Wise, bei der man sich von außen Fragen stellen muss?
      Wieso verweigert ein großer US-Konzern transparenz zum finanziellen Umfang seines „Engagements“ im Rahmen von Schulprojekten?
      Wieso werden bei Programmierprojekten des IT-Konzerns auffällig exklusiv die eigenen Produkte verwendet, Pressebilder mit Kindern gemacht, die originalverpackte Produkte in die Kamera halten?

      Wenn wir den Anspruch als Gesellschaft formulieren, dass unserer Schulen werbefrei sind, dann haben sich auch US-IT-Konzerne daran zu halten. Wenn es ordentlich ausgeschriebene Beschaffungen von Geräten gibt, ist doch klar, dass dann die Geräte in den Schulen auftauchen und genutzt werden. Wenn die Software nicht datenschutzkonform ist – oder auch nur der kleinste Zweifel besteht (es geht um Kinder im Rahmen einer Schulpflicht!) – wird diese eben nicht eingesetzt.
      Aber indem man Werbefilme dreht, sich in Fortbildungen reinkauft, konzernexklusive LehrerInnenprogramme aufsetzt und fragwürdige (da auch nur in Ansätzen als werbend wahrnehmbar) Schulprojekte initiiert und intransparent finanziert, muss man sich über Kritik des „Lobbyismus in Schule“ nicht wundern.
      Es geht – das sage ich stets – nicht um das WAS (die notwendige Digitalisierung in den Schulen) sondern um das WIE (das Agieren der Konzerne/Unternehmen).

  5. Der erste Beitrag kann so nicht stehen gelassen werden.

    „Natürlich gibt es für viele Anwendungen Open-Source-Lösungen, aber es gibt auch gewissen Standards. Diese Standard-Tools funktionieren einfach und sind daher so stark verbreitet. Zu diesen Standards zählt eben auch Microsoft Office bzw. Office365.“
    Das ist doch kein Diskussionsbeitrag, sondern Tatsachenverdrehung. Als ob Open Office und Libreoffice nicht genauso gut „funktionieren“ würden. Solche Verdrehung zieht sich durch den Text. Das Argument gegen Open Source wird auch nicht durch „Nein Nein und nochmals Nein“ glaubwürdiger.

    „es kann doch nicht sein, dass wir in Deutschland kategorisch Tools bzw. Anbieter ausschließen, weil der Datenschutz-Anspruch der Tech-Konzerne nicht mit deutschen bzw. europäischen Gesetzen übereinstimmt.“
    Das Gegenteil wäre grob fahrlässig und eine Verletzung der Fürsorgepflicht, nämlich das Recht auf Datenschutz der Kinder und Jugendlichen zu umgehen.

    Der Artikel kritisiert abwertende Formulierungen durch die GEW als „Framing“, betreibt selbst aber noch viel mehr, nämlich Tatsachenverdrehung und Verharmlosung.

  6. wenn es sich um ein versehen einer lehrkraft gehandelt hätte, dann hätte ich einen veröffentlichung des namens der lehrkraft auch kritisch gesehen. der betroffene Lehrer hat das Werbe-Video ja weiterhin auf seinem Twitter-Account angepinnt. Wenn es da 1000 Leute sehen können, warum dann nicht in einem Artikel darüber schreiben?

  7. Und zuerst mal Dank an Tobias, der sich sofort zum Schreiben entschloss, und an @jjjmare , der sich kurz danach auch einladen ließ. Wieso war ich so von @dejanfreiburg und anderen enttäuscht? Weil Bobs Aufruf eine Chance war, die Lästerei und das Mobben von @scheppler durch eine sachliche Debatte mit Argumenten zu führen. Das heißt: Schreiben, sprechen und kommentieren. Aber manche twittern halt lieber Schlagzeilen. Das ist allerdings nicht das, was die besondere Qualität von Social Media ausmacht. Es heißt Feedback! Ohne Feedback keine substanzielle Kritik.

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