In meiner ersten Lektüre zu Treichels „Der Verlorene“ habe ich angedeutet, dass ich überrascht war, dass dieser dünne Roman von 1998 neben Goethes Faust im Abitur das Alleinstellungsmerkmal hat, ohne Vergleich in einer literarischen Erörterung thematisiert zu werden. Während der zweiten Lektüre verflüchtigt sich dieser Eindruck. Zwar muss man sich in der Tag vom Gedanken an eine mögliche Vergleichbarkeit verabschieden, aber Treichels Roman bietet schon von Beginn des Leseprozesses ein sehr dichtes Geflecht von Motiven, Themen und unausgesprochenen Leerstellen, die zu einer intensiven Beschäftigung anregen. An dieser Stelle nun der Beginn einiger Deutungsansätze, die zusammen mit dem Deutschleistungskurs erarbeitet werden. 

Anmerkung

Zunächst eine Anmerkung, die sich selbstverständlich anhört, aber nicht selbstverständlich ist. Zumindest aus der Perspektive jener, die Treichels Roman als Abiturlektüre ausgewählt haben, ist der Roman es wert, von Tausenden Abiturienten gelesen und erörtert zu werden. Das allein ist kein Qualitätsurteil, aber wohlwollend kann man konstatieren: Er muss mehr beinhalten als eine nette Geschichte. Als Leser sollte man also fernab von der Tatsache, ob der Autor „uns irgendetwas sagen wollte“, davon ausgehen, dass die Wörter, wie sie dort stehen, sehr bewusst gesetzt worden sind. Denn erst mit der Frage: „Warum steht das dort so und nicht anders?“ wird deutlich, wie dicht das hier präsentierte Geflecht von Gedanken und Handlungen des Ich-Erzählers eigentlich ist.

Es geht im Abitur nicht um eine Analyse, sondern um eine literarische Erörterung. Das bedeutet, dass es das Ziel ist, den Roman, seine Motive und Themen, seine Leerstellen und Formen, so genau zu kennen, dass man sie durch einen Außentext anbahnen, erläutern und betrachten kann. Will sagen: Nur wenn ich den Roman sehr genau kenne, kann ich ein Thema, das ein Außentext vorgibt, auch wiederfinden oder am besten wiedererkennen.

Die erste Seite

Dies bedeutet, dass man nicht jede einzelne Seite des Romans so analysieren muss, wie es hier geschieht. Dennoch erscheint eine genaue Betrachtung angebracht, da auf der ersten Seite zahlreiche expositorische Informationen gegeben werden. Selbst Motive werden eingeführt, die im späteren Verlauf die gesamte Handlung bestimmen.

Zunächst kann man sehr einfach und deutlich festhalten: Es spricht ein Junge über seinen Bruder und seine Mutter. So einfach. Bei der näheren Betrachtung fallen jedoch zahlreiche Besonderheiten ins Auge.

Nehmen wir den für jeden Roman so wichtigen ersten Satz: Dieser beginnt schon mit einem Possessivpronomen „Mein Bruder (…)“. Wir wissen also schon hier, das ein unbenannter Ich-Erzähler spricht, aber nicht selbst im Zentrum seiner Erzählung ist. Der Bruder sitzt nicht, er „hockt“, eine zunächst seltsam abwertende Beschreibung für ein Kind, das so fröhlich erscheint: „(…) auf einer weißen Wolldecke und lachte in die Kamera.“ Warum, könnte man sich fragen, erscheint es so negativ? Im weiteren Verlauf wird der Interpret feststellen, dass jedes Element, das hier hervorscheint, keineswegs zufällig ist. Da sitzt ein Kind lachend auf einer weißen, reinen Decke und sieht den Fotografen direkt an.

Der Leser erhält nun weitere Informationen über das Foto. Es sei aus dem „Osten“ und da ist „zuhaus“. Das ist so nebenher gesagt, aber die Mutter „begann […] zu weinen“. Sie sind also nicht mehr da. Der Bruder, über den der Ich-Erzähler schreibt, ist also eng mit einem Zuhause verknüpft, das es nicht mehr gibt. Und das ist ein Problem, da die Mutter nicht nur hier weint, sondern dies „oft“ tut. Wir hören also von einer Familie, die schon von Beginn an zerrüttet scheint. Das einzige Mal, das wir auf dieser Seite vom Vater hören, ist, als der Ich-Erzähler davon spricht, dass sein Bruder „Arnold“ heißt, „ebenso wie der Vater.“ Es mag uns nicht seltsam vorkommen, aber im Zusammenhang mit dem Geäußerten müssen wir aufhorchen. Der Bruder wird gleichsam mit einem ehemaligen Zuhause und mit der Genealogie der Familie assoziiert. Er heißt wie der Vater und kommt von zuhause.

Warum ist das wichtig? Wir wissen es nicht, denn die Mutter schweigt und „sagte […] sie nichts mehr.“ Hier herrscht Kommunikationslosigkeit, und zwar genau in einem Moment, wo man miteinander sprechen sollte – wenn man traurig oder verletzt ist.

Die Wirkung, die der Bruder auf dem Foto auf dem Foto gegenüber der Mutter erzeugt, lässt in dem Ich-Erzähler Unverständnis aufkommen. „Ich weiß nicht, worüber Arnold sich freute, schließlich war Krieg (…)“. Hier spricht jemand, der verletzt ist. Im späteren Verlauf erfahren wir warum. Nicht verwunderlich: Der titelgebende „Verlorene“ nimmt den Platz ein. Der Ich-Erzähler wird verdrängt. Und nun erinnern wir uns an die ersten beiden Worte: „Mein Bruder“. Das Zentrum. Und in der Tat: Der Ich-Erzähler beneidet seinen Bruder, wie er zugibt (vgl. S.7, unten). Er beneidet ihn um alles, was im ersten Satz steht und um seinen Platz „ganz vorn im Photoalbum“, und zwar, wie es heißt „noch vor den Hochzeitsbildern der Eltern und den Portraits der Großeltern“. Der Ich-Erzähler selbst ist „weit hinten“.

Wir könnten nun weitermachen, aber schon diese erste Seite reicht, um uns einen Überblick zu verschaffen. Es gibt ein Zentrum und ein Außen. Und der Blick des Ich-Erzählers erscheint wie das eines Zurückgelassenen (was ironisch ist, denn wie der Leser später erfährt, ist es genau der Bruder, der zurückgelassen wurde). Wir haben also eine vertrackte Familiensituation, von der wir annehmen können, dass sie sich noch weiter zuspitzen wird.

Auch der bittere Humor, der durch einen nicht immer reflektierten Unterton des Ich-Erzählers anklingt, scheint schon durch. Es ist der Zynismus eines Kindes und Jungen, der darunter leidet, nicht gewollt zu sein. Warum nicht? Das wird im weiteren Verlauf beantwortet. Vorerst bleibt festzuhalten, dass schon die erste Seite ein Panorama für eine problematische Familiensituation skizziert, die im weiteren Verlauf des Romans weitergezeichnet wird.

Fortsetzung folgt

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