Ab dem Deutschabitur 2021 wird vieles anders. Neben zahlreichen Änderungen bei den Aufgabenarten ändert sich auch die Lektüre – besser: Es kommt im Leistungskurs eine dazu, was die Gesamtzahl zu lesender Lektüren auf 4 anschwellen lässt. Treichels „Der Verlorene“ wird dabei bei einer Aufgabe exklusiv zu bearbeiten sein, ohne Vergleich. Dies ist ansonsten nur Goethes Faust vorbehalten. Zu Recht? Einige Anmerkungen. 

Work in Progress

Wie schon so oft ist dieser Blogartikel ein Work im Progress. Das bedeutet, dass ich hier immer wieder notieren werde, wenn neue Erkenntnisse zu Treichels Roman hinzukommen. Fürs Erste steht hier nur ein knapper Leseeindruck, der sicherlich nach mehrmaligem Lesen verändert und ergänzt werden wird.

Leseeindruck.

Ob es gut ist oder nicht: Ich las Treichels Roman vor dem Hintergrund des Wissens darüber, dass hier ein Roman ist, der sich mit dem Faust messen lassen muss. Rein aus der Perspektive der Aufgabenstellung. Ich erwartete viel, doch diese Erwartung wurde fürs Erste enttäuscht.

Nicht dass das daran liegen würde, dass der Roman nichts hergibt. Die Geschichte der Flucht während des 2. Weltkriegs, die Familientragödie aufgrund eines dabei verlorenen Sohnes, die  Kommunikationslosigkeit und soziale Verdrängung innerhalb der Familie des unter dem verschwundenen Bruder leidenden Ich-Erzählers – all das ist interessant, kurzweilig und hat zeitweise einen geradezu beißenden (jugendlich-überhöhten) Humor.

Und zwar immer dann, wenn der Ich-Erzähler sich an neue Erkenntnisse über den zuerst als tot, dann als verschwunden, dann als vielleicht gefundenen Bruder anzupassen versucht. Mit dem toten Bruder kann er noch angeben, mit dem (scheinbar) gefundenen muss er sich messen.

Die melancholisch in sich zurückgezogene Mutter und der unnahbare Vater, der den Verlust des Sohnes und nicht zuletzt den des „normalen“ Familienlebens durch Dauerarbeit zu relativieren scheint, ergeben ein Familienbild der kommunikativen Kälte (die dem Ich-Erzähler wortwörtlich aufstößt, wenn er sich, in einer weiteren humoristisch-beißenden Episode das nagelneue Auto des Vaters erbricht).

Ja, die biologischen Scheinuntersuchungen, die der Ich-Erzähler über sich ergehen lassen muss, lassen den Abglanz des Nationalsozialismus als unangenehme Nachkriegswirklichkeit erscheinen.

Und ja, es gibt Leerstellen, nämlich all jene, in denen die Familie es eben nicht schafft, auszusprechen, was ausgesprochen werden müsste.

All das erscheint mir aber vor dem Hintergrund einer analytischen Gesamtauslegung (momentan) noch reichlich wenig. Denkbar sind historische Bezüge, sprachliche Analysen des Ungesagten, Probleme der Familienkonstellation. Vorstellbar sind Nachforschungen über den Erzähler und darüber, wie er die Welt wahrnimmt und inwiefern es sich um einen unzuverlässigen Erzähler handelt.

Aber eine einzige Szene des Faust hat für mich hinsichtlich des Leistungskurses ein höheres Potenzial. Noch. Wer mich kennt, weiß: Ich lasse mich eines besseren belehren.

Darauf hoffe ich.

Fortsetzung folgt.

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