Da mein Leistungskurs Deutsch nachfragte, ob ich ein Beispiel einer literarischen Erörterung verfassen könnte, komme ich dieser Bitte nach. Die folgende literarische Erörterung ist eine exemplarische Begegnung mit dem Text „Der Verlorene“. Um sie einordnen zu können, sollten zuvor die Anmerkungen gelesen werden. 

Anmerkungen

Diese literarische Erörterung hat exemplarischen Charakter. Sie ist weder als eine Vorlage zu nutzen, die man auswendig lernen könnte, noch erhebt sie den Anspruch auf Vollständigkeit. Dies ist vor allem deshalb so, weil sie sich auf einen (sehr kurzen) Außentext bezieht, der den Fokus sehr verengt. Es geht um die im Roman vorkommenden Fotos.

Man kann normalerweise davon ausgehen, dass Außentexte sich auf mehr beziehen als auf Einzelpassagen. Das bedeutet, dass man – nachdem man die wichtigsten Aspekte und Thesen eines Textes herausgearbeitet worden sind – den Gesamttext einer Betrachtung unterzieht, nicht nur Einzelpassagen. Die Konsequenz ist, dass man den Inhalt der Lektüre sehr genau kennen muss. Am besten durch eine eigene Bearbeitung (also eine, die von einschlägigen Lektürehilfen unabhängig ist) UND Lerngruppen, die es ermöglichen, auf eigene Verständnisprobleme hinzuweisen.

Außentext

Die Frage danach, was ein Familienfoto uns zu sagen vermag, gründet in der Annahme, dass in dem Bild Bedeutungen eingeschrieben sind und diese auf Ansichten und Einstellungen derer verweisen können, die es produziert oder die seine Komposition veranlasst haben. In diesem Sinne liegt die sozialwissenschaftliche Relevanz von Familienfotos nicht in erster Linie in den abgebildeten Bildproduzenten als solchen, sondern in dem, was sich in der Darstellung über die Darstellenden dokumentiert […].

,Fotografie als Gegenstand qualitativer Sozialforschung: Dokumentarische Analyse eines Familienfotos (2015) Wivian Weller et al. 

Aufgaben

  1. Arbeiten Sie die wichtigsten Thesen des vorliegenden Außentextes heraus.
  2. Erörtern Sie auf der Grundlage von Wellers These die Relevanz von Fotografien in Treichels „Der Verlorene“.

Literarische Erörterung

Soziale Konstellationen und zwischenmenschliche Bezüge werden heutzutage mehr als zu jeder anderen Zeit mithilfe von Fotos hergestellt. Aber nicht nur die Fotos selbst, auch die über digitale Verlinkungen gesetzten Erwähnungen und Hinweise schreiben Bedeutungen in Fotos ein. Fotos sind so gleichsam eine Selbstvergewisserung, ein Teil identitätsstiftender Wirklichkeit und somit auch die Verfestigung von Freundschaften, die durch sie auf sozialen Plattformen für alle sichtbar gemacht werden.

Treichels Roman „Der Verlorene“ (1998) ist die Geschichte eines namenlosen Ich-Erzählers, dessem Leben von einem im Krieg weggegebenen Bruder bis hinein in die eigene Marginalisierung bestimmt wird. Der zunächst totgeglaubte, dann verschollene Bruder ist somit nicht nur Zentrum einer konfliktreichen Familienproblematik, sondern für den Ich-Erzähler auch der wortwörtlich unfassbar bestimmende Teil eines Lebens, das von Schuld, Scham und Kommunikationslosigkeit bestimmt wird.

Die Marginalisierung des Ich-Erzählers wird schon im expositorischen Teil des Buches deutlich, in dem die Fotos die literarische Visualisierung dieser für den Ich-Erzähler weitreichenden Form von Nicht-Beachtung sind.

Wivian Weller et al. verdeutlichen in dem vorliegenden Textabschnitt die Relevanz von Familienfotos für alle Beteiligte. Zunächst wird betont, dass „Bedeutungen eingeschrieben“ seien, was Fotos zu mehr macht als zu einer Abbildung einer wie auch immer gelagerten Wirklichkeit. Die Bedeutung wird also hergestellt. Wer diese herstellt, wird im weiteren Verlauf des Außentextes deutlich: Es sind eben jene, die die Aufnahmen machen, die durch die Art und Weise der Komposition ihren eigenen Blick auf das verdeutlichen, was sie fotografieren. Insofern wird deutlich, welche immens wichtige Rolle dem Fotografierenden zu Teil wird: „In diesem Sinne liegt die sozialwissenschaftliche Relevanz von Familienfotos nicht in erster Linie in den abgebildeten Bildproduzenten als solchen, sondern in dem, was sich in der Darstellung über die Darstellenden dokumentiert […].“

In Bezug auf die Familienfotos von Treichels „Der Verlorene“ wird durch einen Ansatz, der Fotografierten und Fotograf trennt, eine besondere Sicht auf die Wirkung der Fotos deutlich: Der namenlose Ich-Erzähler nimmt wahr, dass die Fotos mehr sind als zufällige Abbildungen, auf denen der Ich-Erzähler nicht zu sehen sind. Sie sind die auf Film manifestierte Ablehnung des möglicherweise aus der traumatischen Vergewaltigung entstandenen Sohn, der permanent zum Außenseiter seiner eigenen Familie gemacht wird und sich nur durch ironische Kommentare oder körperliche Reaktionen zu helfen weiß.

Bevor man die Fotos selbst betrachtet, vermag ein kontrastiver Blick auf den Bruder Arnold (man beachte, dass dieser durch den Namen nicht nur identifizierbar wird, sondern gleichsam eine Identität zugesprochen bekommt) und dessen schon im ersten Satz beschriebenes Bild gewinnbringend sein: Der Bruder sitzt nicht, er „hockt“, eine zunächst seltsam abwertende Beschreibung für ein Kind, das so fröhlich erscheint: „(…) auf einer weißen Wolldecke und lachte in die Kamera.“ Warum, könnte man sich fragen, erscheint es so negativ? Im weiteren Verlauf wird der Interpret feststellen, dass jedes Element, das hier hervorscheint, keineswegs zufällig ist. Da sitzt ein Kind lachend auf einer weißen, reinen Decke und sieht den Fotografen direkt an.

Wenn wir die Perspektive des Außentexts ernst nehmen, wird hier also ein liebender Blick einer Mutter oder eines Vaters deutlich, der den Sohn Arnold in die Mitte des Bildes platziert hat. Von einem Familienbild kann keine Rede sein, aber die Komposition spricht für eine Wichtigkeit, die sich geradezu in der Platzierung im Goldenen Schnitt manifestiert.

Im Gegensatz dazu ist die zynisch-komische Beschreibung des ersten Bildes, in den Arnold zu sehen ist, eine Vorausschau der ablehnenden Haltung, die die ganze Familie Arnold gegenüber an den Tag legt: „(…) ein Wasserbecken mit mehreren Kindern, und eines dieser Kinder war ich, der ich damals noch nicht schwimmen konnte.“ Schon die Abtrennung zwischen den Kindern und dem Ich-Erzähler sorgt für eine Distanz, die dadurch hervorgehoben wird, dass hier jemand spricht, dessen Eltern ihm nicht beigebracht haben zu schwimmen. Und weiter:

„Allerdings war von mir nur der Kopf zu sehen, da ich, der ich damals noch nicht schwimmen konnte, im Wasser saß, das mir wiederum fast bis zum Kinn reichte.“ Das Wasser steht ihm sprichwörtlich bis zum Hals. Schon hier verweist der ironische Unterton, der beim Leser ein tragischkomisches Gefühl hinterlässt, auf eine Abwehrstrategie gegenüber der sich hier manifestierenden Lieblosigkeit. Und es wird noch schlimmer: Außerdem war mein Kopf teilweise bedeckt von einem im Wasser und vor mir stehenden Kind, sodass das winzige Foto, auf dem ich abgebildet war, nur einen Teil meines Kopfes direkt über der Wasseroberfläche zeigte. Darüber hinaus lag auf dem sichtbaren Teil des Kopfes ein Schatten, der wahrscheinlich von dem vor mir stehenden Kind ausging, sodass von nur in Wahrheit nur das rechte Auge zu sehen war.“ (S. 9, Z.19 – S. 10, Z. 25). Man sieht also von dem Ich-Erzähler mit anderen Worten nur ein Teil von einem Teil von einem Teil. Er ist im sprichwörtlichen Schatten, außenstehend, hilflos und verdeckt von anderen.

Ausgehend von der zuvor beschriebenen Bedeutungszuschreibung handelt es sich hier um eine – man muss es drastisch formulieren – im Bild manifestierte Vernachlässigung. Das Bild zeigt nicht nur den vernachlässigten, sondern diejenigen, die ihn vernachlässigen. Auch bei dem Tauffoto wird dies deutlich.

„Die Mutter hielt ein weißes Kissen auf dem Arm, über dem eine wiederum eine weiße Decke lag. Unter dieser Decke befand ich mich, was man daran erkennen konnte, dass die Decke sich am unteren Ende des Kissens verschoben hatte und die Spitze eines Säuglingsfußes darunter havorschaute.“ (S. 10, Z. 15-20) War es in dem ersten Foto noch ein Auge, ist es hier ein Fuß – ein Säuglingsfuß – der zu sehen ist. Auch hier ist ein Teil des Körpers das Einzige, was man vom Ich-Erzähler zu sehen bekommt.

Die Fotos erzählen so in ihrem drastischen Weglassen die Geschichte des Ich-Erzählers pars pro toto. Das Tragische ist, dass in seiner ironischen Reflexion deutlich wird, dass sich der Ich-Erzähler über diese Marginalisierung klar ist. Er ist gleichsam gefangen in diesem starren Gebilde voller Vernachlässigung als auch Teil des Komplexes. Der namenlose Ich-Erzähler ist der bemitleidenswerte Wachkomapatient dieser Erzählung. Erlebend, aber nicht in der Lage, sich mitzuteilen.

Hinsichtlich des Außentextes kann man also in der Tat von der expositorischen Funktion des Bildes sprechen, dessen Beschreibung auf der inhaltlichen Ebene die familiäre Vorbelastung desavouiert. Innerhalb des Handlungsgefüges ist die kontrastive Gegenüberstellung der Fotos auch gleichsam die Vorwegnahme einer späten festgestellten Ähnlichkeit mit dem Findelkind, die in zusätzlich tragischkomischer Weise zu dem Zeitpunkt, als die Auflösung nahe ist, ignoriert wird.

In der Bildbeschreibung findet sich eine erstarrte Familienkonstellation, die sich trotz oder gerade wegen der manischen Suche nach dem verlorenen Sohn nach einem Ausweg nicht aus ihrer Kommunikationslosigkeit befreien kann. Der titelgebende Verlorene ist somit nicht nur der wirklich Verschollene. Sondern eben jener namenlose Ich-Erzähler, dessen Verlorensein sich in der visualisierten Marginalisierung schon zu Beginn des Buches offenbart.

7 KOMMENTARE

  1. Offenbar ist für den gegenwärtigen Deutschunterricht die Vorstellung, dass der Leser seine eigene Interpretation zu einem Text zu finden habe, ganz verloren gegangen.
    Die Deutungshypothese ist aus meiner Sicht so überlagert von Festlegungen durch Sekundärtexte und aus dem Text herausgelesene Autorenintentionen, dass mir die Lust verginge, eine eigene zu entwickeln.
    Aber vielleicht ermöglich aber auch gerade das einen fruchtbaren Widerspruch. Die Anforderung an die Lernenden ist jedenfalls nicht gering.

    • Merkwürdig. Ich habe keinen einzigen Sekundärtext gelesen. Das stammt ausschließlich aus meiner Feder. Kann man ablehnen oder widersprechen, aber, wie gesagt, nur meins.

  2. Dass dein Text nur von dir stammt, habe ich nicht bestritten. Aber dass Wellers Text nicht von dir stammt, wirst du nicht bestreiten. Offenbar wird hier Literatur als Hilfsmittel zur Illustration der Sichtweise des „Außentextes“ gesehen, der „erörtert“ werden soll.
    Durch die Aufgabenstellung wird dem Schüler keine Möglichkeit gegeben, Wellers reichlich abstrakte These als unfruchtbar für sein Verständnis des literarischen Textes zu sehen. Das befremdet mich, weil ich ein anderes Verständnis von Literatur habe.
    Das heißt nicht, dass deine Aufgabenstellung nicht interessant und anspruchsvoll wäre. Ich will nur die Möglichkeit des Netzes nutzen, darauf aufmerksam zu machen, dass man auch ein anderes Verständnis von Literatur haben kann.
    Dabei ist es gut möglich, dass auch Treichel dein Verständnis von Literatur teilt.

    • Ah, entschuldige bitte. Jetzt verstehe ich dich besser. Ja, in der Tat kann man das anders sehen und auch anders herangehen. Und in der Tat finde ich die Schreibformen eher beschränkt. Hier wollte ich einfach EINE Möglichkeit geben, EINE Form der literarischen Erörterung nachvollziehen zu können, damit es nicht abstrakt bleibt. Dass es ein Zugang von sehr vielen ist, teile ich meinen Schülern mit.

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