Bei dem Stichwort „zeitgemäßes Lernen“ geht es oftmals um mehr als darum, neue Technologien in den Unterricht einzubeziehen. Es geht letztlich um einen Perspektivwechsel, der sich auf die gesamte Struktur dessen auswirkt, was Unterricht ausmacht. Besonders der Beziehungs- und Kommunikationsaspekt ist dabei ein wichtiger Aspekt.

Als ich mit meiner Kursstufe mit meiner Großmutter telefonierte und die Schüler*innen sie über ihre Flucht befragten, kam das Gespräch auch zu Schule und Lehrern. Während das klassenübergreifende Lernen in einem Raum, über den meine Oma berichtete, zunächst sehr modern anmutet, sind es die „Erziehungsmethoden“ keineswegs. Meine Oma erzählte mir auch zuvor immer wieder von den „Schlägern“, vor denen man Angst hatte, weil sie die Schüler heftig mit dem Rohrstock schlugen.

Meine Oma hatte oft Angst vor der Schule, weil sie es, wie sie sagt, nicht ertragen konnte, andere so leiden zu sehen. Einmal wurde sie selbst geschlagen, weil sie zu laut mitgelitten hatte. Hier findet sich alles, was Schule nicht mehr ist: Ein Ort von Gewalt, Bloßstellung, Ausgrenzung, Autoritäts- und Machtmissbrauch. Wobei gerade beim letzten Punkt ein Fragezeichen gesetzt werden muss.

Die Frage danach, inwiefern eine Lehrperson „Autorität ausstrahlen“ muss oder gar „autoritär“ sein soll, ist immer wieder in der Diskussion. Der ehemalige Lehrer der „Eliteschule“ Schloss Salem plädierte in seinem gleichnamigen Buch für ein „Lob der Disziplin“. Darin erhebt er Disziplin und rigorose Regelsetzungen zu den Grundlagen der Erziehung.

Wenn man so will ist das die Fortführung einer Bildungsbeziehung, wie auf Machthierarchien beruht. Auf einer solchen Grundlage ist Bildung, wie man sie sich für das 21. Jahrhundert vorstellt, nicht mehr möglich. Bevor in aller Knappheit skizziert werden soll, warum gerade Offenheit, Transparenz und echtes Interesse maßgeblich für eine moderne Schule sind, zunächst einige Relativierungen.

Selbst bei Kommunikation auf Augenhöhe, bleibt die Lehrkraft (zunächst) der Experte. Ein „Lob der Echtheit“ ist also kein Appell zur Willkür. Im Gegenteil. Es geht darum, die Antwort auf die Frage, warum man was wie lernt gemeinsam zu beantworten zu können. Und kritisch zu hinterfragen.

Insofern ist dies auch der Zwiespalt jener Lehrer*innen, die gleichzeitig den Unterricht innovativ gestalten wollen – sei es mit Medien, Methoden oder Technik – aber innerhalb eines Systems lehren, in dem bestimmte Strukturen herrschen. Zuvorderst seien hier die Noten genannt.

Es ist ein sehr langer Prozess, bis Schüler*innen merken, dass eine Meinung nicht mit einer schlechten Note sanktioniert wird. Das liegt aber auch daran, dass (mutmaßlich) Lehrer*innen immer noch genau das tun. Das ist bei einer misslingenden gemeinsamen Lernkultur aber auf dem ersten Platz. Denn wenn ein Lernender nicht sicher sein kann, ob eine Antwort im doppelten Wortsinn zensiert wird, bleibt eine generelle Unsicherheit bei der Kommunikation. Hier bleibt also ein Machtgefälle bestehen, so oder so.

Genauso wirkt sich der Gedanke an das „Durchbringen“ von „Stoff“ aus. Wenn alle in der gleichen Geschwindigkeit, zur gleichen Zeit im gleichen Raum zum gleichen Ergebnis kommen sollen, wird das, was ich „echte“ Kommunikation nenne, erstickt.

Denn wenn ich mit einem Menschen spreche, an dem mir etwas liegt (und das sollten alle Lehrer*innen in einem professionellen Kontext gegenüber ihren Schülern), dann habe ich tatsächliches Interesse an einer Antwort. Sind alle Fragen aber suggestiv, entstehen Pseudogespräche, die auch meist bewusst oder unbewusst von allen Teilnehmenden als solche erkannt werden. Dies Gespräche sind nicht nur Gift für die Kommunikation, sondern auch für den Aufbau von Beziehung und vertrauensvoller Zusammenarbeit (übrigens nicht nur im Klassenzimmer und nicht nur in der Schule).

Wie kann unter diesen Bedingungen zugewandte Kommunikation gelingen?

Zunächst einmal bedeutet echte Kommunikation nicht, dass jemand zum „Kumpeltyp“ wird. Lehrer*innen und Schüler*innen sind keine Freunde. Eine „echte“ Beziehung auf ein Wort zu bringen, mit dem jeder Leben kann, ist gar nicht so einfach. Man denke an die Ablehnung, die bei vielen das Wort „Lernbegleiter“ hervorruft, obwohl es relativ präzise beschreibt, wie zeitgemäßes Lernen unterstützt werden kann. Ich persönlich mag den Begriff des Mentors gerne. Auf der einen Seite beschreibt dieser nämlich ein professionelles Verhältnis, das klar zugewiesene Rollen beinhaltet.

Auf der anderen Seite suggeriert es jedoch auch ein Verhältnis, das auf Vertrauen und Wertschätzung beruht. Dies hier soll kein Plädoyer für die Verwendung des Begriffes sein, sondern lediglich beschreiben, inwiefern dieser eine Vorstellung von echter Kommunikation entgegenkommt.

Aber selbst eine Lehrperson, die sich als Mentor sieht und wahrnimmt und auch versucht, durch ihr Handeln diese Rolle gegenüber den Schülern einzunehmen, arbeitet innerhalb von Systemzwängen. So ist der Mentor jene Person, die im besten Fall offen kommuniziert, Neugierde fördert und neugierig ist und den Schüler*innen Lernmöglichkeiten und Lernwege zeigt. Gleichzeitig bleibt die aber die bewertende Instanz. Der- oder diejenige, die zum Abschluss das Geschriebene (oder gesprochene) zensiert und zertifiziert.

Insofern kann eine Schlussfolgerung nur sein, dass echte Kommunikation und Beziehungsgestaltung unter den Bedingungen der jetzigen Schule nur unter bestimmten Systemzwängen möglich ist, deren Abbau all jene fordern sollten, die Lernen in einem neuen Kontext sehen: Als einen begleiteten, interessegeleiteten Prozess der individuellen, aber gemeinsamen Erarbeitung von persönlich bedeutsamen Inhalten.

Bis dahin ist jedoch ein erster Schritt über die eigene Rolle nachzudenken, die im besten Fall Lernen ermöglicht, das ohne die Ausübung von Macht und autoritärem Gestus auskommt. Es geht also um die Bewusstmachung der Rolle, die durch die Lehrperson ausgeübt wird.

Weitere Schritte betreffen dann das, was oftmals direkt als erstes unter „zeitgemäßen Lernen“ assoziiert wird: Digitale Kommunikationsmöglichkeiten. Es ist zwar künstlich, das eine nach dem anderen zu denken, aber immerhin zeigt die Reaktion jener in einem Lehrmodell des 20. Jahrhunderts verhafteten Lehrpersonen, inwiefern eine fehlende Haltungsänderung keine Veränderung begünstigt. Denn wenn ich als „autoritärer“ Lehrer (nicht als Autorität) als singulärer Wissensträger auftreten möchte, dann sind digitale Wege, dieses Wissen in Frage zu stellen „gefährlich“. Insofern bedeutet der Wunsch nach echter Kommunikation und Beziehung nicht nur die Offenheit für Antworten, sondern eben auch für Fragen.

Damit beschreibt zeitgemäßes Lernen neben den schon öfter hier und auf anderen Blogs beschriebenen Veränderungen des Lernsettings, des Orts, der Zeit und der Ergebnisse auch eine andere Form der Kommunikation und – entsprechend – eine andere Form der Beziehungsgestaltung. Diese muss nicht mit digitalen Geräten, Techniken und Plattformen einhergehen. Ist aber innerhalb eines Kontexts, der sich in die Welt erweitert, weil er Offenheit für vorher nicht bedachte Ergebnisse zulässt, nur konsequent.

Und wie macht man das? Schwierig. Fragen zulassen und stellen, auf die man spontan selbst keine Antwort weiß, kontrollierter Kontrollverlust also, ist ein Anfang.

2 KOMMENTARE

  1. Sehr reflektierter Artikel. Bin begeistert! Gerade die Systemzwänge, die das Machtgefälle aufrecht erhalten, verbauen oft den Weg zu einer befreiten Kommunikation und einem begleitenden Lehren. Letztendlich ist selbstbestimmtes Lernen nur in einer offenen Lernumgebung möglich, die zwar Lernziele formuliert, aber den Schüler selbst entscheiden lässt, wann und wie er das Ziel erreichen möchte. Wenn der Schüler lernen dürfte, was für ihn gerade wichtig ist, würden die ängstlichen Fragen nach dem, was denn in der Klausur gewusst werden muss(!) ausbleiben.

    Eine weitere Möglichkeit wäre – wenn man die Noten schon nicht abschaffen will – die strikte Trennung von Lehrenden / Mentor (sehr passender Begriff) und Tester. Einmal ergäbe dies eine Objektivierung der Noten, zum anderen bräuchten Schüler nicht mehr befürchten, dass „falsche“ Meinungen und „dumme“ Fragen in irgendeiner Form in die Note einfließen würde. Das Thema „Lernstoff durchbringen“ wäre dadurch allerdings weiterhin eine Blockade für offene Kommunikation.

    Lösbar wäre dies durch das selbstorganisierte und selbstbestimmte Lernen in Lernbüros. Die Materialien dürfen frei gewählt werden, der Lehrer wird tatsächlich zum Lernbegleiter, Diskussionen könnten in kleinen Gruppen angstfrei und inspirierend für alle Beteiligten sein und die Tests werden anschließend über den tatsächlich gelernten Stoff von einem nicht involvierten Prüfer mündlich oder schriftlich abgenommen.

    Wäre doch machbar?
    Liebe Grüße
    Pascale

    • Herzlichen Dank für diese schönen Ergänzungen. Ich werde beizeiten nochmals genauer darauf eingehen. Der Kommentar ist aber jetzt schon eine Bereicherung für den Artikel. Liebe Grüße

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