Deutungshypothesen sind für viele Schüler*innen oftmals ein genauso großes Problem wie Leitfragen. Das hängt mit einer zunächst widersprüchlichen Forderung zusammen: Die Deutungshypothese soll sowohl allgemein formuliert als auch auf den Text bezogen sein? Wie ist das möglich? Und warum sollte man überhaupt so viele Gedanken in die Deutungshypothese stecken? Einige Ausführungen. 

Auch unter Lehrpersonen gibt es widersprüchliche Angaben dazu, was eine Deutungshypothese ist und was sie soll. Während es für manche schlicht das Thema der Kurzgeschichte (oder eines anderen literarischen Textes) ist, ist es für andere eine These, die sich aus dem ersten (oder zweiten) lesen ergibt und die dann mittels der Analyse geprüft werden soll.

Wenngleich der letzte Teil in meinem Verständnis nicht zwangsläufig komplett wegfällt, sind Deutungshypothesen in meinem Verständnis etwas anderes. Dies wird hier kurz anhand der Kurzgeschichte „Weidmanns Nachtgespräche“ skizziert.

Deutungshypothesen sind das zusammengefasste Ergebnis der Textanalyse. Sie strukturieren die Arbeit vor. Sie sind gleichsam allgemein formuliert, aber passen spezifisch auf den Text.

Das bedeutet konkret, dass Deutungshypothesen sich nicht auf ein allgemeines Thema zuziehen können. Beispiel: Wenn ich als Thema der Kurzgeschichte „Kommunikationsprobleme“ angebe, ist das sicherlich richtig, ist aber für die Kurzgeschichte nicht spezifisch.

Wenn ich davon spreche, dass es um das „Karrierestreben des Mannes“ geht, dann thematisiere ich damit nur einen sehr kleinen Teil der Kurzgeschichte und übernehme gleichsam die Perspektive der literarischen Figur. Besser ist eine Deutungshypothese, die die gesamte Kurzgeschichte erfasst und damit gleichsam meine eigene Arbeit – also die Interpretation – vorstrukturiert.

Beispiel

Die von Martin Suter 2003 geschriebene Kurzgeschichte „Weidmanns Nachtgespräche“ problematisiert anhand eines intimen Gesprächs die aufgrund eines Kommunikationsdefizits gescheiterte Beziehung eines entfremdeten Paares.

Bestandteile

Die von Martin Suter 2003 geschriebene Kurzgeschichte „Weidmanns Nachtgespräche“

(1) problematisiert

(2)anhand eines intimen Gesprächs die

(3) aufgrund eines Kommunikationsdefizits

(4) gescheiterte Beziehung eines

(5) entfremdeten Paares.

Jeder Teil der Deutungshypothese kann auf den Text zurückgeführt und mit Hilfe des Textes belegt werden. Die anschließende schriftliche Ausformulierung der Analyse ist dann die „Beweisführung“, dass die Deutungshypothese (und damit das Analyseergebnis) zutrifft. Das gibt der gesamten Deutungshypothese eine neue Perspektive.

Die Deutungshypothese wird zu einer Verdichtung des Analyseergebnisses. Das bedeutet eine große Anstrengung in der Vorarbeit, beugt aber Problemen vor, die man bekommt, wenn die Deutungshypothese keinen Weg vorgibt oder gänzlich am Thema vorbei geht.

Natürlich heißt das nicht, dass man innerhalb kurzer Zeit in der Lage sein muss, eine so vielschichtige Deutungshypothese wir oben angegeben zu formulieren. Wenn man sich unsicher ist, kann in der Tat eine allgemeinere Deutungshypothese verfasst werden. Allerdings sollte dann vor allem in Richtung Schluss eine Spezifikation stattfinden.

Wer das Ganze lieber visuell erläutert haben möchte, findet eine etwas abstraktere Erklärung für Deutungshypothesen in diesem Video. 

Wie immer freue ich mich über Anmerkungen und Diskussionsbeiträge.

10 KOMMENTARE

  1. Um mal wieder den kritischen Skeptiker zu geben:
    Ich bezweifle den Wert von Deutungshypothesen als deutschdidaktisches Werkzeug. Begründe zuerst weshalb und schlage dann eine Alternative vor.
    Die Deutungshypothese ist etwas, was das Resultat einer Auseinandersetzung ist, aber einen Text über literarische Texte strukturieren soll. Die Handlungsaufforderung an die Schüler*innen ist paradox: Sie sollen einerseits einen Text schreiben und zu Beginn eine Deutungshypothese formulieren, andererseits eine Analyse eines anderen Textes vornehmen und am Schluss eine Deutungshypothese formulieren. (Das erklärst du ja auch so.) Kurz: Sie können einen Text nicht schreibend verstehen, sondern müssen ihn vor dem Schreiben schon verstanden haben. Das mag für Profis aus den Literaturwissenschaften ein guter Weg sein, für Novizen aber aus meiner Sicht eher nicht.
    Um noch etwas kritischer zu werden: Deutungshypothesen werden als Korrekturkriterium missbraucht. Ich kann als Korrigierender leicht erkennen, ob sie da stehen oder fehlen und dann Punkte abziehen.
    Was wäre die Lösung? Kommentare schreiben lassen zu literarischen Texten. Das führt zu größerer Textnähe (man spürt ja in deiner Erklärung, Bob, wie sperrig dieses Allgemeine und Spezifische einer Deutungshypothese ist). Zudem folgt dann der eigene Text den Strukturen des literarischen Textes. Am Schluss kann es dann zu einer Deutung oder einer Synthese dessen kommen, was im Kommentar erschlossen worden ist.
    (Noch besser wäre es natürlich, echte Texte entstehen zu lassen, statt Texte für den Deutschunterricht zu schreiben…)

    • Naja, die Rolle des kritischen Skeptikers hast du hier ja immer mal wieder. Ist schon in Ordnung, du sagst ja selbst, dass Kritik bei dir Wertschätzung ist. Du schreibst das sehr ähnlich wie Herr Rau und auch bei dir kann ich nur sagen: Meine Erfahrung deckt sich damit nicht. Mir geht es nicht um ein Werkzeug der Benotung, sondern um eine Hilfestellung für die Schüler*innen. Schreibend Analysieren – ich weiß nicht, ob du tatsächlich gute Interpretationen liest, die das beherzigt haben. Ich sehe vielmehr Aufsätze, die eine Aneinanderreihung von Behauptungen sind, die nirgendwohin zurückgeführt werden können. Und ja: Ich denke, dass die Analyse schon vor dem Schreiben stehen muss. Es geht auch einfacher: Das Hauptverständnis steht davor. Denn in den Deutungshypothesen (diejenige, die ich hier vorschlage, ist ja etwas sperrig), sollen die inhaltlichen Strukturen angedeutet werden. Was ich nicht schreibe: Man kann während des Schreibens auch andere Schwerpunkte setzen, die These widerlegen etc. Was deinen Vorschlag angeht: Ja, das könnte man machen. Jedoch sieht das Abitur in Baden-Württemberg, zumal im Leistungskurs, andere Textformen vor. Die muss man nicht mögen, aber ich sehe meine Rolle doppelt (da hatten wir es oft von): Ich möchte, dass die Jugendlichen gut schreiben lernen. Und ich möchte, dass sie die Aufgaben erfüllen, die institutionell von ihnen abgefordert werden. Das hat, was meine Arbeit angeht, Priorität. Zu deiner Klammer: Wie du auf Twitter mitbekommen hast, schreiben meine Kursschüler*innen so wie jedes Jahr echte Texte.

      Kurz: All das tue ich, weil ich der festen Überzeugung bin und auch die Erfahrung gemacht habe, meinen Schüler*innen auf lange Sicht damit zu helfen. Wenn du und andere unterschiedliche Wege bevorzugen, ist das völlig in Ordnung.

    • Ich finde, dass man gerade durch Deutungshypothesen den Erkenntnisprozess der S*uS leichter erkennen kann:
      Wenn sie am Ende ihres Aufsatzes, nach Abarbeitung des abiturrelevanten Pflichtprogramms von Inhaltsangabe, Stilmitteln und sonstigem, auf ihre Hypothese (meistens aus dem ersten Leseeindruck generiert) zurückkommen, erwarte ich ja nicht, dass sie diese dumpf abnicken.
      Ich lese regelmäßig in Klausuren, dass S*uS ihre erste Deutung mithilfe ihrer Analyseergebnisse erweitern, einschränken oder begründet über den Haufen werfen. Das zeigt für mich einen Erkenntnisprozess (den ich dann auch mit Punkten goutieren kann).

      Die Deutungshypothese macht es den S*uS einfacher, einen roten Faden in ihren Text zu bringen. Wenn sie in Minute 2 der Klausur den Stift ansetzen und ins Blaue analysieren, fällt ihnen alles mögliche auf (in Vers 5 eine Metapher, irgendwo wechselt das Reimschema, in Strophe 3 geht es um Freiheit….). Das bunte Allerlei am Ende zu einer stimmigen Interpretation zu verschnüren, ist eine ganz schöne Aufgabe. Die Deutungshypothese hilft S’uS, zu Anfang eine grobe Stoßrichtung für den eigenen Text abzustecken.

      Und ich fände es auch toll, wenn man bei Prüfungen in Deutsch Textsorten aus der Realität (Rezensionen, Kommentare…) verfassen würde. Diese „Kochen nach Rezept“-Aufsätze, die es ausschließlich in Schulen gibt, sind der Gipfel des Selbstzwecks…

  2. Ich halte es für ein Unding, Schüler und Schülerinnen Ihre Aufsätze mit einer Deutung zu beginnen. Das sehen allerdings auch unsere Schulbücher vor. Klar wäre es schön, wenn man schon am Anfang wüsste, worauf man hinaus will, aber das ist in der schulischen Schreibsituation nicht so – da entsteht, vielleicht, die Deutung während des Schreibens. Also halte ich es so, dass am Ende des Aufsatzes eine Deutung kommt.

    Das Wort Hypothese mag ich nicht, weil sich die Germanistik und Didaktik da mit den Federn der exakteren Wissenschaften schmücken will. Dort kann man Hypothesen bestätigen oder nicht; beides ist Erkenntnisgewinn. Ich wünsche mir aber nicht, dass Schüler und Schülerinnen irgendeine – abstruse? – These aufstellen und danach feststellen: Nein, darum ging es dann doch nicht.

    • Nein, das wünsche ich auch nicht. Deshalb erkläre ich genau das in dem Blogbeitrag. Das, was da Deutungshypothese heißt, ist das, was nach der Analyse – aber eben vor dem Schreiben geschieht. Meine Erfahrung ist, dass es am Anfang sehr schwer fällt und dann immer mehr dazu führt, dass ein roter Faden durch die Interpretationen führt.

  3. Ich finde es eigentlich ziemlich gut, wenn man eine These aufstellt und dann herausfindet, dass sie nicht zutrifft, vielmehr gehe es in dem Text eigentlich um… Das ist ein Erkenntnisgewinn und darum geht’s im wissenschaftspropädeutischen Schreiben meiner Meinung nach, wie nachher im wissenschaftlichen Schreiben, wenn denn einzelne soweit kommen, eben auch: Eine These belegen oder widerlegen, und zwar in der Empirie, hier am Text. Didaktisch macht das zudem meiner Meinung nach extrem was her, da dann Bausteine aus dem argumentierenden Schreiben direkt in der Literaturerschließung angewandt werden können, von wegen Kompetenzorientierung. Und für schwache SuS ergibt sich so ein schlüssiges Gerüst („Kochgerüst“), an dem sie sich durch ihren Aufsatz hangeln können. Insofern – nie ohne Deutungshypothese.

  4. Ein Großteil der Deutschdidaktik – jedenfalls der bayerischen Schulbücher – geht ja auch so vor wie du, Bob, wird also schon okay sein. Allerdings: Widerlegen geht da auch nicht. Was seit vier , fünf Jahren allerdings im Abitur der Fall ist: Dort wird die Duetungsthese in der Zusatzaufgabe immer mitgeliefert. Also Teil a) Interpretieren Sie das Gedicht Das Karussell von Rainer Maria Rilke!, b) Vergleichen Sie die Gestaltung von Kindheit in Rilkes Gedicht mit der in Günter Kunerts Gedicht Gottgleich! – Als Deutungsthese für Rilke reicht nämlich völlig: „In diesem Gedicht geht es (nicht nur um ein Karussell, sondern vor allem) um die Darstellung von Kindheit.“ Das richtig zu erkennen, fällt den SuS schwer genug. Vielleicht könnte man zum Üben einfach eine – nachvollziehbare – These vorgeben und die SuS die erst einmal nur begründen lassen?

  5. Ich persönlich finde schon das Wort schrecklich. Warum nicht Deutungsversuch?
    Ich gebe zum einen Thomas Rau recht, wenn er meint, da messe sich der Deutschunterricht eine Exaktheit wie bei den Naturwissenschaften zu, die gebe es für ihn aber nicht.
    Noch allgemeiner finde ich aber mit Hans Magnus Enzensberger, dass selbst der Autor nicht den Anspruch haben sollte, die eine korrekte Interpretation eines Textes vorzugeben, geschweige denn ein Deutschlehrer oder ein Kultusbürokrat.
    Natürlich sollte man im Deutschunterricht das Handwerkszeug des Interpretierens lehren und dafür Hilfestellungen geben. In unserem System muss die Lehrperson dann freilich auch aufgrund der eigenen Beurteilung eine Bewertung vornehmen.
    Aber „Deutungshypothese“ erinnert mich sehr an die „Normenbücher“*, über die sich Enzensberger so aufregte und die mein Schulleiter damals „Nornenbücher“ nannte.

    *Wolfgang Hofmeyer: „Allgemein anerkannte Bewertungsgrundsätze“ als schulrechtliche Beurteilungskriterien, 1988

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