Wer diesen Blog aufmerksam verfolgt, weiß, dass mir oftmals daran gelegen ist, etwas zu schaffen, was eigentlich nicht möglich ist: Generalschlüssel für spezifische Probleme. Mit Youtube-Videos wie „Der Schlüssel zu jedem Gedicht“ oder eben „Gute Leitfragen“ versuche ich, eine Sicht auf das „Problem“ zu werfen, was den Lernenden hilft, zu besseren Ergebnissen zu kommen. Sowohl Videos als auch Artikel sind gedacht als eben solche Impulse. So auch dieser hier, der von guten Leitfragen handelt. 

Leitfragen für Referendare und Schüler

Referendarinnen und Referendare in Geschichte als auch Schülerinnen und Schüler, die bei anspruchsvollen Kollegen Referate und GFS halten müssen, vereint das Problem der Leitfrage. Diese erscheint vielen als unnötige Hürde. Dabei sind eben jene Fragen grundlegend dafür, sich auf individuelle Weise einem Problem zu nähern. Das beinhaltet genauso eine gute Recherche wie letztlich das Ergebnis.

Es gibt verschiedene Arten von Leitfragen, deshalb zunächst einmal die Unterteilung zwischen jenen, die SchülerInnen oftmals stellen soll(t)en und jenen, im Referendariat in Geschichte (und ab und an anderen Fächern) nützlich sind.

Leitfragen für SchülerInnen

Leitfragen, die SchülerInnen stellen, haben zwei Funktionen:

  1. Sie engen das Themenfeld ein
  2. Indem sie dies tun, ermöglichen sie oder fordern von den Schülern, ihre Suche, Recherche und Aufbereitung zu Fokussieren.

Bei dieser Art der Leitfrage erarbeitet sich so der Schüler ein eigenes Themenfeld, in dem er viel eher Experte sein kann, als würde er keine Leitfrage haben. Im Prinzip muss man sogar sagen, dass Referate ohne Leitfrage nutzlos sind. Was soll der Schüler über den 1. Weltkrieg sagen? Welche Facette soll bei einem militärischen Konflikt keine Rolle spielen, den die ganze Welt betraf?

Auf der anderen Seite ist natürlich dennoch das Detail, das die Frage herausfordert, abhängig von der Stufe. Einem Oberstufenschüler ist eine andere Art der Leitfrage zuzumuten als einem Mittelstufenschüler. Ab und zu ist es auch möglich durch die Art des Fokus auf die Leitfrage zu verzichten. Die Leitfrage selbst ist aber eine einfachere Möglichkeit, einen roten Faden zu initiieren, dem man folgen kann.

Beispiel:

Leitfrage Kommentar
Der 1. Weltkrieg Keine Leitfrage. Das Thema ist so beliebig, das man es nicht bewerten kann. Selbst wenn jemand sich grandios auskennt, ist nicht ersichtlich, worum es eigentlich ging.
Der 1. Weltkrieg: Wer hat Schuld am Kriegsausbruch? Für eine Mittelstufen-Arbeit (sowohl schriftlich als auch mündlich) eine gute Leitfrage. Die Schüler können zwar recherchieren, aber sie müssen mittels ihrer eigenen Expertise zu einem Fazit kommen. Dieses und der Weg dort hin kann valide bewertet werden.
Der 1. Weltkrieg: Ursachen, Bedingungen, Auswirkungen Auch hier ist keine Frage, allerdings könnte man sich vorstellen, dass in der Oberstufe eine gute Aufbereitung doch gute Ergebnisse erzielen würde. Denn obwohl hier die Frageform fehlt, verdeutlichen die Begriffe eine strukturierte Herangehensweise. Jedoch erscheint auch hier das Thema sehr groß.
Der 1. Weltkrieg: Die Schuldfrage aus deutscher Perspektive Wieder keine Frage. Aber auch hier erscheint das Themenfeld insofern begrenzt, als dass eine Perspektive deutlich gemacht wird, die eine bestimmte Erwartung schürt. Hier sollte aber davon ausgegangen werden, das Quellenarbeit und Sekundärliteratur in die Betrachtung einfließen.
Der 1. Weltkrieg als Ausdruck einer überforderten Moderne? Das kann man schon machen. Aber eine solche Fragestellung ist im Prinzip schon etwas für eine (Pro-)Seminararbeit. Für die Schule wäre diese Art der abstrakten Fragestellung meines Erachtens eine Spur zu hoch gegriffen.

 

Herausforderungen

Insgesamt stehen Schülerinnen und Schüler meist vor zwei großen Herausforderungen. Erstens denken die meisten, dass sich die Leitfrage ergibt, bevor man recherchiert hat. Das ist aber nicht so. Erst eine oberflächliche Recherche und ein geduldiges Einarbeiten ermöglicht es ja überhaupt, zu einer Frage zu kommen. Das, was viele Schüler machen – ein „Thema“ wählen und sich dann Fragen überlegen – ist genauso Quatsch wie gar keine Leitfrage zu haben.

Das zweite Problem betrifft den Stoff, der zunächst einmal nichts mit der Leitfrage zu tun hat (oder eben zu haben scheint). Dann kommt bei einer Überleitung in einer Präsentation mit einer guten Leitfrage so ein Satz wie: „Jetzt erklär ich euch erstmal was über ein paar Fakten.“ Wenn man streng ist, dann sollte man eigentlich sagen, dass das weg kann. Denn wenn die Verknüpfung zu dem Thema nicht besteht, braucht man auch die Fakten nicht. Diese Verknüpfung zu etablieren, ist aber wichtig. Bei unserem Beispiel kann ich natürlich darüber sprechen, wie viele Opfer der 1. Weltkrieg gefordert hat. Aber das lasse ich nicht einfach so stehen. Es geht darum, warum so unerbittlich um die Schuldfrage gekämpft wurde und wird. Und da spielen die Opferzahlen natürlich eine entscheidende Rolle.

Leitfragen für Referendarinnen und Referendare

Leitfragen sind für Referendarinnen und Referendare keine einfache Sache. Das Konstrukt geht so: Welchen Impuls muss ich geben, damit die Reaktion darauf eine Leitfrage ist, die die Klasse durch die Stunde oder die Einheit führt. Das ist gar nicht so einfach. Aber sich darüber den Kopf zu zerbrechen lohnt, weil hier die Leitfrage mehr ist als der Fokus, der vor einer Vorbereitung des Themas steht.

Die Leitfrage für den Unterricht ist der Verweis auf den Unterrichtsgegenstand. Das heißt, dass dieser Gegenstand klar umrissen sein muss, um zu wissen, wie die Leitfrage darauf zielen kann.

Zwei Beispiele: Wenn es darum gehen soll, wie die Pyramiden erbaut worden sind (Die Kompetenz ist also, mittels Abbildungen und Quellen auf eine Antwort zu kommen), kann die Leitfrage erreicht werden, indem die Abbildung eines Handwerkzeugs einer riesigen Pyramide gegenüber gestellt wird. Die Frage ist (etwas lapidar): Wie haben die das hingekriegt? Es ist also eine Frage, die durch die gesamte Stunde führen kann. Am Ende kommt man zu einem Ergebnis, das im besten Fall zu einem Transfer führt.

Bei einem anderen Beispiel geht es darum, wie Europa sich zwischen den 20er und 30er Jahren verändert hat. Hier könnte man zwei Karten nebeneinander legen: Auf der einen sieht man, dass  die meisten europäischen Mächte demokratische Parlamente haben. Auf der zweiten ist das grundlegend anders. Der Impuls: Welche Frage könnten wir uns heute stellen? (Das geht auch präziser, aber nur, um das Ganze deutlich zu machen). Mögliche Frage: Was passierte, dass in so kurzer Zeit eine solche Veränderung stattfand. Oder Präziser: Welche Entwicklung führte dazu, dass innerhalb kurzer Zeit aus europäischen Demokratien Autokratien und Diktaturen wurden?

Beide Leitfragen geben der Stunde einen Rahmen, der ein willkürliches und inhaltsleeres Geben von Aufgaben („Wir gucken heute mal darauf. Schaut euch das an.“) hinfällig macht.

Abschluss

Gute Leitfragen sind also wichtig, um eine Fokus zu etablieren – sei es für ein Vortragsthema oder eine Stunde. Sie ermöglichen so eine Arbeit, die zudem individuell gestaltet werden kann und nicht in Powerpointkaraoke mündet. Insofern ist das Erlernen der richtigen Fragestellung eine Kompetenz, die sich zu üben lohnt.

2 KOMMENTARE

  1. Wie schon andernorts angedeutet wurde in meiner Ref-Zeit der Begriff Problemfrage (statt Leitfrage) in den Vordergrund gerückt. „Wer hat Schuld am 1. WK?“ ist so eine Frage. Weitere Beispiele könnten sein: „Soldaten im (…)-Krieg – Täter oder Opfer?“ / „Wer hat Schuld am Kalten Krieg?“/ „Warum (oder woran) scheiterte die Weimarer Republik?“
    Der Vorteil bei Problemfragen liegt m.E. in folgenden Punkten:
    1. problemorientierter Unterricht wird forciert
    2. starke Fokussierung des Themas
    3. die Urteilsbildung wird gefördert bzw. eingefordert
    4. Problemfragen können gemeinsam hergeleitet werden (z.B. durch widersprüchliche Zitate, Karikaturen, Bilder etc.)
    5. Problemfragen wirken häufig motivierender
    6. (gute) Problemfragen können nicht mit ja oder nein beantwortet werden

    Allerdings ist es nicht immer leicht, Problemfragen zu finden und in unserem damaligen Seminar wurde auch diskutiert, ob die begriffliche Unterscheidung Leitfrage vs. Problemfrage überhaupt Sinn macht – oder ob es hier nur um eine knackige Formulierung des Themas geht.
    Aber selbst eine bloße Ablösung der Begrifflichkeit hin zur Problemfrage erscheint mir sinnvoll, wenn die Schule problemorientiertes Lernen forcieren möchte.

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