Vor einiger Zeit habe ich ein Experiment gewagt. Ich habe mich zurück in die Zeit meines Referendariats gebeamt und darüber auf Instagram geschrieben. Daraus entstanden insgesamt 17 Folgen, die man hier nachlesen kann. Ein manisch-depressiver Ritt durch eine unglaubliche, merkwürdige, aber auch gewinnbringende Zeit. Wer mag, kann die Serie natürlich auch direkt auf Instagram durchlesen. Das hat den Vor- oder den Nachteil, das zu jeder Folge ein mehr oder weniger symbolisches Bild zu sehen ist. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Folge 1: Seminartag, erster Teil
Folge 2: Seminartag, zweiter Teil
Folge 3: Seminartag, dritter Tag
Folge 4: Seminartag, vierter Tag
Folge 5: Meine Klasse, Teil 1
Folge 6: Meine Klasse, Teil 2
Folge 7: Besuchsstunde, Teil 1
Folge 7: Besuchsstunde, Teil 2
Folge 7: Besuchsstunde, Teil 3
Folge 8: Besuchsstunde, Teil 4
Folge 9: Kurz vor der Lehrprobe
Folge 10: Lehrprobenzeit, Teil 1
Folge 11: Lehrprobenzeit, Teil 2
Folge 12: Lehrprobenzeit, Teil 3
Folge 13: Lehrprobenzeit, Teil 4
Folge 14: Ein vorläufiger Abschluss, Teil 1
Folge 15: Ein vorläufiger Abschluss, Teil 2
Folge 16: Der Tag der Freude, Teil 1
Folge 17: Der Tag der Freude, Teil 2

Folge 1: Seminartag, erster Teil

Foto: Ich, 2012, am Limit 😫

Dienstags ist Seminartag. Die Metaplankarten müssen fürs Erste ruhen. DIESE BESCHEUERTEN… Ich schweife ab. Seminartag. Das bedeutet: Den Kopf einziehen (was ich nicht kann). Schon am ersten Tag werden von den in Honigwolle eingewickelten Lehrermütterchen (in meinem Alter) die ersten Fragen nach den Todes-Lehrproben des Schreckens gestellt. Immer wieder. Jedes Mal. Wie ein stetiges Aushöhlen des Kopfes mit Tröpfchen von Eiswasser. Um die Kinder geht es meistens nicht, außer in Pädagogik, was keiner ernst nimmt, weshalb der lustige Pädagogik-Fachleiter sich hüpfender und grinsender Weise bemüht, das Ganze seriös zu gestalten. Hüpfend. Klappt meistens eher nicht.

Schon schleicht die verhinderte Doktorin herein (sie wollte eigentlich an der Universität bleiben, aber die Perspektiven, die Perspektiven, auch für sie, die ja nur Einsen sah in ihrem Leben). Sie habe ein Problem. „Welches? sagen Sie es uns! Eröffnen Sie uns Ihr Innerstes!“ klingt es wie mit griechischer Lyra untermalt durch den Kellerraum, dessen Licht in artifiziellem Schein den Kopfschmerz der schlaflosen Nacht untermalt aus dem Mund des hüpfenden Pädagogen. „Nun“, beginnt die intellektuelle Nofretete, umhüllt von einem Lächeln, ihr glattes Haar noch glatter streichend.
„Nun, ich hatte Vertretung in der 6. Klasse in der 6. Stunde am Freitag vor der Ferien und es war laut. Nun habe ich der ganzen Klasse gesagt, dass sie einen Test schreiben müssen, aber da ich ja nichts mit ihnen gemacht habe, weiß ich nicht, ob ich den jetzt überhaupt benoten darf?“
Die Gedanken schweifen zwischen physischen Gewaltphantasien und der Bewunderung für die Naivität, die ich gerne als Ironie verpackt äußern würde, um den Laden aufzumischen. Aber es ist die nackte Realität. Auch der bärenpulloverte Fachleiter wird ganz blass und „gibt das erst einmal in die Runde“. Ich nehme mir vor, nur in einem späteren Moment, wenn ich eine Klasse wirklich hassen sollte „das mal in die Runde“ zu geben.

Folge 2: Seminartag, zweiter Teil

Foto: Gekritzel auf einem Manuskript, 2012, immer noch am Limit

Tendenziell ist die Reaktion auf zu viel Arbeit mehr Arbeit zu suchen womöglich einem Kopfstoß aus meiner Kindheit zu verdanken, an den ich mich ob der Heftigkeit nicht mehr erinnere. Aus dem Grund fange ich aus lauter Verzweiflung mitten im Referendariat an, eine Novelle zu schreiben, die nie veröffentlicht wird. Kein Wunder. ZU verrückt. Wahrscheinlich subtil vom Red beeinflusst. Ich schweife wieder ab. Zurück im Seminar.
Wenn es nicht so wäre, dass man im besuchten Unterricht des Referendariats schon gevierteilt würde, wenn man sich anmaßt, mehr als zwei Minuten hintereinander (!) mit den Schülerinnen und Schülern (bitte achten Sie auf das Geschlecht) zu sprechen, dann könnte man diese Taktik natürlich auch jetzt schon in der Schule anwenden. Also alles mal in die Runde zu geben. Aber das geht erst später. Jetzt muss man auf die TAKTUNG achten!
Jetzt sitzen wir im Kreis und versuchen, eine Antwort auf eine Frage zu erstellen, die nicht verletzend oder lächerlich klingt, aber der Fragenden womöglich nahelegt, in einem Bereich zu arbeiten, der ohne Menschen auskommt. Vielleicht irgendwas mit Medien. Als Tipp. Klappt aber nicht. Stattdessen wird schwadroniert, laut nachgedacht und am Ende sind sich alle einig, dass die Schüler heutzutage, ja, man darf sagen, in der heutigen Zeit, ein besonderes Maß an pädagogischer… Und dann höre ich nicht mehr zu.

Stattdessen schaue ich in die Gesichter und versuche mir vorzustellen, wie ich als Schüler damals auf diese Menschen reagiert hätte. Und als ich den Seminarraum verlasse, um so zu tun als müsse ich aufs Klo, schaue ich in den Spiegel und bin mir nicht so sicher, ob ich mir so einen Gedanken leisten kann. Ich als Schüler hätte mich wohl nicht gemocht.

Folge 3: Seminartag, dritter Tag

Foto: Ich im Gespräch mit mir, Dezember 2011, irgendwie schizophren 🤷🏽‍♂️

Wiederaufnahme der Gedanken. Sitzen im Seminar. Bin gerade von der Toilette gekommen und mein Spiegelbild als Edvard Munchs „Der Schrei“ erkannt. Denke, es kann nicht schlimmer werden. Es wird schlimmer.
Aufmerksam werde ich erst wieder, als ein neuer Sitznachbar in das Zimmer schlurft. Die gewaltsamen Spuren alkohollastiger Feierstunden hängen ihm in tiefen Furchen im Gesicht, man erkennt die Augen kaum, aber er sieht zufrieden aus. Darf er auch sein. So hat er doch in seiner ersten Unterrichtsbesuchstunde – nein, nicht etwa in der Lehrprobe, wo denken Sie hin – eine eineinhalb Meter große Guillotine gebaut, um in seiner Stunde einen Einstieg (!) zu haben. Ein geschlagenes Wochenende baute er an dem gefährlichen Gerät, in das nun ja noch nicht einmal mehr Revolutionäre, sondern traurige Bio-Äpfel geköpft werden würden. Hätte der islamische Staat schon damals sein Unwesen getrieben, der Einstieg wäre vollends in die Geschichtsbücher aufgenommen worden. Jetzt gähnt es zufrieden neben mir.
Was das eigentliche Thema der Stunde ist, haben alle vergessen, da diese, in der alle mal ein bisschen über ihre Ängste, Sorgen und Erfahrungen reden können, mittlerweile einer Ansammlung von panischen Schizophrenen bei der ersten Therapiesitzung gleicht. Alle warten nur auf das Stichwort und als das erste Mal „Lehrprobe“ fällt, stöhnt die Menge in Wallung auf, vor Angst und Beglückung – zumindest derer, die eine Guillotine dabei haben.

Folge 4: Seminartag, vierter Tag

Foto: Ich, 2011, kurze Pause vom Ref

Mittlerweile bin ich am Ende, was aber auch klar ist, da schon fast eine Stunde rum ist. Es folgen nur noch gefühlte 10. Erst die Fachdidaktik, die redundant wird, sobald ein anderer Fachleiter aus einem anderen Seminar mit einer anderen Vorstellung im Unterricht sitzend mit dem Kopf schüttelt und sagt: Dass man das doch nun wirklich gelernt haben müsse. Und dass zwar 47 von 48 Punkten beherzigt worden wären, das aber ein bisschen zu wenig war.
Man sollte sich ein Beispiel an den Doktoren nehmen und sich das Wohlwollen einfach erkaufen. Jawohl. Doch dann, als ich nur noch ein Funken Lebenswille in meinem matten Herzen tragend nach Hause und schnell aufs stille Örtchen gehe, dem einzigen Ort, an dem ich keinen anderen Menschen der Welt anzutreffen gedenke und wo in großen goldenen Lettern Dantes Inferno liegt, bin ich mittlerweile im achten Höllenkreis angelangt. Hier, so heißt es, werden die Tyrannen und die Massenmörder ihrer gerechten Strafe zugeführt, indem ihnen das Fleisch von den Rippen gerissen wird. Ihnen und bestechlichen Beamten.
Und dann überlege ich mir doch eine andere Taktik und schleiche leise weinend zum Schreibtisch. Dort werde ich verweilen müssen. Die nächsten eineinhalb Jahre.

Folge 5: Meine Klasse, Teil 1

Foto: Ich mit Hut, wie so oft, 2011, leicht irritiert

Es ist schwer ins Lehrerzimmer zu gelangen, wenn der Rektor auf der anderen Seite dagegen drückt. Er tut es aber, weil er denkt, dass ich ein Schüler bin. Das macht es nicht einfacher. In den Klassen ist das anders. Da ist man noch cool, was bedeutet, dass einem zugehört wird. Also in der ersten Woche.
Das Lehrerzimmer ist eine Inselgruppe im Krieg. Aber das weiß ich noch nicht und schlendre wie ein Todesmutiger durch die verminten Gebiete, voller hoffnungsfroher und naiver Innovationsgedanken. Zumindest in den ersten Wochen, in denen ich noch hinten sitze und den Lehrern beim Unterrichten zuschaue. Das kann ich alles besser, denke ich und sage es keinem (worüber ich mich hinterher freue).
Die Sekunden, in denen die Klasse als Referendar betreten wird, sind entscheidend über die ersten Wochen. Die kleinen und die großen Terminator-Schüler analysieren blitzschnell. Kleidung, Auftreten, Stil, Mode; und dann fällt das Urteil. Cool oder Opfer.
In meiner Klasse weiß ich nach ein paar Stunden immer noch nicht, was sie von mir halten, denn sie sagen nichts. Sie schauen mich nur an. Nicht böse, nicht wütend. Nur gelangweilt und leicht ablehnend, dass ich als junger Mensch sie hier aufhalte im Zimmer des Verderbens ihrer ewig währenden Party-Jugend. Ich habe keine Probleme mit der Lautstärke, bin mir aber nicht sicher, ob alle des Sprechens mächtig sind (Kleine Vorschau: Ich werde diese Klasse so sehr mögen, dass ich zwei Jahre später bei der Abiturveranstaltung Britney Spears für sie singe, vor der gesamten Elternschar und fast allen Lehrern der Schule). 🙈

Folge 6: Meine Klasse, Teil 2

Foto: Gedicht aus Caspers „Der Druck steigt“, das unter anderem als Einstieg in den Expressionismus genutzt wurde, 2011

Meine Klasse ist still. Wieder. Was mir sorgen macht, da mein Fachleiter sich angekündigt hat. Ich bin mit Gedanken also schon in einer anderen Klasse. 6. Klasse. Geschichte. Das trojanische Pferd.
Das Problem, das ich habe, heißt Authentizität. Das, was alle wollen, aber von dem keiner weiß, wie man es kriegt. Ich bin zum Beispiel flapsig, manchmal überschwänglich oder spaßig. Ist eine Antwort falsch (also in den Klassen, die sprechen) tue ich schon einmal so, als schlage ich mit dem Kopf gegen die Wand, ist eine Antwort sehr gut, befeuere ich das Engagement mit Superlativen.
„Schau doch mal, dass du dich da etwas zurück nimmst“, rät mir ein Kollege, den ich sehr schätze, weil er immer gute Tipps hat und immer so scheint, als habe er alles im Griff (nachdem das Abitur anbricht und ich erkenne, dass selbst dieser Kollege in eine gerade zu manische Arbeitsphase mit unterbrochenen depressiven Tendenzen rutscht, verzweifle ich über die Ungerechtigkeit der Lehrer-Welt, in der ich es nie schaffen werde).
Ich soll also mehr mit dem Kopf nicken, den Schülern zu. Ein anderer Kollege findet, dass ich die Hände nicht in die Hosentasche stecken soll, wegen den Auswirkungen der Körpersprache auf die jungen Seelen (Ich frage mich insgeheim, ob meine Hände in den Taschen mit den FKS 18 Spielen mithalten können, die meine 6er schon spielen, behalte das aber wieder für mich). Ich solle die Hände in einer Raute vor den Körper halten. Verkneifen Sie sich die Kommentare. Unsere Bundeskanzlerin hatte diese resignative Pose damals noch nicht als Staatseigentum gekennzeichnet.

Folge 7: Besuchsstunde, Teil 1

Foto: Ich beim Ausruhen, 2011, in der Schule

Am Tage der Unterrichtsbesuche ändert sich das Mienenspiel der Lehrer, die einen kennen. Selbst die, die sich im Lehrerzimmer auf einer anderen Insel befinden und eigentlich die Kanonen im Anschlag haben (zum Beispiel, weil sie finden, das die Kollegen des anderen Fachs sich immer zu viel rausnehmen und überhaupt), nicken einem freundlich oder resignativ, vor allem aber mitleidig zu, weil sie wissen, das hier die jungen Seelen zerschlagen werden. Also die der Referendare. Denn die Schüler sind meist junge Lämmer, die alles ganz toll machen wollen. Das führt dann schon einmal dazu, dass eine Stunde viel zu lange dauert, weil die lieben Kleinen meinen, dass sie jede Frage mit einer klassischen Abhandlung über ihre Kindheit abrunden sollten.
Aber dieses Mal nicht. Dieses Mal wird alles anders, toll, innovativ. In der Stunde, die in sündenhaft langen, verschrobenen Didaktik-Sätzen auf 15 Seiten gemorpht wird, damit der Fachleiter die unglaubliche Neuigkeit erfahren kann, dass es sich „um eine heterogene Klasse“ handelt, bei der „vor allem die Mädchen“ durch Interesse bestechen. In der Mitte steht die Information, dass ein ganz besonderer Schwerpunkt in der Stunde im Mittelpunkt steht, der die Schüler nicht nur weiterbringen, sondern ihr gesamtes Leben beeinflussen, ja, sie vielleicht jetzt schon zur ultimativen Weisheit des Lebens führen wird.
Ich betrete die Klasse…

Folge 7: Besuchsstunde, Teil 2

Foto: Ich beim Rumblödeln am Schreibtisch, abgekämpft, 2011

Ich komme in der Klasse an und versuche sehr angestrengt nicht angestrengt zu gucken.
Nicht nur mein vor Angstschweiß triefende Pullover vor der Klasse zeigt die Besonderheit der Situation an. Die armen Schüler, in deren unmittelbarer Entfernung der Fachleiter sitzt, sind ganz nackensteif, trauen sich nicht, sich umzudrehen und sehen aus, als würden sie bald ohnmächtig. Ich frage mich, als die Situation da ist, ob ich in einem solchen Falle meine Raute aufmachen darf, komme aber nicht dazu. Vor mir lächelt ein Schüler, der Stunden zuvor in Tränen ausbrach, nachdem ich ihm mit verbotener Nutzung von Ironie in der Unterstufe nach einer Flatulenz androhte, ihn zur Strafarbeit zu bitten. Mittlerweile hat er mir verziehen und lüftet sichtlich erleichtert Hemd und Hose.
Nach einer Phantasiereise in das alte Griechenland und nach Troja kommt die glorreiche Innovation, das Herz meines Unterrichts, das nun dem Fachleiter ein für allemal zeigen soll, wie toll ich didaktische Konzepte in die Praxis übertragen kann. Statt langweilige Quellen zu interpretieren sollen die Schüler sich direkt in die Geschichte beamen (Hinweis: Im Gegensatz zu einer bestimmten Kollegin verzichtete ich darauf, eine Zeitmaschine zu basteln, weil mir die Idee zwar interessant erschien, ich jedoch seit dem Zeitpunkt, als dies bekannt wurde, etwas Angst vor jener engagierten Junglehrerin entwickelte). Sagen wir es mal so: Ein gewaltvoller Krieg als Szenario einer Handlungsorientierung ist bei 6.Klässlern ein willkommener Anlass, ihren Phantasien freien Lauf zu lassen.

Folge 7: Besuchsstunde, Teil 3

Foto: Kaffeepause, dennoch mit Arbeit, 2011

Handlungsorientierung. Ein wunderbarer Arbeitsauftrag forderte die Schüler auf, über ihre Erlebnisse im trojanischen Pferd zu schreiben. Und wie sie rauskommen. Geschichte ganz nah. Nachdem ich den Arbeitsauftrag erteilt habe, wird es schlagartig still. Der Fachleiter ist sichtlich zufrieden und ich bin es auch. Ich löse langsam die Hände aus der Raute und versuche meinen Nacken zu entspannen, der vom ewigen hin und her meiner Rückmeldungen ohne Enthusiasmus ganz steif ist. Noch bevor ich fragen kann, melden sich zehn jungen. Ich traue meinen Augen nicht, aber freue mich und bitte den ersten, von seinen tollen Ereignissen zu berichten. Er geht vor.
„Ich stürze aus dem Pferd. Es kommt eine Frau, ich schlage ihr sofort mit dem Schwert den Kopf ab…“
Mit wird unwohl. Der Rest, der nun kommt, wird von mir überhört, weil ich nicht weiß, was ich weiter machen soll. Ich frage, ob noch jemand möchte und bete, dass keiner mehr etwas Gescheites hat. Ja, es wollen noch mehr.
„Als ich aus dem Pferd stieg, brannte die Stadt. Es kam ein Kind, das schrie, weil seine Mutter in flammen stand. Ich stieß ihm meinen Speer…“
Meine Hände sind mittlerweile in ein mathematisches Konstrukt verschwommen, das sich nicht mehr bewegen lässt. Ich schaue starr an die Decke und versuche zu erörtern, welchen Beruf ich als Alternative auswählen kann. Nach zwei weiteren blutrünstigen Schilderungen vergleichen wir die Erlebnisse mit einer Quelle, schreiben etwas an die Tafel und ich gebe Hausaufgaben.
Ich verabschiede mich bei den Schülern und erkläre meinem Fachleiter, dass ich kurz auf die Toilette möchte. Dort trockne ich eine Träne und gehe in den Raum, in der die wichtigste Person der ganzen Schule – die Sekretärin – schon Schokolade und Kaffee für die geschundene Seele hingestellt hat.

Folge 8: Besuchsstunde, Teil 4

Foto: Ich, am Schreibtisch, bei der Rache am Duden, 2011

Ich weiß nicht, ob mich die einzige gute Fee der Welt (weil Sie mit Kaf beginnt) nun noch retten kann. Auf mich wartet das Ungewisse. Und der Fachleiter. Der lässt mich erklären, was denn alles falsch gelaufen sei. Ich erkläre, dass das monströse Blutvergießen nur so semi meinem Plan entsprochen hat und warte aufs Schafott.
Zu meiner Überraschung findet er das alles halb so schlimm. Aber er fragt, was denn heute mit mir los gewesen sei. Es sei doch sonst anders gewesen, lockerer irgendwie. Auch die Haltung hätte befremdlich gewirkt.
Nach dieser Erfahrung verabschiede ich mich feierlich von drei Dingen, die ich nie wieder in dieser Form nutzen werde: Der Raute mit den Händen, dem Nicken ohne Gefühlsregung und einer Handlungsorientierung in Zusammenhang mit Krieg und Leid in einer Klasse, von der ich weiß, dass der Großteil der Freizeit im virtuellen Töten von Gegnern im Internet besteht.
Ich schleiche zum Lehrerzimmer. Mein Blick ist leer, aber ich bin glücklich. Diesmal lässt mich der Rektor rein. Alle fragen, wie es war. Ich kann da nicht soviel zu sagen und setze mich stattdessen auf die Couch, mein Blick in die Ferne gerichtet, die Hände zu einer Raute verschränkt.

Folge 9: Kurz vor der Lehrprobe

Foto: Ich, am Schreibtisch, kurz vor der ersten Lehrprobe, 2011

Der Berg, auf dem die kleinen, behaarten Wesen gehen, glüht. In den Gesichtern zeichnet sich eine Form der Erschöpfung ab, die über das Maß dessen, was jemand unter normalen Umständen aushalten kann, hinausgeht. Riesige funkelnde Steine fliegen durch die Luft. Vor dem Hintergrund des Weges, der zurückgelegt wurde, voll mit Monstern, die zurückgeschlagen wurden, den mannshohen Spinnen, brennenden Wegen, den eisigen Kälten, den Wirrungen und Irrungen, den Verrätern auf tausend Meter hohen Treppen, die den Weg so unendlich schwer machten, sind diese letzten paar Meter eigentlich ein Katzensprung. Eigentlich. Denn die Kraft reicht gerade noch so für unsere beiden Hobbits vor dem Schicksalsberg, in den der Ring des Bösen geschmissen werden soll. In einem dramatischen Höhepunkt wird sich entscheiden, ob das Böse besiegt oder auf ewig die Menschen knechten wird.

Wir waren keine Hobbits, wir waren Referendare. Der Rest bliebt gleich. Aber der Vergleich hinkt natürlich. Denn das Referendariat in den letzten Zügen ist – schlimmer.

Folge 10: Lehrprobenzeit, Teil 1

Foto: Ich, am Schreibtisch, grenzdebil, 2012

Die drei schlimmsten Begriffe für eine Lehrprobe sind: „Zwischenbrett“, „Gelenkstelle“ und „Puffer.“ Neben dem semantischen Unbehagen, das diese Worte auslösen, zeigen sie deutlich an, welche „Kompetenzen“ jetzt zwischen einer Eins und dem wochenlangen Vergraben unter der Bettdecke liegen. Ein „Zwischenbrett“ ist eine Phase, die zwischen zwei Stundenteilen liegt. Das kann zum Beispiel eine Phase des Klatschens sein, mit der die Schüler/Innen ihre „psychomotorischen Fähigkeiten“ schulen (das ist natürlich wie immer eine Chiffre für „mir ist nichts anderes eingefallen“). Ein gut platziertes Zwischenbrett zaubert ein Lächeln auf die in der hinteren Reihe sitzenden Fachleiter. Ein schlechtes manövriert sich direkt gegen den eigenen Kopf. Man kann nicht mehr denken, weil man weiß, dass gerade etwas gehörig falsch gelaufen ist. Die Schüler werden unruhig, weil sie sehen, dass sich die Bleiche, die den Hals hochsteigt, im Gesicht eine merkwürdige Fahlheit annimmt. Denn die Schüler wissen nicht: Man hat das Zwischenbrett versaut. Dabei hat man:
* Die komplette Einheit selbst erfunden
* Ein Buch selbst didaktisiert
* Themenüberschriften gefunden, die in Doktorarbeiten verwendet werden könnten
* Alles präzise aufeinander bezogen
* Eine erkennbare Progression eingebaut
* Handlungs- und Prozessorientiert unterrichtet
* Alle Medien benutzt und zusätzlich welche erfunden
* Portfolios anfertigen lassen
* Alle Sozialformen angewendet
* Zusätzlich welche erfunden
* Das gesamte Geld für Didaktik-Ratgeber verwendet
* Mit dem Pädagogik-Fachleiter gesprochen
* Die Stunde im Sekundentakt erstellt
* Alles eingebaut, was einem einfällt
* Eine geniale, strukturierte Sicherung vorbereitet
* Hausaufgaben gegeben, die das Gelernte transferieren
…und das Zwischenbrett in den Sand gesetzt. Noch schlimmer wäre es nur, wenn man jetzt noch eine Gelenkstelle verpatzen würde. Da ist man schnell bei einer 4-5 (Lacht ihr? Lacht ihr wirklich? Denkt ihr, dass dies Fiktion ist? Ha! Und doppelt ha!)

Folge 11: Lehrprobenzeit, Teil 2

Foto: Ich, beim Selfie, als Überlebender, Jetztzeit
Eine wirklich gute Gelenkstelle ist – wie soll es anders sein –

wie ein Gelenk. Als Referendar ist man ja in einem Alter, in dem man laufen könnte, wenn es einen Parcours um den Schreibtisch gäbe. Irgendwann im Laufe des Lebens beginnen die Gelenke zu schmerzen. Wenn man beim Aufstehen sein Knie hört, obwohl die Musik laut ist, hat man das erreicht. Bei mir ist das zum Beispiel so, aber keine Angst, das fängt erst mit Anfang 30 an.
Eine Gelenkstelle einer Stunde muss genau das tun: Die Knochen (den Grobaufbau der Stunde) und die Muskeln (die inhaltlich perfekte, auf Progression orientierte Stunde, die die Schüler zu besseren Menschen machen wird) zusammenzuführen.
Hier ein Beispiel für Gelenkstellen mit direkter Benotung:
„Ich hab’ euch einen Text mitgebracht“ (6)
„Hier ist ein Text.“ (5)
„Dieser Text beschäftigt sich mit dem Thema.“ (4)
„Die Frage wird auch in diesem Text erörtert.“ (3)
„Die von euch herausgefundene Thematik wird auch in einem Schriftstück geäußert, dass euch nun als originales Faksimile vorliegt.“ (2)
Eine Note 1 für eine Gelenkstelle bekam nur ein kleiner grüner Lehrer, der nach seinem Referendariat direkt einen einzigen Schüler hatte und ihm in der Kunst des Kampfes mit dem Laserschwert unterrichtete. Allerdings war seine Grammatik schlecht.
Wenn man es aber geschafft hat, ein funktionales Zwischenbrett einzubauen und eine Gelenkstelle wie geleckt aus dem rhetorisch einwandfreien Verbalzirkus herausposaunt hat, wird es erst richtig lustig.

Folge 12: Lehrprobenzeit, Teil 3

Foto: Ich, Foto für meine Aktion „Off Facebook Day“, angestrengt locker, 2011

Hat der kleine Josef, der eigentlich nie was sagt, noch wirklich nie, seitdem man auf der Schule ist, dieses Kind, von dem man nur eine Ahnung hatte, dass es existiert, weil man Entschuldigungen von seinen Eltern las, warum der Sohn wieder seine Hausaufgaben im Drucker lassen musste, hat also diese Ausgeburt der Hölle doch genau in dieser Stunde einen Geistesblitz, dessen Großartigkeit ihm erst in den letzten Zügen seines Jahre später absolvierten Bachelors of German-Pädagogik-Kompetenz bewusst wird – zerbricht die Planung wie Schmetterlinge sterben: Leise und schön. Und dann hat man theoretisch noch drei Minuten und weiß ums Verrecken nicht, was man die Blagen noch fragen will, zumal man ja das letzte bisschen verbleibender Würde in eine schmerzliche Gesichtsfratze presst, die den Prüfern klarmachen soll, dass es einem gar nichts ausmacht, dass nun die eigene Zukunft für immer ruiniert werden wird.
Oder aber man hat einen Puffer.

Folge 13: Lehrprobenzeit, Teil 4

Foto: Ich, beim Versuch der Entspannung, Ostern 2011

Ein Puffer ist der Freund des planlosen Referendars. Zwar darf man den Puffer nicht endlos ausdehnen, aber man kann immer sagen, dass die Klasse „besonders heterogen“ ist (Wirklich immer, denn wer hatte je schon eine Klasse, von der sich sagen ließe, sie sei „besonders homogen“ – zumal heutzutage die Eltern bei einer solchen Formulierung auch fragen könnten, ob die „Ideologie des Regenbogens“ nun wieder ihre Kinder verziehen könnte). Der Puffer kann (natürlich mit passenden Zwischenbrettern und Gelenkstellen) das Leben derjenigen retten, die es nicht schaffen, den letzten Satz der zu gebenden Hausaufgabe so zu artikulieren, dass der gedachte Punkt des Satzes auch gleichzeitig das Klingeln der Schulglocke ist.
Man kann aber auch Pech haben.
Dann sagt einem der Fachleiter: „… und insbesondere ihre natürlich Art, mit den Kindern umzugehen war für uns phantastisch. Wenn sie das letzte Stundenglied nicht als Puffer genommen hätten, sondern mittels Progression oder einem kleinen Zwischenbrett in die Stunde eingebaut hätten, ja dann…“
Und dann liegt oder sitzt man mit einem nahen Freund auf einem riesigen Stein, der mitten in glühender Lava liegt, die ihn umspült und weiß nicht mehr, ob man den Ring in den Berg geworfen hat, wer ihn gefangen hat und was überhaupt passiert ist. Und irgendwann kommen die Adler angeflogen, die ein befreundeter Zauberer geschickt hat, um einem das Leben zu retten. Und Yoda sing ein Wiegelied und… „…und wenn Sie jetzt keinen Schluck Kaffee trinken wollen, dann würde uns zunächst einmal interessieren, wie Sie die Stunde empfunden haben.“

Folge 14: Ein vorläufiger Abschluss, Teil 1

Foto: Ich, beim Gedanken daran, dass bald alles vorbei ist, 2012

Wie so oft im Leben könnte man auch das Ende des Referendariats an so vielen Stellen für beendet erklären.
Vielleicht der Tag der letzten Lehrprobe, als man das letzte Mal den bitteren Kaffee trank, den die Sekretarin mit Mühe, Anmut und den richtigen Zeitpunkt des Aufbrühens verpassend in das Zimmer brachte, in der noch der Angstschweiß der letzten Referendare von den Decken tropfte. Angstschweiß, der sich einer Pfütze gleich unter dem T-Shirt entwickelt und die Stirn wie in Zeitlupe heruntertropft, während die geschundene Seele darüber philosophiert, ob das, was der Fachleiter gerade kritisiert ein kleiner Fauxpas war oder das ewige Ende der Lehrerlaufbahn sein könnte, noch bevor sie begann.
Oder der Tag der Kolloquien, an dem man gebetsmühlenartig die so wichtigen Begriffe der pädagogischen Psychologie herunterbete, in dem festen Glauben daran, den kleinen Max an seinen Entwicklungsstand zu erinnern, wenn man gekonnt den Steinen ausweicht, die aufgrund einer Meinungsverschiedenheit an Tafel und Pult knallen.
Vielleicht ist es der Tag, an dem die Kollegin, deren zynische Kommentare die Pausen in toddepressiven Zukunftsvisionen verdunkelten und deren enormer Humor verbunden mit der Tragik der Erfahrung Hoffnung schürte, wenn also jene Kollegin mit schwarzen Rüschen aber verschwörerischem Grinsen das Du unter einem tiefen Zug blauer Gauloises anbot.

Folge 15: Ein vorläufiger Abschluss, Teil 2

Foto: Ich, niederländischen Strand, tatsächlich gelassen, 2011

Oder ist es etwa der Tag, an dem man nach Hause fährt und weiß, dass diese Zeit nun für immer vorbei ist. Die Zeit des Buckelns und Schuftens und des ewigen Springens über mehr und mehr Hindernisse? Ältere Kollegen werden sich hier ein zufriedenes Grinsen des Wissens nicht verkneifen können.
Ganz Phantasielose halten vielleicht den Tag der Übergabe des Zeugnisses als denjenigen, an dem man sich endlich freuen kann. Endlich hat man dokumentarisch belegt, wer oder was man ist. Die deutsche Bürokratie geht in die Beuge und überreicht steif und mit einem unechten Lächeln den Schriftsatz, der das nächste halbe Jahrhundert prägen wird.
Aber nein. Das ist kein Tag der Freude. Eine Formsache. Vielleicht ein Grinse-Tag, an dem man kriegt, was man meist schon wusste und an dem die Mama oder der Papa oder beide, sofern sie denn dabei sind, einem auf die Schulter klopfen können uns sagen: „Hast du es ja doch noch geschafft.“ Der Tag, an dem man endlich wieder einen Sekt trinken kann. Mal so ganz jugendlich kichernd. Den Pullunder an den Ärmeln nach oben ziehend. Nein. Das ist nicht der Tag der Freude.
Der Tag der Freude ist ein ganz anderer.

Folge 16: Der Tag der Freude, Teil 1

Foto: Ich, waagerecht, irgendwann

Der Tag der Freude ist die Entdeckung der Einsamkeit. Die Entdeckung der weiten Ebene hinter dem eigene Rücken. Den wenn zuvor noch ein jeder jeden Schritt, den der Referendar machte, jede noch so unwichtige Nuance seines kleinen Lebens beobachtete und man mit Sicherheit sagen konnte, niemals sicher zu sein vor dem allüberblickenden Auge des „Big Brother“, der in allen Augen der Kollegen aufflackern konnte, wenn man wieder einmal eine Stunde oder den Kopf in den Sand setzte. Wenn zuvor jeder noch so kleine Fingerzeig auf die Goldwaage gelegt werden konnte, mit dem Vermerk, dass die gesamte Laufbahn von dem einzelnen Wörtchen abhinge und man sich bloß nichts einbilden solle auf die positive Wertschätzung der Schüler, die nur aufgrund des Alters herrühre.
Wenn also dies alles hinter dem Rücken und schon in aufgeregter Haltung vor dem morgendlichen Spiegel, die unausgeschlafen-quellenden Augen in ein tiefes, schwarzes Loch starrend jeden Tag auf einen wartete.
Dann, ja dann ist die Einsamkeit der eigenen Person wie ein Höhenflug über den warmen weiten einer sommerlichen Ebene. Ein Dahintreiben in dem tiefen Gefühl, nun das tun zu können, was man möchte. Und schon schauen einen die Schüler, die dich ja kennen, misstrauisch an. Kein ängstlicher Blick, keine 12 Arbeitsblätter am Stück für die erste Viertelstunde. Und die Frage: „Worauf habt ihr Lust?“ Aber es geht noch weiter. Noch ein klitzekleines bisschen…

Folge 17: Der Tag der Freude, Teil 2

Foto: Ich, bei der Theaterpädagogik-Fortbildung, 2012

Der Tag der Freude, an dem man wie nach einem langen Tag im Auto bei 37 Grad Hitze mit voller Montur zum Meer rennt und in die blauen Fluten springt. Abtaucht. Auftaucht und das salzige Nass in Zeitlupe vom Kopfe schüttelt. Ein Tag wie warmes Nutella. Wie der Ritt auf dem letzten Einhorn. Wie Chuck Norris beim Armdrücken zu schlagen. Zwei Mal.

Der Tag, an dem man weiß, dass man es überlebt hat und dass man sich freut, das Richtige zu tun. Und an dem man in die Gesichter der Schülerinnen und Schüler schaut und glaubt, dass auch die dies so sehen.

Ein Tag der puren Freude.

 

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