Über das Referendariat gibt es zahlreiche Irrtümer, die vor allem deshalb so schwerwiegend sein können, weil sie sich zu einer self-fulfilling prophecy ausdehnen können. Mit anderen Worten: Wenn ich ganz fest daran glaube, dass das Referendariat nur stressig sein kann, dann tue ich alles dafür, dass es das auch wird. Klar, ganz so einfach ist es nicht. Dennoch gibt es einige Irrtümer, die man schon vor, aber auch noch während des Referendariats klären kann.

1. Guter Unterricht braucht lange Vorbereitung

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Sehr guter Unterricht kann sehr lange brauchen. Muss er aber nicht. Das, was am längsten dauert, ist meistens die Idee, auf die sich die Stunde bezieht. Das kann eine Idee darüber sein, wie man das Thema angeht, wie man den „Stoff“ aufbereitet, wie man vorgehen will oder wie der Einstieg oder der Transfer gestaltet werden kann. Aber wenn wir von „lange“ reden, reden wir an dieser Stelle von 20 Minuten (ohne dass natürlich die Stunde dann fertig wäre). Was Lehrerinnen und Lehrer irgendwann lernen, ist, dass es aber auch vorkommen kann, dass man eben nicht die glorreiche Idee für eine Stunde hat. Klar, bei einer Lehrprobe ist das unschön und man wird weitersuchen. Aber bei ganz „normalen“ Stunden sollte man auch schon im Referendariat den Mut haben, auszuprobieren, wie es ist, einfach fertig zu machen und die Zeit zu nutzen, um etwas zu tun, was nicht mit Schule zu tun hat. Denn diese Art von Freizeit, die den Kopf frei macht, ist ungemein wichtig, um danach wieder voll da zu sein.

2. Das Referendariat muss stressig sein

Auch hier soll keine Anklage mitschwingen. Ja, es gibt die Menschen, für die das Referendariat nicht so stressig ist. Einfach, weil ihnen Stress charakterlich fern liegt oder weil sie für Dinge, die dem einen oder anderen ungemein schwerfallen (zum Beispiel, die richtige Frage zu stellen, die den Inhalt voranbringt) einfach ein Talent haben. Aber die Furcht vor dem Stress im Referendariat ist, so paradox ist es klingt, schon eine Ursache der Furcht selbst. Natürlich gibt es unheimlich viele Dinge, auf die man achten, an die man denken muss; natürlich ist es spannend, wenn man besucht oder geprüft wird, wenn man Gespräche hat oder kritisiert wird. Aber der Stress, der am meisten an einem nagt, ist doch oft der Stress, den man sich macht, wenn man mit anderen redet. Entweder, weil es für sich leichter ist („WARUM fällt es mir nur so schwer?“) oder weil sie etwas Schlimmes erlebt haben („HOFFENTLICH passiert mir das nicht auch.“). Was ich sagen will: Stress ist nicht gleich Stress. Viel zu tun zu haben, kann auch erfüllend sein. Dem Stress, der aus Vergleichen mit anderen oder einem gegenseitigen Hochschaukeln besteht, sollte man aber on- wie offline aus dem Weg gehen. Dann muss das Referendariat auch nicht so stressig sein, wie man oft hört.

3. Jede Stunde braucht einen genialen Einstieg

Gefühlt sind 80% der Anfragen in diversen Facebook-Gruppen zum Einstieg. Ja, der Einstieg ist ein wichtiges Element. Ja, man kann ihn schön und rund und motivierend gestalten. Aber das bedeutet eben nicht, dass der Einstieg besonders genial sein muss. Im Gegenteil. Ein genialer Einstieg, der ins Leere läuft, ist genauso unnötig wie gar kein Einstieg. Auch hier sei der Mut zur Einfachheit angemahnt. Gute Stunden kommen auch völlig ohne Einstieg aus (Wobei das, klar, bei Lehrproben was anderes ist).

 

4. Es kommt auf die Lehrprobe an

Ich höre schon den Aufschrei. Wie kann man das nur behaupten?! Natürlich kommt es auf die Lehrproben an!, höre ich rufen (Anmerkung: Die sogenannte „Lehrprobe“ hat in den Bundesländern sehr unterschiedliche Namen; gemeint ist hier jene Prüfungssituation, in der ein Fachleiter oder ein externer Prüfer den Unterricht bewertet und benotet und so letztlich für die zweite Staatsexamensnote sorgt). Und ihr habt Recht: Natürlich ist die Lehrprobe wichtig. Natürlich kommt es auf sie an. Aber anders. Zum einen sollte man jedem, der das Referendariat beginnt und über Lehrproben nachdenkt oder diskutieren will, den Mund verbieten und sagen: Jetzt fang doch erstmal an. Probiere dich aus und vor allem: Lerne die Schülerinnen und Schüler (beim Namen!) kennen. Etabliere Rituale, schau, wie du am liebsten redest und vor der Klasse stehst. Kurz: Tu all das, was wichtig ist, um erst einmal eine Grundlage zu bekommen, auf der du dann aufbauen kannst. Und dann, dann denke erst an die Lehrprobe. Und in der Lehrprobe: Denke nicht an die Lehrprobe. Die besten Prüfungssituationen sind in der Schule sind nämlich solche, in denen die Fachleiter sehen, dass jemand wertschätzend, zielorientiert und transparent mit jungen Menschen arbeiten und lernen kann. Und nicht die, in denen jemand einen Tanz aufführt, weil er meint, dass das seine Note verbessert.

5. Das Referendariat ist die schlimmste Zeit des Lebens

Für viele ist das Referendariat eine Herausforderung. Für viele nicht. Es gilt das, was schon oben anklang: Wenn man mit einem bestimmten Mindset in das Referendariat geht, nämlich einem, das Offenheit, Flexibilität und Wertschätzung an oberster Stelle sieht und eben nicht Angst vor dem Scheitern, dann ist es eine wunderbare, eine sehr lehrreiche und natürlich auch eine herausfordernde Zeit. Aber auch hier gilt:

Lasst euch den Schrecken nicht einreden. Gelassenheit ist das Fundament für ein Referendariat, das gelingt, ohne dass man vor Stress umfällt.

Eines bleibt (nach einigen Diskussionen in Social-Media-Foren) natürlich zu sagen: Es gibt weder ein Allheilmittel noch die Gewähr, dass man Pech hat. Dieser Artikel soll vor allem jenen helfen, die sich zu schnell „einen Kopf machen“.

3 KOMMENTARE

  1. Danke für diesen Artikel – er spricht mir so aus der Seele. Zumindest die Bereiche, in denen es um den selbstgemachten Stress ging, den Rest kann ich noch nicht beurteilen, da ich erst diesen Monat ins Referendariat gestartet bin. 🙂

    Es macht und machte mich jedoch auch schon zu Studienzeiten wütend, zu sehen, wie Referendare/-innen sowohl in sozialen Medien als auch im ‚real life‘ eine Heidenangst verbreiteten, die sich extrem verselbstständigte, sodass ich unter meinen Referendarskolleg/-innen häufig bereits in den ersten Tagen des neuen Ausbildungsabschnittes gehört habe, dass sie wirklich Angst (nein, keine Nervosität, sondern Angst) vor dem Referendariat haben. Überall liest man nur ‚Das Referendariat wird die schlimmste Zeit deines Lebens, pass bloß auf, dass du das überlebst.‘. Selbst bei der Vereidigungsfeier ließen es sich die gerade fertig gewordenen Referendare nicht nehmen, einen Sketch aufzuführen, indem ein Referendar von seiner furchtbaren Fachleiterin gepeinigt wurde und es fiel mindestens viermal ein Satz a la ‚Ja, es wird stressig, ja, es werden Tränen rollen.‘. Natürlich gehe auch ich nicht davon aus, dass diese Einschätzungen erfunden und völlig realitätsfern sind. Aber sind nicht auch im Studium in stressigen Prüfungsphasen ab und an Tränen gerollt? War es nicht auch da phasenweise echt stressig? Ich finde, dass Stresserleben extrem individuell ist und auch von der Vorerfahrung abhängt – viele Referendare/-innen haben im Vorfeld bereits als Vertretungslehrkraft gearbeitet (diese Erfahrung fehlt mir beispielsweise) und werden daher sicherlich entspannter und mit einem realistischeren Bild in den Vorbereitungsdienst starten. Aber, wie du ja auch schreibst – die Einstellung spielt eine so wichtige Rolle dabei und viel Stress ist selbstgemacht.
    Haben uns die fertigen Abiturienten nicht damals vor dem Abitur auch gesagt, wie stressig und schwierig das alles wird? Wurde uns vor Antritt des Studiums nicht auch von einigen Leuten prophezeit, wie grausam die Prüfungen sind und dass ‚mindestens 80% durch die Klausuren fallen‘? Man wächst an seinen Aufgaben – in der Abiphase dachte ich, dass ich 100% meiner Energie gebe und so viel noch nie gelernt habe – im Studium wurde ich bereits in der ersten Klausurphase eines Besseren belehrt und wünschte mir das Abitur zurück. Mit der nötigen Freude und der richtigen Einstellung lässt sich der Stress, und daran glaube ich fest, sicherlich viel besser meistern, als wenn man bereits vor Antritt des ersten Unterrichtstages Schweißausbrüche hat und davon ausgeht, dass alles nur furchtbar werden kann. Von dieser Aussage sind selbstverständlich die Referendare/-innen ausgenommen, die wirklich das Pech hatten, an eine Schule zu gelangen, die sie in keinster Weise unterstützt, oder Fachleiter/-innen zu haben, die nicht unbedingt das Beste für ihre Schützlinge möchten. Aber ich denke (und hoffe), dass es sich hierbei doch um sehr unglückliche Zufälle handelt, für die ich auch mein größtes Mitgefühl habe. Ich glaube auch, dass die Menschen, die ein tolles Referendariat verbringen durften, sich nicht so schnell in den sozialen Medien äußern, wie jene, die es als furchtbar empfinden. Allgemein denke ich: Das Referendariat ist sicherlich keine Spazierfahrt, aber das waren bereits andere Ausbildungsabschnitte davor bei vielen von uns auch nicht und wenn so viele, nun fertige, Lehrkräfte diese Zeit geschafft haben, werden wir das mit der richtigen Portion Ehrgeiz, Organisation und Freude (!) an der Sache doch sicherlich auch schaffen! 🙂

  2. Ich kann mich Bobs und Ans Ausführungen nur anschließen. Bei mir ist das Referendariat recht annehm- und aushaltbar, da ich eine tolle Schule und sehr hilfreiche und unterstützende Fachleiterinnen habe.
    Ich habe jedoch auch Freunde, denen es im Ref wirklich nicht gut geht, was oftmals an sehr schwierigen Fachleitern, die mit Durchfallen drohen, überhöhte Erwartungen haben und nur wenig konstruktive Kritik geben, liegt etc. Und ja, die gibt es!
    Daher hüte ich mich davor, laut zu tönen, dass „das ganze Gerede um das Ref doch gar nicht so schlimm sei“. Das wäre unsensibel gegenüber denen, die sich in einer wirklich schwierigen Situation wiederfinden und zu kämpfen haben.
    Danke auch für die Tipps. Gerade die Gelassenheit gegenüber seinen eigenen Stunden (z.B. keinen perfekten Einstieg haben zu müssen) ist tatsächlich sehr wichtig, um gesund durchs Ref zu kommen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here