Vor einigen Tagen wurde ich von Studierenden, die Online Medien Management an der Hochschule der Medien in Stuttgart studieren, zu Social-Media im Unterricht befragt. Über Twitter im Fremdsprachenunterricht habe ich schon praktische Artikel schreiben können (hier und hier), aber nach dem Gespräch bemerkte ich, dass ein theoretischer Rahmen nützlich ist, um ein Urteil über den Einsatz von Social-Media nachzudenken. 

Anmerkung

Wenn man über Social-Media Nutzung im Unterricht nachdenkt, wird meistens zuerst die Frage nach dem Datenschutz gestellt. Da diese aber aufgrund unterschiedlicher föderaler Maßgaben sehr unterschiedlich zu beantworten ist, wird sie an dieser Stelle ausgelassen. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Reflexion über Social-Media in dem Strategiepapier der Kultusministerkonferenz ausdrücklich gefordert wird. Zwar könnte diese auch “auf dem trockenen” stattfinden, jedoch ist eine Beschäftigung als “experimentelle Medienkompetenz” (Wampfler 2020) deutlich sinnvoller, da erst dadurch ein Verständnis für die Wirkung, die Ästhetik und die Mechanismen entsteht. Letztere Punkte sind aber bei der Nutzung im Unterricht nicht immer relevant, was einen Grund für diesen Artikel darstellt. Die Ausgangsfrage, die ich mir gestellt habe, war: Wie können die unterschiedlichen Arten der Social-Media-Nutzung kategorisiert werden. Um in einen nicht allzu wissenschaftlichen Duktus zu verfallen, wird an dieser Stelle nur in Klammern auf Bezugspunkte in der Forschung hingewiesen.

Grundsätzliche Überlegung

Die Kategorisierung, die sich aus meiner Sicht aus der unterschiedlichen Nutzung ergibt, orientiert sich daran, inwiefern Social-Media Kanäle gleichsam Träger, Vermittler oder Gegenstand des unterrichtlichen Inhalts sind. Man könnte nach McLuhan war behaupten, dass das Medium immer die Nachricht ist, dass also eine neutrale Trägerschaft gar nicht möglich oder nicht sinnvoll ist, jedoch denke ich, dass die kurzen Ausführungen zeigen werden, dass in der Tat eine Unterscheidung gemacht werden kann.

Kategorien

Social-Media als Fenster zur Welt (weitgehend neutral)

Mit dieser ersten Kategorie meine ich nicht die umfassende Einsicht in Wirkmechanismen, sondern eine (wie gesagt: relativ) neutrale Sicht auf die “wirkliche Welt”. Man denke daran, dass im Englischunterricht beispielsweise eine Behauptung über die “Jugend in Liverpool” anhand von Instagram-Bilder überprüft und überdacht werden könnte. Wenn es keine Anschlussarbeit daran gäbe, wäre Instagram zwar insofern anders als das Buch, als dass die Herstellung der dort zu sehenden Inhalte informell oder jedenfalls nicht im didaktischen Sinne aufbereitet ist, eine Art von zusätzlicher Emergenz (also die Herausbildung von etwas Neuem) entstünde so aber nicht.

In diesem Sinne ist Social-Media hier additiv an den schon bestehenden Unterricht angeknüpft und somit intermedial („Addition distinkter Medien“[i])zu verstehen.

Innerhalb einer solchen Einbindung bewegt sich beispielsweise ein Figurencasting zum Faust, in dem auf Instagram nach passenden Besetzungen geschaut wird, die dann am Text begründet werden müssen. Der Kanal spielt weniger eine Rolle als die Möglichkeit des schnellen Zugriffs. Eine solche Nutzung ist sicherlich auch jene, die bei digitalem handlungs- und produktionsorientiertem Unterricht am ehesten trägt.

Social-Media als ästhetischer Gegenstand (additiv)

Auch intermedial zu verstehen ist die Nutzung, bei der beispielsweise im Kunstunterricht nach der Komposition von Bildern geschaut wird. Dies ist auch in einem nicht-emergenten Sinne möglich, also ohne dass sich etwas an dem Gegenstand der Stunde ändert. Konkret: Ob ich Rembrandts Nachtwache auf einem Instagram-Kanal des Rijksmuseum anschaue oder in der Wikipedia-Abbildung (oder einer anderen freiverfügbaren) ist zunächst einmal nicht wichtig. An diesem Beispiel zeigt sich auch, dass eine solche Nutzung wenig sinnvoll wäre, weil sie die Logik des Netzwerks ignorieren und es quasi als “neutralen” Übermittler eines sowieso bestehenden ästhetischen Gegenstands brauchen würde.

Aus einer solchen Nutzung mag ein motivationaler Wert entstehen, wenn es um eine offene Recherche geht, in der Schüler*innen nach Kunstgegenständen und deren Fotografien Ausschau halten; die Feinheiten von Social-Media zeigen sich dadurch jedoch nicht.

Eine solche additive Nutzung könnte auch entstehen, wenn Bewegtbilder als Impuls für kreatives Schreiben genutzt werden. Der Deutschunterricht kennt schon das Schreiben zu Bildern als kreativen Impuls, warum also nicht TikTok oder Instagram nutzen. Auch hier haben die Netzwerke allerdings eine dienende Funktion.

Social-Media als ästhetischer Gegenstand (im Medienverbund)

Anders ist das, wenn man zuvor (oder währenddessen) erlernte Strukturen der Kunst auf den neuen Gegenstand bezieht. Man stelle sich vor, Influencer-Fotos würden danach untersucht, ob die Abbildungen sich am goldenen Schnitt oder der Fibonaccio Folge orientieren. Und ob dies intentional oder zufällt geschieht.

Hier könnte man wohl von einer Nutzung sprechen, die mit dem Medienverbund bezeichnete wird und die die „Nutzungsdimension“[i] in den Vordergrund stellt. Um auch hier konkreter zu werden: Es geht also nicht mehr ausschließlich um einen (möglicherweise tradierten) Gegenstand, sondern um einen neuen Gegenstand, der entsprechend der Fragestellung untersucht und dann wiederum auf ältere Kunstgegenstände zurück bezogen werden könnte.

Eine solche Betrachtung könnte beispielsweise einschließen, sich im Deutschunterricht die dramatische Abfolge von TikTok-Videos anzuschauen und beispielsweise zu überprüfen, ob sie im Kurzformat Freytags Dramenmodell entsprechen.

Social-Media als Gegenstand (symmedial)

Anders als in einer Einbindung von Social-Media als ästhetischer Gegenstand, in dem der Fokus auf das digitale Duplikat gelegt wird, ist die Einbindung von Social-Media als Gegenstand als ganzheitliche Betrachtung der Aspekte von Social-Media zu betrachten. Insofern könnte man sie symmedial nennen. „Symmedialität“[i] beinhaltet die schon in den anderen Bereichen thematisierte Emergenz, also die Betrachtung eines möglichen Neuen.

Im Beispiel von Instagram geht es also dabei nicht mehr “nur” um den Blick, den das Bild freigibt (Intermedialität) oder die Betrachtung des Gegenstandes als etwas Neues (Medienverbund), sondern es geht um das Verständnis von Wirkweise, Dynamik und Kombination.

In einem solchen Sinne könnte beispielsweise die Text-Bild-Kombination bei Instagram genauso betrachtet, analysiert und beurteilt werden wie virale Videos und deren Aufbau. Innerhalb einer solchen Einbindung würde das Thema des Unterrichts also nicht mehr “Bildkomposition” oder “Figuren des Faust” heißen, sondern das Thema selbst wäre Social-Media-Nutzung. Innerhalb einer solchen Thematisierung könnten auch Fragen aufkommen, die zunächst gar nicht berücksichtig worden sind. Beispielsweise die Frage nach unterschiedlichen Accounts, die Frage danach, wie man auf Kommentare zu reinem Bild reagiert, welche Menschen zu welchem Zweck erwähnt werden etc.

Fazit

Vorgeschlagen werden an dieser Stelle vier Spielarten der Einbettung von Social-Media im Unterricht. “Wozu soll das gut sein?”, mag man sich fragen. Der Nutzen soll sein, dass die Einbindung nicht willkürlich erscheint, wenn die Frage danach gestellt wird, inwiefern Social-Media im Unterricht verwendet wird.

Die Kategorien zeigen, dass die unterschiedlichen Arten und Weisen der Nutzung mediendidaktisch nicht auf derselben Stufe stehen, sondern von einer eher neutralen (“Guckt mal, welche Fotos es vom Empire State Building gibt.”), zu einem intermedialen  Ansatz übergehen (“Wie viele Bilder aus dem Barock findet ihr auf Instagram?”), um dann im Medienverbund neue Möglichkeiten zu erreichen (“Schaut mal, ob sich die Influencer am goldenen Schnitt orientieren”) oder Social-Media selbst in einem symmedialen Sinn als Gegenstand zu haben (“Wie verhalten sich die Leute unter dem Hashtag #gendern?”).

Ich würde mich sehr über Kommentare, Anmerkungen oder Kritik freuen.

Quellen

[i] Frederking, V. (2014a). Symmedialität und Synästhetik. Die digitale Revolution im medientheoretischen, medienkulturgeschichtlichen und mediendidaktischen Blick. In: V. Frederking, A. Krommer & Th. Möbius, (Hrsg.), Digitale Medien im Deutschunterricht. (= Deutschunterricht in Theorie und Praxis (DTP). Hrsg. von W. Ulrich Bd. VIII). Baltmannsweiler: Schneider, S. 3.

[i] Marci-Boehncke, Gudrun: Medienverbund und Medienpraxis im Deutschunterricht. In: In: V. Frederking, A. Krommer & Th. Möbius, (Hrsg.), Digitale Medien im Deutschunterricht. (= Deutschunterricht in Theorie und Praxis (DTP). Hrsg. von W. Ulrich Bd. VIII). Baltmannsweiler: Schneider. S.501.

[i] Bönninghausen, Marion: Intermedialer Literaturunterricht. In: In: V. Frederking, A. Krommer & Th. Möbius, (Hrsg.), Digitale Medien im Deutschunterricht. (= Deutschunterricht in Theorie und Praxis (DTP). Hrsg. von W. Ulrich Bd. VIII). Baltmannsweiler: Schneider. S.524.

ausgerichtet

1 KOMMENTAR

  1. Ich finde den Ansatz, die Beschäftigung mit Social Media zu systematisieren erst einmal ganz groß. Ob als leichteren Eisntieg für Schülerinnen und Schüler oder als leichteren Einstieg für Kollegien ohne Berührungspunkte mit den sog Sozialen Medien – das überlege ich mir noch 😉
    Was sicherlich im Anschluss noch grandios wäre, wäre imho eine Anschlusskategorisierung von dem, was man dann in Social Media finden kann um gegen das Missverständnis „Twitter ist so“, „Instagram ist so“ anzugehen. Jeder Kanal ist ja nun auch wieder nur eine Spielwiese für alle möglichen Nutzungsarten

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