Nach einem langen Schuljahr komme ich dazu, einige Erfahrungen im Bereich der digitalen oder zeitgemäßen Bildung aufzuschreiben. Neben Apps und Tools, die schon per se dazu konzipiert wurden, dass man sie im Unterricht einsetzt, bieten vor allem schon bestehende Netzwerke Möglichkeiten für den Einsatz im Unterricht. Ob nun Twitter oder Snapchat – der Vorteil bestehender Plattformen ist, dass die Schüler*innen die Funktionen kennen und so schnell andere Nutzungsformen umsetzen können. Instagram ist dabei (nach meinem Ermessen) ein wenig beachteter Kanal. 

Vorbemerkung

Auch an dieser Stelle sei angemahnt, dass die Nutzung von Social Media in Schulen oftmals kontrovers diskutiert wird oder sogar verboten ist. Die Bundesländer haben dazu sehr unterschiedliche Regelungen. In Baden-Württemberg dürfen Schüler*innen Social Media Accounts nur dann verwenden, wenn sie zuvor bestanden. Der Wunsch oder sogar die Aufforderung des Lehrers, einen Account zu erstellen, ist somit unzulässig.

Instagram als Kommunikationstool

Instagram erfreut sich bei jungen Leuten immer noch großer Beliebtheit. Obwohl die zunehmende Werbeflut kritisiert wird, „teilt“ man hier die Highlights des Lebens und beschwört Gemeinsamkeiten. Instagram wird so zu einem Fotoarchiv, an dem man teilnehmen kann. Die Nuancierungen, die Jugendliche vornehmen, sind hier sehr fein. Es kommt darauf an, was wer wann wie sagt. Welche Emojis genutzt werden. Und nicht zuletzt werden die Fotos nach (mehr oder weniger) strengen Regeln hergestellt. Wenn hier jemand aus der Norm fällt, kann das Gesprächsstoff für die gesamte Schule sein. Fernab von der unterrichtlichen Nutzung als Mittel zum Zweck bietet sich eine gemeinsame Reflexion in der Schule an. Wenn Jugendliche über ihre sehr eigene Nutzung sprechen, ist das sehr lehrreich. Es bietet Einblicke in eine Welt, die eben nicht so oberflächlich ist, wie es Nicht-User oft meinen.

Instagram als authentisches Fotoarchiv

Instagram ist für den Unterricht generell eine interessante Fundgrube. Gerade wenn Schulbücher schon einige Jahre alt sind, kann man hier in so unterschiedlichen Fächern wie Geographie, Geschichte oder den Sprachen nach sehr aktuellen Fotos suchen. Und man bekommt die Bewertung gleich mitgeliefert, was gerade für den Sprachenunterricht einen sehr interessanten Sprechanlass bietet. In einem „traditionellen“ Setting kann der Lehrer oder die Lehrerin Fragen stellen, die sich anhand der Bilder und deren Beschreibung beantworten lassen.

    • Was ist Jugendlichen in dem Land wichtig?
    • Wie präsentieren sie sich?
    • Was ist auf den (Natur-)Aufnahmen zu sehen?
    • Wie wird die Natur präsentiert?
    • Inwiefern stimmen die Informationen mit denen aus dem Lehrbuch überein?
    • Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede gibt es zu „unserem“ Leben?
    • Welchen Kleidungsstil haben die Jugendlichen?

Beispiel: Foto einer Besucherin von Ayers Rock.

In einem agileren Setting können die Schüler*innen selbst Forschungsfragen entwickeln, die sie mit Instagram beantworten können (wobei ein weiterer Schritt wäre, dass die Schüler*innen das Tool selbst auswählen). Bei all diesem Beispielen ist Instagram stets die Bildfundgrube einer „authentischen“ Situation. Authentisch, weil sie eben nicht von einem Verlag für eine bestimmte Lehrbuchsituation hergestellt wurde. Authentisch in Anführungszeichen, weil die „Produzenten“ von Inhalten, selbst in jungen Jahren, oftmals schon einen sehr geschärften Sinn für Ästhetik und die eigene Zielgruppe haben.

Instagram als Möglichkeit eines visuellen Literaturzugangs

Fernab von dieser eher allgemeinen Nutzung, die sich auch über andere Plattformen umsetzen ließe, bietet das Design von Instagram auch Möglichkeiten für den Literaturunterricht (in Deutsch oder anderen Sprachen).

Didaktisch lässt sich eine solche Nutzung in die Handlung- und Produktionsorientierung einbetten (etwa nach Haas, Menzel und Spinner oder Waldmann). Sehr knapp zusammengefasst bedeutet ein solcher Zugang, dass ein Produkt erstellt oder eine szenische Umsetzung erfolgt, die auf einem literarischen Werk basiert. Die Umsetzung selbst kann dann reflektiert werden. Waldmann spricht in diesem Zusammenhang von einer „Differenzerfahrung“. Die darauf basierende Reflexion bietet einen vertiefenden Zugang zum Werk.

Dabei bieten sich folgende Möglichkeiten an.

Figurencasting

Das Figurencasting wird in der Deutschdidaktik oftmals im Rahmen von Lesejournalen verwendet. Die Schüler*innen sind angehalten, für die Protagonisten des Romans, der Erzählung etc. ein Casting durchzuführen. Dieses begründen sie auf der Grundlage ihrer Leseerfahrung. Ein solches Casting kann ohne einen eigenen Instagramaccount durchgeführt werden. Personen des öffentlichen Lebens oder „echte“ (amerikanische) Schauspieler, aber eben auch Freunde und Bekannte können so als Repräsentanten einer Figur ausgewählt werden. Die Diskussion in der Gruppe kann dann zu einer vertiefenden Beschäftigung führen.

Figurenaccount

Je nach Werk ist auch ein Figurenaccount denkbar. Bei vielen Figuren kann die Klasse verschiedene Accounts aufmachen, die aus der Figurenperspektive betrieben werden. Eine Figur wird so zum Leben erweckt. Sie kann Bilder von Orten machen und Hashtags setzen, die ihr Leben beschreiben. Ein solcher Zugang visualisiert das Gelesene und bietet die Möglichkeiten, Text und Bild miteinander zu verknüpfen. Auch hier gilt es, dass die „Produkte“ besprochen werden. Spannende Fragen sind, welche Accounts aus welchen Gründen überzeugen und warum dies so ist.

Benedict Cumberbatch als moderne Faustfigur.

Figurenrede

Eine weitere, nochmals vertiefende Möglichkeit ist die tatsächliche Interaktion – zwischen den fiktiven Figuren. Dies hat einen hohen Schwierigkeitsgrad und ist nicht von jeder Stufe und Klasse zu bewerkstelligen. Es kann jedoch dazu führen, dass die Motive einer Figur, also die Frage danach, warum sie handelt, wie sie handelt, deutlicher werden. Und hier haben die Schüler*innen die Möglichkeit, ihre oben angesprochene Erfahrung mit der Nuancierung beim Gespräch deutlich zu machen.

Abschließende Bemerkungen

Instagram im Unterricht zu verwenden, erscheint zunächst nicht zweckmäßig. Gerade die Erfahrung der Schüler*innen mit diesem Instrument bieten aber Chancen. Nebenbei kann auf diese Weise Wertschätzung gezeigt werden, die ansonsten schwer zu zeigen ist. Etwa wenn ein Schüler oder eine Schülerin ein besonders passendes Bild oder eine besonders passende Szene erstellt hat. Die Goutieren (in Form der Herzchen) kann dann wieder genutzt werden, etwa als Frage: Wieso haben hier so viele verdeutlicht, dass dieses Bild passt. Eine solche Situation ist in einem traditionellen Unterrichtssetting schwer vorstellbar, da hier nicht jeder einzelne seine Wertschätzung gegenüber einem Beitrag darstellen kann.

Diese Angaben beruhen auf ersten, vorsichtigen Erfahrung aus dem Unterricht. Ich freue mich, wenn weitere Beispiele folgen. Auch Anmerkungen und Feedback ist, wie immer, willkommen.

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