Anders als beim Essay begrenzt sich die Themenauswahl beim „materialgestützten Schreiben argumentierender Texte“, also beim Verfassen eines Kommentars, der sich auf vorliegendes Material beziehen muss, auf Gebiete, die den Deutschunterricht betreffen. Dies wird mit dem sperrigen Wort der „Domänenspezifik“ bezeichnet. Für Schüler*innen der Oberstufe heißt dies eine weitgehende Planungssicherheit was die Erarbeitung von Wissensgrundlagen angeht – ohne die ein fundierter Kommentar schwierig ist. Anbei eine Liste dessen, was unter diese „Domänenspezifik“ fällt, herausgearbeitet von Michael Tinkl aus dem Bildungsplan Baden-Württemberg, kommentiert vom Autor dieses Blogs. Alle Angabe sind ohne Gewähr. 

Standards aus dem Bildungsplan:  1 literarische Texte, 3 Medien, 4 Sprache Struktur, 5 Sprache Funktion; Fachbegriffe 5-12 (S.54)

1 Fiktionalität

1 (5) Textanalyse und Interpretation unterscheiden; die Begriffe Fiktionalität, Text, Intertextualität, Textanalyse und Interpretation erläutern und bei der eigenen Textanalyse verwenden

1 (6) Fiktionalität erkennen und in ihrer jeweiligen Erscheinungsform reflektieren

Kommentar: Dieses Thema ist sehr aktuell und kann beispielsweise in der Diskussion um Till Lindemanns Vergewaltigungsgedicht nachvollzogen werden. Die Diskussion drehte sich unter anderem um die Frage, inwiefern ein lyrisches Ich den Autoren aus der Verantwortung für die Inhalte nimmt.

2 Film

3 (2) Funktionen und Wirkungsabsichten von Medien unterscheiden, vergleichen und kritisch reflektieren

3 (17) sich kritisch mit der Wirkung und dem Einfluss der Medien auseinandersetzen

3 (13) unter Verwendung von Fachbegriffen Theaterinszenierungen, Hörtexte und Filme sachgerecht und aspektorientiert analysieren und interpretieren

3 (9) das medial Dargestellte als Konstrukt begreifen und kritisch reflektieren

3 (14) Theaterinszenierungen und Literaturverfilmungen als Textinterpretationen erfassen und beurteilen

3 (15) sich mit Filmkritik und Aspekten der Filmtheorie auseinandersetzen

1 (33) Texte unterschiedlicher medialer Form kriterienorientiert ästhetisch und qualitativ beurteilen (zum Beispiel in Form von Rezensionen)

3 (19) sich mit Gefahren bei der Mediennutzung auseinandersetzen und angemessen und präventiv agieren; Urheberrecht, Datenschutz und Persönlichkeitsrechte beim Umgang mit Medien berücksichtigen

Storyboard, Filmsequenz, Setting, Kurzfilm, Drehbuchauszug, Feature

Einstellung: Nahaufnahme, Totale, Halbtotale, Halbnah, Detail; Kameraperspektive: Frosch-, Vogelperspektive; Ton; Establishing Shot, Frame, Licht, Schnitt, Montage, Sequenz, Kamerabewegung

Urheberrecht, Datenschutz, Persönlichkeitsrechte, Cyber-Mobbing

Kommentar: Gerade weil Schüler*innen mit dem Medium Film aufwachsen, muss hier aufgepasst werden, die eigenen Erfahrungen nicht zu oberflächlich einzubauen. Wie die Punkte zeigen, geht es hier vor allem um die Reflexion von Machart und Wirkung. Tipp: Die Filmanalyse aus dem Englischunterricht bietet hervorragende Anknüpfungspunkte für die Arbeit im Deutschunterricht.

3 Medial vermittelte Welt

3 (18) die Bedingungen und Strukturen einer medial vermittelten Welt analysieren und reflektieren

Kommentar: Auch wenn dieser Punkt sehr kurz daher kommt, ist er doch zentral. Letztlich geht es hier um jene Veränderungen, die sich durch digitale Medien ergeben. Die Liste der Unterpunkte ist schier unendlich. Es geht um Fake News über Social-Media, Filterblasen, Demokratisierung, Hate Speech und vieles andere mehr. Die Beiträge von Sascha Lobo in seiner Kolumne beim SPIEGEL eignen sich hervorragend für die Auseinandersetzung mit diesen Themengebieten.

4 Kommunikation

5 (1) Bedingungen gelingender Kommunikation analysieren, formulieren und reflektieren, auch auf der Basis theoretischer Modelle

5 (2) Kommunikationsmodelle erläutern und zur Analyse von Kommunikationsprozessen nutzen

5 (3) verbale und nonverbale Gestaltungsmittel in unterschiedlichen kommunikativen Zusammenhängen analysieren, ihre Funktion beschreiben und reflektieren

Kommunikationsmodelle (z.B. Bühler, Watzlawick, Schulz von Thun)

Kommentar: Die oben genannten Kommunikationsmodelle sind sicherlich absolute Grundlage. Dennoch: Es geht um mehr als um Modelle gesprochener Sprache. Sprache als Gegenstand kann auch in jene Bereiche einbezogen werden, in denen es (auch) um medial vermittelte Kommunikation geht. Also um Kommunikationssysteme und die Fragen, inwiefern Kommunikation sich ändert. Das Thema bietet vielfaches Diskussionspotenzial.

5 Gesprochene und geschriebene Sprache

5 (4) gesprochene und geschriebene Sprache in unterschiedlichen Kommunikationskontexten analysieren und reflektieren

Kommentar: Die althergebrachte Unterscheidung zwischen geschriebener und gesprochener Sprache löst sich immer mehr auf im Zeichen jener multimedialen Möglichkeiten, in sich nicht mehr einem Gebiet zuordnen lassen. Das Modell konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit von Koch/ Österreicher bietet sich als Grundlage für ein Verständnis an.

6 Sprachvarietäten

5 (15) Sprache als Mittel der Identitätsbildung verstehen und beschreiben, vielfältige Wechselwirkungen zwischen eigenem Sprachgebrauch und Sprachvarietäten reflektieren

5 (16) verschiedene Sprachvarietäten in ihrer kommunikativen, sozialen und dialektalen Funktion und ihrer kulturellen Bedeutung reflektieren und verwenden

5 (18) Bedeutung und Funktion der Mehrsprachigkeit reflektieren

Gruppensprache, Fachsprache

Kommentar: Gerade in Bezug auf die Frage, inwiefern Mehrsprachigkeit bewertet werden kann, ist dieses Thema relevant und bestimmt viele Diskussionen um Immigration und Standardsprache auf der einen und die Tradition von sprachlich tradierten Dialekten auf der anderen Seite. Insofern hat das Thema auch eine (zunehmend) politische Dimension.

7 Sprache und Geschlecht

5 (19) verschiedene Positionen zur Bedeutung sprachlicher Geschlechterstereotype kritisch diskutieren

generisches Maskulinum

Kommentar: Die Frage danach, ob weibliche Formen genutzt werden sollten, ist mittlerweile zu einem Politikum geworden. Für manche ist es sogar die Frage danach, ob Sprache „verhunzt“ wird, für andere eine Selbstverständlichkeit innerhalb einer Entwicklung hin zu Chancengleichheit zwischen Mann und Frau. Also auch hier: Ein sprachliches Thema, das in gesellschaftliche Debatten hereinreicht. 

8 Sprache und Macht

5 (20) Sprache als Instrument der Durchsetzung politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Interessen und der Machtausübung kritisch diskutieren (zum Beispiel persuasive oder manipulative Strategien)

Kommentar: Sehr direkt mit dem oberen Punkt verbunden ist der Bereich, der Sprache und Macht miteinander verbindet. Ein komplexes Thema, in dem es grundsätzlich darum geht, inwiefern Sprache Wirklichkeit konstruiert und damit eben in der Lage ist, bestimmte Gruppen zu bevorzugen und andere zu marginalisieren. Der verlinkte Artikel eignet sich für eine grundlegende Einführung in das Thema.

9 Sprache und Denken

5 (21) Sprache als zentrales Mittel der Welterschließung des Menschen und die Zusammenhänge zwischen Sprache und Denken reflektieren, dazu auch Positionen der Sprachphilosophie heranziehen

5 (22) Sprache als Form des Zeichengebrauchs erläutern

Kommentar: Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Denken und Sprache kann als Rahmen der beiden zuvor besprochenen Themengebiete verstanden werden. Namen wie Ferdinand de Sausurre, Benjamin Whorf oder Edward Sapir sind eng mit diesem Gebiet verbunden, indem sie die (fehlende) Verbindung zwischen Sprache, Zeichen und Bezeichnetem studierten und daraus Modelle erstellten.

10 Sprachwandel

5 (6) Phänomene des Sprachwandels und die Bedeutung und Veränderlichkeit der Sprache und ihrer Normen reflektieren; auf der Grundlage sprachkritischer Texte Entwicklungstendenzen der Gegenwartssprache beschreiben und bewerten.

5 (7) Phänomene des Spracherwerbs (Erst-, Zweitsprache) beschreiben

4 (11) Bedeutungsveränderungen von Wörtern in ihrem historischen Kontext reflektieren

4 (12) die Bedeutung von Entlehnungen für sprachliche Äußerungen erläutern

4 (18) Bedeutung und Funktion der Mehrsprachigkeit von Individuum und Gesellschaft für Sprachsystem, Sprachwandel und Gruppenbildung reflektieren und die Möglichkeiten interkulturellen Austauschs diskutieren

Erb-, Lehn-, Fremdwort, Bedeutungsverengung, -erweiterung, -verschiebung, -verbesserung, -verschlechterung, Anglizismen; Oberbegriff, Wortfeld, Wortfamilie, Synonym, Antonym, Denotation, Konnotation, Homonymie, Polysemie

Kommentar: Sprachwandel ist ein stetiger Prozess, der nicht oder schwer durch Einzelne beeinflusst werden kann. Dennoch oder gerade deshalb ist gerade der Sprachwandel ein stetiges Themen in Diskussionen, in denen es oft um die Gegenüberstellung von Tradition und Neuem geht. Prototypisch ist die Frage danach, inwiefern Anglizismen in der deutschen Sprache verwendet werden (sollten).

Fazit

Insgesamt zeigt sich, das die Themengebiete, die beim Kommentar berührt werden können, sehr vielfältig sind. Das macht das gesamte Thema spannend, aber auch komplex.

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