Wer meinen Blog und/ oder meinem Youtube-Kanal aufmerksam verfolgt, dem ist bekannt, dass mein Freund Sebastian Treyz immer wieder seine hervorragende Expertise einbringt – ob es um den Faust geht, über dessen Szenen wir uns in einstündigen Youtube-Videos unterhalten oder um Gedichtinterpretationen. Dieses Mal darf ich eine Analyse der Parabel „Der Geier“ von Franz Kafka mit euch teilen, die Sebastian Treyz als Musterlösung für Schüler*innen verfasst hat. Die Musterlösung ist in Absprache mit Sebastian von mir bearbeitet, was in diesem Fall einer Vereinfachung einiger Passagen gleichkommt. Wir freuen uns, wenn die Analyse bei der Arbeit, bei der Vorbereitung oder beim Üben von Interpretationen hilft. 

Primärtext

Franz Kafka: Der Geier (1920)

Es war ein Geier, der hackte in meine Füße. Stiefel und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Füße selbst. Immer schlug er zu, flog dann unruhig mehrmals um mich und setzte dann die Arbeit fort. Es kam ein Herr vorüber, sah ein Weilchen zu und fragte dann, warum ich den Geier dulde. »Ich bin ja wehrlos«, sagte ich, »er kam und fing zu hacken an, da wollte ich ihn natürlich wegtreiben, versuchte ihn sogar zu würgen, aber ein solches Tier hat große Kräfte, auch wollte er mir schon ins Gesicht springen, da opferte ich lieber die Füße. Nun sind sie schon fast zerrissen.« »Daß Sie sich so quälen lassen«, sagte der Herr, »ein Schuß und der Geier ist erledigt.« »Ist das so?« fragte ich, »und wollen Sie das besorgen?« »Gern«, sagte der Herr, »ich muß nur nach Hause gehn und mein Gewehr holen. Können Sie noch eine halbe Stunde warten?« »Das weiß ich nicht«, sagte ich und stand eine Weile starr vor Schmerz, dann sagte ich: »Bitte, versuchen Sie es für jeden Fall.« »Gut«, sagte der Herr, »ich werde mich beeilen.« Der Geier hatte während des Gespräches ruhig zugehört und die Blicke zwischen mir und dem Herrn wandern lassen. Jetzt sah ich, daß er alles verstanden hatte, er flog auf, weit beugte er sich zurück, um genug Schwung zu bekommen und stieß dann wie ein Speerwerfer den Schnabel durch meinen Mund tief in mich. Zurückfallend fühlte ich befreit, wie er in meinem alle Tiefen füllenden, alle Ufer überfließenden Blut unrettbar ertrank.

Musteranalyse – Franz Kafka: Der Geier

Von Sebastian Treyz

  • Einleitung / kreative Hinführung

„Seit Kafka ereignet sich der Albtraum nun am Tage.“ (Harold Pinter)

Ohnmachtsgefühle widerfahren uns häufig in Situationen, in denen uns die Kontrolle jäh entzogen wird. Während wir im Alltag dem Entsetzen, das uns heimsucht, oftmals ausgeliefert sind, schockiert und angsterfüllt erstarren oder gar die Flucht antreten, erzeugt die Begegnung mit dem Fremden im Akt der Lektüre eine besondere Faszination.

Für viele Autoren*innen der literarischen Moderne wird die narrative Gestaltung [von] Irritationsmomente[n] zum ästhetischen Programm: Die Verzweiflung angesichts der modellierten Sinnlosigkeit des entzauberten Kosmos ist ihren Texten eingeschrieben, sie befeuert die Mannigfaltigkeit der Deutung und begleitet die Lust an der Lektüre. Besonders das Moment des Kafkaesken, wie Thomas Anz notiert, dient dabei als Chiffre für solche „diffuse[n] Erfahrungen der Angst, Unsicherheit und Entfremdung, des Ausgeliefertseins an unbegreifliche […] Mächte, der Konfrontation mit Terror, Absurdität, Ausweg- oder Sinnlosigkeit, mit innerer Düsternis, Schuld und Verzweiflung,“[1]welche letztlich der Rezipient mit sich selbst ausfechten muss. In Kafkas Erzählungen geht die Erfahrung des Befremdens insbesondere von den Begegnungen mit Tieren aus. Die Tierfiguren – über hundert Gestalten lauern in seinen Erzählwelten auf uns – eröffnen einen anderen Blick auf die wenig humanen, doch allzumenschlichen Protagonisten und ihre unbegreiflichen Verfehlungen. Das Animalische, Dämonische und Monströse der Tiere ist bei Kafka […] ein Fingerzeig auf das „Fremde[] im eigenen menschlichen Selbst“[2].

  • Basissatz und Deutungshypothese

Die Parabel „Der Geier“ wurde im Herbst 1920 von Franz Kafka verfasst, allerdings erst postum von seinem Nachlassverwalter (Max Brod) zusammen mit einigen weiteren Prosaminiaturen veröffentlicht. Der sich auf der Bildebene ereignende Angriff durch den tierischen Rivalen kann dabei als Objektivierung eines inneren Kampfes gedeutet werden, den der Erzähler am eigenen Leib ertragen und letztlich einsam ausfechten muss, da jede Hilfeleistung durch den Mitmenschen misslingt. Die physische Bedrohung durch das Vogelwesen entspricht einer innerlichen Zersetzungsbewegung, welcher der Erzähler unaufhaltsam ausgeliefert zu sein scheint. Die doppelte Vernichtung von Opfer und Aggressor wird am Ende des Textes zu einer fragwürdigen Selbstbefreiung verklärt, in deren Folge das Schreiben/Erzählen jedoch an sich in die Krise gerät.

  • Inhaltsangabe und Einteilung in Sinnabschnitte zur Orientierung

Im Zentrum der stark reduzierten Handlung steht der Angriff eines Geiers, welcher zunächst die Füße einer Figur malträtiert und schließlich zu einer letalen Attacke gegen den Ich-Erzähler ansetzt. Der Text lässt sich in drei Sinnabschnitte einteilen: die Darstellung der bisherigen Angriffsversuche, das Gespräch mit einem Herrn und die finale Aggression des Geiers. Zu Beginn schildert der namenlose Ich-Erzähler auffallend lakonisch, dass ihm der Vogel bereits sein Schuhwerk zerstört hat und nun seinen Schnabel ins nackte Fleisch der Extremitäten bohrt. Sodann tritt ein als „Herr“ (Z.4) betitelter Passant hinzu und wundert sich über die durchweg passive Verhaltensweise des Gepeinigten, der sich allem Anschein nach nicht gegen das Tier zur Wehr setzen kann und die Marter ergeben akzeptiert. Im zweiten Sinnabschnitt entspinnt sich eine kurze Unterhaltung zwischen den beiden Figuren: Auf das Angebot des hinzugetretenen Mannes hin, eine Waffe zur Tötung des Vogels binnen einer „halbe[n] Stunde“ (Z.12) besorgen zu können, reagiert das Opfer zunächst mit Unentschlossenheit und Skepsis. Als die Figur sich schließlich doch für das Hilfsangebot entscheidet, verändert der Geier in der dritten Passage des Textes plötzlich sein Verhalten und tötet den Ich-Erzähler durch einen fatalen Schnabelhieb. Im letzten Satz der Erzählung wird vom Ableben des Geiers berichtet, der im Blut des tödlich verletzten Erzählers verendet.

  • Textsortenwissen einbeziehen, um den Text zu deuten

Der Kurzprosatext lässt sich aufgrund seiner impliziten Gleichnisstruktur der Textsorte der Parabel zuordnen. Dafür sprechen der knappe Textumfang (20 Zeilen), die Exemplarität der (obgleich surrealen) Situation und die epische Form. Entscheidend ist hierbei auch der Beginn der Erzählung, welcher durch die Eingangsworte („Es war ein Geier“, Z.1) zunächst an ein klassisches Volksmärchen erinnert und in der titelgebenden Tierfigur auf typisches Fabelpersonal verweist. Entgegen der didaktischen Gattungskonzeption des Märchens oder der Fabel enthält der Text jedoch keine explizite Lehre, Lebensweisheit oder Moral, sondern gestaltet das symbiotische Ende des Protagonisten und seines tierischen Kontrahenten ohne eine sinnstiftende Auflösung. Wenn Tierfiguren in Märchen oder in Fabeln menschliche Verhaltensmuster übernehmen, so bleibt ihr Ansinnen vor dem Hintergrund des Lasterhaften oder Bösartigen für den Rezipienten meist eindeutig: Der stolze Raabe verliert aus Eitelkeit seinen Käse oder der hinterlistige Wolf verzehrt die Kreide, um die Geißlein durch die höhere Stimmlage zu täuschen. Anders bei Kafka: Der Rezipient muss die Übertragung der martialischen Bildebene auf die Sachebene eigenständig leisten, wobei die Fraglichkeit des Geschehens diesen Prozess hermeneutischer Auslegung deutlich erschwert. Da die eigentlichen Handlungsmotive wie auch die Auflösung des Geschehens insgesamt im Unklaren bleiben, deformiert der Text seine parabolische Struktur: Er bietet keine auflösende Belehrung an, sondern fordert den Leser heraus, die Sinnentleertheit des modernen Daseins angesichts des Ausgesetzseins gegenüber unheimlichen Mächten auszuhalten und zu begreifen. Die klare und deutliche Erzählweise widerspricht dabei der Absurdität des Erzählten.

  • Erzählanalyse, Raum- und Zeitgestaltung analysieren und deuten

Die im Präteritum verfasste Parabel wird aus Sicht eines Ich-Erzählers in personaler Perspektive geschildert. Paradox wirkt an dieser Erzählerkonstruktion jedoch, dass der Ich-Erzähler selbst am Ende seiner Erzählung von seinem eigenen Tod berichtet. Die Haltung des Ich-Erzählers ist (bis auf die Schlusspartie) auffallend besonnen, apathisch und objektiv: Er berichtet von seinem qualvollen Erlebnis mit einem hohen Maß an Nüchternheit und Genauigkeit, was die Darbietungsweise (discours) in scharfen Kontrast zum erzählten Ereignis (histoire) stellt. Nur an einer Stelle hebt der Erzähler seine Schmerzen eigens hervor, wenn er bekennt, dass er „eine Weile starr vor Schmerz“ (Z.13) steht. Analog zur Berichterstattung ist auch die Raumgestaltung des Textes schlicht und nahezu atopisch: Es finden sich keinerlei Hinweise auf die äußere Szenerie, was die Übertragbarkeit der Ausgangskonstellation steigert. Lediglich die Begegnung mit dem Passanten könnte auf einen öffentlichen Platz hinweisen, auf dem der Angriff durch den Geier erfolgt. Am Schluss des Textes spricht der Erzähler von „Tiefen“ und „Ufer[n]“ (Z.19f), über die sich sein Blut ergießt. Diese Hinweise eröffnen eine hyperreale Raumsymbolik, die vor dem Hintergrund des Todeskampfes phantastische, ja nahezu idyllische Züge gewinnt: Nimmt das erzählende Ich die Ränder des Trottoirs nun als Schwellenorte in die Unterwelt wahr? Jedenfalls verändert sich sein epigrammatischer Stil deutlich, worauf später noch eingegangen werden soll. Während der Erzählanfang zeitraffend verfasst ist und eine knappe Retrospektive auf die bisherigen Aktionen des Geiers enthält, kann der zweite Sinnabschnitt aufgrund der eingeblendeten Figurenreden als zeitdeckend angesehen werden. Der finale Angriff wird scheinbar zeitdeckend beschrieben, wobei allerdings die Bewegungen des Geiers sehr penibel aufgezählt werden und die Plastizität der aggressiven Geste hierdurch beinahe zeitdehnend steigern.

  • Figurenkonzeption und Figurenkonstellation – Interpretation

Die Figurenkonstellation gruppiert drei am Geschehen beteiligte Charaktere, wobei neben den beiden menschlichen Figuren ein Geier als Tierwesen hinzukommt. Genauere Informationen zum Hintergrund und Ereigniskontext unterbleiben. Auch die Passivität, Duldsamkeit und Wehrlosigkeit des Ich-Erzählers („Ich bin ja wehrlos“, Z.5) wirkt angesichts der existentiellen Bedrohung durch den gefahrvollen Angriff bereits zu Beginn des Textes befremdlich: Die schicksalsergebene Reaktion scheint geradezu absurd zu sein, zumal das in den ersten Sätzen doppelt vorkommende Prädikat „hackte“ (Z.1) die Gefahrensituation untermalt und eine heftige Attacke illustriert, in welcher die Erzählerfigur sich selbst als Opfer (vgl. Z.8) versteht. Die in Form einer Alliteration betonten „Stiefel und Strümpfe“ (Z.1) sind als schützende Ummantelung des Fleisches bereits zerfetzt worden. Die Schutzbarriere der Kleidung ist hinfällig. Entsprechend sind auch die anderen verbalen Fügungen bedrohlich, ja lebensgefährlich: Im Aufreißen, Zuschlagen und Zerreißen (vgl. Z.2 u. 8) manifestiert sich eine vom Geier ausgehende Zersetzung der Leiblichkeit, welche letztlich auf die durchweg fragile Identität des Ich-Erzählers hindeutet. Wer ist dieses Ich, das uns von seiner eigenen Vertilgung durch ein Monstrum so unempfindlich und glimpflich erzählt? Insofern ist die Figurenbeziehung zwischen dem dominant-aggressiven Geier und dem ihm unterlegenen Erzähler auf der Bildebene klar asymmetrisch und hierarchisch angelegt: Der Erzähler versucht zwar den Geier anfangs zu vertreiben, doch seine Abwehrversuche gehen fehl. Vielleicht weil er selbst verspürt, dass der Vogel mit seinem mörderischen Affront im Recht ist? Er vermag ihn durch die Hingabe seiner Füße vom Sprung „ins Gesicht“ (Z.7) letztlich nur zeitweise abzulenken: Der Kampf bleibt paradox, das Scheitern jedoch wirkt unaufhaltbar. Dabei ist bemerkenswert, auf welche Art und Weise er sich gegen den Angreifer verteidigt: Er habe „versucht[] [den Geier] sogar zu würgen“ (Z.6), bemerkt er im Dialog mit dem Herrn. Dabei spielt das Würgen eher auf eine Verteidigung gegenüber Menschen an. Denn der Geier ist in der Wahrnehmung des Protagonisten als Zwischenwesen markiert: Sein kreisender Flug, die Angriffsgeste des Hackens und der Schnabelhieb sprechen einerseits deutlich für animalisches Verhalten und tierisches Aussehen. Andererseits aber nimmt der Ich-Erzähler an seinem Peiniger genuin menschliche Züge wahr: Die Akribie, mit der er seine Attacke strategisch vollführt, sein konzentriertes Zuhören und das vom Erzähler vermutete Verstehen der Unterhaltung, sind deutliche Indizien dafür, dass sich tierische und menschliche Sphären überlagern. Der Leser soll sich folglich wundern, ob er es nun mit einem Tier- oder Menschenmonster zu tun hat, dessen Mischnatur durchaus Assoziationen an die mythischen Greife weckt.

Auch das Verhalten des Herrn wirft einige Fragen auf: Warum sieht er zunächst „ein Weilchen“ (Z.4) tatenlos zu, anstatt unmittelbar Hilfe zu leisten? Der Diminutiv („Weilchen“, Z.4) verharmlost dabei die bedrohliche Szenerie vollends und es scheint, als würde die distanzierte Betrachtung des Angriffs ihn nachdenklich stimmen. Schließlich verstrickt er den Erzähler ja in ein Gespräch über den Angriff, anstatt diesen unterstützend abzuwehren. Dabei wird offensichtlich, dass er die Vehemenz der Attacke anders einschätzt als der Ich-Erzähler: „‚Daß Sie sich so quälen lassen […] ein Schuss und der Geier ist erledigt.‘“ (Z.9f.) Die skeptische Replik des Erzählers („Ist das so?“, Z.10) kann als zentrale Partie der Parabel gedeutet werden, da hier die existentielle Frage aufgeworfen wird, wie bzw. ob man den Angriff überhaupt abwehren kann. Während der Herr eine pragmatische Lösung empfiehlt, deren Zeitverzögerung jedoch in sich durchaus problematisch bleibt, zweifelt der Betroffene an dieser rationalen Bewältigungsstrategie. Aus diesem Grund ist er sich auch nicht sicher, ob er überhaupt „eine halbe Stunde warten“ (Z.12) könne: „Das weiß ich nicht“ (Z.12). Einerseits wird der Vogelangriff also als lästiges aber vernichtbares Übel, als äußeres Unheil verstanden, dessen man sich durch pragmatische Gegengewalt entledigen kann. Andererseits aber wird diese Verteidigungsoption jedoch grundsätzlich als Möglichkeit negiert, sich gegen den Angriff des Anderen jemals zu wehren. In der ersten Lesart scheint der Geierangriff notwendig. Auf diese Weise gewinnt die duldsame Haltung des Erzählers den Anschein einer Selbstaufopferung und eröffnet die Motivkomplexe von Strafe und Schuld, aus der erlöst zu werden, die letzte Hoffnung des Erzählers bleibt: „Bitte, versuchen Sie es für jeden Fall“ (Z.13f.) bittet er den Herrn dann doch. Oder aber als zweiter Deutungsversuch: Die Attacke selbst ist eine groteske Allegorie des Erzählers auf den Prozess einer inneren Selbstzerstörung. Hier könnte gerade die Annäherung des Aasfressers ein Indiz dafür sein, dass der Ich-Erzähler selbst bereits innerlich ‚zerfressen‘ ist. Wenn der Geier als aasfressendes Wesen sich dem Ich-Erzähler als humanem Wesen nähert, wird die Frage nach der Lebendigkeit der Figur selbst aufgerufen. Die explizit erwähnte Kreis- bzw. Flugbewegung („flog dann unruhig mehrmals um mich“, Z.3) ähnelt gestisch dem Beuteflug der Nekrophagen, die im Text jedoch zum aktiven Tötungsakt modifiziert wird. Zudem bezeichnet der Ich-Erzähler die Angriffe des Geiers als dessen „Arbeit“ (Z.3), was wiederum beinahe als Legitimation der Attacke gelesen werden kann. Man könnte hierin auch eine Art Schuldeingeständnis des Ich-Erzählers vermuten, der die an Sisyphos erinnernde Marter nicht nur erleidet, sondern diese sogar als gerechte Strafe anerkennt. Deutlich wird, dass der Geier vom Ich-Erzähler als mächtig und angriffslustig beschrieben (vgl. Z.7) wird. Das Tier ist der zögerlichen Erzähler deutlich überlegen in seiner physischen Kraftnatur und beharrlichen, triebgesteuerten Art. Die anthropomorphen Züge des Geiers werden nachdrücklich hervorgehoben, insofern der Vogel dem „Gespräch[] ruhig zu[]hört“ (Z.15) und – wie der Erzähler vermutet – gar „alles [zu] ver[stehen]“ (Z.16) scheint. In Form einer Personifikation / verblassten Metapher „wandern [seine] Blicke“ (Z.15f.) zwischen den Dialogpartnern hin und her. Er beobachtet also das Gespräch und vollzieht dessen Inhalte nach. Die vermenschlichende Beschreibung erhebt den Geier zum gleichberechtigten Teilnehmer in dieser sonderbaren Begegnung, wobei er sich noch rein passiv verhält. So avanciert er zum grotesken Mischwesen aus Mensch und Tier, dessen Motive jedoch im Dunkeln bleiben.

Die hypotaktische Beschreibung des finalen Angriffs illustriert das Geschehen auf markante Weise: In Form einer Inversion („weit beugte er sich zurück“, Z.17) wird das Kalkül und die Zielgerichtetheit der Attacke deutlich, da der Vogel taktisch zum Schlag ausholt, „um genug Schwung zu bekommen“ (Z.17). Es scheint fast, als wüsste der Erzähler, warum sein Kontrahent dies tut. Für den Leser aber bleibt die Intention letztlich unklar. Im anthropomorphen Vergleich mit einem „Speerwerfer“ (Z.18) wird der „Schnabel“ (Z.18) sodann als Waffe bezeichnet, die der Vogel bewusst als Mordinstrument einsetzt und gezielt zur Tötung anwendet. Der Speer/Schnabel steht hier im Kontrast zu dem „Gewehr“ (Z.11) des Mannes. Die hyperbolische Grundstruktur der Schlusspassage entwirft mit ihren nahezu schmückenden Attributen ein idealisierendes Bild des eigenen Martyriums: Das „Blut“ „füll[t] […] alle Tiefen“ und „überfließ[t] […] alle Ufer“ (Z.19f.). Hier dominiert eine deutliche Vital-Semantik, die jedoch angesichts des Todeskampfes der beiden Figuren umgekehrt zu lesen ist: Das Blut ist hier kein Lebenssaft, sondern Todesfluid. Wie bereits in Bezug auf die Raumgestaltung bemerkt wurde, findet auf der Wortebene ein deutlicher Bruch statt, insofern hier erstmals Räume angeführt werden, wenn auch nur atmosphärisch. Der massive Blutfluss wird sprachlich durch eine Häufung von fluiden Wortfeldern hervorgehoben („Tiefe“, „füllen[]“, „überfließen[]“, „ertrank“, Z.19f.), was die Auflösung der Identitätsstruktur verdeutlicht: Es kommt zur Erlösung und ekstatischen Befreiung durch den buchstäblichen Untergang des Nekrophagen. Die Antithese der vom Erzähler hervorgehobenen Befreiung, die er angesichts des „unrettbar[en]“ (Z.20) Vogels empfindet, macht jedoch deutlich, dass nur auf der Figurenebene der Tod als sinnerfüllte Erfahrung präsent ist: Im letalen Zurückfallen (vgl. Z.19) ist die Abspaltung von der Kreatur für den Ich-Erzähler geglückt. Für den Rezipienten aber ist der Tod beider Figuren symbiotisch angelegt: Mit dem Ertrinken des Geiers verstummt auch der Erzähler. Im Angriff des Geiers auf das erzählende Ich schwingt die Bedrohung des Erzählens selbst mit: Nicht umsonst stößt der aasfressende Vogel seinen Schnabel durch den „Mund“ (Z.18), durch das Sprachorgan des Narrators und vernichtet mit der Figur das Erzählen als solches.

  • Möglicher biografischer Bezug 

In autorzentrierter Lesart kann der Geier und das Verenden der Kreatur als Anspielung auf Kafkas Tuberkuloseerkrankung gedeutet werden, die vor der Entstehung dieser Parabel bei ihm diagnostiziert wurde: Im Spätsommer 1917 erlitt Franz Kafka einen Blutsturz; es war der Ausbruch der Tuberkulose, deren Folgen er am 3. Juni 1924, vierzigjährig, erlag. Dabei waren die ersten Krankheitsanzeichen mitunter auch das Ausspeien von Blut, weshalb die Auseinandersetzung mit dem Geier als sinnbildliche Allusion des eigenen Krankheitskampfes firmieren könnten. In diesem Sinne entwirft der Text einen biografischen Reflex: Ihm eignet „[e]twas von der Bereitwilligkeit“, wie ein Biograph Kafkas notiert, „mit den Zerstörungskräften gemeinsame Sache zu machen.“[4] In der literaturwissenschaftlichen Forschung spielt zudem das konfliktbelastete Verhältnis Kafkas zu seinem Vater eine prominente Rolle, um seine Texte zu entschlüsseln. Besonders der 1919 verfasste (obgleich nie abgeschickte) „Brief an den Vater“ kann hier manche Aufschlüsse bieten, um die Auseinandersetzung und Ohnmacht im Kampf mit dem Geier vor der Folie des Autorlebens zu deuten.

  • Abschluss und Fazit 

Obgleich viele der dort entworfenen Aspekte („Mein Schreiben handelt von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an deiner Brust nicht klagen konnte“) auf die Szenerie der Parabel übertragbar sind, muss doch betont werden, dass jede rein biografische Lesart von Kafkas Texten gerade das Merkmal zu bannen versucht, das die Faszinationskraft seiner Erzählungen eigentlich ausmacht: Bei der Lektüre Kafkas gilt es die absurde Vieldeutigkeit seiner Werke zu bewahren, die – wie Theodor W. Adorno treffend anmerkte – „wie eine Krankheit alles Bedeuten bei Kafka angefressen hat.“[5] Es tritt hier ein Grundzug von Kafkas Parabeln zutage, jene Abgründigkeit des Sinns, in der sich die parabolische Bild- und Sachebene im Limes so weit voneinander entfernen, dass die Übersetzung der bizarren Szenerie ins Alltagsleben unausweichlich misslingen muss: „Besitzen wir die Lehre aber, die von Kafkas Gleichnissen begleitet und in den […] Gebärden seiner Tiere erläutert wird? Sie ist nicht da“, wie Walter Benjamin treffend bemerkte.[6] Sie ertrinkt zusammen mit dem Geier in den Blutfluten des Erzählers und lässt uns ohnmächtig zurück.

Diese Ohnmacht muss aber nicht in derselben Resignation enden, wie sie dem Erzähler das Leben kostet. Denn die Vieldeutigkeit ist keine Willkür, sondern eine analytische Überwindung der bloßen Übertragbarkeit, wie sie Parabeln oftmals zu eigen ist. Erst in der genauen Beschreibung des einsamen Zweikampfes zeigt sich der Fehler des Interpreten: Nicht die Paradoxie einer selbstzerstörerischen Handlung muss übersetzt werden, sondern die Frage danach, inwiefern diese eine menschliche Ohnmacht zeigt, die sich im steten Versuch einer eindeutigen Auslegung bis in die Verzweiflung wiederholt.

[1] Thomas Anz: Franz Kafka: Leben und Werk. München 2009, S. 14.

[2] Gerhard Neumann: Der Blick des Anderen: Zum Motiv des Hundes und des Affen in der Literatur. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 40 (1996), S. 120.

[3] Peter Andre Alt: Franz Kafka. Der ewige Sohn. München 2005, S. 653.

[4] Ronald Hayman: Franz Kafka. Sein Leben, sein Werk, seine Welt. München 1986, S. 301.

[5] Theodor W. Adorno: Aufzeichnungen zu Kafka. In: Ders: Kulturkritik und Gesellschaft I (Gesammelte Schriften, Band 10.1). Frankfurt a.M 2003, S. 258.

[6] Walter Benjamin: Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages. In: Ders.: Gesammelte Werke Band II/2, S, 420.

2 KOMMENTARE

    • Das ist eine Musterlösung, an der man sehen kann, was möglich ist, ja. Eine solche Musterlösung mit Schüler*innen durchzugehen, kann sehr erhellend sein. Probier es mal aus. Ansonsten gibt es hier auf dem Blog zu „Auf dem Balkon“ und „Das Bild der Schlacht am Isonzo“ aber auch Musterlösungen von Schülern für Schüler. Die sind sprachlich einfacher. Liebe Grüße

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