Es ist wahrlich erstaunlich. Wir schreiben das Jahr 2019 und damit eine Gegenwart, die für viele noch Zukunft scheint. Aber sie ist schon da. Es gibt quasi keinen Lebensbereich, der nicht digital funktionieren würde (funktionieren bedeutet dabei in Deutschland natürlich nur dann den Wortsinn, wenn Infrastruktur vorhanden ist). Innerhalb dieser nahezu komplett digitalisierten Welt müssen sich merkwürdiger Weise immer noch jene rechtfertigen, die Kindern und Jugendlichen beibringen wollen, produktiv mit digitalen Medien umzugehen. Welch paradoxe Umkehrung der Zustände. Ein kurzer Kommentar. 

Ich arbeite immer mal wieder mit Flipped-Classroom-Prinzipien (vor allem im Deutschunterricht). Und selbst würde ich das nicht tun, würden die Schüler*innen mit Youtube lernen. Oder anders: Sie tun es jetzt schon! Warum auch nicht?

Laut einer Studie des Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) ist die Medienausstattung der Haushalte bei nahezu 100%.

Zitiert nach Quelle: JIM-Studie 2018, mpfs, S. 6.

Nach der Jim-Studie aus dem letzten Jahr befindet sich der Gerätebesitz bei Jugendlichen (meist Smartphones) zwischen 97 und 99%.

Diesen Hintergrund muss man im Kopf haben, wenn man folgenden Kommentar einer Lehrerin betrachtet, die unter einem kleinen Instagram-Bild zu Flipped-Classroom folgendes schreibt.

Ich finde den Ansatz super, allerdings hieß es in meinen bisherigen Schulpraktika, dass man darauf verzichten solle, da ggf. nicht alle SchülerInnen ein geeignetes Smartphone / Laptop /PC bzw. genug Datenflat zur Verfügung hätten. (Evtl. ist das auch anders in der Sek II, ich habe Haupt-, Werkreal- und Realschullehramt studiert.) Wurde das vorher mit den Eltern besprochen bzw. gab es da mal Probleme?

Bevor ein falscher Eindruck entsteht: Die Kommentatorin gibt hier nur wieder, was den Praktikanten beigebracht wird. Und zweitens: Natürlich wäre es nicht gut, wenn man eine Aufgabe explizit mit dem Smartphone machen soll und jemand keines hätte. Das spricht aber nicht dafür, gleich ganz auf die Smartphones zu verzichten.

Verhinderungsdiskurse, wie der Medienexperte Philippe Wampfler die ewigen Versuche nennt, Technik aus der Schule zu verbannen, nützen nichts mehr. Wer heute lehrt und lernt braucht zumindest einen kulturpragmatischen Ansatz. Und das bedeutet: Problemlösungsorientierung. Jemand hat kein Smartphone? Das ist Aufgabe des Fördervereins, des Schulträgers oder der Schule. Es lassen sich Lösungen finden. Geräte auszuschalten und den Jugendlichen jene Form der individuellen Vorbereitung vorzuenthalten, die sie aussuchen, ist keine solche Lösung, weil sie so tut, als ginge die Digitalisierung weg. Nach dem Motto: Wenn ich die Augen zumache, kann mich keiner sehen.

Eigentlichen ist den Erwiderungen auf die Argumente gegen das Digitale, wie sie Beat Doebeli Honneger formuliert hat, nichts mehr hinzuzufügen. Diesen Artikel zu studieren lohnt sich genau so wie das sich unter anderem darauf beziehende Buch „Mehr als 0 und 1“ (in diesem Artikel werden einige Folien daraus besprochen).

Wenn man die Zeit nicht hat, kann man jedoch mit diesen grundlegenden Argumenten arbeiten:

  • Smartphones und Plattformen sind nicht nur Lebensrealität, sondern jetzt schon Lerninstrument der Jugendlichen (vgl. z.B. Vodafone Stiftung Deutschland 2018, S. 38). Ihnen diese Lerninstrumente zu verweigern, schränkt sie ein.
  • Smartphones und digitale Infrastruktur sind Teil von bürgerlicher Teilnahmemöglichkeit (man siehe #fridaysforfuture #metoo etc.)
  • Wer Smartphoneeinsatz verbietet, nimmt jede Chance der Auseinandersetzung in einem professionellen Zusammenhang.
  • Wer Smartphoneeinsatz verbietet, kontrolliert damit nur jenen Ausschnitt aus der täglichen Nutzung, der innerhalb der Institution liegt.
  • Wer Smartphonenutzung verbietet, nimmt die Chance, dass die Erkenntnisse, die Jugendlichen den Erwachsenen über die vernetzte Gesellschaft jetzt schon voraus haben, Teil der Diskussion wird.
  • Wer Smartphonenutzung verbietet, verschärft damit den Generationenkonflikt.

Diese Liste könnte ewig weitergehen. Was sie zeigen soll: Smartphonenutzung hat einen gesellschaftlichen Impact – so oder so. Und wer nun über jene Phasen sprechen möchte, in denen man nicht auf den Bildschirm „starren“ (wie es so schön geframed heißt) soll, dem kann man nur antworten: Ja, natürlich! Das Plädoyer für einen reflektierten Gebrauch bedeutet genauso wenig eine manische Dauernutzung wie das Plädoyer fürs Lesen bedeutet, dass man aufhören soll miteinander zu sprechen.

Es wird Zeit, dass jene, die sich dieser Zeit – Ausrufezeichen! – verweigern, sich rechtfertigen müssen. Diejenigen, die sich auf den Weg machen, haben das nämlich lange genug getan!

1 KOMMENTAR

  1. Seit mindestens 10 Jahren ist mein jeweiliges Smartphone mein hauptsächlichster Computer. Mit ihm schreibe ich Nachrichten in Threema, Artikel in Blogs und Websites in Html & Co. Und vor mindestens 10 Jahren wurde mein jeweiliges Smartphone zu meinem eigentlichen Lehr- und Lerninstrument. Und vor mindestens 10 Jahren begann ich, meinen SchülerInnen die Möglichkeit zu geben, mit ihrem Smartphone zu lernen. Einfach nur nicht in der Schule – nicht während des Unterrichts.

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