„[…] dann, so könnte man den Titel weiterführen, kommen Erwachsene, Lehrer und Journalisten und erklären, warum das so ist.“ Die zahlreichen Artikel der letzten Tage haben  nicht nur gezeigt, dass die Erklärungsversuche falsch liegen, sondern auch, dass das Problem selbst erzeugt ist. Ein Kommentar. 

Zunächst einmal zu dem Verständnisproblem, das viele zu haben scheinen. Zunächst einmal der Kernsatz bei der Tagesschau:

Trotzdem ist es für die Kids nicht nur eine Spaß-Plattform zum Zeitvertreib. Fast jeder zweite junge YouTube-Nutzer (47 Prozent) sagt auch, die Clips seien wichtig oder sogar sehr wichtig bei Schulthemen. Die meisten davon nutzen die Plattform für Hausaufgaben, oder um sich Dinge erklären zu lassen, die sie im Unterricht nicht verstanden haben – YouTube als Nachhilfelehrer.

Das, was hier in vielen Worten steht, könnte man auch so auf den Punkt bringen: Die Kinder nutzen Youtube zum Lernen. Das ist übrigens ganz grundsätzlich so, und zwar auch dann, wenn dieses „Lernen“ nichts mit den curricularen Vorgaben hat. Insofern ist die bei der Studie angelegte Trennung zu Gaming auch etwas irre führend. Bei Youtube kann man lernen, und zwar unabhängig davon, ob man wissen will, die man eine gute Präsentation erstellt, eine Mauer baut oder bei FIFA besser wird.

Warum ist das so? Nun, grundsätzlich geht es hier um Selbstbestimmung. Die jungen (und alten) Leute haben die Möglichkeit Ort, Zeit und Raum und Figuren sowie Geschwindigkeit und Wiederholung zu bestimmen. Sie individualisieren ihr Lernen.

Das mobile Internet ermöglicht es einem jungen Menschen (sofern die katastrophale Netzabdeckung und Preise in Deutschland das zulassen) ein Lernen, das zuvor unmöglich war. Der letzte gesetzte Aspekt, der (noch) nicht bestimmt werden kann, zumindest wenn wir von formeller Bildung sprechen, sind die Themen. Soweit, so verständlich.

Was aber machen viele mediale Übersetzungen daraus? Hier ein Zitat von Deutschlandradio Kultur, die mit einem Lehrer gesprochen haben:

Er gibt aber zu bedenken, dass es auch darum gehe, welche Videos im Unterricht gezeigt werden.

Und:

Werner habe bei den Lehrvideos auf YouTube aber auch große Unterschiede gesehen. So müsse es bei genutzten Videos darum gehen, dass sie einen „Gewinn“ und ein „Mehrwert“ für die Schüler erzielen.

Bei solchen Sätzen dreht es eben jenen, die Videos tatsächlich einsetzen, der Magen um. Zunächst zum ersten Satz. Es ist kein Wunder, dass die ahnungslosen Kommentatoren auf Facebook schreiben, dass es das Schulfernsehen schon von 40 Jahren gegeben hätte. Sie können nicht anders, weil sie den Irrtum weiterspinnen.

Wäre ich ein Schüler, würde ich mich in der Tat fragen, warum ein Lehrer ein Video im Unterricht zeigt. Das kann mehrere Gründe haben:

  • Das Video ist so gut, dass die Lehrperson sich davon einen Impuls erhofft, den sie selbst nicht zu leisten im Stande ist.
  • Das Video ist so schlecht, dass sich an ihm ein besonderes Defizit oder eine besondere Problematik erfassen lässt.
  • Das Video beleuchtet ein Thema, ist dabei aber offensichtlich so einseitig, dass die Klasse zur Beurteilung angeregt wird.
  • Das Video hat eine außergewöhnliche Darstellungsweise, die nicht so einfach reproduziert werden kann.
  • Das Video verdeutlicht einen Prozess, der schlecht in der Präsenzphase zu reproduzieren ist (zum Beispiel eine Explosion etc.)

All das sind in der Tat Gründe, Videos im Unterricht zu nutzen. Aber ganz grundsätzlich sind hier eben jene wichtigen Gründe dafür, warum Schülerinnen und Schüler die Videos nutzen, nicht mehr zutreffend. Denn hier wählt wieder die Lehrperson die Inhalte aus. Man kann sich nicht entziehen. Man kann das Video nicht nochmals schauen. Man kann es nicht dann schauen, wenn man bereit, nicht mehr hungrig oder abgelenkt ist.

Ferner geht es auch nicht um den „Mehrwert“, den der Lehrer entdeckt (außer eben jenen, die oben erwähnt werden). Ein Youtube-Video hat dann einen Eigenwert, wenn die Schülerin oder der Schüler es damit besser versteht. Punkt. Es ist nicht an jenen, die es nicht hinbekommen, zu beurteilen, ob andere anders besser lernen können.

Wer immerzu Videos in Unterricht einsetzt, der handelt paradox. Weil er in der so wichtigen Präsenzphase darauf verzichtet, Interaktionen und Zugänge zu fordern, die den Videos ja in der Tat abgehen. Zumindest dann, wenn Jugendliche nicht direkt darüber sprechen, ihre Kanäle verwenden und sich die Videos empfehlen (was sie oftmals tun).

All das könnten sowohl Lehrpersonen herausfinden. Noch besser könnten sie es herauszufinden, wenn sie jene fragen würden, die Youtube-Videos einsetzen. Und zwar fürs Lernen und nicht im Unterricht. Ich kann gerne Rede und Antwort stehen oder an Leute verweisen, die sich auskennen (wie der in dem Zeit-Artikel verlinkte Sebastian Schmidt, der Videos sinnvoll so für das Lernen einbindet, dass er im Unterricht mehr Zeit für die individuelle Hilfe hat). Dann können wir aufhören, über Strohmann-Argumente und Missverständnisse zu sprechen, sondern uns damit beschäftigen, wie wir ein Lernen ermöglichen, dass sich die Kinder und Jugendlichen ansonsten ohne uns holen.

 

 

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