Nachdem ich nach Literatur von Autorinnen gesucht hatte, fiel ein Name immer wieder: Juli Zeh. Mittlerweile weiß ich, dass es der von mir und meinen Kolleginnen ausgewählte Roman „Corpus Delicti: Ein Prozess“ schon in den Literaturkanon einiger Bundesländer geschafft hat. Das begrüße ich sehr, vereinigen sich in dem Roman doch viele ethische Fragen, mit denen wir uns momentan beschäftigen. Einige Anmerkungen. 

Zunächst einmal eine Warnung: Wenn die Leser dieses Blogs vorhaben, den exzellenten Roman zu lesen, dann halten Sie hier an. Auch wenn die Anmerkungen erst einmal einige wenige sind, wird es hier zu Spoilern kommen.

Julis Zehs Dystopie spielt in einer Zukunft, in der die Gesundheit der Gesellschaft (ein Schelm, der schon hier an den Begriff „Volksgesundheit“ denken muss) zum ersten staatlichen Ziel geworden ist. Die „Methode“, wie die staatliche Struktur und Überwachung genannt wird, baut auf gegenseitiger Überwachung, rigorosen Kontrollen und Bestrafungen auf.

Wir verfolgen nun als Leser die Geschichte von Mia Holl, deren Bruder zu Unrecht eines Verbrechens bezichtigt wird, das er nicht begangen hat. Er erhängt sich mithilfe seiner Schwester und wird so zum Präzedenzfall. Der tote Bruder ist einem Fehler des Systems zum Opfer gefallen, den es in der inhärenten Logik des Systems gar nicht geben dürfte. Das System hält sich für perfekt. Den Absolutheitsanspruch des Systems formuliert Mias Gegenspieler, der Journalist Heinrich Kramer, so wasserdicht, dass er sie immer wieder in die Enge treibt, wenngleich schon von Beginn an deutlich wird, dass auch eine Orientierung an die Gesundheit aller in der Abschaffung der Freiheit enden kann.

Der Roman selbst ist sehr viel gleichzeitig: Er ist die Geschichte der Selbstbehauptung einer Einzelnen gegenüber einem übermächtigen System, das vorgibt, für das Wohl aller zu sorgen. Er ist eine Kriminal- und Prozessgeschichte. Und er ist die Geschichte eines persönlichen Entwicklungsprozesses.

Dieser Prozess wird durch eine sehr ungewöhnliche Dreiecksbeziehung beleuchtet. Mia und Kramer stehen sich diametral gegenüber. Eine skurrile, aber im Kontext des Romans nachvollziehbare Rolle spielt die Figur des sogenannten „idealen Geliebten“, der eine Stahlkonstruktion ist und ihr von ihrem Bruder übergeben worden ist, gleichsam als imaginäre Figur, die die Meinung des Bruders preisgibt. Freilich nur aus ihrer eigenen Sicht.

Der ideale Geliebte erscheint als revolutionär-aggressive Stimme, als Es, das Mia unter Druck setzt, sich gegen das System zu wehren, das ihren Bruder in den Selbstmord getrieben hat.

In dem gleichzeitigen Anspruch, das menschliche Leben komplett zu kontrollieren, diese Kontrolle aber auf vordergründig moralisch guten Gründen aufzubauen, erscheint „Corpus Delicti“ wie eine Mischung aus den klassischen Dystopien „1984“ von George Orwell oder „Brave New World“ von Aldous Huxley.

Die Vielschichtigkeit im Hinblick auf die Schule liegt nicht nur an dem Thema Gesundheit, das für viele Jugendliche gerade in Bezug auf das körperliche Erscheinungsbild sehr wichtig ist. Vor allem die Tatsache, dass die im Roman das System, die „Methode“, verkörpernde Figuren dieses in einer Art und Weise verteidigen, die in sich stimmig und somit nicht auf den ersten Blick „böse“ ist, ergibt zahlreiche spannende Leerstellen für Diskussionen.

Auch und gerade in Zeiten der Digitalisierung und dem möglichen Missbrauch von Gesundheitsdaten ist „Corpus Delicti“ die Dystopie für unsere Zeit.

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