Eines vorweg: Den Titel “Interpretation” kann dieser ständig wachsende Artikel zu Juli Zehs wohl bekanntestem Roman nicht einlösen. Noch nicht. Der Artikel versteht sich als “Work in Progress”, der nach und nach beim Lesen und auch während und nach der Arbeit mit dem neuen Leistungskurs weitergeführt wird. Zunächst folgen also einige unausgereifte und auch noch nicht durch die Sekundärliteratur verifizierte (oder falsifizierte) Deutungsansätze, die mir als Arbeitshypothesen und den Lesenden als Impulse und Diskussionsansätze dienen (können). Vorsicht, es befinden sich Spoiler in den Ausführungen. 

Anmerkung

Diese Anmerkung entsteht, nachdem der erste Teil dieses (vorläufigen) Artikels geschrieben worden ist. Während des Schreibens, das, wie sich zeigen wird, eine subjektive Aneignung verschiedener Themenkomplexe und Aspekte darstellt, habe ich bemerkt, dass der Text meinungsstärker wurde, als ich es geplant hatte. Aus diesem Grund habe ich den Begriff “Außentext” in den Titel eingefügt. Corpus Delicti ist ab dem Abitur 2023, also für die nun beginnenden Abiturient*innen in Baden-Württemberg, (möglicherweise) Grundlage einer literarischen Erörterung, und zwar im Aufgabengebiet A. Das bedeutet, dass es als Einzelwerk vorliegen kann (die Alternative, die ausgewählt wird, ist Woyzeck; mehr zu den verschiedenen Aufgabentypen findet sich hier).

Im Gegensatz zu einem Werkvergleich, bei dem der Außentext meist ein kurzer Textschnipsel, ein Zitat oder eine kurze Passage ist, kann der Außentext zu einem Einzelwerk eine längere Aussage über ein Werk sein, die zunächst eingeordnet und beurteilt werden muss, bevor die Erörterungsfrage in der Aufgabenstellung bearbeitet werden kann. Da ich denke, dass die hier vertretenden Thesen Möglichkeiten für eine produktive (auch ablehnende) Sichtweise bieten können, kann also der folgende Teil als ein solcher Außentext genutzt werden, den entweder Lehrer*innen als Impuls einer Arbeit oder Schüler*innen zu Übungszwecken nutzen. Ein downloadbares Dokument, indem ausschließlich der Text, ohne Vorreden genutzt werden kann, wird noch angehängt.

Ersteindruck 

Der hier beschriebe Ersteindruck ist jener eines zweiten Lesens. Zwischen Erst- und Zweitlektüre sind allerdings mehrere Jahre vergangen, weshalb der beschriebene Eindruck durchaus als frisch zu bezeichnen ist. 

Machart

Unter Machart verstehe ich die Kreation des Romans als Ganzes, seine Makro- und Mikrostruktur also. Grundsätzlich kommt mir der Roman beim Lesen – trotz grundsätzlich sehr fruchtbarerer Möglichkeiten für Diskussionen – steril vor. Keine ausschließlich schlechte Eigenschaft für einen Roman, der die Einengung des Individuums durch eine Art Hygienedikdatur schildert. Dennoch aber erscheinen Raum, Zeit und Figuren dadurch vage, teilweise oberflächlich.

Dass dies bei der Zeit so ist, ist wohl durchaus gewollt. Die “Mitte” spielt schon beim ersten “richtigen” Kapitel (nach einer Passage aus dem Vorwort zur Methode, des staatlichen Leitprinzips und einem Vorgriff in ultimas res, in dem die Urteilsverkündung gegenüber Mia Holl, der Protagonistin des Romans, protokollarisch beschrieben wird). Auch im weiteren Verlauf erscheint das Wort Mitte wie eine Art Vergewisserung der Möglichkeit, zwischen Grenzen zu leben, wie es Mia Holl zunächst tut, bevor sie nach der Eröffnung des Justizirrtums, um das sich der gesamte Roman dreht, die Entscheidung gegen die Methode und ihre Prinzipien fällt. Während aber die Vagheit zeitlicher Angaben als eben beschriebener Verweis und auch ganz unmittelbar als Möglichkeit gelesen werden kann, die dystopische Beschreibung an die eigene Realität anzudocken (was in Zeiten von Corona umso weniger schwerfällt), erscheinen die Räume und deren Beschreibung in ihrer Darstellung der Reinheit etwas gewollt und die Figuren programmatisch.

Figuren

Programmatisch heißt in dieser Auslegung: Die Figuren erscheinen als Träger bestimmter Prinzipien. Die “Philosophie” von Mias Bruder, die sich als eine Art Neo-Pantheismus liest, bei der die (in der Dystopie abzulehnende) dreckige Natur und die körperliche Nähe zu dieser als Ausdruck der “Liebe” gesehen wird, erscheint dabei geradezu darauf angelegt, den fundamentalen Prinzipien der Methode zu widersprechen. Das ist banal. Jedoch wirken einige Passagen eher essayistisch, die Figuren werden so zu Trägern eines Diskurses, den die Autorin mit sich selbst führt. Das ist interessant, anregend, aber wenig spannungsreich.

In dieser Perspektive ist Mia Holl die einzige Protagonistin, die komplex in dem Sinne ist, dass sie um ihre eigene Veränderung weiß. Diese Veränderung wird als Wechsel von der rationalen Biologin, deren Beruf die Übereinstimmung mit der Methode umso mehr verdeutlicht, zur emotionalen Individualistin beschrieben. Wenngleich dieser Übergang schon angedeutet wird, indem sie die dogmatischen Ausführungen ihres Bruders über den Widerstand gegenüber der Methode und entsprechenden Handlungen (z.B. rauchen) nur teilweise ablehnt, aber versucht, sie zu verstehen, ist der vollzogene Wechsel dann fundamental.

Moritz Holl ist und bleibt einem Dogma verpflichtet, dass man als radikal liberal sehen kann. Seine Ablehnung der Methode (so sehr diese für den Lesenden nachvollziehbar erscheint) ist holzschnittartig, weil sie sich auf ihr Gegenteil zurückzieht. Es bleibt kein Raum für Nuancen – eine Tatsache, die gleichsam auf ein Problem des gesamten Romans verweist. Moritz Holl ist damit gleichzeitig Märtyrer und Kronzeuge für das Versagen eines Systems, dessen Unfehlbarkeit durch den fehlerhaften DNA-Test quasi bewiesen wird.

Innerhalb dieses einstürzenden Systems bleibt Kramer gleichsam als Reporter und Repräsentant des Systems treu, indem er darauf hinweist, dass jedes System fehlbar ist und so sehr direkt die Diktatur der Gesunderhaltung immer wieder rechtfertigt. Sehr konsequent ist die (durchaus als gewollt zu sehende) künstliche Art und Weise, wie Kramer Mias Privatsphäre ignoriert, indem er auf ihre privaten und persönlichen Dinge zugreift, diese anschaut und durchgeht. Auch hier ist das Prinzip, nach dem die Figur handelt, wichtiger als die Figur. Hier ist auch der Grund für Mias fehlende Reaktion zu sehen: Kramer greift nicht als Person auf ihre Privatsphäre zu, sondern als staatliches Prinzip, dem man sich nicht – oder nur unter sehr erschwerten Bedingungen – erwehren kann.

Die Richterin Sophie ist ein schwacher Charakter, naiv in der Auslegung eines Systems, mit dem sie untergeht. Der Mangel an Reflexionsfähigkeit erscheint vor dem Hintergrund ihrer Rolle als junge, smarte Richterin teilweise unglaubwürdig, ist aber – sofern man die Figuren eben mehr als Prinzipien ansieht, konsequent.

Themen

Es liegt (zunächst) auf der Hand, den Roman als Verhandlung zwischen individueller Freiheit und staatlichem Eingriff zu lesen. Dabei sind die Sympathien klar verteilt: Auf der einen Seite ist der Roman auf das Scheitern der Methode hin konstruiert. Mit dem Fehlurteil und der Erkenntnis, dass Moritz Holl zu Unrecht verurteilt worden ist und so als unschuldig Angeklagter stirbt, wird suggeriert, dass die Fehlbarkeit eines Teils eines Systems für dessen Totalversagen steht. Innerhalb des Romans ist das nachvollziehbar, da die Methode mit ihren Denunzianten, dem kompletten Ausleuchten alles Körperlichen, dem ständigen Eingriff des Staates in persönliche Entscheidungen und einem an den Nationalsozialismus erinnernden Polizeiapparats keine Alternative eines Staates darstellt, der auch nur annähernd Attraktivität auf die Lesenden ausüben könnte, selbst wenn die Figuren, die das System stützen, dauernd seine Vorzüge preisen. Das ist aber gleichzeitig die Schwäche dieser vorgegebenen Einseitigkeit. Nicht, dass man eine Hygienediktatur attraktiv gestalten müsste, aber indem die Sympathien sehr klar verteilt sind, sind die Lesenden gezwungen die Seite der Opfer dieses Systems zu übernehmen. Diese Opfer steigern ihre Ablehnung aber ins Absolute.

So versteigt sich Mia Holl im Gespräch mit Kramer zu der Aussage, dass Demokratie und Methode in gleichem Maße fehlbar seien. Nicht, dass die Demokratie nicht fehlbar sei, aber die Gleichsetzung zwischen Demokratie und Diktatur in diesem fiktiven Szenario macht es unmöglich, sich der Kritik anzuschließen (unabhängig davon, ob dies gewollt ist oder nicht). Kramer wird in Mias Augen zum bloßen “Bewahrer” – also zu einem Konservativen – eine weitere problematische Gleichsetzung, insofern man den Roman als Gedankenanstoß lesen wollen würde, der auch gutgemeintes staatliches Handeln kritisch hinterfragt.

Vor diesem Hintergrund ist dieser Themenkomplex also eigentlich nicht der Kern des Romans. Positiv formuliert erscheint der Roman eher als Rechtfertigung der menschlichen Schwäche und damit der Überhöhung des Menschlichen über den Staat. Negativ formuliert wird dies aber zu einer Ablehnung alles Kollektiven.

In dem Kapitel “Wie die Frage lautet” findet sich (im Übrigen ohne die Einführung des fiktiven Charakters, und damit für den ohne Distanz und unmittelbar erfahrbar) die Ablehnung all jener Merkmale einer Gesellschaft, der Mia Holl in rhythmischer Wiederholung das Vertrauen entzieht. Ein Großteil dieser Ablehnung ist insofern nachvollziehbar, als dass ein ums andere Mal die fehlende Ambivalenz angeprangert wird, die dem sich als absolut generierenden Staat die Erlaubnis erteilt, sich in alle Lebensbereiche einzumischen. In einem der letzten Sätze, zeigt sich jedoch (wie im Roman durchgängig) auch hier das Problem der reziproken Einseitigkeit: “Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst.” Über Aktualität hinsichtlich der Impfdiskussion muss man sich nicht unterhalten. Der Punkt ist: Indem eben eine höchst problematische, dem Individuum jegliche Freiheit nehmende staatliche Gesundheitsdiktatur mit anderen staatlichen Systemen gleichgesetzt wird, deren Rechte auf Eingriff in das Leben der Individuen ja durchaus aus rechtlichen (und moralischen) Gründe erfolgen kann, erscheint der Roman als Legitimation eines totalen und unerschütterlichen Individualismus – ohne Nuancen.

(Vorläufiges) Fazit

Trotz – oder gerade wegen – der sich gegenüberstehenden radikalen Perspektiven bietet der Roman zahlreiche Diskussionsansätze, die zu interessanten weiterführende Fragen führen könnten. Mehr als bei jedem anderen Roman wird ersichtlich, wie sehr die Zeit des Lesens die Rezeption prägen kann und prägt. Während Masken und Handschuhe und die Diskussion darüber, inwiefern der Staat zu sehr in eine persönliche Freiheit (und sei es die auf Krankheit) eingreifen kann, noch vor wenigen Jahren einfach eine Spielart einer Dystopie war, die statt Überwachung (“1984”) oder Gentechnik (“Brave New World”) in den Mittelpunkt stellt, als eine ferne Zukunftsvision gesehen werden musste, erscheint der Roman nun als weit vorausschauend.

Es ist nicht auszuschließen, dass viele der Ausführungen zur Ablehnung des diktatorischen Hygienestaats in coronakritischen Kreisen anschlussfähig ist. Das schon zitierte Kapitel “Wie die Frage lautet” liest sich wie ein Manifest der Coronaskeptiker. Das kann in dieser Form nicht gewollt sein und ist allein deshalb nicht problematisch. Zum Problem wird es nur, wenn der Gleichsetzung von Diktatur und Demokratie, die in momentanen Diskurses schon im vollen Gange ist, gefolgt wird.

Gleichzeitig erscheinen dort, wo sich zwischen den extremen Gegenpositionen die unterschiedlichen Auffassungen aneinander abarbeiten, auch die Chance, andere Perspektiven auf das Thema Krankheit, Freiheit und Individualismus einzunehmen oder diese zumindest in einer Weise zuzulassen, wie es in der momentanen Situation sehr schwer möglich ist. Eines tut der Roman jedenfalls nicht: Einen völlig unberührt zurücklassen.

 

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