Menschen und Geschichten. Darum geht es in einem Beruf, der oftmals als bester Job der Welt bezeichnet wird. Junge Menschen und deren Geschichten. Und irgendwann ältere Menschen und ihre Geschichten. Als Lehrerin und Lehrer hat man das Privileg, die Aufgabe und die Verantwortung, so ein Teil der Geschichte junger Menschen zu werden, dass sie, wenn sie älter geworden sind, die schönen Momente als Teil ihres Weges sehen. Kurze oder längere Nachrichten ehemaliger Schüler sind diese kleinen, riesengroßen Zeichen, dass man es geschafft hat, Teil der Geschichte dieses Menschen zu werden. 

Als ich mich von meiner ersten Klasse verabschiedete, in der ich Klassenlehrer war, bedankte ich mich bei jedem Einzelnen dafür, was ich von ihm oder ihr gelernt hatte. Manchmal waren das Dinge, bei denen man aufpassen musste, um es als Lerngelegenheit zu betrachten: Die Ignoranz einer nicht bedeutsamen Aufgabe; die Fähigkeit, doppelt und dreifach nachzufragen. Und viele andere Dinge mehr.

Ja, Lehrer lernen von ihren Schülern, so oder so. Die Frage ist nur, ob dies in einer immer weiter in sich zurückgezogenen Verbitterung endet oder in der Entfaltung des eigenen Charakters – immer wieder von Neuem.

Aber natürlich lernen Schülerinnen und Schüler auch von Lehrern. Nicht immer das, was sie sollen. Nicht immer das, was sie müssen. Meist aber das, was ihnen hilft. Wären junge Menschen nicht in der Lage, das, was für sie persönlich wichtig ist, aus der Schule zu ziehen, gäbe es wohl keine Schulen mehr. Ihnen dabei zu helfen, ist eine Aufgabe der Lehrer: Bedeutung erfahren, Haltung ausbilden und weiterbilden, Lernen.

Die Nachrichten meiner ehemaligen Schüler sind für mich oftmals ein Indiz dafür, dass wir es zusammen geschafft haben, den Weg ein wenig weiterzugehen. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, ob ich einige dieser Nachrichten, die ich in den letzten Jahren erhalten habe, in diesen Blogpost integrieren soll. Ich habe mich dagegen entschieden, da sie für mich gedacht waren. Dennoch möchte ich einige von diesen Nachrichten kurz paraphrasieren.

Da sind die vier Seiten einer Schülerin, die immer still war, wenig beitrug, desinteressiert schien. Die sagte, dass sie gewollt, aber nicht gekonnt habe. Die mahnt, dass ich nie die stillen, wenig beitragenden Schülerinnen und Schüler vergessen sollte. Die immer noch bei verschiedenen Anlässen in die alte Schule zurückkommt.

Da ist der kauzige Schüler, der damals wirklich nicht wusste, warum Rechtschreibung wichtig sei. Der wissen möchte, wie genau man eine Aussage schreibt, die er sich tätowieren lassen will, um sie jenen zu zeigen, die ihr zusammengeschlagen haben. Er ist mittlerweile umgezogen. Aber das Tattoo ist noch da.

Der ist der Schüler, der immer und immer wieder fragte, ob es schlimm sei, aus einem anderen Land als Deutschland zu stammen. Dem ich sagte, dass es nicht darauf ankomme, wo man herkomme. Das er sich anstrengen müsse. Der sich anstrengte. Dem man sagte, er schaffe es nicht in der Realschule. Der jetzt studiert. Erfolgreich studiert.

Da ist der Schüler, die immer und immer wieder in Deutsch schlechte Note bekam. Richtig schlechte. Der gerade so das Abitur schaffte. Der mir immer wieder mal schreibt, dass ich nicht aufhören solle, an die Schüler zu glauben. Der mit Theater nichts am Hut hat. Der dennoch zur Aufführung kam und lange dort stand, um sich mit mir zu unterhalten. Mir, der ihm über zwei Jahre mit schlechten Ziffern bescheinigte, dass er etwas ganz und gar nicht könne.

Da ist die Schülerin, die mich fragte, ob ich bei ihrem Motivationsschreiben helfen könne. Mit der ich mich davor über Schopenhauer, Zeh und Berlin unterhielt. Eine meiner ehemaligen Deutschschülerinnen. Vor 7 Jahren!

Da sind die Schülerinnen und Schüler, die sich melden und sagen, dass sie nun auf einer anderen Schule das Abitur geschafft hätten, dass sie an der Uni angenommen sind, dass sie nun endlich das Buch gelesen haben, von dem ich damals sprach. Die ein altes Foto der Klasse schicken, die sagen, dass es damals stimmte, was ich über den Rückblick sagte oder über das Lernen oder über dieses oder jenes.

Und natürlich ist das nur ein winzigkleiner Teil einer viel größeren Geschichte.

Aber es rührt mich, jedes Mal. Das Vertrauen, das länger hält als über ein Schuljahr. Der gegenseitige Respekt. Vielleicht, wenn man ganz viel Glück hat, die Dankbarkeit.

Dafür, so könnte man in einem sowieso schon viel zu tragenden, pathetischen Ton geschriebenen Text sagen, dafür lohnt es sich schon. Dafür macht man, schreit man, leidet man, kämpft man, spricht man. Und spricht und spricht.

Und darum stimmt es, dass es der beste Beruf der Welt ist. Wegen den Menschen. Und wegen ihren Geschichten.

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