REFERENDARIAT: Richtig hospitieren

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Sowohl im Praxissemester als auch im Referendariat wird von den Lehramtsanwärtern verlangt, dass sie hospitieren. Und das nicht zu knapp: Ein Gespräch mit einer Praktikantin verriet, dass 80 Hospitationsstunden in drei Wochen geplant seien. Wird diese Zeit nur als abzusitzende Notwendigkeit empfunden, kann es sehr schnell langweilig werden, da man in die Rolle des Schülers/ der Schülerin verfällt, die jedoch alles schon weiß. Um das zu umgehen, gibt es einige Tipps, wie man so hospitiert, dass man für den eigenen Unterricht etwas mitnimmt.

 

Beispiel für Hospitationsbogen ohne Fokus

Wichtigster Tipp: Der Beobachtungsgegenstand muss klar definiert sein!

In einer Unterrichtsstunde geschehen hunderte Dinge auf einmal, derer man sich meist erst bewusst wird, wenn man selbst dort steht. Es geht von scheinbar banalen Fragen darüber, wo man im Raum steht und wie man eine Rückmeldung betont, bis hin zur Dramaturgie der Stunde, mitsamt ihren Überleitungen, Aufgabenstellungen und Verschnaufpausen. Alles gleichzeitig zu beobachten, ist schlicht unmöglich. Deshalb bietet es sich an, sich selbst verschiedene Aufgabenstellungen zu suchen und von diesen auch in dieser Stunde nicht abzuweichen.

Beobachtungsgegenstände können wie folgt aussehen:

Beobachtungsgegenstand Erklärung Ausprägung
Unterrichtsgegenstand Wie ist der Unterrichtsgegenstand, also das Thema im weitesten Sinne strukturiert? Ist es bedeutsam? Hat es Bezug zum Bildungsplan? Gibt es Verknüpfungen zum vorhergehenden Unterricht? Ist es sachlich richtig?
Lernziele Gibt es klar erkennbare Lernziele? Sind die Lernziele kognitiv, affektiv, sozial? Sind sie sinnvoll? Sind sie altersgemäß strukturiert? Sind sie realistisch zu erreichen?
Strukturierung Gibt es eine erkennbare Struktur? Sind Beginn und Ende deutlich gekennzeichnet? Bauen die Unterrichtsschritte aufeinander auf? Gibt es eine Ergebnissicherung? Gibt es Hausaufgaben? Wann und wie werden sie gestellt? Wie beziehen sie den Unterricht mit ein?
Methodik und Sozialformen Wie und in welcher Weise werden Methodik und Sozialformen genutzt? Passen Methodik und Sozialformen zum Inhalt der Stunde? Funktioniert die Aufteilung? Gibt es einen Wechsel der Sozialformen? Sind die Sozialformen sinnvoll? Sind sie der Lerngruppe und dem Lerngegenstand angepasst?
Aktivierung Werden alle/ viele Schüler in den Unterricht einbezogen? Wird breit aktiviert? Wie sieht die Aktivierung aus? Ist eine persönliche Begeisterung spürbar? Gibt es Spielraum für Schülerinnen?
Einsatz von Medien Wie und wann werden Medien (von Smartphone bis Tafel) eingesetzt? Ist der Medieneinsatz sinnvoll? Angemessen? Erfüllt er einen erkennbaren Zweck? Ist es ökonomisch? Kann man alles erkennen?
Interaktion/ Persönlichkeit Wie funktioniert der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern? Beruht die gesamte Interaktion auf gegenseitiger Wertschätzung? Wie ist die Körpersprache? Wie ist die Rolle ausgefüllt? Wie wird mit Unterrichtsstörungen umgegangen? Worin zeichnet sich die Sprache aus?
Schüler/Innen Was machen die (oder besser: einige) Schüler/Innen während der Stunde? Was lernen die Schülerinnen? Wie reagieren sie auf Aufgaben/ Rückmeldungen/ Zurechtweisungen? Was machen sie während der Stunde?

Vor allem der letzte Beobachtungsauftrag ist sehr interessant, wenn man es schafft, eine Stunde lang dem Verhalten einer bestimmten Gruppe zu widmen. Dies ist etwas, was ein Lehrer in dieser Form gar nicht mehr leisten kann, weil er zumeist alle Schülerinnen auf einmal im Blick haben muss. Hier können sich interessante Erkenntnisse ergeben, die man für seinen eigenen Unterricht nutzbar machen kann.

Generell sollte man – auch wenn manche Beobachtungsaufträge schon implizite Urteile beinhalten – darauf achten, zunächst einmal neutral und sachlich zu beobachten. Schlüsse ergeben sich zumeist aus einem Gespräch im Nachhinein. 

Natürlich bietet es sich immer an, wenn man etwas Schönes hört, dies auch dann zu notieren, wenn es grade nicht im Fokus ist.

Was man vor und nach der Hospitation beachten sollte

Für sehr viele Lehrer und Lehrerinnen ist die Hospitation trotz langjähriger Erfahrung ein Eingriff in den Unterricht. Sie sind wieder in der Rolle, dass sie beobachtet werden. Deshalb rechtfertigen sich viele auch als Spontanreaktion und erklären, dass der Unterricht aus diesen oder jenen Gründen nicht so ist, wie man ihn vielleicht im Seminar kennenlernt. Wichtig ist dabei immer, dass man es wertschätzt, am Unterricht teilnehmen zu können. Es ist egal, ob die neueste didaktische Finesse umgesetzt wird oder nicht. Lernen kann man immer etwas!

Um die Zusatzbelastung, die eine Hospitation für Kolleginnen und Kollegen oft darstellt so gering wie möglich zu halten, sollten einige Dinge berücksichtigt werden:

  • Rechtzeitig und höfliches Anfragen vor einer Stunde (und natürlich auch Akzeptanz, wenn die Anfrage abgewiesen wird).
  • Beim Feedback konstruktiv und sachlich bleiben und lieber Fragen stellen als explizit bewerten. Betonen, was gut gefallen hat.
  • Hilfe anbieten!

Man muss immer bedenken: Viele Kolleginnen und Kollegen sind schon seit längerer Zeit aus dem Seminar heraus, haben bestimmte Rituale und „Taktiken“ entwickelt und haben ihr ganz eigenes System. Davon zu lernen heißt auch, es auszuhalten, falls davon etwas dem, was man gelernt hat, widerspricht.

Hier geht es zu Tipps zur Sachanalyse und hier zu Tipps, wie man einen Unterricht richtig entwirft. 

Ich hoffe, dass dies dem einen oder anderen helfen kann. Wenn dem so ist, lasst mir doch ein Like auf meiner Facebook-Seite da. Hier findet ihr immer wieder Materialien, Diskussionen und hilfreiche Beschreibungen.

Für konstruktive Kommentare und Anmerkungen bin ich wie immer offen.

 

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6 Kommentare zu REFERENDARIAT: Richtig hospitieren

  1. fini sagt:

    Finde ich einen guten Überblick. Man sollte sich allerdings eine frage stellen, was man beobachten will. ‚wie reagiert Der Schüler darauf, Wenn Lehrer ihn trotz Melden nicht dran nimmt‘.
    allerdings tu ich mich selbst mir so einer Frage sehr schwer…

  2. C. Schicke sagt:

    Schade, dass die Hospitationen meist mit dem Ende des Referendariats aufhören. Ich gebe meinen (viel zu seltenen)Praktikanten gezielt Beobachtungsaufgaben, Kinder, aber auch Lehrerhandeln/Lehrersprache betreffend und bin sehr dankbar für dieses Korrektiv. Auch wir Lehrer sollten viel öfter gegenseitig hospitieren, gerade in Klassen, in denen Schwierigkeiten auftreten, um gemeinsam Ursachen / Handlungsketten herauszufinden. Von dieser inneren Öffnung des Unterrichts könnten alle nur profitieren. M. E. gehört es zur Professionalisierung des Unterrichts dazu.

    • rerhel sagt:

      Guten Tag, C. Schicke,
      gegenseitige Hospitation im Unterricht kann man als Lehrkraft jederzeit machen. Suchen Sie sich einen Partner im Kollegium und laden Sie ihn in Ihren Unterricht. Sagen Sie ihm, was Ihnen in dieser Stunde wichtig ist bzw. was er/sie beobachten soll und werten Sie diese Beobachtung anschließend aus. Das Ganze kann man als Schulentwicklung unter dem Stichwort Individualfeedback angehen. Entsprechende Hinweise finden Sie auf dem baden-württembergischen Schulserver (www.schule-bw.de/unterstützung). Sinnvoll ist es, wenn man sich vorher etwas mit den Regeln zum Feedback-Geben vertraut gemacht hat, um sich herbe Enttäuschungen zu ersparen.

    • Bob Blume sagt:

      Dein Wort in Gottes Ohr. Es sollte Pflicht sein. Sollte.

  3. Marc sagt:

    Eine sehr hilfreiche Zusammenstellung.
    Damals, in meiner Grundschullehrerausbildung haben wir das ähnlich gemacht – ich muss zustimmen: Es ist hilfreich, sich auf einige Spezifika zu konzentrieren und diese konzentriert zu beobachten.
    Gut finde ich auch den Hinweis zum Schluss: Höfliches und respektvolles Auftreten von Seiten der Hospitierenden sollte selbstverständlich sein – auch wenn ich mich erinnern kann, dass wir als „Grünschnäbel“ damals doch ab und zu ganz schön vorlaut waren.
    Aber: Auch davon habe ich was lernen können 🙂
    Viel Erfolg weiter und einen angenehmen Tag.
    VG, Marc.

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