Gestern war es wieder soweit: Ein einigermaßen verzweifelter Kollege (aus einer anderen Schule) rief mich an, um darüber zu sprechen, ob er als Zweitprüfer den Kommentar als Schreibform falsch verstanden habe. So, wie er korrigiere, würden die Schüler*innen massenweise nicht bestehen. Warum das so ist und welches Problem sich hier zeigt, soll an dieser Stelle besprochen werden. 

Der Kommentar als Aufgabenformat

Der Kommentar ist als Aufgabenformat dem materialgestützten Schreiben argumentierender Texte zuzuordnen. Aufgeschlüsselt bedeutet dies in Kürze, dass man mithilfe von Quellenmaterial (meist um die fünf kurze Texte) einen meinungsstarken, eloquenten und rhetorisch raffinierten Text schreibt. Das Problem: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen dem, was die Schüler*innen (teilweise) denken tun zu müssen und dem, was sie tatsächlich tun sollten.

Was zu tun ist: Ein Missverständnis

Der Kommentar als Aufgabenformat lädt dazu ein zu denken, man müsse im Endeffekt nur das Material, das schon da ist, zusammenfügen und ein wenig diskutieren. Beides ist nicht nur falsch, sondern führt zu unterschiedlichen Problemen:

  1. Es findet sich keine eigenständige Leistung der Schüler*innen.
  2. Der Text ist kein Kommentar, sondern eine Erörterung.
  3. Der Text ist rhetorisch zu wenig ausgefeilt.

Zu all diesen Punkten gibt es Beispiele, die ich an dieser Stelle kurz vorstellen möchte.

Keine eigenständige Leistung

Im Grunde genommen kann man selbst sehr genau überprüfen, ob man eine eigenständige Leistung vollbracht hat. Man muss nur so vorgehen wie der amerikanische Geheimdienst CIA, wenn sie Texte der Öffentlichkeit präsentieren, in denen noch geheime Informationen stehen: Man schwärzt.

Man schwärzt (in Gedanken) alles, was a) Sekundärtext, also Material, ist oder b) damit zu tun hat, dieses Material einzuleiten.

Wie, das heißt ja, dass dann bei vielen gar keine Leistung mehr vorhanden ist!? Genau das heißt das. Ein Kommentar nutzt die Materialien für einen zuvor erdachten Standpunkt. Die Materialien unterstützen die eigene Meinung, und zwar entweder, indem sie sie bestärken oder, indem sie so eingesetzt werden, dass die Gegenargumente entkräftet werden. Aber der Großteil des Textes muss natürlich eine eigene, starke Meinung oder Haltung gegenüber einem Thema sein.

Keine Erörterung

Diese Meinung ist keine Frage. Der Kommentar ist also auch dann, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, keine Erörterung. “Die Frage ist, ob…” leitet keinen Kommentar ein. Man beantwortet keine Frage, indem man abwägt. Man weiß Bescheid. Und das darf man auch so sagen. Beim Thema “Gendern” geht es also in dem Kommentar nicht darum, ob es nun gut ist oder schlecht. Sondern um eine Haltung.

“Wer nicht gendert, vergisst die Hälfte der Gesellschaft.” Das könnte ein Satz sein, der den Kommentar einleitet. Aber auch: “Gendern ist gut gemeint, ist aber für die Gleichberechtigung irrelevant.”

Das muss man nicht gut finden. Darum geht es aber auch nicht. Meist ist in der Aufgabenform die Zielgruppe vorgegeben, dann wäre es natürlich schwierig, einen Standpunkt zu vertreten, der sich aus einer pluralistischen Gesellschaft entfernt. Aber grundsätzlich kann der Kommentar eine Meinung transportieren, die in der taz genauso stehen könnte wie in der WELT.

Rhetorische Schwächen

Die beiden Zeitungen sind Stichworte für ein weiteres Problem. Viele Kommentare von Schüler*innen kennen nur eine rhetorische “Finesse”, von wo auch immer sie diese haben. Denn diese Finesse bewirkt das Gegenteil und zeigt, dass zu wenige originale Kommentare gelesen worden sind:

Sie halten den Lesenden für dumm oder machen sich über ihn lustig.

In dem Fall fühlt man sich als Korrigierender nicht nur nicht ernstgenommen, sondern auch verarscht. Dann stehen da Sätze wie:

“Sie wussten wahrscheinlich gar nicht, dass…” “Wenn Sie sich informieren…”

Das ist alles nicht böse gemeint, soll eine Leseransprache sein und damit den Text markieren, aber es funktioniert in der Form meistens nicht. Rhetorische Feinheiten zu unterrichten muss also auch ein zentraler Bestandteil der Vorbereitung auf den Kommentar sein.

Ein guter Kommentar

Das alles zeigt, welche Fallstricke beim Kommentar lauern. Vor allem aber soll es verdeutlichen: Der Kommentar ist eben nicht das von Schüler*innen oftmals als solches wahrgenommene einfache Format. Im Gegenteil.

Um beim Kommentar zu glänzen, muss man viele Kommentare lesen, selbst üben und in der Lage sein, einen eigenen Standpunkt klarzumachen, bei dem dann in einem zweiten Schritt Materialien unterstützen können. Das ist alles andere als einfach. Darauf muss man als Lehrperson dringend hinweisen, um Schüler*innen nicht ins offene Messer laufen zu lassen.

3 Kommentare

  1. Ich oute mich mal als der verzweifelte Kollege und stimme dir völlig zu. Man fällt echt vom Glauben ab, wenn man einen kompletten Aufgabensatz liest, der die drei oben genannten Kategorien nicht erfüllt. Was mich wütend macht sind zweierlei Dinge:
    1) Ich bin jetzt der Arsch, der die Schüler*innen bestrafen muss, dass die Lehrkraft offensichtlich nicht richtig unterrichtet hat.
    2) Solche Geschichten gelten bei vielen Kolleg*innen dann als Grundlage für die (indiskutable) Meinung, dass “Kommentar subjektiv ist” oder “nicht fair benotet werden kann” oder solche Dinge – und dann wird es in der Konsequenz nicht richtig unterrichtet und es wir haben eine selbsterfüllende Prophezeiung.

    Die exakt gleiche Dynamik habe ich beim Essay auch schon beobachten können; wir haben da ja seinerzeit drüber gesprochen (das Video ist den Untiefen deines Youtube-Archivs noch zu finden).

    Und da haben wir noch nicht mal damit angefangen darüber zu reden, dass die Kommentare inhaltlich meistens völlig beknackt sind. Ich bewerte das natürlich nicht, weil es zum Bereich “Meinung” gehört, aber es ist nicht vergnügungssteuerpflichtig, den x-ten abgeschmackten kulturpessemistischen “Wenn ich groß bin werde ich Oswald Spengler”-Text korrigieren zu müssen.

  2. Einen Kommentar würde ich nur im Tagesgeschäft als Hausaufgabe, nicht aber als Kursarbeit oder als Abituraufgabe stellen:
    1. Einen Kommentar zu verfassen ist eine pure Transferleistung: Ich muss durchgehend ein Statement abgeben, wobei ein hohes stilistisches Niveau erforderlich ist. Die Anforderungsbereiche 1 und 2 sind im Text nicht explizit erfassbar, sie finden im Kopf statt (z.B. Inhaltsangabe, Themenentfaltung, sprachliche Mittel). Dadurch ist der Aufgabentyp meiner Meinung nach nicht zulässig.
    2. Kommentierende müssen in einem Thema versierte Kenntnisse habe. Diese Voraussetzung ist in der Prüfungssituation kaum gegeben.
    3. Die kreativen Leistungen in einem Kommentar sollten nur Profis unter Zeitdruck zugemutet werden.
    Randbemerkung: Oft dienen manche Aufgabenstellungen mit deren ausufernden Erwartungshorizonten eher dem Narzismus der Erfinder als den Schülern in der Prüfung.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein