In Baden-Württemberg erhält ab dem Abitur 2021 eine Aufgabenstellung Einzug, die sich hinter einem weiteren Wortungetüm verbirgt: Materialgestütztes Schreiben. An dieser Stelle möchte ich den Kern dieser Schreibform nachvollziehbar erfassen und einen beispielhaften Text, in dem die Schritte als Kommentare verfasst werden, verdeutlichen.

Hier geht es zum Materialpaket „Texterörterung“ bei Lehrermarktplatz. 

Anmerkung zur Herangehensweise

Regelmäßige Blogleser wissen, dass auf diesem Blog einiges gleichzeitig passiert: Während einige Artikel explizit für die Hausarbeit von Schülerinnen und Schülern geschrieben werden, sind andere eher Teil eines Reflexionsprozesses bzw. Versuche der praktischen Umsetzung. Die Frage ist dann: Wie fühlt es sich an, diese Aufgabe durchzuführen? Wo sind Hindernisse? Welche Dinge muss man beachten? Auf diesem Wege komme ich auch als Lehrer schreibend dem auf die Spur, auf das wir uns gemeinsam im Unterricht konzentrieren.

Kritik und Vorurteile gegenüber der neuen Schreibform

Generell möchte ich nicht verhehlen, dass ich die Veränderungen des Abiturs für nicht gut halte. Ich verstehe den Wunsch der Länder, aus einem gemeinsamen Materialpool schöpfen zu können, aber der Essay war die letzte verbliebene Form, in der man als Schreibender kreativ sein konnte, ohne sich in ein Korsett vorgebender Strukturen zu drängen. Schrittweise wird der Essay nun abgeschafft. Zunächst wird der Bezug auf das Dossier obligatorisch, dann, im nächsten Jahr wird eben „materialgestütztes“ Schreiben daraus.

Das Problem der Aufgabe sehe ich schon in dem Wort „materialgestützt“. Generell ist es ja nicht verwerflich Texte zu schreiben, die man mit Sekundärtexten unterstützt – im Gegenteil. Das Kompendium in der Realschule, das die Schüler zuvor mit Texten bestücken konnten, ist ein Schritt in die richtige Richtung, da hier potenziell die Möglichkeit eröffnet ist, dies auch digital zu machen. Jetzt muss man sagen: Wäre. Denn das Kompendium wird abgeschafft.

Logischer Weise müsste man aber in der Lage sein, sich das Material, was die eigene Argumentation „stützt“, also belegt und untermauert, selbst auszuwählen. Das kann man aber nicht. Vielmehr tut man etwas, das in einigen Texten, die zu dieser Textform geschrieben werden, verniedlichend „aufbereiten“ heißt. Und das ist es, was man tun muss: Man bereitet das, was einem vorgegeben ist, auf. Natürlich könnte man eine abweichende Meinung haben, aber es ist ungleich schwerer, in die entgegengesetzte Richtung dessen zu schreiben, was einem als Material vorgegeben ist.

Vorgehen und Überlegungen zur Vorbereitung

Ingesamt beutetet dies für meine Kompetenzentwicklung (als Schüler*in): Ich muss in der Lage sein, relativ komplexe Texte zu verstehen, deren Kern zu verstehen, mich sauber auf diese zu beziehen (und sie nachvollziehbar in meinen Text einzubeziehen). Ich muss in der Lage sein, aus den Texten einen roten Faden zu erkennen, der im besten Fall meinen eigenen Text leitet. Außerdem muss ich in der Lage sein, so zu schreiben, dass all die Bezüge nicht aufgesetzt wirken, sondern sich in den Lesefluss zu integrieren. Das ist stark formalistisch, einfach ist es hingegen nicht.

In der Musteraufgabe und Erklärung (Land: Schleswig-Holstein) heißt es dazu:

Abituraufgabe 2016: länderübergreifende Musteraufgabe Deutsch

 

Als kurze Erläuterung: Nicht-lineare Texte bezeichnen beispielsweise Grafiken oder Darstellungen. Gleichzeitig ist die Themenstellung „domänenspezifisch“, das heißt nur Themen, die für das Fach Deutsch als relevant gelten (damit würden Essaythemen wie „Macht des Sports“ nicht mehr möglich sein).

Ebd.

 

Vorgehen

Für das Vorgehen bedeutet dies eine relativ starke formale Vorgehensweise:

  1. Lesen des Themas/ Schreiben des ersten Eindrucks und des Vorwissens
  2. Verstehen und Zusammenfassen der einzelnen Texte
  3. Aufbereitung der Argumentationsstruktur
  4. Einfügen der Texte in die eigene Argumentationsstruktur
  5. Schreiben des Textes

Anregungen für ein höheres Niveau

Es wäre falsch anzunehmen, dass der Essay die einzige Schreibform ist, in der man sich kreativ ausleben kann. Ja, das materialgestützte Schreiben engt den Fokus ein, aber es ist, wenn auch schwieriger möglich, kreative Elemente in den Text einzubauen.

An dieser Stelle dazu nur wenige Worte

Möglichkeiten des Textbezugs

 

Wie zuvor angedeutet, ist das Naheliegendste, was man tun kann, um die Texte einzubinden, diese nach und nach in die eigene Argumentation einzubauen. Das kann aber in eine sehr monotone – kurz: langweilige – Struktur münden. In dem Schaubild zeigen sich verschiedene andere Möglichkeiten, wie man die Texte einbeziehen kann.

Ausgangspunkt: Text X, gemeinsamer Nenner

Das bedeutet: Ich beginne meinen eigenen Text damit, dass ich die Perspektive eines anderen Textes übernehme. Oder: Ich beginne mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner aller Texte. Das bedeutet schon einen hohen Kompetenzgrad, denn dafür muss ich Texte sehr gut verstanden haben.

Strukturprinzip:Text X, gemeinsamer Nenner

Erstaunlicher Weise gibt es im Netz nichts zu dieser Möglichkeit, den eigenen Text auf andere Texte zu beziehen. Es bedeutet schlicht, dass ich mir die Strukturen der anderen Texte zu nutzen mache. Also könnte ich beispielsweise einen Text voller Metaphern so nutzen, dass ich versuche, selbst Metaphern in dieser Art und Weise einzubauen. Oder ich richte mich an dem Aufbau eines Textes aus. Auch dies ist nicht so einfach, keine Frage. Aber es ist eben eine Möglichkeit mehr, als bloß Teile der einzelnen Texte zu zitieren.

Inhaltsfokus:Text X, gemeinsamer Nenner

Der Inhaltsfokus ist der Fokus, den entweder alle Texte bieten oder eben ein bestimmter, auf den man sich dann mehr als ein Mal beziehen kann. Um das deutlich zu machen: Ich arbeite dann also nicht die einzelnen Texte chronologisch ab, sondern nutze einen Text, der mir besonders zusagt, öfters (oder ich nutze ihn öfters, um mich an ihm abzuarbeiten).

Eigene Perspektive

Um es nochmal drastisch zu formulieren: Obwohl eine eigene Perspektive explizit gefordert wird, ist diese doch am schwierigsten zu erreichen. Denn wie gesagt: Ich muss die Materialien ja irgendwie nutzen. Und der einfachste Weg, dies zu tun, ist, indem ich den dort geschriebenen Thesen folge.

Beispieltext

An dieser Stelle nun ein Beispieltext, der sich auf das Material der Erklärungen zum Abitur 2016 bezieht. Es sei angemerkt, dass meine eigene Argumentation sich gegen vieles, was im Material steht, richtet, dass ich also den etwas schwierigeren Weg wähle, einfach weil ich als jemand, der sich beim Thema Web 2.0 gut auskennt mit den meisten hier geäußerten kulturpessimistischen Perspektiven nicht übereinstimme. Dennoch ist der hier geschriebene Text eher oberflächlich gehalten, um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen. Für Abiturienten hieße dies also eine noch nachdrücklichere Analyse des ausgegebenen Materials.

Aufgabenstellung

 

 

Beispielaufsatz: Partizipatives Web – Chance oder Risiko?

Da ist es also wieder: Das Bild des Netzes als etwas, an dem man hängenbleibt, das @-Zeichen in der Mitte, vorstellbar eine riesige Spinne, die sie User aussaugt und ihre leblosen Körper hängenlässt. In der Tat gibt es Suchtmechanismen, gibt es Risiken, gibt es Probleme. Aber wer die weltweite Vernetzung schon ganz allgemein mit einem Spinnennetz gleichsetzt, hat die Potenziale nicht verstanden.

Das Bild deutet dennoch gleichsam auf die nun folgenden Thesen, die nicht nur kulturpessimistisch gegen die Beteiligung der User anschreiben, sondern das partizipative Web schlicht nicht verstanden zu haben scheinen. Aus dieser Perspektive ist es nicht verwunderlich, dass sie gegen es anschreiben und durch Relativierungen und Herunterspielen des User-Generated-Content ihre eigene Position zu festigen.

So erklärt beispielsweise Berd Gaff in seinem sprechenden Titel „Die neuen Idiotae“, dass die Menschen eben alles „zerfleddern“, was ihnen vor die Tastatur kommt, dass es zu keinen Gesprächen mehr komme, sondern zu „Debattenquickies“, dass eigentlich alles nicht mehr sei als ein „praktizierter Warentest“. Die Menschen nutzten die Möglichkeiten nur, „um ihre Poesiealben“ zu veröffentlichen. Woher kommt so viel pejorative Energie? Der letzte Absatz gibt Antwort. „Die etablierten Medien“, so heißt es da „verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischen Fehlverhalten im besten Fall Sanktionierungen.“ Aha. Da kämpft jemand um seinen Arbeitsplatz.

Es ist nicht zu bestreiten, dass die Gate-Keeper-Funktion, die hier angedeutet wird, auch seinen Nutzen hat. Es ist schlecht schwieriger für einen im besten Fall halbwissenden, kindisch agierenden US-Präsidenten, seine Lügen durch die Redaktionen zu bekommen, als diese einfach Millionen Menschen direkt und ungeprüft ins Haus zu twittern. Die Prüfung fällt weg, jeder kann alles behaupten. Aber was ist die Konsequenz dieser Tatsache? Ist es damit getan, alle anderen, die nicht Teil der etablierten Kulturindustrie sind, zu Idioten zu stempeln?

Da schreibt jemand, der nicht verstanden hat, was schreiben heutzutage auch ist. Natürlich veröffentlichen die Menschen Poesiealben. Aber daraus wird Poesie. Sie singen Lieder und tausende hören es. Sie schreiben Pamphlete, sie rufen zu Demonstrationen aus, ja: Etwas pathetisch könnte man sagen: Sie verändern die Welt. Die Möglichkeiten des Webs sind die Möglichkeiten der Veränderung. Anstatt sich also hinter dem Früher-war-alles-besser-Gestus zu verstecken, könnte man überlegen, wie man die Menschen ermächtigt, sich zu beteiligen. Wie man ihnen die Verantwortung überträgt, die man die Zusammenarbeit forciert, wie man journalistische, institutionelle Prinzipien transparenter macht.

Genau das ist nämlich das Problem des Scheingegensatzes, der sich schon in dem Titel verbirgt: Chance oder Risiko? Genauso könnte ich sagen: Das Auto – Chance oder Risiko? Oder: Großstädte – Chance oder Risiko? Es ist immer beides, und die Antwort ist immer: Für den Kompetenzen Autofahrer, Stadtbewohner, Netzuser ist es eine Chance. Ohne Führerschein ist es ein Risiko. Diese Analyse ist nicht besonders schwer. Insofern ist es zwar nett, dass der Zeit-Kolumnist Harald Martenstein (wie so oft) in etwas aufgesetzter Manier von „Schwarmfeigheit“ spricht, und so dem Schwarm die Intelligenz abspricht, aber wirklich weiter bringt einen diese Erkenntnis nicht.

Schwarmintelligenz kann nur dann entstehen, wenn der Schwarm nichts voneinander weiß. Wenn zehntausend Menschen mein Alter schätzen, werden sie sehr nah drankommen. Wenn sie von drei Leuten erfahren, die meinen, mein Alter zu kennen, wird das Resultat in die Richtung gehen, das diese „Experten“ sagen. Diejenigen, die die Deutungshoheit über den Schwarm haben, bestimmen dessen Intelligenz. Herr Martenstein könnte das wissen, aber er hat nur die Deutungshoheit über sich selbst. Und das sind nicht so viele.

Thomas Vašek macht das erfrischend anders. Man könnte auch sagen, dass hier jemand schreibt, der verstanden hat, worum es geht: „Das Netz ist ein Raum der Freiheit und Kreativität, aber eine Technologie der Kontrolle und Macht. Wie wir das Netz erleben, hängt offenbar mit unserem Blickwinkel ab.“ Drei Ausrufezeichen möchte man dazu fügen.

Denn Vašek sagt hier etwas, das tausende Schülerinnen und Schüler, aber auch Netzuser jeden Tag erleben: Das nämlich Menschen erklären, was das Internet ist, macht und bedeutet, die sich dort gar nicht befinden, oder besser: Dort leben. Es ist nett gemeint, reicht aber nicht, wenn jemand, der seit 30 Jahren seit seiner Geburt in einem Dorf wohnt, ein Manifest über das Berliner Leben schreibt.

Das bedeutet freilich nicht, dass die hier erwähnten Machtstrukturen nicht existierten. Dort, wo die Plattformen das Netz übernommen haben, wird es gefährlich. Man denke an Myanmar, wo Facebook gleichbedeutend mit dem Internet ist, wo der User also die Informationen nicht von anderen Seiten oder Plattformen gegechecken kann, sondern auf einen Algorithmus angewiesen ist. Wenn der Algorithmus versagt und Fake News in den Äther bläst, kann das sehr reale Folgen haben. Es kann in Massenmord münden.

Oder eben in massive Klimaproteste, ganz abhängig davon, wie fähig die Nutzer sind. Nochmal Vašek: „Das Netz hat kein ‚wahres Wesen‘.“ Genau so ist es. Genauso wenig wie Autobahnen denken können, kann das Netz denken. Das Netz besteht aus denen, die es nutzen. Und dass sind eben nicht nur „Idiotae“, sondern as sind Menschen, die tagtäglich versuchen, der Welt einen Sinn zu geben.

Insgesamt sind es gar nicht so viele Menschen, die das Netz aktiv nutzen. Die Jim-Studie von 2013 (eine Frechheit, eine drei [bzw. nun 5] Jahre alte Studie über dieses Thema ins Dossier zu packen) zeigt, dass die höchste Beteiligung bei Videoportalen aufzufinden ist und das sind gerade einmal 11 Prozent der Nutzer!

Was können wir also sagen? Es geht nicht darum, ob das Netz „Chance oder Risiko“ ist. Es ist da und geht auch nicht wieder weg. Es geht darum, wie wir es nutzen und wem wir die Deutungshoheit darüber überlassen, was geschrieben und was geglaubt wird. Natürlich gibt es Machtstrukturen, die sich ändern müssen. Facebook ist mittlerweile von der Struktur mehr ein Staat und vom Einfluss mehr eine Religion als ein Netzwerk. Aber was haben die Menschen gemacht, wenn die Religion sie zu schlichten Befehlsempfängern gemacht hat? Sie haben rebelliert, sie haben sich informiert und sie haben, zum Schluss: Selbst gedacht!

Sapere aude! war der Leitspruch der Aufklärung: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Chance oder Risiko? Ermächtigen wir die Menschen, sich selbst zu ermächtigen. Halleluja!

 

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