Das Referendariat ist sowieso schon eine große Herausforderung. Viele unterschiedliche Erwartungen werden an die Lehramtsanwärter*innen herangetragen. Für viele ist es eine schwere, aber vielleicht auch gerade deshalb eine gewinnbringende Zeit. Gerade in der digitalen Transformation, in der sich die Gesellschaft und die Schulen befinden, kommen aber noch weitere Herausforderungen auf die Referendar*innen zu. 

Anmerkung

Oftmals ist es so, dass die Stressoren, die einen selbst belasten, gar nicht so klar und deutlich sind, wie sie es sein könnten. Das liegt auch daran, dass man in dem Versuch, sich einen Reim auf seinen Zustand zu machen, den Stress auf das bezieht, was einem gerade einfällt. Die digitale Transformation und die einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen bieten großartige Möglichkeiten. Auf der anderen Seite können verschiedene Aspekte aber eben auch zu Stress führen. Diese möchte ich hier kurz identifizieren, damit vielleicht der eine oder andere besser versteht, wo es haken könnte.

Vernetzung

Wenn man progressive Lehrkräfte von der Vernetzung reden hört, dann erscheint diese als unerlässlicher Quell von Inspiration. In der Tat: Viele Ideen werden völlig frei und kostenlos mit anderen geteilt, jeder kann davon profitieren, vor allem Referendare. Instagram und Twitter sind große Netzwerke, in denen Lehrer*innen längst Fuß gefasst haben.

Für junge Lehrer*innen und Referendare kann das aber auch eine Kehrseite haben. Da ist beispielsweise die grundsätzliche „Gefahr“ des Netzes, einen zu überrollen. Jeder, der viel auf Social-Media ist, kennt dieses Gefühl, nicht mehr hinterher zu kommen. Auch das Gegenteil, die Angst, etwas zu verpassen (FOMA = Fear of Missing out) ist nicht zu unterschätzen. Letztlich läuft es darauf hinaus, beurteilen zu können, ob die Vernetzung insgesamt positiv für einen ist oder nicht. Wenn die negativen Gefühle überwinden, merkt man es oft zu spät. Mein Rat ist tatsächlich, in besonders anstrengenden Phasen der Lehrer*innenausbildung die Netzwerke auszulassen, um nicht in Panik zu verfallen.

Vergleichbarkeit

Im Referendariat vergleicht man sich zwangsläufig mit anderen. Das ist gut und lehrreich, kann aber auch zu Stress führen. Zum einen, wenn man das Gefühl hat, dass die anderen immer die besten Ideen haben, man selbst aber über Stunden auf Buchseiten starrt und einfach keinen großartigen Einfall hat. Zum anderen, wenn jene Horrorgeschichten erzählt werden, von denen gar nicht klar ist, ob sie nun Mythen oder wirklich passiert sind. Der Punkt ist: Die schon oben angesprochene Vernetzung bringt die Vergleichbarkeit auf ein neues Level.

Dabei muss man es als Referendar*in gar nicht drauf anlegen, sich zu vergleichen. Es passiert einfach. Auch hier gilt es, in sich hereinzuhören und zu überlegen, ob man es „aushält“, all die schönen Unterrichtsideen zu sehen, all die fein gestalteten Arbeitsblätter und all die tollen Impulse. Letztlich kochen alle mit Wasser und es ist klar, dass ein Arbeitsblatt noch keinen Unterricht macht. Aber wenn man es nicht schafft, das auch so anzunehmen, dass es einem locker und flockig seinen Insta-Feed anschauen lässt, sollte man auch hier die Konsequenz ziehen und erst einmal ausschalten.

Unterrichtsgestaltung

Nicht nur, aber vor allem in der Zeit des ausschließlichen digitalen Fernunterrichts, standen die Referendar*innen vor einem fundamentalen Problem: Sollen sie nun digitalen Unterricht unter den Bedingungen des digitalen Wandels machen oder ihren Unterricht digitalisieren? Dass dies ein Unterschied ist, zeigte und zeigt sich immer dort, wo Fachleiter*innen – aus nachvollziehbaren Gründen – selbst nicht genau wissen, was denn guter digitaler Unterricht ist. Dazu nur ein kurzes Beispiel: Wenn in einem Etherpad, in einem kollaborativ zu schreibendem Textdokument also, ein Text geschrieben und verbessert wird, dann besteht eben jene von Schüler*innen und von Lehrer*innen korrigierte Version fest. Diese dann nochmals zusätzlich zu sichern, würde aus der Perspektive eines digital erweiterten Unterrichts wenig Sinn ergeben. Aus der Perspektive von Fachleiter*innen mutet es aber falsch an, wenn die Sicherungsphase wegfällt. Wie also reagieren?

Mit dieser Frage sind Referendar*innen selbstverständlich nicht allein. Viele Lehrer*innen sind auf der Suche danach, wie ein sinnvolles Unterrichtskonzept im digitalen Wandel aussehen kann, dass digitale Medien einbezieht. Der Unterschied ist nur: Als Referendar*in ist man (oftmals) unter ständigem Bewertungsdruck.

Aus diesem Grund ist eine Lösung oder ein Tipp auch schwierig, da das Referendariat sowieso aus Paradoxien besteht. Dennoch: Referendar*innen sollten, gerade zur Zeit des Notfallfernunterrichts, aber auch, wenn eine gewisse „Normalität“ wieder einzieht, Transparenz einfordern, damit klar ist, wie mit der für uns alle neuen Situation umzugehen ist.

Anforderungen

Diese neue Situation zeichnet sich auch dadurch aus, dass plötzlich Anforderungen in das Berufsprofil fallen, die vorher nicht da waren. Das können administrative Aufgaben sein, die nicht zu unterschätzen sind (also im Referendariat beispielsweise das Herrichten derjenigen technischen Geräte, die in einer Besuchsstunde genutzt werden). Das kann aber auch die Kommunikation mit den Schüler*innen betreffen – egal ob diese nun über E-Mail oder über den Messenger stattfindet. Und auch Elternkommunikation wird in dieser Zeit mehr und bekommt – unter Umständen – eine andere Qualität.

Auch hier sind wir in einem Umbruch. Das noch bestehende Problem ist, dass die Rahmenbedingungen nicht immer mit den Anforderungen zusammenpassen. Also: Während „das System“ noch auf den perfekten Unterricht ausgerichtet ist, muss man schon in jungen Jahren ganz andere Aufgaben übernehmen. Hier muss politisch und vonseiten der Seminare reagiert werden, denn als Referendar*in kann man sich schlecht den verschiedenen Erwartungshaltungen verweigern. Dennoch: Es ist vielleicht gut zu wissen, dass nicht alles, was einen bedrückt damit zu tun hat, dass man es selbst nicht schafft. Die Bedingungen sind gerade nicht einfach.

Fazit

Mit dem letzten Satz habe ich im Endeffekt schon eine wichtige Erkenntnis vorweggenommen. Es geht nicht darum, dass man seine eigene Verantwortung wegschiebt und allen anderen die Schuld gibt. Aber man sollte dennoch berücksichtigen, wie viele Dinge sich in sehr kurzer Zeit geändert haben und wie viel sich noch ändern wird. Denn so fällt es einem etwas einfacher, sich nicht noch zusätzlich verrückt zu machen, indem man ständig darüber nachdenkt, ob man den Anforderungen nicht gerecht wird, weil man ungeeignet ist. Es ist, in kurz und knapp, einfach eine anspruchsvolle und herausfordernde Zeit.

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