Als ich die Blogparade #refisbelike ins Leben rief, hatte ich schon im Hinterkopf, über was ich schreiben würde. Mittlerweile gibt es viele lange und kurze Artikel, in denen es darum geht, wie die jetzigen Lehrer ihre damalige Zeit beurteilen. Dieser ist meiner. 

Ich erinnere mich, wie die Schülerinnen und Schüler noch miteinander tuscheln. Die Klassensprecherin der 10. Klasse kommt festen Schrittes auf mich zu. Ihr Kopf hängt aber ein bisschen. Sie will eindeutig klingen: „Herr Blume, wir haben nochmal darüber gesprochen. Wir trauen uns das nicht zu. Wir werden es nicht machen.“

Wovon die Schülerin hier spricht, ist mein Traum, den ich mit der 10. Klasse umsetzen wollte. Neben der Tatsache, dass ich mich nicht nur als Lehrer sah, sondern als deren Vorkämpfer für die Ungerechtigkeit der Welt, wollte ich alles aus diesen armen Schülern rausholen, was ich nur konnte. Und mit all meinem Waldorf-Pathos, gepaart mit viel zu viel Motivation und Eifer, ließ ich nichts aus. Ich machte ein riesiges Projekt als Zulassungsarbeit, in der ich Rap mit Expressionismus paarte und von meinen Schülern allen Ernstes erwartete, dass sie in Ihre Stadt gehen sollten, um Wahrnehmungen aufzuschreiben, die sie dann hinterher als expressionistische Gedichte präsentieren sollten. Der Blick einiger Schüler tötete mich. Aber ich fand die Ergebnisse zum Teil genial. Nach dem Projekt, auf dass sich einige Schüler nach und nach einließen, schrieb ich den aller ersten Artikel dieses Blogs.

Es gab nichts, was ich mit dieser Klasse nichts versuchte. Da sie so in den Seilen hingen, erinnerte ich mich daran, was wir in der Waldorf-Schule getan hatten. Und so ließ ich sie jeden Morgen aufstehen und ein Gedicht aufsagen. Aber nicht irgendeins, sondern eines, dass sie, so hoffte ich, aus den Puschen hauen sollte.

Ich verstehe, dass die meisten von den Schülern wahrscheinlich dachten, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe. Sie hatten Recht (Dass sie so dachten, ist übrigens nicht vermutet, denn als wir uns aneinander gewöhnt hatten, bzw. als ein Ereignis uns zusammenschweißte, mit dem dieser Artikel beginnt, luden sie mich in ihre Facebook-Gruppe, in der ich herumschaute, was sie so in der letzten Zeit geschrieben hatten. Schläge in die Magengrube. Gott, wie sie über mich geschrieben hatten. Das hätte ich nie gedacht. Aber es war mittlerweile gut).

Aber nach und nach, so dachte ich, ging es bergauf. Ich hatte Lehrproben in der Klasse zu einem Buch, das ich komplett selbst didaktisiert hatte (In drölftausend Stunden, weil ich wollte, dass sie voller Spaß lesen). Begeistert waren sie, offen gestanden, nicht. Zwar geht es auch um Sex, Drugs und Rock’n Roll aber vieles spielt sich in den Köpfen der Protagonisten ab – ich schweife ab.

Als letztes wollte ich ein Theaterstück lesen. Warum dann nicht aufführen?, dachte ich. Und sagte es. Sie sagten einigermaßen bereitwillig zu, weil sie, so vermute ich, selbst nicht daran dachten, dass wir es durchziehen würden.

Und wie manche arbeiteten. Einige Schülerinnen und Schüler arbeiteten zu Hause, machten die Plakate, kürzten das Stück, lernten. Wir schrieben eine Arbeit darüber, die ziemlich gut ausfiel.

Aber dann kam der Tag, an dem mir mitgeteilt wurde, dass es nicht geht. Eben: „Wir werden es nicht machen.“ Ich hätte es dabei belassen können. Aber ich schwang mich in der Mensa, wo wir übten, auf zu einer Motivationsrede, die mir rückwirkend erscheint, als wäre sie aus einer Filmszene der 90er entnommen. Mit geballter Faust, fokussiertem Blick, starkem Ton. Aber selbst dann gab es Zweifel.

Ein Schüler, den ich sehr schätz(t)e, kam auf mich zu und wollte absagen. Er schäme sich vor seinem Vater zu spielen.

Ich mache es kurz.

Wir spielten.

Sie spielten.

Und wie sie spielten.

Innerhalb von wenigen Wochen spielten sie Lessings Emilia Galotti in ihrer ganz eigenen Version. Nur vor den Eltern. Dann luden sie mich in das Umzugszimmer ein (alle fielen sich um den Hals) und überreichten mir ein Bild von der ganzen Klasse. Ich hätte platzen können vor stolz! Wegen Ihnen! Und weil es sich gelohnt hatte, so stur zu bleiben.

Der Schüler kam zu mir, grinste und sagte, dass sein Vater auch da gewesen sei. Und dass dieser ihm gesagt hatte, dass er stolz auf ihn ist. Er selbst, also der Vater, habe früher Theater gespielt (es aber nie thematisiert).

Mit einigen dieser meiner ersten Klasse überhaupt stehe ich noch in Kontakt (was auch der Grund ist, warum ich nicht die Videos veröffentliche, in denen sie die Gedichte vortragen ;).

Zwei Jahre später bin ich auf ihre Abiturfeier gegangen und habe eine Wette eingelöst. Ich erinnere mich noch an meine Worte, bevor ich sang: „Viele Lieder würden zu diesem Augenblick passen. Das nächste gehört nicht dazu.“

Und dann sang ich „Hit me Baby one more time“ vor 600 Abiturienten, ihren Eltern und dem Kollegium der Schule. Für diese Klasse hätte ich mein letztes Hemd gegeben.

 

 

 

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